IV Musik hören Musik bestimmen Beitrag 10 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung 1 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung Von Dr. Hans Jünger, Hamburg Themenaspekte: Programmmusik; Musik und Bild; Musik und Bewegung; Original und Bearbeitung. Ziele: Klassenstufe: Kl. 8 10 Zeitbedarf: Klangbeispiele: Hintergrundinformationen Die Schülerinnen und Schüler machen sich die semantische Bedeutung von klassisch-romantischer Musik, insbesondere von Programmmusik, bewusst. Sie lernen, die mit musikalischen Mitteln dargestellten außermusikalischen Erscheinungen in Sprache, Bilder oder Bewegungen umzusetzen. Sie machen in eigenen Gestaltungsversuchen Erfahrungen bei der Anwendung musiksprachlicher Mittel. 6 8 Schulstunden Die Klangbeispiele zu diesem Beitrag befinden sich als Track 1 13 auf der CD 9 zu RAAbits Realschule Musik (Februar 2009). Dass die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky zu den Lieblingsstücken der Musiklehrerinnen und Musiklehrer zählen, hat drei Gründe: 1. Die Verständlichkeit: Anders als in symphonischen Dichtungen werden nicht komplexe Handlungen, sondern relativ einfache und prägnante Bilder musikalisch dargestellt. Gleichzeitig ist Mussorgskys Musiksprache von bisweilen geradezu drastischer Deutlichkeit. Das Werk ist daher bestens geeignet als Einstieg in das Thema Darstellende Musik. 2. Die Kürze: Kein Satz ist länger als ein Popstück. Dazu kommt, dass die Sätze oder ihre Teile in sich sehr homogen sind bereits wenige Takte genügen, um den Charakter eines ganzen Abschnitts deutlich werden zu lassen. Das Werk ist daher sehr gut handhabbar im Unterricht. 3. Die Bearbeitungen: Der Klavierzyklus ist immer wieder und in vielfältigster Weise arrangiert worden (am bekanntesten die Orchesterfassung von Maurice Ravel, die Pop-Version von Emerson, Lake & Palmer und die Synthesizer-Einspielung von Isao Tomita). Man kann ein und dasselbe Stück immer wieder zu Gehör bringen, ohne dass sich bei den Schülerinnen und Schülern Langeweile einstellt. Außerdem ist es hochinteressant, wie unterschiedlich Mussorgskys Musik jeweils ausgedeutet wird. Diesen drei Vorteilen stehen zwei Probleme gegenüber: 1. Die Nüchternheit der Bilder: Die Zeichnungen und Aquarelle des Architekten Viktor Hartmann, von denen sich Mussorgsky zu seinen Kompositionen hat anregen lassen, sind größtenteils verschollen. Soweit sie noch existieren (siehe Noten bzw. Internetadressen), sind sie von enttäuschender Sachlichkeit. Allenfalls die Architekturskizze des Großen Tors von Kiew erfüllt ansatzweise die Erwartungen, die sich beim Hören der entsprechenden Musik aufbauen. Anstelle der Originalbilder der Hartmann-Ausstellung werden deshalb in dieser Unterrichtseinheit eigene Zeichnungen angeboten, die von der Musik Mussorgskys angeregt und daher eher geeignet sind, Schülerinnen und Schülern beim Verstehen der mussorgskyschen Musiksprache zu helfen. 2. Die Unspielbarkeit der Musik: Die beste Methode, um Schülerinnen und Schüler an unbekannte Musik heranzuführen, ist das Musizieren im Klassenverband. Mussorgskys Komposition überfordert
IV Musik hören Musik bestimmen Beitrag 10 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung 5 Materialübersicht Zeitbedarf (in Min.) Seite M 1 Gnomus (---) 6 M 2 Das alte Schloss (---) 7 M 3 Bydlo (---) 8 M 4 Bild und Musik (35) 9 M 5 Das große Tor von Kiew (---) 10 M 6 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (10) 11 M 7 Cum mortuis in lingua mortua (45) 12 M 8 Baba Yaga (45) 13 M 9 Gnomen und andere Geister (10) 14 M 10 Gnomus : vier Motive (10) 15 M 11 Gnomus : Takt 1 47 (20) 16 M 12 Gnomen-Ballett: Wir tanzen den Gnomus von Mussorgsky (45) 17 M 13 Promenade (45) 18 M 14 Gruselmusik (45) 19 M 15 Hühnerhof-Musik (45) 20 Erläuterungen 22 Alle Illustrationen: Dr. Hans Jünger, Hamburg. Übersicht über die Klangbeispiele auf der CD 9 (Februar 2009) Track Inhalt 1 12 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Klavierfassung; Lazar Berman bzw. Modest Mussorgsky/Maurice Ravel: Bilder einer Ausstellung (Orchesterfassung; Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan) Dauer 1 4 Gnomus (Klavierfassung; Ausschnitte) 0:32 1 Takt 1 3 2 Takt 8 10 3 Takt 19 22 4 Takt 45 47 5 Gnomus (Klavierfassung; Gesamtaufnahme) 2:33 6 Das alte Schloss (Orchesterfassung; bis Takt 18) 0:47 7 Bydlo (Klavierfassung; bis Takt 20) 0:50 8 Das große Tor von Kiew (Orchesterfassung; bis Takt 29) 1:19 9 Die Hütte auf Hühnerkrallen (Orchesterfassung; bis Takt 94) 1:10 10 Catacombae. Cum mortuis in lingua mortua (Orchesterfassung; 2:22 Ausschnitt: Takt 31 61) 11 Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen (Orchesterfassung) 1:14 12 Promenade I (Orchesterfassung; Takt 1 8) 0:36 13 Modest Mussorgsky/Isao Tomita: Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen 1:08 aus Bilder einer Ausstellung (Isao Tomita, Synthesizer) Hinweis: Die Reihenfolge der Klangbeispiele Track 1 11 berücksichtigt den Umstand, dass manchmal mehrere Klangbeispiele direkt nacheinander benötigt werden (M 1 M 5: Track 1 8; M 10 und M 11: Track 1 4 und 5; M 7 und M 8: Track 9 und 10; M 14 und M 15: Track 10 und 11; Track 12 und 13 sind zusätzliche Klangbeispiele).
8 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung Musik hören Musik bestimmen Beitrag 10 IV M 3 Bydlo
M 4 Bild und Musik 4 Bilder Bild Nr. 1 Bild Nr. 2 Bild Nr. 3 Bild Nr. 4 CD 9, Track 5 8 Welche Musik passt: Musik Nr. Musik Nr. Musik Nr. Musik Nr.? Welche Eigenschaften der Musik passen? 4 Titel Aufgaben 1. Ihr hört vier Musikstücke. Drei davon sollt ihr den Bildern zuordnen. Stellt euch vor, die Musik wäre Filmmusik und die Bilder wären Filmszenen: Zu welchen Szenen passt welche Musik am besten? 2. Überlegt euch eine Filmszene zum vierten Musikstück und zeichnet sie (andeutungsweise) in das leere Kästchen. 3. Schreibt in die großen Kästen, an welchen Eigenschaften der Musik es liegt, dass sie zu dem jeweiligen Bild passt. IV Musik hören Musik bestimmen Beitrag 10 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung 9
IV Musik hören Musik bestimmen Beitrag 10 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung 11 M 6 Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung 5 Modest Petrowitsch Mussorgsky (statt -sky am Ende liest man manchmal auch -ski oder -skij je nachdem, wie die kyrillischen in lateinische Buchstaben übertragen werden) kam 1839 auf dem Gut seiner adligen Eltern südlich von St. Petersburg zur Welt. Er bekam schon früh Klavierunterricht, ging in Petersburg zur Schule und war dann zwei Jahre lang Offizier in der Armee des Zaren. 10 15 20 25 30 35 40 In dieser Zeit mit 17 Jahren lernte er eine kleine Gruppe von Komponisten kennen, die sich ein Ziel gesteckt hatten: russische Musik zu komponieren, die nicht nur von Russen geschrieben war, sondern auch russisch klang. Diese Idee begeisterte Mussorgsky, und er beschloss, ebenfalls Komponist zu werden und sich dieser Gruppe anzuschließen, die sich bald das mächtige Häuflein nannte. Um sich gar nicht erst an die französische, italienische oder deutsche Art der Musik zu gewöhnen, lehnte er es ab, Kompositionsunterricht zu nehmen, und brachte sich alles Nötige selbst bei (er war also Autodidakt). Modest Mussorgsky. Porträtaufnahme, 1872. Das ging gut, solange er von den Einkünften leben konnte, die das Gut seines Vaters abwarf. Als aber in Russland die Leibeigenschaft aufgehoben und die Bauern befreit wurden, sah er sich plötzlich gezwungen, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Mit 34 Jahren wurde er notgedrungen Beamter und arbeitete ohne große Begeisterung nacheinander in verschiedenen Ministerien. Von dieser Zeit an ging es mit ihm bergab: Er wurde trübsinnig, begann, um seinen Kummer zu betäuben, zu trinken, richtete sich körperlich und seelisch zugrunde und starb schließlich 1881 eine Woche nach seinem 42. Geburtstag in einem Petersburger Militärhospital. Mussorgsky war der erste nationalrussische Komponist, und obwohl er nicht besonders viel geschrieben hat (einige Opern, Orchester- und Klavierwerke und Lieder), war er einer der wichtigsten. Seine Oper Boris Godunow (1874) gilt als Höhepunkt der russischen Operngeschichte, und die Bilder einer Ausstellung (ebenfalls 1874) sind eines der bekanntesten Klavierwerke überhaupt. Die Bilder einer Ausstellung sind ein Klavierzyklus, d.h. eine Folge von zusammengehörigen Klavierstücken. Mussorgsky hat sie 1874 zum Andenken an seinen Freund Viktor Hartmann komponiert, der kurz zuvor gestorben war. Das Stück schildert den Gang durch eine Ausstellung mit Werken des Malers Hartmann: Jeder der zehn Sätze ist von einem Bild angeregt (da gibt es z.b. einen Gnom, spielende Kinder im Park und ein großes Schloss); davor und dazwischen erklingt immer wieder in verschiedenen Variationen die Promenade, eine Überleitungsmusik, die von Satz zu Satz führt wie das Spazieren von einem Bild zum andern. Mehrere Komponisten fanden Mussorgskys Bilder einer Ausstellung so eindrucksvoll, dass sie davon eine Orchesterfassung herstellten. Die bekannteste Orchestrierung stammt aus dem Jahr 1922 von dem Franzosen Maurice Ravel. akg-images