Expertin in eigener Sache Eine Schülerin spürt den Kompetenzen von Lehrer und Lehrerinnen nach von Ingmar Schindler Was muss ein guter Lehrer können? Wie soll er auf Schüler zu gehen? Dies sind häufig gestellte Fragen, die in der Wissenschaft diskutiert werden. Die sogenannten Kompetenzen von Lehrern rücken dabei zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Auch die Universität zu Köln versucht zur Zeit ihr Lehramtsstudium von den in der späteren Berufstätigkeit benötigten Kompetenzen her zu entwickeln. Was bedeutet dies aber aus Sicht der Schüler? Welche Erwartungen stellen sie an ihre Lehrer? Petra*, die Lernforscherin Bei einem Interview wurden die klassischen Rollen von Lehrer und Schüler einmal vertauscht. Was brauchen Schüler, um angemessen lernen zu können? Was für Vorstellungen haben sie von ihren Lehrern? Im Folgenden soll der Versuche eines Perspektivwechsels vollzogen werden. Viel zu oft bleibt der Aspekt der Experten in eigener Sache nämlich auf der Strecke. Kinder und Jugendliche wissen häufig mehr als man von ihnen erwartet. So auch die 13jährige Petra, die zur Zeit die sechste Klasse der Integrativen Gesamtschule Holweide in Köln besucht. Petra wohnt im Kölner Stadtteil Nippes und hat jeden Morgen einen langen Weg zur Schule, der sie erst mit dem Bus zur Bahnstation Hansaring führt und dann weiter mit der Bahn nach Holweide. Die IGS Holweide ist eine Ganztagsschule, sodass Petra den ganzen Tag in der Schule verbringt, die für sie, vielleicht mehr als für andere gleichaltrige Schüler, bedeutsamer Mittelpunkt ihres Lebens ist. Sie sieht sich selbst und ihre Lehrer jeden Tag in verschiedensten Situationen und Problemlagen. Von ihren Lehrern wird sie dagegen schlicht als nett erlebt. Bei Aufgaben, die Schüler selbstständig und alleine lösen sollen, wird schon mal gerufen: Petra, du machst so weit wie du es schaffst! Sie verfolgt aufmerksam den Unterricht, macht aber vielleicht auch einen Fehler, wie Petra selbst sagt, und wird durcheinander kommen, wenn es zu laut ist. Die Lehrer bemühen sich daher um eine
intensive Förderung im Bereich Mathematik und in Deutsch. Dazu hat sie zu Beginn des Schuljahres mit dem Englischunterricht aufgehört. Immer, wenn die anderen Englischunterricht haben, verlässt sie die Klasse und lernt in einem gesonderten Raum mit einer Hilfskraft zusammen am Computer. Hier wurde also eine äußere Differenzierung vorgenommen. Das ist das Fachwort für das Einteilen von Schülergruppen in bestimmte Kurse, Klassen oder auch Jahrgänge. Häufiges Kriterium für die Einteilung ist das Alter. Noch wichtiger ist aber in Deutschland die fachliche Leistung der Schüler und Schülerinnen. Petra hat einen griechischen Migrationshintergrund. Ihr Vater spricht nur sehr wenig Deutsch. Susanne* hat alle gleich lieb Nachdem die Erwartungen an Petra vorgestellt wurden, soll nun Petra als Lernforscherin tätig werden. Sie stellt ihre persönlichen Erwartungen an Lehrer und Lehrerinnen vor und zwei ihrer Lehrer gegenüber. Einmal hat sie die Merkmale ihrer Lieblingslehrerin beschrieben und bewertet und auf der anderen Seite den Lehrer, mit dem sie nicht so gut zurecht kommt : Susanne, ihre Lieblingslehrerin, könne sehr gut erklären (1), meint Petra. Bei Aufgaben, die zu lösen sind, gehe sie stets besonders auf die Fragen von Petra ein (2). Auch wenn es in der Klasse zu laut wird, sei Susanne einfach da und sorge für Ruhe (3). Doch bevorzuge sie niemanden in übermäßiger Weise. Susanne hat alle gleich lieb und keine Lieblingsschüler, weiß Petra. Auch sei sie nicht zu streng, sondern nehme Rücksicht, wenn die Klasse sich vorher schon stark konzentriert hat (4). Wenn jemand ausgelacht wird oder petzt, gehe sie dazwischen oder weise Schüler ab. (5) Dann wird Susanne das klären. Gutes Verhalten lobe Susanne fast immer: Zum Beispiel bei gut gemachten Hausaufgaben (6). Auch dass Susanne mal bei Bemerkungen der Schülerinnen und Schüler mitlache, sei kein Problem. Wenn wir Spaß machen, dann lacht sie auch (7). Am wichtigsten findet Petra aber, dass sie mit Susanne über ihre Probleme reden kann, auch mit Problemen die sie mit Freunden hat (8). Wenn man die Antworten von Petra zusammenfasst, zeigen sich folgende persönliche Merkmale einer guten Lehrerin:
(1) Strukturierte Vermittlung von Sachinhalten (2) Individualisierung von Lernvoraussetzungen und -prozessen (3) Fähigkeit Präsenz zeigen zu können und zu wollen (4) Empathie und diagnostisches Wissen (5) kommunikative Strategien und Fähigkeit zur Moderation von Gesprächen und belastenden Situationen (6) grundlegende pädagogisch-psychologische Kenntnisse ( u. a. über Mittel der Verhaltensmodifikation) (7) Motivation von Schülerinnen und Schülern (8) Fähigkeit emotional stabile Beziehungen aufzubauen, die authentisch sind und Schülerinnen und Schüler in ihrer ganzen Persönlichkeit so zu nehmen wie sie sind. Kompetenzen Viele von Petras persönlichen Merkmalen werden auch in der Wissenschaft diskutiert und lassen sich zu bestimmten Gebieten zusammenfassen. Die Universität zu Köln benennt die Module ihres neuen Lehramtsstudium nach diesen Gebieten: Erziehen (bzw. kommunikative Fähigkeiten, pädagogisch-psychologische Kenntnisse, Gestaltung sozialer Beziehungen), Unterrichten (bzw. Motivation, Strukturierte Vermittlung von Sachinhalten), Beurteilen (bzw. diagnostisches Wissen, Individualisierung von Lernprozessen) und Innovieren. Jedoch wird nicht der Begriff Merkmal verwendet, sondern Kompetenz. Kompetenz ist eine Fähig- oder Fertigkeit, mit der Probleme in verschiedenen Situationen gelöst werden können. Petra hat bereits eine Menge der Kompetenzen beschrieben, die ein Lehrer aus ihrer Sicht besitzen sollte, um in seinem Beruf erfolgreich zu sein. Auch Ralf*, der Lehrer mit dem Petra nicht so gerne lernt, hat einige dieser Kompetenzen aufzuweisen, aber sie beschränken sich auf die Motivation von Schülern ( wir machen auch so Witze erzählen ), pädagogisch-psychologische Kenntnisse und das Individualisieren von Lernprozessen. Auffällig ist bei ihm jedoch der Mangel an Präsenz, Empathie und dem Aufbauen von authentischen Beziehungen, sowie der strukturierten Vermittlung von Sachinhalten. Das hat Petra im Gespräch ausdrücklich betont. Oft sind die dann aber immer noch laut oder Bei dem versteh ich nicht immer alles, weiß die 13jährige zu berichten. Auf die Frage: Kannst du denn mit ihm über deine
Probleme reden?, antwortet Petra: Ja...im Test. Da klärt der das dann ganz gut. Wenn man die gemeinsamen Kompetenzen von Ralf und Susanne aus der Betrachtung der beiden Lehrer streicht, bleibt das Mehr übrig, das Susanne mitbringt. Dies sind vor allem Empathie, starke kommunikative Fertigkeiten, eine Persönlichkeit, die Präsenz zeigt und die Fähigkeit eine stabile Beziehung zu Petra aufzubauen. Petra erstellt so ein klares Anforderungsprofil für ihre Lehrer und zeigt dabei eine höchst sensible Wahrnehmung, die für ihr Alter überraschend ist. Sie ist sehr aufmerksam für soziale Kontexte und weiß zu beurteilen, welcher Lehrer den täglichen Anforderungen bestehen kann und welcher nicht: Oft sind die dann aber immer noch laut...da haben wir dann in der Tut(orenstunde) drüber geredet. Petra weiß auch ganz genau welche Anforderungen ein Lehrer für sie persönlich erfüllen muss. Diesen Aspekt sollte man sich für eine Förderung der Schülerin zu nutze machen. Petra entwirft ein Bild ihrer eigenen Bedürfnisse, offenbart welche Stärken und Schwächen sie besitzt. Sie sagt selbst, was für eine Unterstützung sie benötigt. Das ist in erster Linie eine vertrauensvolle Beziehung zu einer Person in der Schule, die in Ansätzen durch Susanne möglich scheint. In Ansätzen deswegen, weil Susanne Referendarin ist, somit deutlich weniger Stunden gibt als andere Lehrer und bald ihre Ausbildung beenden wird. Weiterhin benötigt sie einen Lehrer, der sich Zeit für ihre Probleme nimmt und sie in ihrer ganzen Person sieht. Das ist umso verständlicher, als dass Petras Mutter vor zehn Monaten gestorben ist. kontextsensibel: Petra Es bleibt also fraglich ob, ein verkürzter Ansatz von Konzentrationsübungen, eine Mathematikoder Leseförderung ihr gerecht wird. Auch ist Petra bewusst, dass sie in Klassenarbeiten deutlich leichtere Aufgaben gestellt bekommt als ihre Mitschüler. Denn sie hat einen IQ zwischen 70 und 75. Das ist eine Lernbehinderung an
der Grenze zur geistigen Behinderung, sagt Klassenlehrerin Sabine* im Gespräch. Mit der 13jährigen lernen noch vier weitere Förderschüler in der sechsten Klasse. Die große Lerngruppe von 25 Schülern ist nicht ideal, um auf sie individuell eingehen zu können. Jedoch bleibt eins klar: Dass Petra zu mehr in der Lage ist als die Lehrer ihr zu trauen. Petra ist weit mehr als nur nett, trotz ihrer Lernbehinderung. Sie hat ein außerordentlich intuitives Gespür, für ihre Bedürfnisse und die Situation, in der sie lernt. Petra ist Expertin in eigener Sache.