E-BIKE D E R G R O S S E FO C U S - E- B I K E-T EST Stillgestanden! Bis zu 34 knallharte Kriterien (wie hier der Bremstest) mussten die 58 E-Bikes beim Test über sich ergehen lassen Das Radmagazin Velomotion hat exklusiv für FOCUS Deutschlands größten E-Bike-Test durchgeführt. Wie hart und genau die Räder überprüft wurden, lesen Sie hier Foto: Velomotion DER GROSSE E-BIKE-TEST 89
E-BIKE So etwas gab es in Deutschland noch nie! Einen E-Bike- Test mit 58 verschiedenen Rädern in sechs Kategorien und 34 Testkriterien. Jedes Rad kann dabei die Maximalzahl von 1000 Punkten erreichen. Je nach Einsatzbereich eines Rades schwankt jedoch die Bedeutung einzelner Werte. So ist beispielsweise bei einem Trekking-Rad die Reichweite viel wichtiger als bei einem City-Rad; bei einem Mountainbike sind hingegen starke Bremsen von großer Bedeutung. Die Labortests führte für FOCUS eines der renommiertesten Prüfinstitute der Bundesrepublik durch: die Firma Velotech aus Schweinfurt. Prüfstandtest Um alle Räder vergleichbar zu machen, wurde die Reichweite unter identischen Bedingungen im Labor ermittelt SO TESTET FOCUS REICHWEITENTEST Auf einem Prüfstand wurden die Reichweite, die Motorunterstützung und die Reichweiteneffizienz ermittelt. Alle E-Bikes mussten beim Reichweitentest eine sechsprozentige Steigung erklimmen und zwar so lange, bis ihr Akku leer war. Die Tretleistung des (virtuellen) Fahrers betrug im Schnitt 103 Watt, die Trittfrequenz 60 Umdrehungen pro Minute, die Geschwindigkeit 16 km/h. Daraus ergeben sich Reichweiten um 20 Kilometer. Diese Testbedingungen sind ausgesprochen anspruchsvoll: Sechs Prozent Steigung auf 20 Kilometer entspricht einem schweren alpinen Anstieg auf 1200 Höhenmeter. Diesen mit 16 km/h zu bewältigen, würde die Kondition eines sehr gut trainierten Radsportlers erfordern. Der Unterstützungsfaktor (U- Faktor) beschreibt das Verhältnis der Motorleistung im Vergleich zur vom Fahrer erbrachten Tretleistung (103 Watt). Ein U-Faktor von 2,0 besagt also, dass der Safety first am E-Bike Beim Labortest ging es an die äußersten Grenzen der Belastung 90
D E R G R O S S E F O C U S - E - B I K E - T E S T Fotos: Velomotion Antrieb mit der doppelten Leistung unterstützt, somit zusätzliche 206 Watt auf die Straße bringt. Je höher also der U-Faktor, desto stärker die effektive Unterstützung durch den Motor. BREMSENTEST Die ISO-Norm 4210 verlangt von einem E-Bike eine klar definierte und vorgeschriebene Bremsleistung, bei nassen wie bei trockenen Bedingungen. Das Ergebnis der Verzögerungsleistung werteten die Velo-Prüfer in einem Verhältnis von 70 Prozent (Vorderradbremse) zu 30 Prozent (Hinterradbremse). In die Bewertung der Bremsleistung floss auch das Verhalten der Bremsen in der Praxis ein. Hört sich komisch an, ist aber so. Denn eine Bremse, die auf dem Prüfstand vielleicht nicht ganz so gut abschneidet, muss nicht schlecht sein, weil sie im Alltag möglicherweise ausreichend ist oder sich sogar dadurch auszeichnet, dass sie besonders gut dosierbar ist. Umgekehrt ist eine schnell und brachial ansprechende Scheibenbremse nicht an jedem E-Bike optimal. PRAXISTEST Was Velomotion unter dem Punkt Ausstattung bewertete, darf nicht auf die ans Rad geschraubten Komponenten reduziert werden; dazu gehören auch das Händlernetz sowie das Serviceangebot, die Garantieleistungen, Rahmengrößen, die Bedienungsanleitung oder die Konnektivität eines Systems: Lässt sich zum Beispiel ein Smartphone ankoppeln, gibt es GPS- Funktionen? Selbstverständlich spielt auch die Qualität der verbauten Ausstattung eine Rolle, ebenso, ob zum Lieferumfang ein Rahmenschloss oder eine Pumpe gehören. Auch das Design eines E-Bikes muss bewertet werden und spielt in den Punkt Ausstattung mit hinein. Da Velomotion (acht Redakteure mit Unterstützung weiterer Testfahrer) nicht allein darüber urteilen wollte, welches Rad ein besonderer DIE TEST-KRITERIEN Direkt in die Bewertung von Reichweite, Bremsen und Antrieb fließen ein: ein Reichweitentest in der Praxis Bremsen in der Praxis Anfahren am Berg Die weiteren Kriterien der Praxisbewertung: Geradeauslauf Rahmenstabilität und Flatterneigung Fahreigenschaften ohne Unterstützung Fahreigenschaften mit beladenen Gepäcktaschen allgemeiner Fahrkomfort Ergonomie der Bedienung Standsicherheit Geräuschpegel des Motors Funktionalität der Schiebehilfe Handhabung des Akkus Staumaß von Kompakträdern Temperaturmessung Wo gebremst wird, da wird es heiß gerade bei schweren E-Bikes auch mal zu heiß Hingucker ist, haben die Radexperten eine Online-Befragung gestartet. WIE WEIT KOMME ICH? Die beim Händler meistgestellte Frage beim E-Bike-Kauf lautet: Wie weit komme ich eigentlich mit einem E-Bike? Wie immer beim Fahrrad spielt der Faktor Mensch eine wesentliche Rolle. Die Wahl der Unterstützungsstufe, das Schaltverhalten und vor allem das Körpergewicht haben einen großen Einfluss auf den Energieverbrauch. Reichweitenfresser sind außerdem Steigungen, bei denen jedes Kilogramm und jeder Höhenmeter den Akku belasten. Auch technische Besonderheiten erschweren eine standardisierte Vergleichbarkeit unterschiedlicher E-Bikes. So arbeiten Hinterrad-Nabenmotoren beispielsweise in höheren Geschwindigkeitsbereichen am effizientesten, während Mittelmotoren die Energie im unteren Drehzahlbereich (zum Beispiel am Berg) am besten in Vortrieb verwandeln. Nicht zuletzt gibt es für identische Motoren unterschiedliche Grundeinstellungen, die von den E-Bike-Herstellern vorgegeben werden und die von sanft bis sportlich reichen. Andere Hersteller schalten zudem den Motor früher als eigentlich nötig ab und reservieren so eine Restkapazität des Akkus für die Lichtanlage oder eine elektronische Schaltung. Das bedeutet in der Praxis zwar weniger elektrische Reichweite, dennoch kann man immer noch gut und sicher mit Muskelkraft fahren. DAS FAZIT Im Gegensatz zu manchem Automobilhersteller bemüht sich die Radbranche um seriöse Aufklärung. Trotzdem sollten Sie nicht allen Angaben vertrauen. In den Testergebnissen nennen die Velomotion -Tester einen Minimalwert, der unter harten Prüfstand-Bedingungen zu Stande gekommen ist. Und der stimmt! n ANDREAS HASLAUER / HELENA KOINE 91
E-BIKE DAS FOCUS-SIEGEL Gemeinsam mit den kompetenten Fahrradspezialisten von Velomotion und dem renommierten Prüflabor Velotech erarbeitete FOCUS 2016 erstmals ein Testsiegel für E-Bikes Ziel der FOCUS-Redaktion war es, erstmals ein Testsiegel als glaubwürdige Referenz für den boomenden E-Bike-Markt zu etablieren. Standardisierte Testbedingungen für Labor und Praxis waren die obersten Voraussetzungen, die sich nur gemeinsam mit kompetenten Partnern realisieren lassen. Nur wer bereits Tausende Kilometer auf Dutzenden verschiedenen E-Bikes absolviert hat, kann auch in der Praxis beurteilen, was gut und was weniger gut gelöst ist. Nur diese Fachredakteure können bewusst grenzwertige Fahrsituationen erzeugen, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben. Und auch nur ein erfahrener Redakteur vermag es, ein Rad in der Summe der gewonnenen Erkenntnisse abschließend zu beurteilen. Der komplette Test eines E-Bikes ist nämlich mehr als die Summe der Einzeltests. Ein Rad mag mit brachial gut funktionierenden Bremsen ausgestattet sein doch möglicherweise sind diese für den Einsatzzweck völlig überdimensioniert, weil sie die Zielgruppe überfordern und die Unfallgefahr eher erhöhen. Aus bis zu 34 Einzeltests und Kriterien resultiert die abschließende Bewertung eines E-Bikes, die eine Gesamtnote nach dem Prinzip der Schulnoten ergibt. Wichtig ist es festzuhalten, dass es sich beim FOCUS-Test und den Bewertungen um keinen Vergleichstest handelt. Jedes E-Bike erhält seine Note für sich allein. Anschaulich ist das für die Mountainbike-Kategorie, in der es zu viele nicht miteinander vergleichbare Einsatzbereiche für MTBs gibt. e-bike test 2016 Hersteller und Modell 58 Testräder von 35 verschiedenen Marken in sechs Kategorien Hersteller Bezeichnung /Modell/Nr. Note 1,X Kategorie Kategorie Welcher Typ ist das getestete E-Bike? FOCUS testet City-, Kompakt-, Trekking-, Urban Bikes, S-Pedelecs und E-MTBs Prädikat Die Gesamtnote: nach dem Prinzip der Schulnoten von sehr gut bis ungenügend Benotung Die exakte Note, die sich aus den bis zu 34 Testkriterien und der erreichten Gesamtpunktzahl ergibt. 1000 ist die theoretische Maximalpunktzahl ab 900 gibt es die Traumnote 1,0 92
D E R G R O S S E F O C U S - E - B I K E - T E S T DIE ERGEBNISSE Bis zu 34 Testkriterien ergeben ein komplexes Testbild, das wir für Sie übersichtlich für jedes Rad zusammenfassen Gewicht Fahrradgewicht (fett) sowie in Klammern die maximal erlaubte Zuladung Reichweite Die Reichweite aus dem Prüfstand-Test. Alle Räder wurden bis zum Abschalten leergefahren Kategorie E-Bikes werden in sechs Kategorien unterteilt; der Farbcode erleichtert die Unterscheidung Herstellerbezeichnung Marke und Modell eines E-Bikes; manchmal verstecken sich hier bereits Details wie die Reifengröße Testbericht Die Redaktion und die Testfahrer fassen die Ergebnisse aus Labor- und Praxistest verständlich zusammen U-Faktor Der Unterstützungsfaktor beschreibt das Verhältnis von Motorleistung zu Tretleistung des Fahrers. Je höher, desto stärker die Unterstützung E-MTB Bulls E-Stream Evo 3 27.5 Das Bulls E-Stream Evo gehört zu den wenigen Bikes im Test, die den Akku direkt im Unterrohr eingebaut haben. Somit sticht es nicht sofort als E-MTB ins Auge und wirkt optisch ansprechend. Man nimmt auf dem Bulls eine gestreckte Sitzposition ein, wodurch sich Anstiege in Kombination mit dem gut arbeitenden Motor spielerisch meistern lassen. Manko: Der richtige Turbo fehlt dem Antrieb in den entscheidenden Passagen! Ebenso fehlt es dem Bulls bei der Abfahrt und in schnellen Kurven etwas an Agilität. Die fetten Plusreifen kompensieren die fehlende Hinterbaufederung jedoch in leichtem Gelände wirklich gut; bei groben Wurzelpassagen kommen sie an ihre Grenzen und verlieren an Traktion. Für noch mehr Geländespaß: kürzeren Vorbau montieren. e-bike test 2016 sehr gut 1,4 PREIS- LEISTUNGS- TIPP Wo ist er? Der Akku ist im Unterrohr versteckt Zwei Kettenblätter sorgen für mehr Übersetzungsspielraum Gewicht 23 kg (+ max. 92 kg) Reichweite 44,6 km U-Faktor 2,3 Mittelmotor Brose Akku Rahmenakku 648 Wh Kettenschaltung Shimano XT Scheibenbremsen Shimano Deore BR-M615 Preis (UVP) 3399 Euro BEWERTUNG Reichweite Antrieb Bremsen Praxistest Ausstattung FAZIT DER REDAKTION Solides Hardtail, das mit seinen Plus-Reifen im mittelschweren Gelände gut überzeugt, seine Frontlastigkeit lässt es etwas an Agilität einbüßen. leistungsfähige Gabel, optisch gelungene Antrieb-Integration fehlende Agilität, etwas frontlastig Ausstattung und Preis Preis ist immer die unverbindliche Preisempfehlung Straßenpreise können (gerade zum Saisonende) deutlich darunterliegen Bewertung Maximal sechs Sterne kann ein Rad pro Kriterium erhalten dann ist es in diesem Bereich wirklich tadellos Fazit Eine Zusammenfassung der wichtigsten Auffälligkeiten Benotung, Tipp der Redaktion Das FOCUS-Testsiegel, das Sie links im Detail erklärt sehen Komplettansicht Seitenansicht exakt des getesteten Rads bevor es auf Prüfstand und Teststrecke ging Details Detailfotos zeigen besonders gelungene Lösungen oder Aspekte, die herausstechen Plusminus Was gefiel, was weniger oder auch gar nicht, was zeichnet ein Rad aus, was fehlt hingegen? 93