Menschenjagd in Celle

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Transkript:

Menschenjagd in Celle Im Zuge der Lagerräumungen löste die SS am 7. April 1945 die im Raum Salzgitter gelegenen Außenlager des KZ Neuengamme auf. Die Häftlinge des Frauenaußenlagers Salzgitter-Bad wurden zunächst in das Außenlager Salzgitter-Drütte gebracht und von dort gemeinsam mit den männlichen Häftlingen des Lagers Drütte per Bahn in Richtung Norden transportiert. Am Abend des 8. April wurde der Zug mit ca. 4000 Häftlingen im Bahnhof Celle bei einem US-amerikanischen Bombenangriff getroffen. Die Häftlinge durften die Waggons nicht verlassen, um Schutz vor den Bomben zu suchen; mehr als die Hälfte der Gefangenen kam ums Leben. Nach dem Angriff wurden die Häftlinge, denen es gelungen war, zu fliehen und sich zu verbergen, Opfer der Verfolgung durch SS-, Wehrmachts- und Volkssturmangehörige, aber auch von Hitlerjungen und Bürgern aus Celle. Es kam zu regelrechten Treibjagden in den umliegenden Wäldern. 200 bis 300 Häftlinge wurden dabei erschossen oder erschlagen, etwa 1100 wieder gefangen genommen. Etwa die Hälfte von ihnen musste zu Fuß den Marsch nach Bergen-Belsen antreten, die nicht Marschfähigen wurden in Baracken der Heide- Kaserne untergebracht, wo sie am 12. April von britischen Truppen befreit wurden. KZ-Gedenkstätte Neuengamme Reproduktion nicht gestattet

2 Menschenjagd in Celle Luftaufnahme des Celler Bahnhofs durch die britische Luftaufklärung am 10. April 1945. (Kampfmittelbeseitigungsdienst Hannover, Bildnr. 3137)

Menschenjagd in Celle 3

4 Menschenjagd in Celle Als ich zu mir kam, befand ich mich im Gemüsegarten eines Bauern, [...] dorthin hatte es mich aus dem Waggon geschleudert, etwa 30 bis 35 Meter. Als ich zu Bewusstsein kam, zeigte es sich, dass mein Bein ganz, ganz lang war, es war zerschlagen. Überall waren Blut und feine Splitter. Ringsumher brannte alles. Ich begann zu kriechen. [...] Nach etwa 250 Metern kam ich zu einem Bunker, [...] in den ich hineinkroch. Dort waren etwa acht Menschen, alles Gefangene, Häftlinge. Nach 20 Minuten [...] kamen zwei Jungen angelaufen. [...] Sie waren etwa 14 Jahre [alt]. Sie begannen zu schießen. Dann sagte ein Junge: Wir haben keine Patronen mehr. Und der andere sagte: Laufen wir schnell, die Mutter gibt uns noch welche. Sie liefen hinaus und ich sagte [den anderen]: Haut ab! Nun, sie machten sich davon, aber mich ließen sie im Stich. Wassilij Lukjanowitsch Krotjuk aus der Ukraine war seit dem 22. März 1944 Häftling im KZ Neuengamme. Er wurde nach dem Luftangriff wieder aufgegriffen und mit anderen Häftlingen in der Heide-Kaserne in Celle untergebracht, wo sie am 12. April von britischen Truppen befreit wurden. Interview, August 1993. (ANg, HB 1593)

Menschenjagd in Celle 5 Dann begann das Bombardement. Es war so stark, dass unser Waggon auf den Gleisen hochsprang. Wir rannten zur Tür, aber die Aufseherin schrie: Zurück!, und wir wankten zurück. Die Angst vor den Bomben war sehr groß. [...] Wenn man den Kopf hob, hatte man das Gefühl, dass jede Bombe direkt auf einen zuflog. Man hatte den Eindruck: Da fliegt sie, dreht sich und gleich wird sie dich treffen, gleich tötet sie dich. Wir stürzten uns wieder auf die Tür. Natürlich war die Aufseherin auch erschrocken. Sie schloss die Türen auf, wir sprangen aus dem Waggon und liefen weg. [...] Bis zum Abend wurde bombardiert, es war Furcht erregend. [...] [Nach dem Angriff] sammelte man uns. [...] Alles vermischte sich: deutsche Soldaten und wir, KZ-Gefangene. Sie tranken Limonade und wir wollten auch trinken. Sie gaben uns zu trinken. Die Schrecken des überlebten Bombardements haben uns für kurze Zeit vereinigt: Deutsche Soldaten und wir, KZ-Insassen, waren in diesem Moment gleichgestellt. Nadeschda Aleksejewna Prokopenko wurde im Sommer 1943 als 16-jähriges Mädchen aus der Ukraine nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt. 1944 wurde sie von der Gestapo verhaftet, in das KZ Ravensbrück eingewiesen und von dort in das Außenlager Salzgitter-Bad des KZ Neuengamme überstellt. Sie überlebte den Luftangriff, wurde nach Bergen-Belsen gebracht und dort am 15. April 1945 befreit. Interview, März 1998. (ANg, HB 1428)

6 Menschenjagd in Celle Der Güterbahnhof in Celle nach dem Angriff am 8. April 1945. Foto: unbekannt. (Sammlung Bertram, Celle)

Menschenjagd in Celle 7 In Celle auf dem Bahnhof angekommen, kamen wir in einen Luftangriff der Alliierten. Wir flüchteten aus den Güterwagen, gemeinsam mit unseren Bewachern. Viele von uns starben während des Bombenangriffs, viele danach beim Einsammeln. [Jeder Fluchtversuch] endete tödlich. Viele von uns versuchten, sich durch die Flucht in Gartenanlagen, Keller von Privathäusern zu retten [...]. Die deutsche Zivilbevölkerung verriet uns an die SS-Leute. Später habe ich von niemandem gehört, dass von dieser Seite irgendeine Hilfe angeboten wurde. Es ging ja nicht ums Verstecken nur um etwas Brot oder etwas Trinkbares. Joanna Kiaca-Fryczkowska, ehemalige KZ-Gefangene aus Polen. Interview, 1994. (ABe)

8 Menschenjagd in Celle Vorne im Zug schrien die Frauen. Die Flieger drehten ab, aber immer wieder kamen sie. So wurde der Zug bombardiert. Ich flog in den Maschendraht, bin aber nicht getroffen worden. Da benützte ich die Gelegenheit. Ich wollte mein Leben retten und flüchtete durch das MG-Feuer in den Wald der Aller zu. Die MG-Posten schossen hinter mir her. Dann traf ich in der Dämmerung fünf KZ-Frauen Polinnen und zwei Russen sowie einen Polen namens Marian. Als es dunkel wurde und wir die ganze Nacht durchmarschiert waren, hörten wir Kanonendonner bis zum Morgengrauen. Am 9. April 1945 kamen wir an eine Waldschneise und wurden von der Wehrmacht aufgefangen. Als Deutscher gab ich gleich zu verstehen, dass ich KZ-Gefangener war und lieber in den Tod ginge als zurück. Uns geschah nichts. Otto Klünder, ehemaliger Häftling aus Deutschland. Bericht, 1965. (ANg, HB 473)

Menschenjagd in Celle 9 Und da sah man dann plötzlich so Gruppen, so vier oder fünf oder auch einzelne Leute, durch den Dreck laufen. Es war ja Ackerland, da hatte die Gärtnerei Wichmann ihre Felder, die pflanzten Stiefmütterchen und anderes zu der Zeit. Und da kamen die Leute, und die fielen zum Teil hin und dann liefen wieder andere hinterher, die da hinterherschossen. [...] Wir alle sahen ja, dass die Leute in gestreifter Kleidung wegliefen vor den SS-Angehörigen, die versuchten, sie zu erschießen. Herr W. S. aus Celle war 1945 13 Jahre alt. Bericht, 1989. (Sammlung Bertram, Celle)

10 Menschenjagd in Celle Der ganze Fall ist ein besonders deutliches Beispiel für die spontane und freiwillige Beteiligung von deutschen Zivilisten an einer abscheulichen Serie von Morden und es ist sehr zu wünschen, dass die Täter vor Gericht gestellt werden. Bericht der britischen War Crimes Group vom Mai 1947 im britischen Ermittlungsverfahren Massacre of Concentration Camp prisoners at Celle 8./9. April 1945. (TNA (PRO), WO 309/90)

Menschenjagd in Celle 11 Als ich den Tumult hörte, schnallte ich mein Koppel um und ging auf die Straße. Hier sah ich, wie die Sträflinge die Straße [herauf]kamen. Den nächststehenden Gefangenen rief ich zu, sie sollten sich sammeln. Es war in diesem Tumult natürlich alles schlecht zu verstehen, weil noch die Männer, Frauen und Kinder dabeistanden. [...] Als ich sagte, dass sie sich sammeln sollen, gab ich zwei Schuss aus meiner Pistole in die Luft ab, damit die Gefangenen und die anderen es hören sollten. Getroffen und verletzt ist niemand, ich konnte ja nicht auf die Gefangenen schießen, weil ich die Frauen und Kinder in Gefahr gebracht hätte, die auch alle auf der Straße herumstanden. Aussage des Hauptwachtmeisters Friedrich Loth aus Celle am 16. Oktober 1945 im britischen Ermittlungsverfahren. (TNA (PRO), WO 309/90)

12 Menschenjagd in Celle Am Nachmittag des 8. April, während des Angriffs auf den Bahnhof, sah ich Folgendes: Als die Häftlinge aus dem Konzentrationslager auf der Suche nach Schutz auf unsere Häuser zuliefen, sah ich, wie das Parteimitglied Friedrich Loth auf sie schoss. Obwohl andere und ich ihm zuriefen, mit dem Schießen aufzuhören, ließ er sich nicht ablenken und gab mehrere Schüsse ab. Einige der Konzentrationslagerhäftlinge stürzten. Ich weiß nicht, ob sie tot waren oder noch lebten, da wir alle in den Wald rannten, um uns vor den erneuten Bombenangriffen zu schützen. Aussage von Hanni Duensing aus Celle am 28. Mai 1945 im britischen Ermittlungsverfahren. (TNA (PRO), WO 309/90)

Menschenjagd in Celle 13 Plakat Wer weiß von Gräbern ehem. KZ.-Häftlinge im Land- und Stadtkreise Celle? vom August 1946. (Braunschweigisches Landesmuseum, LMB 30718)