Marcel Reich-Ranicki KAFKA

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Transkript:

Marcel Reich-Ranicki KAFKA

INHALT Vorwort 7 ERZÄHLUNGEN Das Urteil 15 Die Verwandlung 29 In der Strafkolonie 94 Vor dem Gesetz 129 Ein Bericht für eine Akademie 131 Ein Landarzt 143 Ein Hungerkünstler 150 ESSAYISTISCHES Brief an den Vater 165 Zu dieser Ausgabe 221

VORWORT Wie einst die Städte um Homer, so streiten die Völker um Franz Kafka. Tschechen, Deutsche und Österreicher, Juden und Israelis erheben schon seit Jahrzehnten Anspruch auf ihn, den Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Prag. Doch als er 1924 in einem Sanatorium bei Wien starb, da kannten nur wenige sein Werk. Hermann Hesses enthusiastische Äußerung, Kafka sei der heimliche König der deutschen Prosa, wurde kaum beachtet. Niemand ahnte, dass er zu den größten Schriftstellern gehört, die in deutscher Sprache geschrieben haben, zumal im zwanzigsten Jahrhundert. Während also damals, in den zwanziger Jahren, die Öffentlichkeit Kafka kaum wahrgenommen hatte, wurden und werden mittlerweile über ihn ganze Bibliotheken veröffentlicht. Man spricht von der internationalen Kafka-Industrie. Das Unbehagen, das hier gelegentlich spürbar wird, ist deutlicher noch als das Unbehagen, zu dem ähnliche weltweite Industrien beigetragen haben jene im Zeichen von Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Dies hat einen einfachen Grund: Während man die Deutung der Werke der anderen beiden Jahrhundertgenies der deutschen Literatur zumindest in Grenzen kontrollieren kann, gilt das für die Bemühungen um die Gleichnisse Kafkas nicht mehr. Sie können ebenso viele Deutungen wie Leser finden. Damit ist schon gesagt, was Kafka bei Kommentatoren so beliebt macht. Er selber hat sich in der Regel geweigert, seine Parabeln zu erklären. Andererseits war er zu direkten persönlichen Bekenntnissen sehr wohl bereit. Er hat sie bisweilen seinen Gesprächspartnern und den Empfängern seiner Briefe geradezu aufgedrängt. 7

Das Bedürfnis, immer wieder über seine seelische und persönliche Verfassung Auskunft zu erteilen, wollte und konnte er nicht beherrschen. Schließlich ist ließe sich mit einiger Übertreibung sagen in seinen Briefen und Tagebüchern von nichts anderem die Rede. So äußert er sich immer wieder über seine vielfachen Qualen und Leiden, seine Krankheiten, ihre mutmaßlichen Ursachen und verschiedenen Folgen, über seien Lebensangst. Die Vokabel»Angst«ist der zentrale Begriff, das Schlüsselwort in und für Kafkas Werk. Neulich wurde ich gebeten, einen kurzen Satz zu finden, der geeignet wäre, diese Prosa zu charakterisieren, einen Satz aus einem seiner Romane oder aus seinen Geschichten, aus einem seiner Briefe oder aus seinem Tagebuch. Das schien mir, zunächst einmal, keine sonderlich schwierige Aufgabe. Aber ich hatte mich geirrt. Denn bald stellte sich heraus, dass es in Kafkas Texten an knappen Äußerungen, die sich als ein Motto seines Werks anbieten, gar nicht mangelt.»ich könnte leben und lebe nicht«heißt es in einem Brief Kafkas vom 5. Juli 1922. 1920 warnt er seine Freundin Milena Jesenska:»Ich beschäftige mich mit nichts anderem als mit Gefoltert-werden und Foltern.«Heine nannte das Werk E. T. A. Hoffmanns»einen entsetzlichen Angstschrei in zwanzig Bänden«. Das gilt auch für Kafka, er hat das nie verheimlicht, er hielt es für seine Pflicht, Milena zu warnen:»und außerdem ist es ja mein Wesen: Angst«. Adorno schrieb über diese eigenwillige Prosa:»Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.«kafkas drei (unvollendete) Romane und alle Geschichten Kafkas zwingen den Leser, sie zu interpretieren. Und sie weigern sich standhaft, ihm dabei zu helfen. In Prag gehörte Kafka der deutschsprachigen Minderheit an und innerhalb dieser Minderheit noch einer weiteren Mino- 8

ri tät: nämlich der jüdischen. In dem deutschen Gymnasium war er ein guter, allerdings ein isolierter Schüler. Er litt an seiner Einsamkeit, an seiner Ungeborgenheit. Schon in früher Jugend schrieb er viel, aber sein Vater, ein Galanteriewarenhändler, hatte für Literatur nicht das geringste Interesse. Und die Mitschüler? Auch sie wollten von den Arbeiten des Außenseiters nicht viel wissen. Sie glaubten nicht recht an sein Talent. Sein Mitschüler Willy Haas hat in seinen Lebenserinnerungen (erschienen in den fünfziger Jahren) dem Weltruhm Kafkas ein baldiges Ende vorausgesagt. Es ist erstaunlich, wie in verschiedenen Epochen die Vergänglichkeit gerade jener Schriftsteller prophezeit wird, die spätere Generationen für die originellsten und bedeutendsten gehalten haben. Nur Max Brod, damals ein erfolgreicher Romancier, der allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg rasch in Vergessenheit geriet, wurde sein Freund für das ganze Leben und hat sich um die Verbreitung des Werks Kafkas sehr verdient gemacht. Ab 1901 studierte Kafka an der Prager Universität Jurisprudenz und promovierte 1906 zum Dr. jur. Ab 1908 war er bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag angestellt. Nie ist es Kafka gelungen, seine tief verwurzelte Unsicherheit, seine Schwäche und Hilflosigkeit zu überwinden. Bis zu seinem Tod wurde sein Leben von Selbstzweifel geprägt und einem keineswegs geringen Selbsthass. Er benötigte Frauen, er brauchte ihren Schutz, ihre Fürsorge. Aber er misstraute ihnen, weil er sich selber misstraute. Vieles weist auch darauf hin, dass er das sexuelle Zusammenleben mit einer Frau mehr fürchtete als begehrte. Er wollte sie besitzen und möglichst bald von sich stoßen. Er hatte Angst vor den Frauen, denn sie repräsentierten in seinen Augen eine feindliche Macht, ein feindliches Prinzip: das Leben. Er verlobte sich mit Felice Bauer, einer Büroangestellten 9

aus Berlin, bald wurde die Verlobung annulliert. Dann verlobte er sich noch einmal mit derselben Frau, mit Felice. Er richtete an sie zahllose, sehr aufschlussreiche Briefe. Ohne sie glaubte er nicht leben zu können, und in ständiger Nähe von Felice fürchtete er, nicht mehr schreiben zu können. Wahrscheinlich gab es im Leben Kafkas nur eine einzige Frau, die er lieben konnte, ohne sie zu fürchten: seine Schwester Ottla. Wie er Felice als seine ferne Geliebte brauchte, so Ottla als seine Geliebte für den Alltag. Wie die eine für ihn nicht erreichbar war, so hatte die andere den Vorzug, seine Schwester zu sein, denn damit waren der Beziehung von vornherein Grenzen gesetzt. Sie wurden offenbar von beiden beachtet. Dabei war der Inzestgedanke Kafka nicht fremd. Und seine Liebe zu Ottla war nicht mehr und nicht weniger als Inzest im Geiste. In seinem Tagebuch bezeichnet Kafka sein Werk als Darstellung seines»traumhaften inneren Lebens«. In einem 1921 geschriebenen Brief an Max Brod spricht er von dem Verhältnis junger Juden zu ihrem Judentum und von der»schrecklichen inneren Lage dieser Generation Die Verzweiflung darüber war ihre Inspiration«. Gesagt wird hier, was nicht wenigen jüdischen Schriftstellern ermöglicht hat, sehr früh, oft vor dem Ersten Weltkrieg, die Vereinsamung und die Entfremdung des Intellektuellen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft wahrzunehmen und mit besonderer Schärfe zu artikulieren. Brod wies schon zu Lebzeiten Kafkas mit Recht darauf hin, dass in dessen Romanen und Erzählungen das Wort»Jude«zwar nicht vorkomme, aber immer wieder die Leiden der Juden behandelt werden. Später sieht Kafka zwischen seiner Identitätskrise und seinem Judentum einen ursächlichen Zusammenhang. Sein berühmter»brief an den Vater«, den er freilich nie an 10

seinen Vater abgeschickt oder ihm überreicht hat, macht diese Krise deutlich, und es wird augenscheinlich, was Kafka, an»der schrecklichen inneren Lage dieser Generation«leidend, vor allem gezeigt hat nämlich exemplarische Situationen, Konflikte und Komplexe von Juden innerhalb der nichtjüdischen Welt. Auf einer Postkarte von 1916 stellt Kafka ohne jedes Aufheben die fundamentale Frage seiner Existenz: Wer er denn eigentlich sei? Denn in der Neuen Rundschau habe man seiner Prosa»etwas Urdeutsches«bescheinigt, während Brod seine Erzählungen zu den»jüdischsten Dokumenten unserer Zeit«zähle. Kafka stimmt weder dem einen noch dem anderen Befund zu:»bin ich ein Cirkusreiter auf 2 Pferden?«Und er antwortet sogleich:»leider bin ich kein Reiter, sondern liege am Boden.«Sollte Ähnliches schon für Heine gegolten haben? So verwunderlich die Analogie auch erscheinen mag Kafka hat mit Heine mehr gemein, als man auf den ersten Blick wahrnehmen kann. Indem Heine in seiner erotischen Lyrik insgeheim das Los der benachteiligten Juden besang oder sich zumindest von diesem Los inspirieren ließ, wurde er zum poetischen Sprecher und Sachwalter aller Benachteiligten und Verschmähten, aller, die an ihrer Rolle in der Gesellschaft gelitten haben, aller, die sich nach Liebe sehnten, aber sich mit der Sehnsucht, mit der Hoffnung begnügen mußten. Erst als sich die Rolle des Intellektuellen in der Gesellschaft weitgehend verändert hatte, Jahrzehnte nach Kafkas Tod, vermochte man zu erkennen, dass er mit seinen Werken der Epoche vorausgeeilt war. Die in einer spezifischen Konstellation erzählten und zunächst nur auf diese Konstellation zu beziehenden Geschichten vom Schicksal der Ausgestoßenen und Angeklagten erwiesen sich als klassische Parabeln von der Heimatlosigkeit und der Entfremdung. Das Individuum, dem in einer undurchschaubaren und 11

Leseprobe: Marcel Reich-Ranicki KAFKA 222 Seiten 1. Auflage 2010 Copyright 2010 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg www.hoca.de Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin Gesetzt aus der Adobe Bembo Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 978-3-455-40262-9