Liebesbriefe beatrix preissl elsner Malt Beatrix Preissl Elsner ihre Briefe? Sie nennt ja die Bilder Liebesbriefe. Obwohl die ausgestellten Arbeiten Liebesbriefe genannt werden, gezeigt werden hier aber doch Bilder. Also schreibt die Künstlerin Bilder? Vielleicht trifft das ein wenig zu. Obwohl die Bezeichnung gezeichnete (bzw. gemalte) Liebesbriefe oder die Beschreibung geschriebene Liebesbilder der Natur der Arbeiten nahe kommt, stimmt auch das noch nicht ganz und sagt jedenfalls recht wenig über Gehalt, Bedeutung und Aussage der Bilder aus, was doch wohl das Wesentlichere jeder Kunst ist. Dennoch ist es wert, auch die Form näher zu betrachten. Zur Form der Liebesbriefe Ein Aspekt des Reizes, den die Bilder auf den Betrachter ausüben, wird mit dem Ausdruck geschriebene Bilder angedeutet. Damit wird das Paradox angesprochen, die formale Grenzüberschreitung, die die skripturalen Bilder beinhalten. Die Grenze zwischen Schreiben und Malen ist jedoch außerhalb des abendländischen Kulturkreises keineswegs so selbstverständlich. Im fernen Osten, wo Kalligraphie mit Pinsel ausgeführt wird, besteht so eine Grenze gar nicht. kaku bezeichnet z.b. im Japanischen unterschiedslos malen, zeichnen und/oder schreiben. Damit stehen die ausgestellten Bilder in einer formalen Nähe zu östlicher Schriftmalkunst, doch gerade der angesprochene paradoxe Reiz wäre dort so nicht reproduzierbar. Die Bilder laden aber nicht nur zum Vergleich mit dem Fernen sondern auch mit dem Nahen Osten ein. Im Arabisch Islamischen Raum hat das Abbildungsverbot zu einer stärkeren Entwicklung der abstrakten Kunst in Ornamentik und Kalligraphie geführt. Auf die Parallelen zwischen klassischen islamischen Arabesken und jüngerer westlicher abstrakter Kunst wurde schon öfters hingewiesen, zb. afghanische Ornamente aus dem 14. Jh. und Werke von Jackson Pollock. Bei den Liebesbriefen fallen äußerliche Gemeinsamkeiten der Liebesbriefe mit klassischer islamischer Kalligraphie ins Auge:
Kalligraphie, Schriftdesign verlässt ja schon im Prinzip die eigentliche Aufgabe von Schrift, indem neben dem sprachlichen Inhalt auch die Form Teil ihrer Botschaft ist. Ein wenig umgekehrt wie die Liebesbriefe: Wie bei aller darstellenden Kunst, spielt hier die Form eine wesentliche Rolle, doch hier gibt es daneben auch einen Hinweis auf einen sprachlichen Inhalt. b.pe steht mit ihren Arbeiten nicht isoliert in der Kunstszene des 20. und 21. Jahrhunderts. Action Painting, Tachismus, Informel, skripturale und gestische Malerei alle diese Bewegungen, Malweisen, Stilrichtungen haben ein wenig mit den Liebesbriefen zu tun. Nicht nur alte Arabesken, auch die bunten Liebesbriefe lassen sich gut Bildern von Pollock gegen überstellen. Doch der fehlende Bezug auf das skripturale Element bei Pollock zeigt schon den recht begrenzten Aussagewert dieses Vergleiches. Da böten Bilder des Ungar Deutschen László Lakner oder des Österreichers Hans Staudacher schon stärkere Anknüpfungspunkte: Diese Vergleiche zeigen gleichzeitig, wie genuin b.pe Arbeiten sind und dass sie dennoch in Zusammenhang mit modernen skripturalen Malrichtungen verstanden werden können. Doch bleiben letztendlich all diese Zuordnungen ein wenig unbefriedigend, denn der wesentliche Aspekt, nämlich der Inhalt, Gehalt, die Aussage der Liebesbriefe wird damit nicht angesprochen.
Zum Inhalt der Liebesbriefe Liebe ist wohl eine der stärksten Motivationen, um Kunstwerke zu kreieren. Vor allem die Sehnsucht, die häufig mit Liebesempfindungen verbunden ist, manifestiert sich oft in Kunstwerken. Man kann vermuten, dass die Welt um einige große Musikwerke und Gemälde ärmer wäre, hätten Schubert und van Gogh ein glücklicheres, erfülltes Liebesleben gehabt. Und so mancher Roman ist ja in Wirklichkeit nichts anderes als ein aus den Fugen geratener langer Liebesbrief; so manches Porträt ist eigentlich nichts anderes als eine Liebeserklärung an die porträtierte Person. Daneben gibt es aber auch Gemälde, die ganz unverschlüsselt einen Liebesbrief thematisieren. Am bekanntesten ist wohl das von Vermeer: Der Liebesbrief, Jan Vermeer, 1669/1670, Öl auf Leinwand, 44cm 38,5cm, Rijksmuseum Amsterdam Vermeers Liebesbrief ist natürlich ganz etwas anderes als die Liebesbriefe von b.pe. Und doch haben ihre abstrakten Kunstwerke vielleicht mit Vermeers Bild im Inneren viel mehr gemein als mit den oben beschriebenen Beispielen sonstiger gestischer skripturaler Kunst, deren Gemeinsamkeiten ja nur äußerlich sind. Der Titel der Ausstellung Liebesbriefe und die Einzeltitel, die wie wirkliche Briefe datiert sind, eröffnen erst dem Betrachter die Bedeutung der Bilder. Die Bezeichnung ist wesentlicher Bestandteil der Kunstwerke. Was ist denn ein Liebesbrief? Ein Liebesbrief ist ein schriftliches Dokument, das an eine Person gerichtet wird, um Liebe oder Zuneigung zu dieser auszudrücken. Dabei drückt der Liebesbrief viel mehr aus als eine profane Mitteilung. In ihm wird der Schmerz angesichts des Nicht Zusammen Seins, des Nicht Zusammen Sein Könnens oder auch der Schwierigkeit, die Liebe anders zu artikulieren, deutlich. Ungleich schwieriger ist jedoch der Versuch, seine Liebe zu gestehen, aber dabei gefangen zu sein in der Furcht, mit jeder Formulierung dieses Bestreben zunichte zu machen. Dazu kommt die Angst, dass die Liebe nicht erwidert wird. So lautet jedenfalls eine mögliche Erklärung.
Mit diesem Definitionsversuch fühlen wir uns besser vorbereitet, um uns endlich direkt den ausgestellten Bildern zuzuwenden. Nehmen wir erst die bunte Ausgabe, denn durch die emotionaleren Farben wirken eben diese als eigentlichen, als die ursprünglichen Liebesbriefe. Einiges der obigen Beschreibung lässt sich gut aus dem Bild heraus lesen, da wir wissen, dass es sich um Liebesbriefe handelt. Sehen wir also eine Manifestation Liebe anders zu artikulieren? Es liegt nahe, so zu spekulieren. Einen konkreten Text können wir nicht lesen (genauso wenig wie bei Vermeer). Die Schwierigkeit, Liebe zu gestehen wird durch die Unlesbarkeit erleichtert und der (dritte) Betrachter braucht nicht zu fürchten, indiskret zu sein. Die Unaussprechbarkeit, die Sprach losigkeit der Liebe, oder jedenfalls von Aspekten der Liebe, wird durch die bildnerische Darstellung umgangen. Wenn Wittgenstein gemeint hat, wovon man nicht spre chen kann, müsse man schweigen4, könnte man hier ergänzen: ja, aber malen kann man darüber sehr wohl. Liebesbriefe, b.pe, 2008, Acryl auf Papier, 150cm 95cm, Kosmos Theater Wien
Neben den bunten Liebesbriefen sind da die schwarzweißen Textbilder. Hier erscheint ein Text fast lesbar. Fast. Steckt da ein konkreter Text dahinter? Welcher? Antwort darauf kann wohl nur die Künstlerin selber geben, doch kann man Vermutungen anstellen. Ein allfälliger konkreterer Text ließe eher an eine rationale Komponente denken. Sind das Schattenbilder, Reflektionen über die Farbbilder? Stellen sie die Liebe, die Kunst in Frage? Stehen sie für die Schattenseiten, für den Teufel, der uns an allem zweifeln, uns nie ganz zufrieden sein lässt? Die Bilder gibt es immer als Paare. Wie immer die schwarzweißen Gemälde genau zu interpretieren sein mögen, in irgendeiner Weise präsentieren sie sich als Reflexion, als Relativierung, als skeptischer Kommentar zur farbigen Liebe. Liebesbriefe, b.pe, 2008, Acryl auf Papier, 150cm 95cm, Kosmos Theater Wien Georg Deutsch, Jänner 2009