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Transkript:

WOHNEN OHNE MIETE In der niederländischen Hauptstadt Amsterdam gibt es nicht genug Wohnungen. Deswegen leben viele Studenten dort in Häusern, ohne einen Mietvertrag zu haben. Die Besetzung von leer stehenden Häusern ist in den Niederlanden nicht verboten. In der Politik diskutiert man darüber, ob es auch in Zukunft noch erlaubt sein soll oder nicht. MANUSKRIPT ZUM VIDEO Dieses Gespräch wäre in anderen Ländern verboten: Wessel de Boer erklärt Studierenden, wie sie am besten ein leeres Haus besetzen. "Kraken" heißt das auf Holländisch und ist in den Niederlanden erlaubt. Einmal in der Woche bietet Wessel de Boer in seinem besetzen Haus diese "Kraker"-Sprechstunde an. Der Andrang ist groß: STUDENTIN: "Ich bin in Amsterdam geboren und es ist sehr schwierig, hier eine Wohnung zu finden. Ich hatte bisher immer nur Mietverträge für drei Monate oder weniger. Dann musste ich wieder umziehen. Das 'Kraken' ist für mich der letzte Ausweg." Dieses Haus hat Wessel de Boer gemeinsam mit seinen Freunden vor über einem Jahr besetzt. Seitdem prangt das "Kraker"-Zeichen an der Fassade. Die einzige Voraussetzung für eine legale Besetzung: Das Haus muss seit einem Jahr leer stehen. Wessel de Boer hält regelmäßig Ausschau nach neuen Gebäuden. Er schätzt, dass allein in Amsterdam über 9000 Studierende auf Wohnungssuche sind. Dieses alte Trambahn-Depot kommt für eine Besetzung in Frage. Die Auswahl ist groß. Denn leere Gebäude gibt es viele in Amsterdam. Nur vermietet werden die selten. WESSEL DE BOER (Student): "Ein Grund für die Wohnungskrise in Amsterdam ist die Spekulation mit Immobilien. Die Besitzer sehen ihre Wohnungen nur als Geldmaschine und wollen sie gar nicht vermieten. Sie lassen sie jahrelang leer stehen, damit ihr Wert steigt, und verkaufen sie dann weiter." Im Amsterdamer Zentrum sind die Immobilien-Preise in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Ein Zimmer ohne Bad kostet schon mal 400 Euro. Für Studenten wie Wessel de Boer ist "Kraken" die einzige Möglichkeit, eine ordentliche Bleibe zu finden. Aber Seite 1 von 5

damit soll Schluss sein. Die Politiker im Den Haager Parlament wollen das "Kraken" ein für allemal verbieten. Eine Gruppe um die rechtsliberale Abgeordnete Brigitte van der Burg hat ein entsprechendes Gesetz vorgeschlagen: BRIGITTE VAN DER BURG (Abgeordnete der Volkspartei für Freiheit und Demokratie): "Wir finden, dass das Recht auf Eigentum ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaftsordnung ist, und es muss besser geschützt werden. Hände weg von fremden Sachen! Das ist die Botschaft des Gesetzes." Ein Problem für Studierende oder andere Niederländer mit geringem Einkommen sieht die Abgeordnete nicht. BRIGITTE VAN DER BURG: "In den Niederlanden haben wir genügend Sozialwohnungen: 2,4 Millionen. Das macht ein Drittel aller Wohnungen aus. Wir kümmern uns also ausreichend um die Leute mit niedrigem Einkommen." Wessel de Boer hat andere Erfahrungen gemacht. Er hat Stadtplanung studiert und sieht das "Kraken" als Teil einer besseren Stadtpolitik: WESSEL DE BOER: "Mich haben Städte schon immer fasziniert, vor allem wie Städte die Menschen beeinflussen und umgekehrt. Das einzige Problem ist, dass ich während des Studiums vor allem gelernt habe, wie Städte für die Reichen gestaltet sein müssen. Unsere Hausbesetzungen sind ein guter Weg sicherzustellen, dass die Stadt für alle offen ist, nicht nur für die, die Geld haben." Deshalb wollen er und seine Freunde für's "Kraken" kämpfen. Am Abend machen sie sich auf zu einer Demonstration im Zentrum von Amsterdam. Die "Kraker" und ihre Unterstützer wollen den Politikern zeigen, dass für sie die besetzen Häuser lebenswichtig sind. Und sie machen klar, dass sie nicht klein beigeben werden. WESSEL DE BOER: "Das 'Kraken' wird nicht aufhören. Auch in anderen Ländern werden Häuser besetzt, obwohl es dort bereits illegal ist. Wir werden garantiert weitermachen." Seite 2 von 5

Das Gesetz, das sie verhindern wollen, liegt jetzt beim niederländischen Senat. Wann darüber abgestimmt wird, ist noch nicht klar. Aber ein paar Monate Aufschub haben die Hausbesetzer schon bekommen. Denn die Politiker werden wohl in jedem Fall die Wahlen im Juni abwarten. Seite 3 von 5

GLOSSAR etwas besetzen hier: die Tatsache, dass man in einem Gebäude wohnt, ohne das offizielle Recht dazu zu haben (Substantiv: die Besetzung) Andrang, der hier: die Nachfrage Ausweg, der die Lösung prangen sehr gut sichtbar sein Fassade, die die äußere Seite eines Gebäudes legal gesetzlich; erlaubt illegal leer stehen nicht bewohnt sein schätzen hier: eine ungefähre Zahl sagen; vermuten Trambahn, die die Straßenbahn Depot, das der Ort, an dem etwas aufbewahrt wird in Frage kommen eine Möglichkeit sein Auswahl, die die sich bietenden Möglichkeiten Wohnungskrise, die die Tatsache, dass es nicht genug Wohnungen gibt Spekulation, die hier: die Tatsache, dass man etwas kauft und hofft, dass der Wert steigt, damit man es teuer wieder verkaufen kann Immobilie, die das Gebäude ordentlich hier: richtig, geeignet Bleibe, die umgangssprachlich für: die Wohnung damit ist Schluss hier: das muss aufhören ein für allemal komplett; für immer Seite 4 von 5

rechtsliberal so, dass man einer liberalen politischen Orientierung angehört Sozialwohnung, die die Wohnung, die der Staat ärmeren Bürgern und Bürgerinnen für weniger Geld zur Verfügung stellt etwas macht etwas aus etwas ist ein besonderes Merkmal von etwas etwas fasziniert jemanden etwas lässt jemanden staunen umgekehrt anders herum etwas gestalten etwas nach einer bestimmten Vorstellung entwickeln oder formen sicherstellen, dass dafür sorgen, dass sich aufmachen losgehen, starten klein beigeben aufgeben illegal nicht erlaubt; vom Gesetz verboten legal garantiert auf jeden Fall Senat, der der Teil des niederländischen Parlaments, in denen die Politiker aus den Provinzparlamenten sitzen Aufschub, der Tatsache, dass etwas zeitlich nach hinten verlegt wird etwas abwarten warten, bis etwas passiert ist Seite 5 von 5