Autobiographische Comics

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1 Autobiographische Comics Solange Comics dem Bereich der Trivialliteratur zugeordnet wurden und damit vor allem eskapistische Zwecke zu erfüllen schienen, konnte für autobiografische Geschichten kein Platz sein, denn der Blick aufs eigene Leben ist notwendig realistisch sonst wären die Bedingungen für eine Autobiografie nicht erfüllt. Gezeichnete Autobiografien sind deshalb ein ästhetisches Emanzipationssignal, und es ist nicht überraschend, dass im lange Zeit comicskeptischen deutschen Sprachraum die entsprechende Entwicklung später einsetzte als etwa in den Vereinigten Staaten oder Frankreich. Die beiden wichtigsten Protagonisten waren dabei die Comic-Autoren Flix (Felix Görner) und Mawil (Markus Witzel). Flix allerdings berichtete in Held (erschienen 2003) noch über die Gegenwart hinaus und imaginierte sein Leben bis hin zum Tod, ehe er 2006 mit seiner Comic- Strip-Reihe Heldentage dann ein gezeichnetes Tagebuch begann und damit die strengste Form der Autobiografie wählte allerdings im durch die Serie vorgegebenen Umfang von nicht mehr als einer Seite täglich. Mawil wiederum erzählte in Wir können ja Freunde bleiben ausgehend von seiner Kindheit in der DDR, von den eigenen amourösen Avancen und wählte damit nur einen kleinen (wenn auch wichtigen) Ausschnitt seines bisherigen Lebens als Gegenstand. Flix geboren in Münster / studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken und an der Escola Massana in Barcelona / Dozentenstelle für Zeichnen an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken / freiberuflich tätig als Comic-Zeichner, Cartoonist und Illustrator / lebt und arbeitet in Berlin Mawil geboren in Ost-Berlin / Kommunikationsdesign-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee / 1999 Mitbegründer der Comic-Gruppe Monogatari / freiberuflich tätig als Comic-Zeichner, Cartoonist und Illustrator / lebt und arbeitet in Berlin 1

2 Autoren-Comics Ein Autorencomic ist eine Bildgeschichte, für deren Szenario, Zeichnung, gegebenenfalls auch Kolorierung ein und derselbe Künstler zuständig ist. Und wie im Film verknüpfen sich mit dieser Vorstellung auch hier die eines höheren künstlerischen Anspruchs, einer individuelleren Erzählform und persönlicheren, oft autobiografischen Thematik, schließlich meist auch einer unabhängigen Ökonomie jenseits des Mainstreams. Die neue Konjunktur, die Begriffe wie Autorencomic und mehr noch Graphic Novel in Deutschland in den letzten Jahren hatten, hat allerdings weniger mit dem Verhältnis zum Comic- Mainstream zu tun als vielmehr mit der Rückbesinnung auf das erzählerische Moment des Comics: Junge Zeichnerinnen und Zeichner wie Arne Bellstorf, Tim Dinter, Jens Harder, Sascha Hommer, Line Hoven, Claire Lenkova, Mawil oder Kati Rickenbach erzählen in ihren Comics alltägliche Geschichten über die Pubertät, das Flirten, die erste Band oder deutsch-amerikanische und deutschdeutsche Familienverstrickungen oder nutzen die Bildgeschichte als Medium für kleine Reportagen. Dass sie ihre Comics im Normalfall selbst texten und ausarbeiten, ist für die jungen Zeichnerinnen und Zeichner eine Selbstverständlichkeit. Begriffe wie Autorencomic oder Graphic Novel sind damit zu Schlagwörtern zur Klassifizierung und Vermarktung geworden, mit denen man sich vom einstigen Schundimage des Comics absetzt. Arne Bellstorf geboren in Dannenberg / Illustrations- und Kommunikationsdesign-Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg / seit 2004 Mitherausgeber der Comic Anthologie Orang / 2004 mit Sascha Hommer Gründung des Verlags Kiki Post / freiberuflich tätig als Comic- Zeichner und Illustrator / lebt und arbeitet in Hamburg Jens Harder geboren in Weißwasser-Oberlausitz / Kommunikationsdesign- Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee / 1999 Mitbegründer der Comic- Gruppe Monogatari / Meisterschüler an der Kunsthochschule Berlin- Weißensee / seit 2004 freiberuflich tätig als Comic-Zeichner und Illustrator / lebt und arbeitet in Berlin 2

3 Sascha Hommer geboren in Filderstadt / Studium der Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg / seit 2002 Herausgeber der Comic-Anthologie Orang / 2004 mit Arne Bellstorf Gründung des Verlags Kiki Post / freiberuflich tätig als Comic-Zeichner und Illustrator, auch unter dem Pseudonym Pascal D. Bohr / lebt und arbeitet in Hamburg Line Hoven geboren in Bonn / Assistentin für Kostum- und Buhnenbild am Staatstheater Kassel / zweijähriges Studium der Visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel / im Anschluss Studium der Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg / freiberuflich tätig als Comic-Zeichnerin und Illustratorin / lebt und arbeitet in Hamburg Ulf K geboren in Oberhausen / 1989 Kommunikationsdesign- Studium an der Folkwang Hochschule Essen / freiberuflich tätig als Comic-Zeichner und Illustrator / 1997 Gründung des Eigenverlags Ubu Imperator / lebt und arbeitet in Düsseldorf Reinhard Kleist geboren in Hurth-Köln / Studium an der Fachhochschule für Grafik und Design in Münster / freiberuflich tätig als Comic-Zeichner und Illustrator / lebt und arbeitet in Berlin 3

4 Avantgarde Die Existenz einer deutschen Comic-Avantgarde verdankt sich paradoxerweise vor allem einem Land, das Comics ideologisch bekämpft hat: der DDR. Nicht, dass es dort keine Comics gegeben hätte, aber sie wurden als Bildergeschichten bezeichnet und nur deshalb geduldet, um der westlichen Konkurrenz etwas entgegenzusetzen. Gerade dieses Misstrauen machte Comics für junge ostdeutsche Künstler interessant, und direkt nach der Wende von 1989 gründeten vier von ihnen, Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth, Holger Fickelscherer und Detlef Beck, eine Gruppe namens PGH Glühende Zukunft, die zur Keimzelle der Berliner Comic-Avantgardisten wurde. Besonders deren Rückgriff auf die Ästhetik des Expressionismus war auffällig. Damit wurde eine im Ausland als typisch deutsch angesehene Kunstrichtung in die Comics integriert. Martin tom Dieck geboren in Oldenburg / Studium der Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung Hamburg / freiberuflich tätig als Comic-Zeichner und Illustrator / seit 2009 Professur für Illustration an der Folkwang Hochschule Essen / lebt und arbeitet in Hamburg Anke Feuchtenberger geboren in Ost-Berlin / Studium der Gebrauchsgrafik und Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin- Weißensee / 1989 Mitbegründerin der kurzlebigen Künstlergruppe PGH Glühende Zukunft / freiberuflich tätig als Comic-Zeichnerin und Illustratorin / seit 1997 Professur für Illustration am Fachbereich Gestaltung der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg / 2008 mit Stefano Ricci Gründung des MamiVerlags / lebt und arbeitet in Hamburg und Quilow Henning Wagenbreth geboren in Eberswalde / Grafikdesign-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee / 1989 Mitbegründer der kurzlebigen Künstlergruppe PGH Glühende Zukunft / freiberuflich tätig als Grafiker und Illustrator / seit 1994 Professur für Illustration und Grafikdesign im Studiengang Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin / lebt und arbeitet in Berlin 4

5 Historiencomics Es ist kein Zufall, dass die Anfänge einer kritischen Auseinandersetzung mit Comics in die Sechziger-, Siebzigerjahre fallen eine Zeit, in der man begann, Massen- und Unterhaltungsmedien als Chiffren des gesellschaftlichen Bewusstseins, als Manipulationsinstrumente der Kulturindustrie zu deuten, aber auch als Spielmaterial zu nutzen. Als Mittel der Agitation wurden Comics im Gegensatz zur gleichzeitig wiederentdeckten proletarischen Literatur im deutschsprachigen Raum jedoch kaum eingesetzt. Politische Comics haben sich damit ein ähnliches wenn auch deutlich kleineres Marktsegment und eine ähnliche Ästhetik erschlossen wie das populäre Sachbuch und der Erfahrungsbericht. Auch aufklärerisch verstandene Comics gerade für jüngere Leser erfreuen sich einer neuen Beliebtheit. Schon 1996 zeichnete Isabel Kreitz eine Bildgeschichte über Rechtsextremismus, die die Hamburger Landeszentrale für politische Bildung vertrieb. Isabel Kreitz 1967 geboren in Hamburg / 1988 Studium der Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung Hamburg / 1990 Gastsemester an der Parsons School of Design New York / freiberuflich tätig als Comic-Zeichnerin und Illustratorin / lebt und arbeitet in Hamburg 5

6 Mangas Noch vor 15 Jahren hätte man es kaum für möglich gehalten, dass japanische Comics einmal weltweite Verbreitung finden würden. Heute gehören sie in einem Maße zum Alltag Jugendlicher, dass ihre Bildsprache sogar bei deutschem Aufklärungsmaterial zum Einsatz kommt: So wirbt eine Manga-Story mit dem Titel First Love, Safety First! für den Gebrauch von Kondomen, und das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen bedient sich des Manga-Stils, um mit Bildungscomics über Rechtsextremismus aufzuklären. Doch von dem Manga kann selbst im deutschsprachigen Raum keine Rede sein. Es fällt auf, dass viele junge Frauen, die deutschsprachige Manga veröffentlichen, einen kulturell hybriden Hintergrund haben: Judith Park stammt aus Südkorea, Ying Cheng Zhou aus China, und DuO ist ein ukrainisch-polnisches Team. Christina Plaka geboren in Offenbach / seit 2002 Veröffentlichung von Manga-Geschichten / freiberuflich tätig als Comic-Zeichnerin und Illustratorin / studiert Japanologie und Romanistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main / lebt und arbeitet in Offenbach 6

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