Syntax und Semantik: Argumentstruktur
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- Detlef Brahms
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1 Morphologie und Syntax (BA) Syntax und Semantik: Argumentstruktur PD Dr. Ralf Vogel Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft Universität Bielefeld, SoSe / 43
2 Gliederung I 1 Übungsaufgabe 9 2 Argumentstruktur 3 Semantische Restriktionen 4 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung 2 / 43
3 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 1 Das Dänische bildet definite Nominal-Phrasen mit einem Affix: (1) en bil ein Auto ; bilen Auto-das, das Auto Wenn man jedoch ein Adjektiv hinzufügt, ist das Definitheitsaffix nicht mehr möglich, und ein Artikel muss verwendet werden: (2) den røde bil das rote Auto ; *røde bilen rote Auto-das Wir beobachten also auch hier eine Arbeitsteilung zwischen Morphologie und Syntax, zwischen analytischer und synthetischer Konstruktion. Stellen Sie die Syntax der dänischen Nominal-Phrase mithilfe des DP-IP-Schemas dar. Welche Bewegungsprozesse muss man dafür annehmen? 4 / 43
4 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 Wir können die dänische DP ähnlich wie die englische IP analysieren. Auch hier beobachten wir die komplementäre Verteilung von Funktionswort und Affix, die wir nun beide unter D 0 einsetzen. Das Affix muss dann in einem syntaktischen Bewegungsprozess zum N-Kopf hinunter bewegt werden: (i) DP (ii) DP D 0 NP D 0 NP en ein N 0 bil Auto t i N 0 bil D 0 -en das 5 / 43
5 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 2 Die Bindungs-Prinzipien A, B und C lassen sich einigermaßen auf das Deutsche übertragen. Analysieren Sie die Bindungsrelationen in den folgenden Sätzen: (3) a. Maria i wäscht sich i /*sie i b. Peter i glaubt, dass Maria k ihn i /*sich i nicht leiden kann. c. Maria i hat Holgers k Lügen über sie i /*sich i nicht geglaubt. (3-a) Die Anapher ist Akkusativ-Objekt, wird vom koindizierten Subjekt c-kommandiert, und ist deshalb gebunden. Also ist ein Pronomen in dieser Position ausgeschlossen (wegen Prinzip B). (3-b) Der durch dass eingeleitete Nebensatz enthält das Subjekt Maria und das Verb leiden, das das Pronomen/die Anapher regiert. Das Antezedens Peter ist außerhalb dieser Bindungsdomäne, also liegt keine Bindung vor, das Pronomen ist möglich, die Anapher ist ausgeschlossen. 6 / 43
6 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 (3-c) Maria i hat Holgers k Lügen über sie i /*sich i nicht geglaubt. Die Anapher/das Pronomen ist innerhalb einer DP, in der ein Subjekt enthalten ist, Holgers. Mit der Präposition über haben wir darin auch einen Regenten für Anapher bzw. Pronomen. Also ist diese DP die Bindungsdomäne. 3 Welchen der beiden folgenden Sätze finden Sie besser, und wie könnte man das mit der Bindungstheorie erklären? (4) a. Holger k hat Maria i bei ihr i zuhause besucht. b. Holger k hat Maria i bei sich i zuhause besucht. Eigentlich kann man beide Sätze in (4) als nicht sehr gelungen bezeichnen. Das Antezedens Maria ist Akkusativ-Objekt, das Reflexiv-Pronomen ist in einer PP enthalten, die mit dem Adverb zuhause eine Ortsangabe bildet, die als Adverb an VP adjungiert ist. Die Ausgangsstruktur (=D-Struktur) ist also die Folgende: 7 / 43
7 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 IP DP I Holger I 0 VP hat AdvP VP PP Adv 0 DP i V 0 P 0 DP i zuhause Maria besucht In dieser D-Struktur wird die Anapher vom Antezedens nicht c-kommandiert, also nicht gebunden. Allerdings entspricht dieser Baum auch nicht der eigentlichen Oberflächenabfolge, da die DP Maria dem Adverb bei sich zuhause folgt. bei sich ihr 8 / 43
8 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 IP DP I Holger I 0 VP hat DP i VP Maria AdvP VP PP Adv 0 t i V 0 P 0 DP i zuhause besucht Das Akkusativ- Objekt ist in dieser S-Struktur an VP adjungiert. Nun ist die Anapher durch das Antezedens c-kommandiert, und damit auch gebunden. bei sich ihr 9 / 43
9 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 (5) a. Holger k hat Maria i bei ihr i zuhause t besucht. b. Holger k hat Maria i bei sich i zuhause t besucht. Halten wir also Folgendes fest: Auf der D-Struktur liegt keine Bindung vor, da hier die DP Maria noch an der Position der Spur t steht. Damit wäre hier das Pronomen durch die Bindungstheorie erlaubt, die Anapher verboten. Auf der S-Struktur liegt Bindung vor, die Anapher ist hier erlaubt, aber das Pronomen verboten. Welche der beiden Ebenen soll nun relevant sein für die Bindung? Es sind für beide Sichtweisen Argumente vorgebracht worden. Ein Vorschlag für das Deutsche ist, dass die Bindungs-Prinzipien nur einmal erfüllt sein müssen, um als generell erfüllt betrachtet zu werden. Dadurch wäre es hier möglich, Anapher und Pronomen zu verwenden. Andererseits könnte auch die bloß teilweise Erfüllung der Bindungs-Prinzipien Grund dafür sein, dass wir beide Sätze nicht besonders gelungen finden. Generell: Bewegungs-Schritte können Bindungs-Relationen verändern. Wir müssen dies bei der Formulierung der Bindungstheorie berücksichtigen. 10 / 43
10 Übungsaufgabe 9 Übungsaufgabe 9 4 Eine bemerkenswerte Beobachtung ist, dass Reflexiv-Pronomen nicht im Nominativ stehen können, also dass Formen wie bspw. Englisch heself, sheself nicht existieren, und zwar in keiner Sprache. Wie könnte man das mithilfe der Bindungstheorie erklären? Wenn eine DP im Nominativ steht, dann ist sie von einem finiten INFL regiert und steht im Spezifikator einer IP. Damit ist diese IP auch zugleich die Bindungsdomäne für das Subjekt. Innerhalb dieser IP gibt es nun keine andere Konstituente, die das Subjekt c-kommandiert. Also kann eine in dieser Position stehende Anapher auch nicht innerhalb der IP von einem Antezedens gebunden werden. Also kann es keine Nominativ-Anaphern geben. 11 / 43
11 Argumentstruktur Subkategorisierung In einer früheren Sitzung haben wir das Konzept der Subkategorisierung kennengelernt. Es geht hierbei vor allem darum, mit welchen Beifügungen ein Verb auftreten muss. Man spricht hier auch von der Stelligkeit oder Valenz (= Wertigkeit, aus der Chemie entlehnt) eines Verbs und seinem Valenzrahmen. Da die Gegenwart eines Subjekts von der Finitheit des Verbs abhängt, betrifft dies insbesondere die anderen Beifügungen: (6) a. Maria lud Heu auf den Wagen. b. Holger traute niemandem. c. Sonja wohnte in Sieker. Die grün und blau hervorgehobenen Beifügungen können nicht weggelassen werden. Solche lexikalischen Selektionseigenschaften sind im Lexikoneintrag der betreffenden Verben als Subkategorisierungsrahmen festgehalten. 13 / 43
12 Argumentstruktur Subkategorisierungsrahmen Bei der Notation verbaler Subkategorisierungsrahmen wird der Nominativ weggelassen, da er nicht vom Verb, sondern von der Kategorie I (oder INFL) abhängt. laden: [ DP Akkusativ PP direktional ] trauen: [ DP Dativ ] wohnen: [ PP positional ] Das Subjekt wird auch als externes Argument bezeichnet. Alle anderen Elemente sind interne Argumente. Der Begriff des Arguments kommt aus der Prädikatenlogik. Verben werden als prädikate oder Funktoren aufgefasst, die eine bestimmte Zahl an Argumenten nehmen. Diese Subkategorisierungsrahmen sind oft nicht willkürlich, sondern haben mit semantischen Eigenschaften der Verben zu tun: LADEN ist eine dreistellige Relation: Eine Person (oder Maschine) X läd eine Sache Y an oder in einen Ort Z. Man kann sich die Bedeutung dieses Verbs als eine Art Spielszene mit drei Akteuren vorstellen. 14 / 43
13 Argumentstruktur Argumentstruktur Die semantischen Argumente eines Verbs werden in der Argumentstruktur repräsentiert. Jedes dieser Argumente hat eine thematische (oder semantische) Rolle. Diesen thematischen Rollen geben wir Namen, die individuell auf das Verb zugeschnitten sein können: Verb Arg.-Struktur Subkat.-Rahmen LADEN Ladender, Zu-ladendes, Ziel DP Akk PP Dir TRAUEN Vertrauender, Vertrauen-Empfänger DP Dat WOHNEN Wohnender, Wohnort PP Pos Solche Rollenbezeichnungen nennen wir individuelle thematische Rollen, da sie für Verben individuell vergeben werden. Es ist allerdings gebräuchlicher, thematische Rollen in einige wenige Kategorien zusammenzufassen, die universalen thematischen Rollen. 15 / 43
14 Argumentstruktur Universale thematische Rollen Die Menge der universalen thematischen Rollen ist bei verschiedenen Autoren verschieden groß. Dies sind die gängigsten: Agens Der/die Handelnde, Agierende einer durch ein Verb beschriebenen Handlung. Instrument Ein unbelebtes Mittel zur Ausführung einer Handlung, auch die Ursache eines Ereignisses. Thema Der meist unbelebte Gegenstand einer Handlung (auf den sie sich bezieht), ein Gegenstand, der sich bewegt oder dessen Position oder Eigenschaften beschrieben werden. Patiens Der belebte Gegenstand einer Handlung (manchmal unter Thema subsumiert). Ziel Typischerweise das Ziel einer Bewegung. Empfänger Person, die von einem Ereignis profitiert, auch die Person, an die sich eine Handlung richtet (manchmal unter Ziel subsumiert). Ort Eine Ortsangabe. Experiencer Person, die den vom Verb beschriebenen psychischen Zustand einnimmt. 16 / 43
15 Argumentstruktur Universale thematische Rollen Die Rollen unserer drei betrachteten Verben können wir wie folgt klassifizieren: Verb Arg.-Struktur Subkat.-Rahmen LADEN Agens, Thema, Ziel DP Akk PP Dir TRAUEN Experiencer, Empfänger?Patiens? DP Dat WOHNEN Thema?Patiens?, Ort PP Pos Die Einstufung in universale Rollen erfolgt oft intuitiv. Wie in der Tabelle zu sehen, ist sie auch nicht immer eindeutig. Wir hatten bereits Verben in intransitive (einstellige), transitive (zweistellige) und ditransitive (dreistellige) Verben unterteilt. Mithilfe der thematischen Rollen lassen sich hier noch einmal Unterklassen bilden. 17 / 43
16 Argumentstruktur Verb-Klassen Folgende intransitive Verben verleihen ihren Subjekten verschiedene thematische Rollen: (7) a. Maria lachte (AGENS) b. Ein Zug traf ein (THEMA) c. Peter friert (EXPERIENCER) Die Umwandlung des Verbs in ein Partizip Perfekt, das als adjektivisches Attribut des Subjekts verwendet wird, ist nur mit THEMA-Verben möglich: (8) a. *die gelachte Maria b. der eingetroffene Zug, der abgefahrene Zug, der angekommene Zug etc. c. *der gefrorene Peter (in der Bedeutung von (7-c)) Der Vorzug allgemeiner Rollen-Kategorien liegt darin, dass man Beobachtungen dieser Art ausdrücken kann. Wenn wir die Rollen der Subjekte der Verben in (8-b) nur individuell bezeichnen würden, könnten wir die Beobachtung in (8-b) nicht auf etwas den Verben Gemeinsames zurückführen. 18 / 43
17 Argumentstruktur Verb-Klassen Bei den transitiven Verben mit Akkusativ-Objekt können wir eine Reihe unterschiedlicher Verben klassifizieren, zum Beispiel die folgenden: (9) a. Handlungsverben: (i) Maria baute ein Haus (AGENS THEMA) (ii) Thomas besiegte Roger (AGENS PATIENS) (iii) Der Stein zerschlug die Scheibe (INSTRUMENT THEMA) (iv) Der Pfeil verletzte den Hasen (INSTRUMENT PATIENS) b. Wahrnehmungs- und psychologische Verben: (i) Mozart hörte Musik (EXPERIENCER THEMA) (ii) Die Musik ärgerte Mozart (THEMA EXPERIENCER) c. Verben des Sagens und Meinens: (i) Sonja erzählte eine Geschichte (AGENS THEMA) (ii) Hubert glaubt, dass es regnet (AGENS THEMA) d. Bewegungsverben: (i) Die Regierung erhielt einen Brief (ZIEL THEMA) (ii) Der Brief erreichte die Regierung (THEMA ZIEL) 19 / 43
18 Argumentstruktur Verb-Klassen Zweistellige Verben mit Dativ-Objekt: (10) a. Handlungsverben: (i) Roger half dem Platzwart (AGENS PATIENS) (ii) Der Regen nützt den Blumen (INSTRUMENT PATIENS) (iii) Sonja widersprach dem Lehrer (AGENS PATIENS) b. Ereignisbezogene Verben: (i) Der Kuchen gelang mir (THEMA AGENS) (ii) Der Wurf glückte mir (THEMA AGENS) c. Psychologische Verben: (i) Das Spiel gefällt mir (THEMA EXPERIENCER) (ii) Der Rat leuchtet mir ein (THEMA EXPERIENCER) d. Besitz-Verben: (i) Das Auto gehört mir (THEMA EMPFÄNGER) (ii) Die Zeit fehlt mir (THEMA EMPFÄNGER) 20 / 43
19 Argumentstruktur Verb-Klassen Eine Gruppe dreistelliger Verben hat neben dem Subjekt ein Akkusativ-Objekt und eine Richtungsangabe, die im Dativ stehen kann oder als PP realisiert ist. (11) a. Sie schickte es ihm (THEMA ZIEL) b. Sie schickte es an ihn (THEMA ZIEL) c. Sie schickte es zu ihm (THEMA ZIEL) Diese Verben beschreiben eine verursachte Bewegung. Ähnliche Verben sind bringen, senden, nehmen, stehlen.... In der Variante mit Dativ-Objekt ist auch noch ein Besitzwechsel eingeschlossen. Einige andere Verben der verursachten Bewegung erlauben keinen Dativ als Zielangabe: (12) a. Sie legte es auf ihn/*ihm (THEMA ZIEL) b. Sie stellte es auf ihn/*ihm (THEMA ZIEL) 21 / 43
20 Argumentstruktur Verknüpfung von Rollen und Kasus Allerdings haben die Verben legen und stellen auch üblicherweise ein unbelebtes ZIEL-Argument und Dativ-Objekte sind meistens belebt. Bei diesen Verben finden wir eine systematische Verknüpfung von Rollen und Kasus. (13) a. Besitzwechsel-Verben: THEMA=AKKUSATIV ; ZIEL = DATIV b. Verben der verursachten Bewegung: THEMA = AKKUSATIV ; ZIEL = PP Dir Diese Verknüpfung von thematischer Rolle und subkategorisierter Konstituente nennt man auch Linking. 22 / 43
21 Argumentstruktur Passiv Mit welchem Kasus die thematischen Rollen verlinkt sind, hängt aber auch am sogenannten Genus verbi im Deutschen können Verben im Aktiv oder im Passiv stehen: (14) a. Aktiv: Sonja hat das Buch dem Kind geschenkt. NOM b. Passiv: Das Buch NOM AKK DAT wurde von Sonja PP von dem Kind geschenkt. DAT Beim Passiv wird das Akkusativ-Objekt des Aktiv-Satzes zum Subjekt, und das ursprüngliche Subjekt kann weggelassen werden oder steht in einer mit von gebildeten PP. Beim sogenannten Rezipienten-Passiv wird statt dem Akkusativ-Objekt das Dativ-Objekt des Aktiv-Satzes zum Subjekt: (15) Das Kind hat von Sonja das Buch geschenkt bekommen. 23 / 43
22 Semantische Restriktionen Agentivität beim Passiv Passive lassen sich mit den meisten Verben bilden, die Akkusativ zuweisen, es gibt aber auch semantische Einschränkungen: (16) a. (i) Beethoven ärgerte Mozart. (ii) Mozart wurde von Beethoven geärgert. b. (i) Der Vorschlag ärgerte Mozart. (ii) *Mozart wurde von dem Vorschlag geärgert. In (16-a,ii) hat Beethoven etwas getan, um Mozart zu ärgern. Das ist in (16-a,i) nicht notwendigerweise der Fall. Die Unmöglichkeit der Passivierung in (16-b) hängt damit zusammen, dass Vorschlag ein Abstraktum ist, das also nicht tätig werden kann. Voraussetzung für Passivierung ist also eine gewisse Agentivität des Subjekts des Aktiv-Satzes. 25 / 43
23 Semantische Restriktionen Faktive Verben Nebensätze können bei vielen Verben die Form von Hauptsätzen haben: (17) a. Peter glaubt, dass es regnet. b. Peter glaubt, es regnet Diese Alternation finden wir nicht bei sogenannten faktiven Verben. (18) a. Du bedauerst bestimmt, dass es gestern geregnet hat. b. *Du bedauerst bestimmt, es hat gestern geregnet c. Peter leugnete, dass er schwarz gefahren war. d. *Peter leugnete, er war schwarz gefahren. Faktive Verben wie bedauern, leugnen werden so genannt, weil das Nebensatz-Komplement dieser Verben eine Tatsache beschreibt. 26 / 43
24 Semantische Restriktionen Der freie Dativ Nicht alle Kasus sind von einem Verb selegiert. Im Deutschen gibt es das Phänomen des freien Dativs ein Dativ-Objekt kann bei Sätzen mit Handlungsverben oft frei zugefügt werden. (19) a. (i) Maria backte Kuchen. (ii) Maria backte dem Peter einen Kuchen. b. (i) Helga legte das Buch auf den Tisch. (ii) Helga legte dem Lehrer das Buch auf den Tisch. c. (i) Martha sang ein Lied. (ii) Martha sang dem Kind ein Lied. Die Sätze wären auch ohne Dativ-Objekt wohlgeformt. Die Verben selegieren also kein Dativ-Objekt. Die Dativ-Objekte sind hier Personen, die von der beschriebenen Handlung in irgendeiner Weise profitieren. Wir subsumieren diese Rollen unter der universalen Rolle EMPFÄNGER. 27 / 43
25 Semantische Restriktionen Konstruktionen Mit einem Subkategorisierungsrahmen ist oft ein prototypisches Bedeutungsmuster verbunden. Das können wir daran sehen, dass wir ein erfundenes Verb mit einem solchen Kasusrahmen verbinden: (20) a. Helga schlunzte der Verkäuferin eine Karte b. Sonja schlunzte das Buch auf das Regal In (20-a) könnte schlunzen so etwas wie herstellen bedeuten, oder so etwas wie geben. In (20-b) könnte schlunzen so etwas legen bedeuten. In beiden Fällen haben wir also Handlungen, Besitzwechsel in (20-a), verursachte Bewegung in (20-b). Diese Interpretationen werden dadurch hervorgerufen, dass wir die in solchen Fällen typischen Subkategorisierungsrahmen vorfinden. Man kann dies so verstehen, dass solche Subkategorisierungsrahmen ein gewisses Eigenleben führen, wir nennen dies Konstruktionen. 28 / 43
26 Semantische Restriktionen Konstruktionen Es ist also nicht nur so, dass in den Lexikoneinträgen von Verben festgehalten ist, welche Menge von Beifügungen bei Ihnen stehen muss. Man kann auch umgekehrt sagen, dass eine bestimmte Menge von Beifügungen eine bestimmte semantische Verbklasse verlangt, bspw. ein Besitzwechselverb. Oder: Dadurch, dass ein Verb mit einer bestimmten Konstruktion auftritt, bekommt es eine andere Bedeutung. (21) Das Auto quietschte die Strasse hinunter. Das Verb quietschen könnte man als Geräuschverb klassifizieren. In (21) ist es aber mit dem für Bewegungsverben typischen Subkategorisierungsrahmen verbunden. Die Bedeutung des Satzes als Ganzem beinhaltet beide Aspekte: Bewegung und Geräusch, d.h. Verb-Bedeutung und Konstruktionsbedeutung werden hier kombiniert. 29 / 43
27 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Typologie: Grammatische Funktionen und Kasus Universale Rollenkonzepte sind auch nützlich bei der typologischen Klassifizierung. Im Deutschen gibt es mit dem Nominativ einen eindeutigen Subjektkasus. So verhält es sich nicht in allen Sprachen. Der Nominativ wird auch als der einfachste, unmarkierte Kasus bezeichnet. In einer Reihe von Sprachen beobachten wir nun, dass der Nominativ nur bei den Subjekten intransitiver Verben steht. Bei transitiven Verben hat das Objekt den Nominativ und das Subjekt einen anderen Kasus. Dementsprechend unterscheiden wir zwei Gruppen von Sprachen: Nominativ-Akkusativ-Sprachen Der morphologisch einfachste Kasus wird am Subjekt intransitiver und transitiver Verben realisiert. Ergativ-Absolutiv-Sprachen Der morphologisch einfachste Kasus wird am Subjekt intransitiver und am Objekt transitiver Verben realisiert. 31 / 43
28 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Typologie: Grammatische Funktionen und Kasus Um diesen Unterschied beschreiben zu können, ist man auf eine Kasus-System-neutrale Beschreibung ausgewichen, die wo es nötig ist auf thematische Rollen rekurriert. Das Subjekt eines intransitiven Verbs wird mit S symbolisiert, bei transitiven Verben Verben verwenden wir A für das eher agentivische Argument und O für das andere (von other ). (22) unmarkierter Kasus Nom-Akk-Sprache S,A Erg-Abs-Sprache S,O Die Bezeichnung Absolutiv ist historisch so entstanden und im Grunde äquivalent zu dem, was wir unter Nominativ verstehen. Oft handelt es sich um die reine unflektierte Stammform eines Nomens. Ergativ ist die Bezeichnung für einen in diesem Sprachtyp normalerweise am Subjekt transitiver Verben auftretenden Kasus. 32 / 43
29 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Typologie: Grammatische Funktionen und Kasus (23) Yup ik (Alaska): a. Doris-aq ayallruuq Doris-ABS reiste b. Tom-am Doris-aq cingallrua Tom-ERG Doris-ABS grüßte Das Yup ik ist eines vo vielen Beispielen für eine Ergativ-Absolutiv-Sprache. Bein manchen dieser Sprachen ist das Ergativ-Absolutiv-Muster auch beschränkt. So hat das Hindi ein Ergativ-Absolutiv-Muster im Perfekt, aber ein Nominativ-Akkusativ-Muster im Präsens. Andere Muster von sogenannter split ergativity ( gespaltene Ergativität ) beziehen sich bspw. auf die grammatische Person (für 1./2. Person Ergativ-Absolutiv, sonst Nominativ-Akkusativ). 33 / 43
30 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Valenz-Reduktion: Passiv und Antipassiv Die deutschen Passiv-Konstruktionen haben wir bereits kennengelernt. Hier handelt es sich um analytische Konstruktionen: das Passiv wird mit einem Hilfsverb gebildet. Viele Sprachen haben aber auch einen morphologisch gebildeten Passiv: (24) Kalam Kohistani (Dardische Sprache, Nordwest-Pakistan) a. mur äd-ä ǰämäl bakā-y Murad-ERG Jamal.ABS schlag-perfekt Murad schlug Jamal b. ǰämäl mur äd-mā bakā-ǰ-īn Jamal.ABS Murad-ABL schlag-passiv-perfekt Jamal wurde von Murat geschlagen (ABL=Ablativ) In (24-b) handelt es sich um eine morphologische Passiv-Bildung: das Passiv-Suffix -ǰ- wird an den Verb-Stamm affigiert. 34 / 43
31 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Valenz-Reduktion: Passiv und Antipassiv Kennzeichnend für Passive ist, dass das ursprüngliche Subjekt, also das A-Argument eines transitiven Verbs, in einer Präpositional-Phrase steht oder mit einer sogenannten obliquen Kasusmarkierung realisiert wird. Obliquer Kasus Eine Kasusmarkierung gilt als oblique, wenn sie normalerweise weder das Subjekt, noch das Objekt eines transitiven Verbs markieren kann. Das O-Argument ist außerdem Subjekt eines Passiv-Satzes. Bei der Antipassiv-Konstruktion wird das O-Argument mit obliquem Kasus realisiert: (25) Yup ik (Alaska und angrenzende Regionen Russlands): a. Yero-m keme-q nere-llru-a Yero-ERG Fleisch-ABS essen-verg-3sg/3sg Yero aß das Fleisch b. Yero-q (kemer-meng) nere-llru-q Yero-ABS (Fleisch-INST) essen-verg-intrns-3sg (VERG=Vergangenheit; 3SG/3SG=Subjekt-Objekt-Kongruenz; INTRNS=intransitiv; 3SG=Subjekt-Kongruenz) 35 / 43
32 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Die Mittel-Konstruktion Passiv und Antipassiv zeichnen sich auch dadurch aus, dass das Argument, das abweichend vom Aktiv oblique realisiert wird (A im Passiv, O im Antipassiv), weggelassen werden kann. Passiv und Antipassiv sind also Verbformen, bei denen eine Reduktion des Subkategorisierungsrahmens stattfindet. Eine Konstruktion, bei der wie im Passiv das A-Argument unrealisiert bleibt, ist die sogenannte Mittel-Konstruktion: (26) Der Käse schneidet sich gut (*von mir) Kennzeichnend für die Mittelkonstruktion ist im Deutschen... 1 die Hinzufügung des Reflexiv-Pronomens sich, 2 die Hinzufügung eines Adverbs wie gut, 3 dass das O-Argument zum Subjekt wird sowie 4 dass das A-Argument gar nicht realisierbar ist. 36 / 43
33 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Unpersönliche Passiv- und Mittel-Konstruktionen Passivierung und Mittel-Bildung sind auch mit intransitiven Verben möglich. Das Passiv ist in diesem Fall subjektlos (unpersönliches Passiv): (27) a. Gestern Abend wurde viel gesungen. b. Hier wird nicht gestorben! Auch die Mittelkonstruktion kann mit intransitiven Verben gebildet werden. In diesem Fall tritt ein bedeutungsloses sogenanntes expletives Pronomen ( es ) an die Stelle des Subjekts: (28) a. Hier lebt es sich gut. b. In diesen Schuhen tanzt es sich gut. Eine Besonderheit der Mittelkonstruktion ist, dass auch vom Verb nicht selegierte Argumente Subjekt sein können: (29) a. Diese Schuhe tanzen sich gut. (Aktiv: Maria hat (in diesen Schuhen) getanzt ) b. Das Messer schneidet sich gut. (Aktiv: Maria hat (mit dem Messer) geschnitten ) 37 / 43
34 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Valenz-Erweiterung Konstruktionen und morphologische Prozesse, mit denen eine Erweiterung des verbalen Subkategorisierungsrahmens einhergeht, lassen sich auch beobachten. Bei der Kausativierung wird dem Subkategorisierungsrahmen eines Verbs ein Verursacher hinzugefügt. Wir kennen dies im Deutschen sowohl in synthetischer als auch in analystischer Form: (30) Analytischer Kausativ: a. Das Wasser kochte. b. Maria liess das Wasser kochen. Die Interpretation von (30-b) ist, das Maria das Kochen des Wassers verursachte. (31) Synthetischer Kausativ: a. Das Buch lag auf dem Tisch. b. Maria legte das Buch auf den Tisch. Die Interpretation von (31-b) ist, das Maria das Liegen des Buches verursachte. 38 / 43
35 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Kausative Im Türkischen finden wir ein verbales Kausativ-Suffix: (32) Türkisch: a. Hasan öl-dü Hasan.NOM sterben-verg Hasan starb b. Ali Hasan-t öl-dür-dü Ali.NOM Hasan-AKK sterben-kaus-verg Ali tötete Hasan Wir sehen hier, wie auch in den vorigen Beispielen, dass das Subjekt des nicht-kausativierten Verbs zum Akkusativ-Objekt des kausativen Verbs wird. Der neu eingeführte Veursacher trägt Nominativ und wird Subjekt. Das kausativierte verb ist hier intransitiv, es weist selbst keinen Kausativ zu. 39 / 43
36 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Kausative Die Kausativierung eines transitiven Verbs erfolgt anders: (33) Türkisch: a. Müdür mektub-ü imzaladı Direktor.NOM Brief-AKK unterschreiben-verg Der Direktor unterschrieb den Brief b. Dišçi mektub-ü müdür-e imzala-t-tı Zahnarzt.NOM Brief-AKK Direktor-DAT unterschreiben-kaus-verg Der Zahnarzt liess den Direktor den Brief unterschreiben Wir sehen hier, dass das Subjekt des nicht kausativierten Satzes nach der Kausativierung im Dativ steht und das ursprüngliche Akkusativ-Objekt seinen Kasus behält. Bemerkenswert ist auch, dass verschiedene Kausativ-Affixe für intransitive ( -dür- ) und transitive ( -t- ) Verben verwendet werden. Solche Unterschiede bei der Kausativierung intransitiver und transitiver Verben finden wir auch in vielen anderen Sprachen mit synthetischer Kausativierung. 40 / 43
37 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Applikative Die sogenannten Applikativ-Affixe, die man in einigen Sprachen findet, eröffnen die Möglichkeit, ein zusätzliches Objekt in den Satz einzufügen. Im Deutschen haben wir etwas Ähnliches bereits am Phänomen des freien Dativs gezeigt. (34) Kinyarwanda (Bantu-Sprache, Ruanda): Umukoôbwa a-rá-som-er-a umuhuûngu igitabo Mädchen sie-pr-lesen-appl-asp Junge Buch Das Mädchen liest dem Jungen das Buch vor (APPL=Applikativ-Affix; PR=Präsens; ASP=Aspekt, hier: andauernde Handlung) In diesem Beispiel ist das transitive Verb som ( lesen ) durch das Applikativ-Affix morphologisch erweitert worden. Wir haben ein zusätzliches Argument, einen Empfänger in unserer Terminologie. Dieser Empfänger steht auch syntaktisch in der Position des Objektes, die ansonsten von Buch, das die Thema-Rolle realisiert, eingenommen würde. 41 / 43
38 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Applikative (35) Yagua (Peru): a. s - chití-rya javanu quiichi-tya 3SG-stossen-UNBELEBT.OBJ Fleisch Messer-INST b. s - chití-tya-ra quiichi javanu 3SG-stossen-APPL-UNBELEBT.OBJ Messer Fleisch Sie durchstiess das Fleisch mit einem Messer (APPL=Applikativ-Affix; INST=Instrument; UNBELEBT.OBJ=Kongruenz ) In (35-a) ist das Messer eine oblique Beifügung. In (35-b) sehen wir das Affix tya, das vorher Kasusmarkierer war, als verbales Applikativ-Affix am Verb. Nun rückt das Instrument, das Messer an die Stelle des Objekts, die vorher von dem Thema-Argument Fleisch eingenommen war. 42 / 43
39 Typologie, Subkategorisierungsrahmenreduktion und -erweiterung Zusammenfassung Einige Selektionseigenschaften von Verben sind systematisch aus ihren semantischen Eigenschaften ableitbar. Die universalen thematischen Rollen helfen uns, Verben semantisch zu klassifizieren, und bestimmte Subkategorisierungseigenschaften abzuleiten. Das Verb bestimmt aber die Bedeutung des Satzes nicht notwendigerweise ganz alleine. Syntaktischen Konstruktionen kann eine gewissen Grundbedeutung zugesprochen werden. Außerdem gehen mit bestimmten Morphemen wie bspw. dem Dativ im Deutschen oder den vorgestellten Applikativ- und Kausativ-Affixen eigene semantische implikationen einher, die die Bedeutung des Verbs ergänzen. Wie die Argumente eines Verbs im Satz realisiert werden, und welche davon, hängt auch vom genus verbi ab: im Aktiv werden die Argumente anders realisiert als im Passiv, Antipassiv oder der Mittelkonstruktion. 43 / 43
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