INTERNET-FORUM FREIZEIT 9/2000



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Transkript:

1 INTERNET-FORUM FREIZEIT 9/2000 (vormals LBI-Newsletter) Peter Zellmann KULT, KONSUM, KIRCHE Eine aktuelle Untersuchung zu Werte-Einstellungen der ÖsterreicherInnen Horst Opaschowski (2000) verfolgte die Trendforschung in den letzten beiden Jahrzehnten sehr genau: Nach dem Spaß-Jahrzehnt der 80er Jahre hatten Trendforscher ein Sinn-Jahrzehnt für die 90er Jahre vorausgesagt. Ganz anders aber ist es gekommen. Im Sinne des in der Freizeitforschung oft beschriebenen Phänomens der gleichzeitig wirkenden Gegenpole (Opaschowski, Popp, Zellmann...) sind heute beide Komponenten für die Lebensgestaltung und Lebensplanung der Menschen gleichermaßen bedeutsam. Spaßfaktor und Sinnfaktor bilden gemeinsam im Alltag oft nebeneinander wirkend die Basis für Lebensqualität. Und damit für Wohlbefinden und Zufriedenheit. Zur Jahrtausendwende hat sich für die Menschen der Zwiespalt zwischen alten Werten und neuen Märkten weiter verstärkt. In Österreich noch deutlicher als in Deutschland. Zwar sind hierzulande Kirche und Religion (16%) im Leben genau so wichtig wie etwa die Imagemarken Marlboro (18) oder Armani (15), liegen aber doch deutlich hinter der Wertschätzung für Billa (24%) oder Adidas (31). Trotzdem sind die Bürger/innen letztlich in ihrem Lebensgefühl nachweislich gespalten: Sie wollen eben sowohl in einer Sinn- wie auch in einer Spaßgesellschaft leben, Ernst und Freude gleichermaßen erleben. Tiefgang und Oberflächlichkeit bilden keine grundsätzlichen Charaktermerkmale, sie ergänzen einander zu einem komplementären Alltagsverhalten. Und so finden sich die Menschen bei einem Mix aus Sozialempfinden und Konsum, klassischen Werten und Modetrends durchaus wohl. Der neue Freizeitmonitor 2000 gibt einen Ausblick zur Jahreswende: Neben der jährlichen Bestandsaufnahme zu den Freizeit-Aktivitäten der Österreicher/innen wird in diesem Zusammenhang erstmals der Frage nach gegangen, was im Leben interessant und erstrebenswert ist. Das können letztlich materielle Wohlstandsgüter ebenso sein wie ideelle Zielvorstellungen. Kirchgänger sind schließlich auch Gäste bei McDonalds (23%) und ein modisch gekleideter Verbraucher hat durchaus seine Wertschätzung für Greenpeace (26%).

2 An der Schwelle zum dritten Jahrtausend geben gespaltene, spontane und multioptionale Verbraucher, die sich alle Optionen offen halten wollen, den Ton an. Bei den Jungen (15 29 Jährige) finden Coca Cola (50%), gefolgt von Adidas und McDonalds (48) und Levis (41) am meisten Anklang. Aber auch das Rote Kreuz (34, Bevölkerungsdurchschnitt 43% und die Idee der Olympischen Spiele (31 / 33) haben in dieser Altersgruppe ihre Anerkennung. Bei den über 50 Jährigen stehen das Rote Kreuz (56%) und die SOS Kinderdorf Bewegung (43) besonders hoch im Kurs. Zwischen Frauen und Männern liegen in der Skala der Konsum- und Lebenswünsche oft geradezu Welten. Für Frauen haben im Vergleich zu Männern immaterielle Werte im Leben wie z.b. Kirche/Religion (21 / 10%) oder SOS Kinderdorf (38 / 27) mehr Bedeutung. Der Sport bleibt in der Wertschätzung des kommenden Jahrzehnts weiterhin Männersache: Was sich bei den Olympischen Spielen noch halbwegs partnerschaftlich anlässt ( 43 / 24) eskaliert zum Konfliktpotential bei Formel 1 (44 / 10) und Champions League (42 / 9). Was also bei der Zuschauerstatistik noch einigermaßen harmonisch interpretierbar ist, entpuppt sich bei der echten Wertschätzung offensichtlich als Zwangsbeglückung. Darüber hinaus ist bei Männern geradezu eine Flucht in Autowerte feststellbar wie z.b. BMW 43% - Frauen 19) und Mercedes (40 / 25). Es ist freilich festzuhalten: In der Tendenz dominieren Sachwerte vor Sinnwerten, Materielles vor Ideellem, Unterhaltendes vor Ernsthaftem. Gegen das sportliche Interesse der (männlichen) Bevölkerung für Formel-1-Rennen (26%) und Champions League (25%) haben Bibel (12) und Parteien (FPÖ und Grüne ca.10%, SPÖ 9 und ÖVP 6%) keine Chance was die grundsätzliche Wertschätzung betrifft was mit dem Wahlverhalten freilich nicht in einen direkten Zusammenhang gebracht werden darf. Andererseits finden soziale Einrichtungen wie Amnesty International oder Greenpeace (jeweils 26%) eine hohe Akzeptanz oder Anerkennung in der Bevölkerung. Im zusammenwachsenden Europa sollten politische Einstellungen, Standpunkte und Perspektiven von besonderer Wichtigkeit sein. Die Menschen sehen das jedoch anders: Politische Sinndimensionen wie die UNO (15%), die politischen Parteien (zwischen 6 und 13 %) oder gar die NATO (7%) bedeuten den Menschen in Bezug zu ihrem persönlichen Wertemaßstab gesetzt sehr wenig. Da beruhigt es nur zum Teil, dass auch die jugendlichen Kultsender MTV und VIVA im Bevölkerungsdurchschnitt nicht mehr Wertschätzung genießen: Bei den 15 29 Jährigen öffnet sich die Schere noch dramatischer zum Nachteil der, vor allem traditionellen, Politik.

3 Materieller Wohlstand und höherer Lebensstandard sind genauso gefragt wie soziale Wohlfahrt und mehr Lebenssinn. Dies ist der Ausdruck einer neu empfundenen und interpretierten Lebensqualität. Für Gesellschaft und Politik müssen Informationen über das subjektive Empfinden der Bürger/innen von großer Bedeutung sein. Die Attraktivitätsskala ist konsequenter Weise ein Spiegelbild der Lebensqualität in Österreich heute: Unterhaltungswerte und das materielle Wohlergehen stehen zur Jahrtausendwende in der Gunst der Österreicher ganz oben. Doch auch die Erlebniskultur des 21. Jahrhunderts kommt ohne Sozial- und Sinnorientierung des Lebens nicht aus, weil sich sonst viele Menschen in einer nur individualisierten Konsumgesellschaft allein gelassen fühlen. Bestimmend für den Beginn eines neuen Jahrtausends ist die neue Existenzvielfalt aus Kult, Konsum und Kirche. Die Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft und Religion haben im Umgang mit dieser Vielfalt in der Gleichzeitigkeit im Übergang vom Industrie- in das Dienstleistungs- (Wissens-, Informations-) Zeitalter offensichtlich mehr Probleme als die Menschen selbst.

4 Tabellenanhang: Spagat zwischen Spass und Sinn Was die Menschen zur Jahrtausendwende fasziniert Von je 100 Befragten finden in ihrem Leben besonders attraktiv : Repräsentativbefragung von 1.000 Personen ab 15 Jahren im November 1999 in Österreich Ludwig Boltzmann-Institut für angewandte Freizeitwissenschaft 2000

5 Kult, Konsum und Kirche Was die Menschen zur Jahrtausendwende fasziniert Von je 100 Befragten finden in ihrem Leben besonders attraktiv : SOZIALES GESELLSCHAFT/UNTERHALTUNG RELIGIÖSES POLITIK/LANDESVERTEIDIGUNG WIRTSCHAFTLICHES/MARKEN SPORTLICHES Repräsentativbefragung von 1.000 Personen ab 15 Jahren im November 1999 in Österreich Ludwig Boltzmann-Institut für angewandte Freizeitwissenschaft 2000

6 LUDWIG BOLTZMANN- INSTITUT FÜR ANGEWANDTE FREIZEITWISSENSCHAFT Datenband: Die Attraktivität von Dingen des täglichen Lebens In Kooperation mit Spectra Marktforschung Repräsentativbefragung von 1012 Personen ab 15 Jahren im November 1999 in Österreich Ergebnisaufgliederungen nach folgenden Kriterien: Österreichische Bevölkerung insgesamt Männer, Frauen 15-29 Jahre, 30-49 Jahre, Über 50 Jahre Volksschule, Hauptschule, Weiterführende Schule ohne Matura, Matura, Uni Landwirt, Arbeiter, Angestellte/Beamte, Leitende Angestellte/Beamte, Selbständig/Freiberufler Kaufkraft: hoch, mittel, gering Land, Klein-, Mittelstadt, Landeshauptstadt Bundesländeraufteilung

7 Den oben angeführten Datenband samt Ergebnisaufgliederung erhalten Sie um S 240,- (zzgl. Versandkosten) am: Ludwig Boltzmann-Institut für angewandte Freizeitwissenschaften Schönbrunnerstraße 222-228 1120 Wien Tel.: 01/813 93 13, Fax: 01/813 93 00, E-Mail: PZellmann@aon.at