Allah, Koran und Ramadan



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Transkript:

Annemarie Schimmel Allah, Koran und Ramadan Alltag und Tradition im Islam Patmos Verlag

Inhalt Vorwort von Stephan Conermann 7 Einleitung 9 1. Islam 11 2. Gott 27 3. Der Koran 37 4. Der Prophet Muhammad 47 5. Das»größere Glaubensbekenntnis«61 6. Gebet 79 7. Fasten 91 8. Die Pilgerfahrt 97 9. Sunniten, Schia 107 10. Die Scharia, das Rechtssystem 117 11. Dogmatik und Philosophie 129 12. Mystik 139 13. Tägliches Leben 153 14. Einflüsse 171 15. Literatur 177 16. Kunst 185 Ausklang 197 Weiterführende Literatur 201 Bildnachweis 203

Vorwort Warum habe eigentlich dieses wunderbare Buch bisher nicht zur Kenntnis genommen? Wie konnte es mir bei meiner doch jahrelangen Suche nach geeigneten Einführungen in die Islamwissenschaft eigentlich passieren, dieses Werk zu übersehen? Solche und ähnliche Fragen kamen mir ganz unwillkürlich bei der Lektüre des 1996 zum ersten Mal im Patmos Verlag erschienenen Textes in den Sinn. Wenn man viele Proseminare, die heute wohl»grundlagenmodule«heißen, durchzuführen hat, schaut man sich natürlich immer um nach passenden Veröffentlichungen, doch war bisher meine Erfahrung, dass es in unserem Fach nur eine recht überschaubare Anzahl von in deutscher Sprache verfassten Büchern gibt, die auf die Fragen von Studentinnen und Studenten des ersten und zweiten Semesters zum Islam erste Antworten liefern. Die Einführungen von Peter Heine (»Einführung in die Islamwissenschaft«, Berlin 2009) und Gerhard Endress (»Der Islam eine Einführung in seine Geschichte«, München 1997) sind zu speziell, ebenso wie die drei ausgezeichneten Bände aus der Serie»Die Religionen der Menschheit«(Bände 25,1 3, Stuttgart 1980 ff.) oder die seinerzeit in der Fischer-Weltgeschichte erschienenen Überblicksdarstellungen von Claude Cahen (»Der Islam. Vom Ursprung bis zum Osmanenreich«, Frankfurt am Main 1968) und Gustav Edmund von Grunebaum (»Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel«, Frankfurt am Main 1971). Aber auch das ungemein erfolgreiche Bändchen von Heinz Halm (»Der Islam. Geschichte und Gegenwart«, 8. Aufl. München 2011) ist bei näherem Hinsehen aufgrund der Dichte des präsentierten Materials keine wirklich nützliche Einstiegslektüre. Viele der genannten Werke liefern viel zu viel historisches Wissen und gehen wenig auf die grundlegenden Fragen ein, die jeder, der sich zum ersten Mal intensiver mit der Nachbarreligion beschäftigen möchte, im Kopf hat. Es geht doch normalerweise erst einmal um genau die Dinge, die Annemarie Schimmel 7

anspricht: Gott, Koran, Muhammad, Beten, Fasten, Pilgerfahrt, Sunniten, Schiiten, Mystik, Alltag, Kunst etc. Letzten Endes habe ich bisher auf drei Arbeiten zurückgegriffen: Zum einen tatsächlich auf Richard Hartmanns 1944 (!) in Berlin publiziertes»die Religion des Islam, eine Einführung, das viele nützliche Grundinformationen in zum Teil aber in extrem komprimierter Form zusammenbringt, zum anderen auf das von Hans Küng und Josef van Ess verfasste ausgezeichnete Gesprächsbuch»Christentum und Weltreligion. Islam«(München 1994) und schließlich noch auf die sehr gelungene Einführung von dem bereits erwähnten Peter Heine, die der Patmos Verlag 2007 dankenswerterweise herausgebracht hat (»Der Islam: Erschlossen und kommentiert«, siehe meine Besprechung in: Das Mittelalter 16,1 [2011], S. 184). In dem hier neu aufgelegten Buch von Annemarie Schimmel sehe ich vor allem zwei große Vorteile gegenüber den anderen genannten Büchern: Erst einmal halte ich die gewählte Dialogform für einen genialen literarischen Kunstgriff. Es sind in der Tat genau diese Fragen, die einem immer wieder von Studentinnen und Studenten und auch außerhalb der Universität von interessierten Mitbürgern gestellt werden. Und die Antworten, die Annemarie Schimmel gibt, sind in ihrer einfachen, aber höchst informativen und auf höchstem Niveau sachkundigen Art und Weise gehaltvoll, nachvollziehbar und befriedigend. Was will man von einer Einstiegslektüre zum Thema»Islam«mehr? Und darüber hinaus sollten eben nicht nur Studierende, sondern überhaupt jeder, der sich für die Religion und die Gesellschaften von Muslimen und Musliminnen interessiert, zu diesem Buch greifen und es aufmerksam von vorne bis hinten durchlesen! Wenn es dann noch weiterführende Fragen geben sollte, so wäre ein Ziel der Lektüre, nämlich auch Neugierde auf die Lebens- und Vorstellungswelten von Angehörigen dieser monotheistischen Schwesterreligionen zu wecken, erreicht. Um diese zu stillen, sind dann andere Abhandlungen nötig. Stephan Conermann, Bonn

Einleitung»Warum haben Sie denn als Frau ausgerechnet sich so mit dem Islam beschäftigt?«das ist eine der Standardfragen, die mir immer wieder gestellt werden, und wenn ich sage,»weil mich die orientalische Kultur von Kindheit an interessierte«, sieht man mich nur mit unverständigem Lächeln an. Naja, die Märchen aus Tausendundeiner Nacht wahrscheinlich. Die Verwunderung darüber, dass eine Frau sich mit dem Islam befasst, vor allem wenn sie in den dreißiger Jahren aufgewachsen ist, tritt uns Orientalisten und mir persönlich immer wieder entgegen, und die eingangs genannte Frage ist bei Weitem nicht das einzige Zeichen von Unverständnis, wenn es sich um die größte und uns am nächsten stehende Weltreligion handelt. Es schien mir lockend, einmal die Fragen zusammenzustellen, die mir immer wieder vorgelegt werden, und zu versuchen, sie einigermaßen zu beantworten. Zu diesem Zweck habe ich zwei Gestalten, Christian und seine Nichte Maria, erfunden, die zu Sprachrohren vieler Vorurteile oder Missverständnisse werden, die abzubauen ich mich jahrzehntelang bemüht habe. Vielleicht können meine Antworten auch andere Menschen überzeugen oder zumindest zum Nachdenken bringen. Annemarie Schimmel 9

»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen«, geschrieben von dem türkischen Kalligraphen Ahmed Karahisari (um 1520).

1. Islam»Wo liegt denn Islam? Ist das zwischen Iran und Irak?«Diese Frage wurde, im echten Bostoner Akzent, während des Golfkrieges telefonisch dem Middle East Center der Harvard Universität gestellt. Vielleicht findet man keine so haarsträubende Frage in Deutschland, doch heißt es immer wieder: Was ist Islam, was sind Muslime, Moslems, Muhammedaner? So fragt auch Christian bei einem Besuch.»Also die Araber, diese mohammedanischen Terroristen «, fing er an, nachdem die Zeitungen wieder einmal von einem Anschlag der Palästinenser im Westjordanland berichtet hatten. Vergessen Sie nicht, sage ich besänftigend, dass ein Teil der Palästinenser auch Christen sind oder ist George Habasch ein muslimischer Name?»Woher soll ich das wissen? Und wie hängt das alles zusammen: Moslems, Islam, Mohammedaner?«Ganz einfach. Die Religion, die im Koran verkündet und durch Muhammad verbreitet wurde, ist Islām. Das Wort gehört zur gleichen Wurzel wie salām,»heil, Friede«, das Sie ja aus dem jüdischen schalom kennen. aslama, das Verb, bedeutet»sich ergeben«(und dadurch zum inneren Frieden gelangen, wie man erweiternd sagen kann), und islām ist das Verbalsubstantiv dazu. Wenn Islam Ergebung in Gottes Willen heißt, in Islam leben und sterben wir alle, sagt ja kein geringerer als Goethe. Muslim ist einfach das Partizip dazu: einer, der den Islam bekennt, der sich Gott ergibt. Moslem 11

ist eine aus der englischen Sprache übernommene Form (übrigens wird das s in all diesen Worten scharf, nicht weich, ausgesprochen).»gut, ich verstehe, aber was ist mit den Mohammedanern?«Früher nannte man die Muslime meist so, weil sie Anhänger des Propheten Muhammad sind, und Sie finden in älteren Werken auch Mohammedanismus oder, im französisch beeinflussten Gebiet, mahométanisme. Die Muslime aber lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie sich nicht primär als Anhänger Muhammads bezeichnen, so wie die Christen sich auf Jesus Christus beziehen; Muhammad ist nur der Vermittler der göttlichen Botschaft, die im Koran offenbart ist.»ja, aber was macht denn dann einen Muslim aus?«ein Muslim wird man im äußeren Sinn, wenn man die schahāda, das Glaubensbekenntnis»Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott (Allah) gibt und dass Muhammad der Gesandte Gottes ist«, la ilāha illā Llāh, Muḩammad rasūl Allāh, vor Zeugen ausspricht. Das ist die einfache Grundlage, und wer diesen»ersten Pfeiler des Islam«, wie es technisch heißt, akzeptiert, ist auch zur Beachtung der vier weiteren Pfeiler verpflichtet; das sind das fünfmalige tägliche Gebet (şalāt), die Zahlung der Armensteuer (zakāt), das Fasten im Ramadan, und, wenn möglich, einmal im Leben die Pilgerfahrt nach Mekka. Freilich ist für den Frommen im Grunde alles Geschaffene muslim, denn es bewegt sich ja nach Gottes Willen, ergibt sich, metaphorisch gesprochen, in das göttliche Gesetz, das die Welt durchwirkt. Aber um Muslim im realen Sinn zu werden, muss man sich eben auch nach den im Koran gegebenen Gesetzen richten.»dass es nur einen einzigen Gott gibt, leuchtet einem ja ein, und in mehr oder weniger klarer Form sind wir doch alle Monotheisten«, meint Christian.»Aber was ist mit der zweiten Hälfte, den Worten über Muhammad? Da kann ich doch nicht mit.«12

5. Das»größere GlaubensbekenntnisSehen Sie mal, was mir jemand aus der Türkei mitgebracht hat«, ruft Maria.»Das ist ein ganz sonderbares Bild!«Das ist das amentu gemisi, d. h. im Türkischen»Das Schiff des amantu«, d. h.»ich glaube«. Es besteht aus der längeren Formel des Glaubensbekenntnisses, die aus dem Koran (Sure 2,285) entwickelt wurde, und besagt:»ich glaube an Gott, an Seine Bücher, an Seine Propheten, an den Jüngsten Tag und dass das, was mich treffen soll, mich nicht verfehlen kann und Gutes und Böses beides von Gott kommt.«du siehst, die langen Unterlängen sind der Buchstabe w, das ist»und«im Arabischen, und der Künstler hat die Formel so geschrieben, als sei sie ein Boot, ein Rettungsboot nämlich, das den Menschen, der an diese Dinge glaubt, ins Paradies bringt; das wiederholte»und«dient dabei als Ruder.»Das Boot des Glaubensbekenntnisses«(Türkei / 19. Jahrhundert). 61

»Das ist ja eine tolle Idee«, sagt Maria entzückt und betrachtet das Bildchen gründlich, als könne sie die Schrift entziffern.»aber was bedeuten die einzelnen Glaubenssätze?«, fragt sie dann»ich glaube an Gott, nun, das verstehe ich. Darüber haben wir ja schon mal gesprochen! Aber ist es eigentlich nicht merkwürdig, dass erst die Bücher kommen und dann die Propheten?«Nein, nicht vom islamischen Standpunkt aus. Gott offenbart Seinen Willen ja durch das Wort, und die vier heiligen Bücher, die Tora, die Psalmen und das Evangelium, und abschließend der Koran, enthalten das, was Gott den Menschen an Geboten, Verboten und Verhaltensregeln mitteilen wollte. Die Propheten sind nur die Überbringer des Wortes, also Gefäße. Diejenigen Nicht-Muslime, die ein offenbartes Buch besitzen, werden im Koran als ahl al-kitāb,»leute des Buches«, bezeichnet, und sie genießen Sonderrechte. Zu den Juden und Christen wurden die Sabier, eine kleine Religionsgemeinschaft in Nordsyrien, gezählt, dann kamen noch die Zoroastrier in Iran dazu; schließlich wurden in Indien die Hindus und Buddhisten bei der Eroberung Sinds, das ist die südliche Provinz des heutigen Pakistan, ihnen gleichgestellt. Das hat nämlich besondere juristische Vorteile.»Also gibt es nur vier wirklich heilige Bücher?«Ja, im Grunde sagen alle dasselbe, weil Gott immer die gleichen Vorschriften gegeben hat, aber, wie der Koran erwähnt (Sure 2,73; 3,72 u. a.), Juden und Christen haben ihre Schriften geändert, verfälscht; deshalb bringt der Koran die echte ursprüngliche Offenbarung wieder, und man kann sich denken, mit welcher Freude die muslimischen Gebildeten erfuhren, dass die moderne Bibelkritik Unstimmigkeiten im Alten und Neuen Testament nachgewiesen hat, sahen sie das doch als Beweis für die koranische Lehre von der Verfälschung der Schriften durch Juden und Christen an!»aber legen sie denn selbst auch solche Maßstäbe an den Koran an, ich meine, eine historische Kritik oder so?«62