Unsere HUnde a g g r e s s i v i tät b e i j a g d h u n d e n Griffig in jeder Lage Die Grenze zwischen Beutetrieb, Wildschärfe und unerwünschter Aggressivität sind bisweilen fließend. Dabei sollen Jagdhunde heute der sichere Partner des Menschen sein auf der Jagd und auch danach. Anton Fichtlmeier kennt die Ursachen für fehlgeleitete Triebe. 888 Wild und Hund 16/2008
Der Terrier beißt nicht zu, sondern klärt durch Drohen und Schnauzengriff seine Position. Der zweite Hund beugt sich und hält still. Foto: Gila Fichtlmeier Wild und Hund 16/2008 889
Unsere HUnde Eine Gemeinschaftsjagd steht an. Ein wunderschöner Morgen, gerade richtig, um gute Strecke zu machen. Es geht auf Niederwild Hasen sollen bejagt werden. Ich freue mich darauf, mit meinen Hunden zu arbeiten, und auch sie sind schon im Jagdfieber. Am Treffpunkt herrscht reges Treiben. Viele Teilnehmer sind bereits eingetroffen und stehen in Grüppchen beisammen, um die neuesten Jagdereignisse auszutauschen. Natürlich sind viele Hundeführer dabei, denn wie ein altes Sprichwort richtig sagt: Jagd ohne Hund ist Schund. Ich hole meine Hunde aus dem Auto und gehe auf die erste Gruppe zu. Aber ich schaffe es nicht bis dahin, denn ein Hund sticht aggressiv angreifend aus der Gruppe heraus auf uns zu. Es gelingt mir gerade noch, den Angreifer auf Abstand zu halten. Das fängt ja gut an!, denke ich und gehe weiter. Leider soll das an diesem Tag kein Einzelfall bleiben. Nach der Begrüßung werden die Jagdgruppen eingeteilt. In jeder Gruppe befinden sich Hundeführer, und gleich stellt sich das nächste Problem. Mehrere Hunde in einem Fahrzeug? Das könnte eine Beißerei geben. Vorsichtshalber werden problematische Hunde einzeln transportiert. Als ich mit meinen Silbergrauen einen Anhänger besteige, rücken einige Jäger respektvoll zur Seite: Oh je, Weimaraner! Die sind doch mannscharf! Ich beruhige und versichere, dass sich Schärfe und Aggressionspotenzial meiner Hunde auf die Jagd und somit auf das Wild beschränken. Dennoch muss ich den Vorbehalten gegenüber dieser Rasse im Prinzip zustimmen. In meiner therapeutischen Arbeit mit Problemhunden habe ich die Erfahrung gemacht, dass gerade der Weimaraner im Vergleich zu anderen Jagdhunderassen überproportional durch soziale Unverträglichkeit gegenüber Mensch und Tier auffällt. Die Jagd beginnt die Probleme auch! Jeder Gruppe sind zwei bis vier Hunde zugeteilt. Diverse Hasen rollieren. Die Hunde werden zum Apport geschnallt. In den meisten Gruppen funktioniert das hervorragend, die Hunde arbeiten zuverlässig, konzentriert und schnell. Aber es gibt auch Gruppen, in denen Meins! Er will seine Beute nicht mit Menschen teilen. Hunde um die Beute raufen und das apportierte Wild dadurch nicht mal mehr fürs Ragout taugt. Die aggressive Stimmung wird noch verstärkt durch das Geschrei und chaotische Trillern der Hundeführer, die ihre Hunde auf Distanz meist nicht unter Kontrolle haben. Der krönende Abschluss dieses hektischen Jagdtages ist ein heftiger Kampf zwischen zwei Hunden, die sich um die gelegte Strecke raufen. Ist man solch einer Gruppe zugeteilt, gibt es kein gutes Arbeiten unter der Flinte, spürt man nichts vom leisen Zusammenspiel zwischen Hund und Führer, nichts von der Freude, den Hund als Jagdgenossen zu erleben. Eine einheitliche Definition von Aggression liegt nicht vor. Der Duden beispielsweise definiert Aggression als Angriffsverhalten, feindselige Haltung eines Menschen oder Tieres mit dem Ziel, die eigene Macht zu steigern oder die Macht des Gegners zu mindern. Aggression kann als ein Maß für die Angriffsbereitschaft eines Individuums gelten. Die Einteilung aggressiver Verhaltensweisen ist jedoch schwierig, da diese stark situationsabhängig sind. Zum anderen reagiert jeder Hund in spezifischer Weise abhängig von seiner individuellen Entwicklungsgeschichte auf eine bestimmte Situation. Aggressives Verhalten ist also kein starres Verhaltensmuster, sondern ein recht flexibler Mechanismus zur Lösung von Konflikten. Die Erfahrungen als Welpe, während der Sozialisationsphase und den folgenden Lebensabschnitten, sowie Rasse, Alter, Geschlecht, Hormone, schmerzhafte Erkrankungen und viele andere Faktoren beeinflussen das Verhalten eines Hundes. Führt aggressives Verhalten in einer bestimmten Situation zum Erfolg (der Gegner wurde auf Abstand gehalten oder vertrieben, die Beute verteidigt) wird dieses Verhalten in vergleichbaren Situationen wiederholt. Die mütterliche Aggression mit dem Ziel der Verteidigung ihrer Welpen ist ein Angst-induziertes Verhalten. Eine weitere Motivation für aggressives Verhalten ist die Gefahr des Verlustes von Ressourcen. Die Motivation für aggressives Verhalten 890 Wild und Hund 16/2008
kann sich innerhalb einer Situation, eines Augenblickes ganz plötzlich verändern. Aggressives Verhalten wird immer situationsabhängig gezeigt. Aggression zum Zwecke der Verteidigung in extrem bedrohlichen Situationen läuft dagegen meist automatisiert und starr ab. Ist Gefahr in Verzug, kann der Organismus nicht abwägen, sondern muss augenblicklich reagieren. Beispielsweise durch den entstehenden Konflikt bei wehrhaftem oder körperlich überlegenem Wild Sauen, Fuchs oder Dachs. Zusätzlich zu einer genetischen Disposition lässt sich soziale Unverträglichkeit von jagdlich geführten Hunden in den meisten Fällen grob auf folgende Bereiche reduzieren: Konkurrierende Aggressivität beim Ressourcen sichern. Dazu gehört das Verteidigen von Sozialpartnern, Territorium und Beute, Gewollt antrainierte oder durch Haltungsbedingungen erlernte Aggressivität, Schlechte Welpenprägung (beginnt bereits beim Züchter), Ausbildungsfehler (zu viel Druck, Stress, unverständliche Reglementierungen und das unsinnige Absichern des Apportierens über Starkzwang), Generell falscher Umgang mit dem Hund (unklare Regeln im Alltag), das Scharfmachen des Hundes über Trainingsaufbau. Im Jagdgebrauch ist es äußerst wichtig, dass der Hund Beute apportiert und uns diese freiwillig überlässt. Biologisch ist der Hund jedoch dazu angelegt, Beute zu sichern. Hat er Beute im Fang, entfernt er sich im Allgemeinen von der Gruppe. Kommt ihm einer nach, verschlingt, verteidigt, oder vergräbt er sie. Auch Futter wird in der Regel sofort verschlungen. Das Sichern von Beute beginnt bereits beim Welpen. Es lässt sich oftmals schon beim Verteidigen der mütterlichen Zitze und wenig später als Geraufe unter den Welpen beim Zufüttern beobachten. Hier ist es die Aufgabe des Züchters, sofort gegenzusteuern, wenn er Aggression beim Fressen, extremes Beutesichern oder Vergraben von Beute bei den Welpen erkennt. Terri zeigt keine aggressive Beutekonkurrenz gegenüber dem Weimaraner, auch wenn dieser versucht, ihm die Beute wegzunehmen. Fotos: Gila Fichtlmeier Wild und Hund 16/2008 891
Unsere HUnde Ein Fall aus der Praxis: Ein befreundeter Jagdkamerad kam mit seinem zehn Wochen alten Welpen zu mir. Der Rüde zeigte eine auffallend starke Tendenz, sich mit Beute im Maul weit von der Gruppe zu entfernen und diese zu vergraben. War sie zu schwer für ihn, verteidigte er sie gegen Artgenossen, indem er eine Pfote darauf stellte und jeden Konkurrenten mit scharfem Blick und unmissverständlichem Knurren auf Distanz hielt. Die Nachfrage ergab, dass die Welpen bereits beim Züchter unkontrolliert Zugriff zu diversen Wildteilen hatten, die regelrecht umkämpft, zerlegt, gefressen oder vergraben wurden. Dieses Überlassen von Wildtieren wird oft fälschlicherweise als Passion wecken am Wild bezeichnet. Kaltes Wild, das dem Hund frei zur Verfügung steht und noch dazu Geruchsspuren des Menschen trägt, erregt ihn jedoch nicht jagdlich, sondern spricht den Bereich der Futterrangordnung an. Das Sichern und Vergraben von Beute zeigten auch einige Welpen aus dem Wurf, aus dem mein Glatthaarfoxl Terri stammt. Die Züchterin arbeitete sofort daran, dieses Instinktverhalten zu kultivieren. Den Welpen standen keine Wildteile frei zur Verfügung, stattdessen wurde das Tauschen konditioniert: Futter im Gegenzug zu allem, was ein Welpe im Maul trug. Darauf konnte ich gut aufbauen. Heute zeigt mein Hund keine Beutekonkurrenz gegenüber Artgenossen, und schon gar nicht gegenüber Menschen. Kann konkurrierende Aggressivität unter Hunden noch zu einem gewissen Grad akzeptiert werden, ist Aggression gegenüber Menschen in jeder Art und Weise unakzeptabel. Als äußerst problematisch sehe ich die Bestrebungen und Empfehlungen weniger Hundeführer, unsere Jagdhunde über den sportlich betriebenen Schutzdienst auszulasten. Noch unverständlicher sind für mich Seminare, die angeboten werden, den Jagdhund als Gehilfen im Jagdschutz einzusetzen, wobei Hunde im zivilen Bereich auf das Angreifen des Menschen trainiert werden. In beiden Bereichen wird das so wichtige Überlassen von Beute aufgelöst. Da- Sowohl sportlich betriebener Schutzdienst, als auch das Fördern von Mannschärfe sollten in Jagdhundekreisen auf Ablehnung stoßen. 892 Wild und Hund 16/2008
Pro-soziale Aggression Der unsichere blaue Weimaraner (rechts im Bild) hält die beiden anderen über aggressives Verhalten auf Abstand. Hat er Erfolg damit, wird er dies in vergleichbaren Situationen wieder tun. durch konditioniert sich konkurrieren des Verhalten gegenüber Mensch und Artgenossen. Da außerdem die Bedrohung des Hundes Teil der Ausbildung ist, erhöht sich zudem zwangsläufig dessen Bereitschaft, Konflikte durch Angreifen und Zubeißen zu lösen. Was auf der Strecke bleibt, ist die hündische Ebene der Konfliktvermeidung über Drohen, Nachgeben und Ausweichen. Aggression wird nicht mehr als pro-soziales Regulativ benutzt. Was können wir verändern? Bessere Haltungsbedingungen schaffen. Vorbeugende Welpenvorprägung beim Züchter, klare Regeln im Alltag, artgerechte Kommunikation mit dem Hund in der Ausbildung, kein Scharfmachen des Hundes. Als weiteres die Kriterien zur Zuchtauswahl prüfen und die Zuchtbeurteilung von Hunden hinterfragen, um herauszufinden, wo Ursachen für aggressives Verhalten liegen könnten. Um in der Zucht etwas zu verändern, sollten sich kompetente Fachleute aus allen Lagern zusammentun und Arbeitsgruppen bilden. Es liegen bislang keine verwertbaren Studien vor, die den Zusammen- hang von Schärfe, Überpassion, den Grad der Erregbarkeit (Spurlaut) und einer vorhandenen Bissigkeit untersucht hätten. Für mich ist die Art und Weise, wie der Mensch das soziale Miteinander von Hund zu Hund und Hund zu Mensch gestaltet, entscheidend dafür, ob der Hund bei zunehmender Reifung Aggressivität entweder hoch ritualisiert als pro-soziales Element einsetzt, was sich normalerweise als Imponieren oder Androhen zeigt, oder ob der Hund statt dessen Attackieren oder Beschädigungsbeißen zeigt. Nur wenn der Hund sich als Hund reflektiert und wahrgenommen fühlt, sowohl in der eigenen Familie, als auch im sozialen komplexen Geschehen unserer Kultur, wird er mit anderen Wesen ob Mensch oder Tier auf der ritualisierten hündischen Ebene bleiben und sozialverträglich agieren. In der heutigen Zeit brauchen wir als Jäger Hunde, die zwar im Jagdgebrauch Wildschärfe zeigen, im Alltag jedoch freundlich, wesensstark und gut sozialisiert sein müssen. e Soziales Leben in der Gruppe folgt bestimmten Prinzipien und ist auf eine ganz spezifische Weise geordnet. Hunde leben und überleben in der Gruppe durch ständiges Abgleichen und Ausloten ihrer Befindlichkeiten und Bedürfnisse. Das zentrale psychosoziale Regulativ bei der Organisation der Gruppe ist pro-soziale Aggression. Pro-soziale Aggression ist ein natürlicher Bestandteil der Hundekommunikation. Hunde organisieren sich ihrer Natur entsprechend als Meute, wobei keinem die Rolle des alleinigen Alphatieres zukommt. Die dabei gezeigten Dominanzbeziehun gen sind zirkulär (z. B. A dominiert B, B eventuell C, und C wiederum könnte A dominieren), abhängig von der inneren Gestimmtheit, der genetischen Disposition des Hundes und dem Thema, das in der Interaktion gerade angesprochen wird. Das jeweils gezeigte aggressive Verhalten läuft normalerweise prosozial und hoch ritualisiert ab. Hunde treffen Übereinkünfte durch Imponieren, Scheinangriffe, gezieltes In-dieLuft-schnappen, und nur wenn unbedingt nötig auch durch situations-adäquates Zubeißen. Aggressivität dient in erster Linie dazu, sich abzugrenzen, den Anderen auf Distanz zu halten, ihn aus einem Gebiet zu vertreiben, Beute zu sichern, die eigene Brut oder Gruppenmitglieder zu schützen etc. Aggression gehört also zum sozialen Miteinander, um Grenzen zu setzen. Dieses Wissen richtig umgesetzt, hilft uns, Hunde leichter führen und kontrollieren zu können. Hunde motivieren den Artgenossen zum Nachahmen, Herankommen, Nachfolgen, Herumtoben, Herumbalgen usw. Sie zwingen den Artgenossen aber nicht von A nach B mitzukommen, einen Gegenstand oder Beute zu apportieren, Sitz zu machen etc. Das kann und macht nur der Mensch. Durch die nicht hundegemäße Kommunikation zwischen Mensch und Hund verlernt der Hund das Vertrauen in seine Sprache und damit in sich selbst. Wild und Hund 16/2008 893