IBK Skript zur Reisebegleitung 1 WEGE IN DIE MODERNE WEGE IN DIE MODERNE
2 Der Expressionismus zählt zu den wichtigsten Kunstströmungen, die die Wege der Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts bereiteten. Die Hauptwerke finden sich in Malerei und Grafik, weniger in der Plastik und Architektur. Eine Ausnahme bildet hier der sog. Klinker-Expressionismus, dessen große Beispiele sich in Bremen, Worpswede, Hamburg und Kiel finden. Ebenso gab es auch in der Literatur (z.b. Ernst Barlach), Musik (z.b. Arnold Schönberg) und im Film expressionistische Elemente. In der bildenden Kunst reichen die Ursprünge bis ins auslaufende 19. Jahrhundert zurück, als sich die erste Generation der Expressionisten sowohl gegen Impressionismus als auch gegen den zeitgleichen Naturalismus der etablierten Künstler wandte. Die späteren Expressionisten sahen vor allem in Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Edvard Munch ihre Vorbilder. Van Gogh wurde von allen jungen Künstlern der Moderne verehrt. Er studierte an der Brüssler Kunstakademie und befasste sich mit den Bildern von Jean-Francois Millet (1814-1875) und Honoré Daumier (1808-1879), die sich Alltagsthemen widmeten. Während bei Millet die Darstellung des bäuerlichen Lebens im Mittelpunkt stand, galt der Zeichner und Karikaturist Daumier mit seinen Arbeiten als scharfer Kritiker der damaligen Gesellschaft. Am 20. Februar 1888 bestieg Vincent den Zug nach Arles, da ihn die leuchtenden Farben des Südens anzogen und er seinen Stil - beeinflusst durch die umgebende Landschaft fortlaufend mit expressionistischer Handschrift prägte. Die "Brücke von Langlois bei Arles" malte er mehrfach. Die Bilder wiesen zunächst noch Merkmale des Impressionismus auf, gingen aber auch darüber hinaus. Im April 1888 mietete Vincent den Flügel eines Hauses in Arles, um dort ein Künstlergemeinschaft mit dem von ihm verehrten Paul Gauguin (1848-1903) zu gründen, den er in Paris kennengelernt hatte. Vorbilder: Van Gogh, Gauguin und Munch Van Gogh gilt als Wegbereiter des Expressionismus. Beliebte Motive waren für ihn die Brücke von Langlois bei Arles sowie die stimmungsvolle Landschaft Südfrankreichs (beide Gemälde im Kröller Müller-Museum, Otterlo) Besonders durch seine in Arles entstandenen Werke kann van Gogh als wichtiger Wegbereiter des späteren Expressionismus gesehen werden, bei dem nicht nur die äußere Gestalt von Gegenständen, Landschaften u.ä. eine Rolle spielt, sondern vor allem der innere "Seelenzustand" eines Motives. So versuchte er dabei nicht vorrangig, fotografische Abbilder zu schaffen, sondern den Betrachter zu einem Gemütszustand zu bewegen.
3 Zwischen van Gogh und Gauguin kam es in der Folgezeit zu Spannungen. Es zeichnete sich ab, dass Gauguin wieder abreisen wollte. In panischer Angst vor dem erneuten Alleinsein, verlor Vincent eines abends die Nerven und schnitt sich in einem Anfall geistiger Umnachtung das rechte Ohr ab. Während sich Vincent im Krankenhaus aufhielt, reiste Gauguin heimlich ab. Vincent begann anschließend, sich allmählich von der Gesellschaft zurückzuziehen und widmete sich verstärkt der Malerei. Gauguin, der mit kräftigen, schattenlosen Farbflächen arbeitete, erschloss sich die Kunst der Naturvölker Ozeaniens und Afrikas als anregende künstlerische Quelle. Die klaren Formen der sogenannten "Primitiven" führten zu einer elementaren Erfahrung und zur Vereinfachung der Bildmittel in Malerei und Grafik. Klare Formen z.b. aus Ozenanien bestimmten Werke von Gauguin (links). Die Formenreduzierung zur Darstellung des -einsamen- Individuums ist häufig Mittel bei Edvard Munch, wie z.b. in seinem mehrfach variierten Schrei Und schließlich der aus Norwegen stammende Maler Edvard Munch: er setzte seine eigene seelische Grundstimmung in Malerei um. Unter seinen Themen dominieren menschliche Zwänge und Furcht sowie die Einsamkeit des Individuums. Mit zum Teil sehr krassen Farbgegensätzen und extremen Linienführungen führte Munch in eine subjektive Erlebniswelt. Bei ihren Versuchen, der neuen Wirklichkeit bildnerisch Ausdruck zu verleihen, schlugen die Malerinnen und Maler nach 1900 unterschiedlichste und zeitlich parallele Wege ein. Eine strikt aufeinander aufbauende Abfolge von Richtungen und Stilen gab es seit dem beginnenden 20. Jahrhundert deshalb nicht mehr. Weitere Wegbereiter des Expressionismus waren z.b. die Fauvisten. In Paris, wo sich während des 19. Jahrhunderts die neuen Impulse auf dem Gebiet der bildenden Künste entwickelten, und auch Gauguin und van Gogh gewirkt hatten, bildete sich im Jahr 1905 die Künstlergruppe der "Fauves" (frz. "die Wilden"). Zu ihnen gehörten Henri Matisse -der führende Kopf-, Dufy, Vlaminck, Ronault und Braque. Ihre Werke zeigen ungebrochene, leuchtende Farbflächen, die eine Gegenreaktion auf die differenzierte Farbanwendung der Impressionisten darstellten. Den Namen "Fauves -wilde Tiere" trug ihnen ihre expressive Farbigkeit und der wilde, ungezügelte Malstil ein. Nicht der symbolische Gehalt interessierte die Fauvisten, sondern allein die künstlerische Form sollte zum Ausdrucksmittel erklärt werden. Sie vertraten die Ansicht, daß Farbe und Formen einen eigenen Ausdrucksgehalt haben, der unabhängig vom Naturvorbild besteht, und den es mittels künstlerischer Darstellung herauszustellen gilt.. anstelle des Abbilds sollte somit ein reiner Ausdruck erfolgen. Das Auftreten der Expressionisten bedeutet keineswegs einen totalen Bruch mit der Vergangenheit, denn auch ihre Künstler standen in der Reihe einer Maltradition. Eine derartige Veränderung künstlerischer Mittel hatten die Nachimpressionisten Gauguin, van Gogh, Seurat und Cezanne bereits eingeläutet. Ihre Werke wurden um die Jahrhundertwende in Paris in großen Retrospektiven gewürdigt und inspirierten dabei auch junge französische Künstler. So entdeckt man beispielsweise in den Arbeiten von Matisse die große ungebrochene Farbfläche Gauguins wieder oder die expressive Spontaneität van Goghs. Sie entdeckten sogar die Jahrhunderte zurückliegende Malerei EI Grecos und Grünewalds für sich wieder.
WEGE IN DIE MODERNE 4 Bewusst gestaltete Matisse die Fläche zwar als Fläche, stimmte jedoch Farbflächen in einer Art und Weise aufeinander ab, dass er raumhaltige Werke schuf. Matisse: flächenhaft, plakativ und mit Farbgegensätzen (Centre Pompidou Paris) Wie für Matisse war auch für den aus Italien stammenden Amedeo Modigliani nicht die Abbildgenauigkeit entscheidend, sondern die innere Harmonie des Bildes war Ziel seiner Kunst. Modiglianis Hauptthemen waren Porträt und weiblicher Akt in ausgesprochen stark reduzierten Formen und ohne individuelle Gestaltung des Modells. Dabei verzichtete er auf Licht- und Schattenmodulationen und betonte die Flächen stattdessen mit einer geschwungenen zeichnerischen -oft weichen- Linie. Zeitgleich sorgte in Frankreich ein Künstler mit einer radikal neuen Bildsprache regelrecht für Aufsehen: Pablo Picasso. In abgehackt-grober Malweise und mit einer Facettierung der Formen hatte er mit seinem Werk Les Demoiselles d:avignon eine Gruppe junger unbekleideter Mädchen dargestellt. Das Bild rief 1907 wegen seiner zersplittert wirkenden Malweise und den maskenhaften Gesichtern der Frauen selbst unter den künstlerischen Neuerern Ablehnung und Entsetzen hervor. Zusammen mit seinem Freund Georges Braque entwickelte Picasso in den Folgejahren einen eigenen Stil, der als Kubismus in die Kunstgeschichte einging und eine Zertrümmerung der Form bedeutete. Sie geschah in streng analytischer Weise. Die Kubisten -neben Georges Braque und Pablo Picasso zählten bald auch Jean Metzinger, Juan Gris, Albert Gleizes und Fernand Leger zu dieser neuen expressionistischen Richtung- zerlegten die Dinge und setzten sie mit klaren Formen wie Würfel. Kubus, Zylinder, Kegel und Kugel wieder neu zusammen. In ihrer Frühphase waren es hauptsächlich Stilleben, bei denen die Maler Krüge, Flaschen, Gläser oder Musikinstrumente auf die geometrischen Grundformen reduzierten und malten. Auch der von ihnen gewählte Standpunkt des Betrachters war neu: so stellten sie die zerlegten Gegenstände nicht nur aus einem Blickwinkel dar, sondern wanderten um die dargestellten Objekte herum. Damit steilten die Maler die Objekte in einem und denselben Gemälde von mehreren Seiten gleichzeitig dar, um sie auf diese Weise umfassend abzubilden. Damit brachten sie, ähnlich wie die nahezu zeitgleichen italienischen Futuristen, ein neues Element in die malerische Bildsprache ein, nämlich die Zeit als weitere Dimension. Die Werke boten nun -auf der zweidimensionalen Leinwandeine Vielzahl, sich überschneidender und durchdringender Körper und Facetten, wodurch abstrakt wirkende Formengebilde entstanden. Vorder- und Hintergrund sind bei diesen Darstellungen nicht mehr erkennbar, sondern IBK Institut für Bildung und Kulturreisen GmbH Schönningstedter Str.3 21465 Reinbek Tel.: 040 72810230 Fax: 040 72810239 e-mail: ibk-hh@t-online.de
5 durchdringen sich. So wird ein Element, das im Vergleich zu einem anderen zunächst noch als Vordergrund gewirkt hat, durch Umwanderung und Überschneidung mit einem dritten zugleich zum Hintergrund. Um ihr Hauptanliegen, den Rhythmus der Formen auf der Fläche zu betonen, verzichteten die Kubisten oft auf Farbigkeit und beschränkten sich auf gleichmäßig verteilte erdig wirkende Grau- und Brauntöne. Dabei verwendeten sie nicht mehr nur die klassischen künstkerischen Handwerksmittel wie Stift, Farbe und Pinsel, sondern nutzten auch Versatzstücke aus der Realitat. Aus diesen sog. Objets trouves (frz. gefundene Dinge), wie z.b. Tapetenfetzen oder Zeitungsausschnitten fertigten sie Papiers collees (frz. Klebebilder") und entwickelten auf diese Weise die Collage. Jeder Gegenstand auf der Leinwand war dabei gleichberechtigter Kompositionsteil, egal aob gemalt oder aus Zeitungsschnipsel zusammengesetzt. Hatten die Kubisten anfangs die von ihnen dargestellten Gegenstände auseinandergenommen und wieder neu wieder zusammengesetzt, so wurde er nun durch das Mittel der Collage vollkommen frei gestaltet und damit synthetisch hergestellt. Seit 1912 spricht man deshalb vom synthetischen Kubismus, während die Anfangsjahre als analytischer Kubismus bezeichnet werden. Picasso: Junge Frau 1914, Centre Pompidou Im gleichen Jahr -1905-, als die "Fauves" ihre Pariser EXPRESSIONISMUS IN DEUTSCHLAND 1905-1919 Erstausstellung veranstalteten, gründeten Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel -noch als Architekturstudenten- in Dresden die Künstlervereinigung "Brücke". Später schlossen sich noch Pechstein, Emil Dolde und Otto Mueller an. Die "Brücke" wurde damit zum Ausgangspunkt für die Entwicklung des deutschen Expressionismus, dem allerdings -anders als Frankreich- ein schöpferisches Zentrum fehlte. Die Brücke- Künstler beschränkten sich nicht nur auf das Medium der Malerei, sondern bezogen auch die Grafik, insbesondere den Holzschnitt, in ihre künstlerischen Möglichkeiten ein. Der Name "Brücke" war eine Metapher für das brückenreiche Elb-Florenz, aber auch für den verbindenen Übergang zu einer anderen Kunstform. 1911 siedelten die "Brücke -Künstler nach Berlin über. In der pulsierenden Großstadt nahmen sie viele neue Themen auf, wie die Anonymität der Massen, die sozialen Gegensätze und das Nachtleben. Hatte man in Dresden anfangs versucht, einen kollektiven Stil zu finden, so entwickelte in Berlin jeder Künstler seine eigene Ausdrucksweise. Die gemeinsamen Ansprüche für eine neue Kunst verbanden sie somit nur wenige Jahre, denn bereits 1913 trennten sich ihre Wege. Dem Expressionismus lag eine äußerst starke Subjektivierung zugrunde, da die Künstler ihre subjektive Empfindung mit neuen Mitteln darstellen wollten. Dies bedeutete gleichzeitig die Aufgabe der naturgetreuen Wiedergabe des Gegenständlichen, führte zu einer Vereinfachung der Form und hob die impressionistischen Farbbrechungen zugunsten klarer Farbflächen auf. Hatten die Impressionisten noch darauf vertraut, die Welt in einem einzigen Augenblick erfassen zu können, so wurde dieses Anliegen von der jungen Künstlergeneration heftig kritisiert. Sie wollten mit Hilfe einer neuen Bildsprache hinter den Schein der Dinge schauen, um so -ihrer Ansicht nach- ein wahrhaftigeres Bild der Welt zu zeichnen. Es waren insbesondere die umwälzenden technischen Entwicklungen nach 1900, die von zahlreichen Künstlern äußerst kritisch gesehen wurden. Sie empfanden Entfremdung, Vereinsamung und sinkende Individualisierung - besonders in den großen Metropolen- als Folgen der neuen Zeit.
6 Die Expressionisten waren auf der Suche nach einer neuen Kunst für den neuen -ihrer Ansicht nach: belasteten- Menschen. Emotionsgeladene Bilder sollten den Menschen in seinen innersten Empfindungen berühren. Mit einer an van Gogh und Gauguin orientierten, vom Gefühl und der Idee getragenen Malerei wollten sie die verschütteten, wegzivilisierten Bedürfnisse des Menschen reaktivieren und ihm so den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Eine weitere wichtige Künstlervereinigung neben der Dresdner "Brücke" wurde in München gegründet. Hier schlossen sich 1911 Wassily Kandinsky und Franz Marc nach einem gleichnamigen Gemälde Kandinskys zum "Blauen Reiter" zusammen. Franz Marc versuchte in seinen Tierdarstellungen, das Wesen der Kreatur durch die Aufgabe der naturalistischen Darstellung zu erfassen. Zum Blauen Reiter kamen später August Macke, Paul Klee und Alexander Jawlensky hinzu. Kandinsky wiederum entwickelte die Auflösung des Gegenständlichen in seiner Malerei derart stark, daß er schließlich zum abstrakten Bild gelangte. Die Künstlergemeinschaft Brücke Den vier Gründungsmitgliedern Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl die Autodidakten waren und keine akademische Kunstausbildung im traditionellen Sinne erhalten hattenschlossen sich in den acht Jahren des Bestehens der Gruppe unter anderem Max Pechstein, Otto Müller und Emil Nolde an. Nolde ging aber bereits nach wenigen Monaten eigene Wege. Trotz mehrmaliger Aufforderung lehnten Künstler wie Henri Matisse (1869-1954) und Edvard Munch eine Mitgliedschaft in der Vereinigung ab. Der kleine Ort Dangast am Jadebusen war beliebtes Ziel der Brücke-Künstler, insbesondere von Schmidt- Rottluff. Das 1908 entstandene Werk Sommer in Dangast / Schmidt-Rottluff hängt im Prinzenpalais zu Oldenburg. Wie kaum eine andere Künstlergruppe repräsentierte Die Brücke die nach 1900 einsetzende Abkehr vom Historismus und der im 19. Jahrhundert üblichen akademischen Malweise. Sie setzten damit eine Linie fort, die u.a. vom Impressionismus sowie vom Naturalismus (z.b. der Worpsweder Künstlerkolonie) begonnen wurde. Das gewandelte Lebensgefühl der neuen Künstler-Generation äußerte sich in einer radikalen Ablehnung der traditionellen Kunstformen und im Verachten jedes dekorativen Elementes.