Profitest De Rosa Protos
HISTORISCHER KRAFTPROTZ Mit dem Protos lässt De Rosa einen Insidern bereits bekannten Namen neu aufleben. Profisportler wie Stefano Garzelli oder Paolo Savoldelli fuhren bereits 2003 Rennen mit einem Prototyp dieses Namens. Mit ultimativer Steifigkeit und einem sehr sportlichen Fahrverhalten vollendet De Rosa nun ein Projekt der Extraklasse. Text Sebastian Lang Fotografie Marco Felgenhauer
Profitest Gerade eben noch fieberten wir bei den spannenden Klassikern mit, und plötzlich haben wir schon die erste große Landesrundfahrt hinter uns. Wenn man mich fragen würde, was den Giro d Italia charakterisiert, dann würde ich wie folgt antworten: Die Italien Rundfahrt ist das klassische Rennen schlechthin! Sprintankünfte in uralten Städten finden sich neben super schweren Bergetappen; dazu kommen die berühmten Fahrten über Naturstraßen alles bekannte Strecken mit langer Vorgeschichte, eben sehr klassisch. In Italien ist Radsport eine Passion, und das wird beim Protos sehr deutlich. Diesen Test habe ich auf Strecken aus meiner aktiven Laufbahn hier in Thüringen absolviert. Passagen mit Kopfsteinpflaster und raue Straßen haben Rahmen, Komponenten und Lauf räder gefordert, und ich selbst bin ja auch nicht gerade zimperlich. Im morgendlichen Frühlingsblau luden wir das Rad aus, die Sitzposition auch auf pflasterstraßen fühlt man sich auf dem protos wohl die extreme Steifigkeit ist keineswegs mit großer härte verbunden. ließ sich mit wenigen Handgriffen an meine Maße anpassen. Im Zeitalter des Torx, dem Nachfolger der Inbusschrauben, sollte man als Radfahrer mittlerweile Schlüssel in den gängigen Größen für diese Schrauben am Mann haben, sonst ist man bei der Montage seines Renners aufgeschmissen. Zum Glück war ich gut ausgestattet und konnte bald auf dem Protos Platz nehmen. Die Geo metrie des Rades ist sportlich und dynamisch ausgelegt, und schon nach wenigen Metern im Sattel fühlte ich mich wohl. Dieser erste Eindruck festigte sich während der gesamten Fahrzeit immer mehr. Bereits beim ersten Anblick wurde mir klar, dass dieses Gerät jedes erzeugte ES WAR EIN GENUSS, ZU SPÜREN, WIE DIE KRAFT IN DEN BEINEN NACH LIESS, DAS RAD SICH ABER IMMER NOCH SO LEICHT ANFÜHLTE. Watt auf den Asphalt bringt. Betrachtet man das Rad als Ganzes, sieht es sportlich, bissig und massiv aus. Vor allem das Unterrohr sticht ins Auge fast schon quadratisch und mit recht großem Umfang hebt es sich klar von allen anderen Rahmenbestandteilen ab. Die Wandstärken sind teilweise so minimal, dass man das Material mit recht wenig Kraft durch Fingerdruck verformen kann. Jedoch ist dies kein schlechtes Zeichen, vielmehr ein sehr positives: Den Ingenieuren von De Rosa ist es gelungen, die Carbon Fasern so zu verlegen und zu verarbeiten, dass ein Minimum an Material ausreicht, um maximalen Kraft und Belastungswerten zu widerstehen. Der Vortrieb der italienischen Rennmaschine ist ein richtiger Genuss. Jedes bisschen Power, das man in Wade und Oberschenkel erzeugen kann, kommt unmittelbar auf der Straße an. Giftige, kurze Anstiege zu bewältigen ist ein Kinderspiel. Es war ein Genuss, zu spüren, wie die Kraft in den Beinen nachließ, das Rad 116 Procycling Juli 2012
De Rosa Protos Das massige Steuerrohr sorgt dafür, dass der Rahmenvorderbau durch nichts ins Wanken gebracht werden kann. Ein Kettenfänger verhindet, dass der Gliederstrang vom Blatt rutscht das erspart einem schmutzige Finger und einen kaputten Rahmen. Das Runde wird zum Eckigen: In der Draufsicht sieht der Gabelkopf ziemlich ungewöhnlich aus. Technische Daten sich aber immer noch so leicht anfühlte. Es war schon fast so, als würde mir das De Rosa das Fahren erleichtern! Auf schlechterem Untergrund konnte das Rad trotz seiner enormen Steifigkeit mit dynamischen und teils komfortablen Fahreigenschaften weiter Punkte sammeln. Ganz ehrlich es dauerte nicht lange, bis ich vom Protos überzeugt war, zumal mir auch die Optik entgegenkam: Farbdesign und Anbauteile erschienen sauber und elegant aufeinander abgestimmt; die matte Lackierung mit der kräftig leuchtenden Farbe wirkte an Rahmen De Rosa Protos gabel De Rosa Vollcarbon GRuppe Campagnolo Super Record Kurbeln Campagnolo Super Record BRemsen Campagnolo Super Record Laufräder Campagnolo Bora Ultra Two bereifung Vittoria Corsa Evo SC lenker-vorbau-einheit FSA Plasma sattelstütze FSA K-Force Light Sattel De Rosa Gewicht 6,48 kg (o. Pedale) Preis 11.190 Kontakt www.passione-bici.de Procycling JuLi 2012 117
Profitest fangs sehr gewagt, aber auch einzigartig und genial. Bei der Lackierung könnte De Rosa jedoch mehr Wert darauf legen, dass die Übergänge vom Schwarz zum knalligen Orange mit mehr Liebe zum Detail umgesetzt werden. Besonders auffällig und ungewöhnlich ist die kantige Form des Gabelkopfes, denn sobald man einlenkt, kommt dessen orange lackierte Oberseite zum Vorschein. Mit innenliegender Kabelführung erscheint das Protos sehr aufgeräumt, dank der farblich abgesetzten Einsätze kann auch eine elektronische Schaltung montiert werden hier merkt man, dass bei De Rosa intensiv nach guten Lösungen gesucht wurde. Natürlich sparten die Italiener bei ihrem Topmodell nicht an der Ausstattung, also kam mein Testrad mit Campagnolo Super Record und extrem hochwertigen Bora-Laufrädern. Die ergo no mischen Brems- und Schaltgriffe von Campagnolo in der aktualisierten Form bieten extrem viel Komfort; Taubheitsgefühle in den Händen sind damit passé. Natürlich wäre das Rad mit Campagnolos EPS-System noch exklusiver gewesen, doch auch die Testvariante überzeugt: Geschmeidige Schaltvorgänge, zu deren Auslösung man die angenehm knackig gerasterten Hebel bedient, zeigen, dass mechanisches Schalten längst nicht veraltet ist. Die bissigen Bremsen hatten mit den Carbon-Felgen keine Schwierigkeiten. Der Bora-Radsatz passt optisch sehr gut in dieses Renngefährt und ist natürlich extrem leicht, dabei jedoch nicht so belastbar und steif wie vergleichbare Aero- Felgen. Auf schlechten Straßen kann dies aber von großem Vorteil sein, denn die Laufräder sorgen dafür, dass nicht jede Unebenheit unmittelbar auf den Körper des Fahrers übertragen wird. Beim Verzögern absorbierten Gabel und Steuerrohr alle auftretenden Kräfte ohne Unruhe im Fahrwerk, trotz großer Bremskraft verhielt sich das Rad bei gleichzeitigem Einlenken sehr berechenbar. Sicher und souverän konnte ich alle Kurven meistern. Während das massive und extrem steife PressFit-Tretlager alles an erzeugter Kraft auf die Straße brachte, 118 Procycling JuLi 2012
De Rosa Protos Das ultramoderne De Rosa wird der historischen Kulisse gerecht schließlich steht eine lange Tradition hinter ihm. Schräglage auf Kopfsteinpflaster? dass dabei die Laufräder nicht wegspringen, liegt zum einen an Sebastians Fahrkönnen, aber auch an den Campa- Carbon-Rädern, die nicht zu hart sind. sorgte die Lenker-Vorbau-Einheit dafür, dass ich im Wiegetritt oder bei Sprints auch in diesem Bereich kaum Kraftverluste erlebte. Das griechische Wort Prótos bedeutet übrigens Erster ; bei diesem Rennrad, das nur so vor Kraft strotzt, wurde damit ein passender Name gewählt. Aerodynamisch kann dieses Rad nicht mit den Trends vieler Marken mithalten muss es aber auch nicht, denn wenn man einmal ehrlich ist: Wann genau braucht man denn die Vorteile eines aerodynamischen Rades? Sicherlich beim Zeitfahren, oder wenn man im Wettkampf auf langen Flachetappen Kraft sparen muss oder als Ausreißer gegen den Wind kämpft. Das De Rosa aber hat ganz andere Ansprüche und hat mich im Test überzeugt. Übrigens ist das Rad auch im Profifeld vertreten, leider nicht in der ersten Liga. In jedem Fall kann es das Protos mit den Top-Rädern der Konkurrenz mithalten, wenn es nicht sogar teilweise besser ist als diese. Bleibt allein der schwer verdauliche Preis von über 11.000 Euro, der dafür sorgen wird, dass De Rosas Nummer eins für die meisten Radsportler ein Traum bleiben wird. Fazit De Rosas Protos vereint neueste Technologien mit enorm viel Hightech. Kletterer und Bergfahrer kommen bei einem Gewicht, das auch mit Pedalen unter dem UCI-Limit liegt, auf ihre Kosten, ebenso wie die Sprinter, die mit brutalster Steifigkeit verwöhnt werden. Ein Rad der Superlative, mit dem man das Maximum auf die Straße bringen kann. Procycling JuLi 2012 119