Hell und Dunkel Seit einiger Zeit beschleicht mich manchmal das Gefühl, es wird gar nicht mehr richtig Tag. Morgens, beim Frühstücken, ist es noch dunkel und nachmittags, gegen halb fünf, wenn ich gern noch mal eine Tasse Kaffee oder Tee trinke, ist es auch schon wieder dämmrig. Und dazwischen ist es nur selten richtig hell oder gar sonnig. Aber wenn es mal so ist, dann merke ich, wie ich unwillkürlich aufatme und mich gleich lebendiger und fröhlicher fühle. Kein Wunder, dass hell und dunkel oder Tag und Nacht auch als Bildworte gebraucht werden. Dunkel und Nacht stehen dann für Traurigkeit, Orientierungslosigkeit oder Verzweiflung - für das, was unser Leben bedrückt und einengt. Sie spiegeln unsere innere Gefühlswelt nach außen. Das funktioniert nicht nur im Bereich von Worten. Auch Bilder machen sich das zunutze, um einen Gefühlszustand zu verdeutlichen: Filmbilder etwa. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es in Filmen meist gerade dann gewittert, wenn auch die Gefühle spannungsgeladen sind? Oder dass es meist finstere Nacht ist, wenn die Figuren im Film Angst haben oder keine Hoffnung mehr? Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! Eins meiner Lieblingslieder im Advent greift genau diese beiden Gegensätze auf. Man kann sie auf die Jahreszeit beziehen. Die längste Nacht des ganzen Jahres steht bevor und der kürzeste Tag. Die Mitternacht des Jahres, wenn man so will. Wenn sie überwunden ist, dann geht es bergauf. Die Tage werden wieder länger. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Man kann diese Worte auch als Bildworte verstehen. Sie enthalten noch einen anderen, tieferen Sinn. - Musik - www.ekkw.de/rundfunk 1
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! Jochen Klepper hat die Zeilen dieses Liedes gedichtet. 35 Jahre war er damals alt. Worte voller Zuversicht hat er gefunden. Dafür bewundere ich ihn. Denn seine Lebensumstände waren damals höchst kompliziert und schwierig. Er hatte sieben Jahre zuvor geheiratet. Nach allem, was ich weiss, hat er seine Frau sehr geliebt - und auch die beiden Töchter, die sie aus erster Ehe mitbrachte. Das war nicht das Problem. Das lag darin, dass seine Frau Jüdin war. Es war 1938. Der Nationalsozialismus blühte in Deutschland. Jochen Klepper hatte ein paar Jahre zuvor seine Arbeitsstelle beim Rundfunk verloren, obwohl er sich dort als begabt und engagiert erwiesen hatte. Der Kündigungsgrund hieß: jüdische Familie. Ähnlich ging es ihm ein zweites Mal in einem Buchverlag. Trotz guter und erfolgreicher Arbeit wird er entlassen. Er versucht sich als freier Schriftsteller. Aber 1937 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Das bedeutet Berufsverbot. Wovon die Familie nun ernähren? Nur durch eine Sondergenehmigung mit diversen Einschränkungen kann er - stets kontrolliert und beobachtet durch den Staat - weiterarbeiten. Und dann formuliert er diese Worte: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! Es liegt auf der Hand, dass Klepper diese Zeile auch im übertragenen Sinn gemeint hat. Die Nacht bezeichnet die schwierige Lebenssituation, in der er mit seiner Familie steckt. Seine Frau hatte ihm angeboten, sich von ihm scheiden zu lassen, um ihm ein leichteres Leben zu ermöglichen. Aber er steht zu ihr und den Töchtern. Er bekennt sich zu seiner Liebe und zu seiner Ehe. Das erfordert Mut - und unverrückbare Hoffnung. Die nächste Zeile des Liedes deutet an, woraus er seine Hoffnung schöpft. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch das kann man natürlich im übertragenen Sinne verstehen. Der Morgenstern ist ein Bildwort für Jesus Christus. Keins, dass er sich ausgedacht hat - es stammt aus der Bibel (Apk. 22, 16). Schon oft haben Christen es übernommen. Es drückt aus: So wie der helle Morgenstern die www.ekkw.de/rundfunk 2
Macht der Dunkelheit bricht, so bricht Jesus Christus die Macht aller Bedrohungen, die uns begegnen. Sie können uns ängstigen, beunruhigen und bedrängen - aber die Macht Jesu reicht weiter. Die letzte Macht liegt in seiner Hand. So schreibt Jochen Klepper die Worte: Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein! Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein! Wenn ich bedenke, auf welchem Hintergrund Klepper diese Zeilen formuliert hat, dann spüre ich seinen tiefen Glauben aus ihnen. Das ist kein leeres Gerede, nicht einfach schöne Worte. Sie wurzeln mitten in der Realität. Klepper weiss, was Nacht ist und Dunkelheit. Sein eigenes Leben und das seiner Familie ist bedroht. Und dennoch atmen seine Worte Kraft und Zuversicht. Er vertraut auf Gott, der den Morgenstern aufgehen lässt. Die Nacht wird vorübergehen. Ein knappes Jahr später, kurz vor Kriegsbeginn, kann die ältere Stieftochter nach England ausreisen. Musik Im Advent gehen wir auf das Fest des Lichtes zu: Weihnachten. Ganz allmählich, Tag für Tag, kommen wir näher heran. Tag für Tag, Woche für Woche, soll es heller werden in uns. Deshalb zünden wir Kerzen an, erst nur eine, dann Schritt für Schritt immer eine mehr. Die sollen uns daran erinnern, dass das Licht langsam, aber stetig wächst - wie ein Kind im Bauch der Mutter, bis es wirklich ganz zur Welt kommt. Oder wie die Hoffnung, die mitten in der Zeit der Trauer und Verzweiflung in mir erwachen kann und dann langsam, aber stetig größer wird, bis ich wieder froh und vertrauensvoll ins Leben sehe. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Jochen Klepper hat kein leichtes Leben gehabt und auch keinen leichten Tod. Die Nacht des Nationalsozialismus liess ihn nur noch einen einzigen Ausweg sehen. Alle www.ekkw.de/rundfunk 3
Hoffnung auf eine Ausreise für ihn selbst, seine Frau und die jüngere Tochter war verloren. Alle Versuche, alle Kämpfe darum waren gescheitert. Statt dessen stand der Abtransport ins KZ bevor. Besonders im Blick auf Ehefrau und Tochter war dies eine unerträgliche Vorstellung für Jochen Klepper. Wir können seine Gedanken aus seinen Tagebüchern erfahren. Die drei treffen eine Entscheidung. Sie wollen dem KZ durch den Freitod entgehen. Hat ihn sein Glaube verlassen? Die Worte der Zuversicht, die er zuvor noch so fest und hoffnungsvoll formuliert hatte, hat er sie Lügen gestraft? - Das ist Klepper gelegentlich vorgeworfen worden. Aber ich glaube nicht, dass er selbst das so gesehen hat. Auch wenn er meinte, mit diesem Schritt Gott gegenüber schuldig zu werden, glaubte er doch unverbrüchlich daran, dass Gott ihm vergeben würde - dass Gott alles, und wirklich alles vergeben kann. Sein Glaube endete nicht mit dem Ende des Lebens. Er liess ihn fest vertrauen - auf Jesus Christus, der doch das Licht der Welt ist, wie die Bibel sagt. Klepper schreibt in seiner letzten Tagebuch-Eintragung: Über uns steht das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben. Eine nicht sehr weihnachtliche Geschichte, die uns da in Jochen Klepper begegnet. Kein Happy End, wie wir es gewöhnt sind bei Weihnachtsgeschichten - und wie wir es auch erwarten. Oder doch? Es ist eine realistische Geschichte, eine Lebensgeschichte. Sie stammt aus einer Zeit der Nacht über Deutschland. Manches mögen Menschen, die sie nicht miterlebt haben oder anders erlebt haben, gar nicht recht nachvollziehen können. Aber auch sie kennen Zeiten der Dunkelheit, wenn auch vielleicht in ganz anderer Weise. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und schuld, sagt die vierte Strophe des Adventsliedes, doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von www.ekkw.de/rundfunk 4
seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her. www.ekkw.de/rundfunk 5