Virologie als junge Disziplin

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Transkript:

Molekularbiologie IV: Strategien der Virusreplikation Sommersemester 2007 Hans-Georg Kräusslich Abteilung Virologie, Hygiene Institut, INF324 Ralf Bartenschlager, Stephan Urban Abteilung Molekulare Virologie, Hygiene Institut, INF345 Elisabeth Schwarz DKFZ, ATV, INF282 http://virology.hyg.uni-heidelberg.de http://molecular-virology.uni-hd.de Virologie als junge Disziplin 1

Erstes Dokument einer Virusinfektion Ruma 1.500 B.C. Was ist ein Virus? Das Poliovirus ist..bald ausgerottet?.ein Kriegsgewinnler.ein Jahrtausende alter.ein Kindermörder Viren Seuchenerreger stehen am Übergang von unbelebter.ein Zellparasit zu belebter Materie ein selbstsüchtiges Genom PFU/ml 1 68 4 12 intrazellulär extrazellulär.eine effiziente biochemische Maschinerie 24 36 48 Stunden.eine faszinierende Struktur C 332652 H 492388 N 98245 O 131196 P 7501 S 2340.eine biochemische Verbindung 2

Viren sind überall unter 30 m dickem Eis in sauren heissen Quellen (über 80 C, ph3) in der Tiefsee in Salinen in alkalischen Seen (ph10) Es gibt unzählige Virusarten Die häufigste biologische Form im Meerwasser.? Viren! > 2 km unter der Erdoberfläche Meerwasser 5.000 Virusarten in 200 Litern 10 Milliarden Viren pro Liter 1.000.000 Virusarten in 1 kg Sediment (es gibt etwa 4.500 Säugetierarten) 3

Viren sind so alt wie ihre Wirte Pflanzen Alle Spezies haben ihre Viren Lucas Cranach Ägyptische Stele, 1500 v.chr.: Polio Viren in der Geschichte Pocken: 670 erste Beschreibung einer Epidemie in Europa 15. Jh: Pocken gewinnen in Europa an Bedeutung; sie werden zur wichtigsten Infektionserkrankung ab dem 17. Jahrhundert: Pocken sind in Westeuropa als Kinderkrankheit endemisch, etwa 400.000 Menschen pro Jahr sterben Bis vor ~50 Jahren starben jährlich 2 Millionen Seit 1978 gelten die Pocken als ausgerottet Pharao Ramses V: Pocken Masern: Noch heute sind Masern die Ursache von 4% aller Todesfällen bei Kleinkindern weltweit Influenza: ~400: Beschreibung einer Hustenseuche durch Hippokrates 1580: Erste deutliche Beschreibung einer Influenza-Pandemie Seitdem treten Grippe-Pandemien etwa alle 10-40 Jahre auf 1918/19: Spanische Grippe: weltweit sterben 20-50 Millionen, darunter besonders viele junge Menschen 4

Geschichte der Virologie (1) Frühe Geschichte der Virologie = Geschichte der Impfung 11. Jahrhundert: Impfversuche in China 1721 Lady Montague: Variolation in UK 1796 Edward Jenner: Erste Impfung (Kuhpocken); Vakzine = Impfstoff 1885 Louis Pasteur: Attenuation des Erregers der Tollwut Geschichte der Virologie (2) Entdeckung von Viren: 1882 Adolf Mayer: Übertragung der Tabak-Mosaik-Krankheit durch Pflanzensaft; Erreger war nicht isolierbar Principles of Virology, 2004 5

Geschichte der Virologie (3) 1892 Dimitri Ivanofsky: Erreger der Tabak-Mosaik-Krankheit ist nicht filtrierbar und nicht züchtbar 1898 Martinus Beijerinck: Erreger der Tabak-Mosaik-Krankheit vermehrt sich in lebendem Gewebe Erreger ist: ultrafiltrierbar nicht züchtbar ausserhalb lebendem Gewebe ultravisibel Contagium vivum fluidum ; später Virus (lat. Gift) Geschichte der Virologie (4) 1898: Löffler und Frosch; Maul- und Klauen-Seuche-Virus (1. animales Virus) 1901: Walter Reed; Gelbfieber-Virus (1. Virus des Menschen) 1911: Erstentdeckung einer Tumorvirus (Rous Sarcoma Virus) 1915: Entdeckung von Bakteriophagen (Twort; d Herelle) 1935: Kristallisation von TMV (Stanley) 1949: Anzüchtung von Poliovirus (Enders, Weller, Robbins) 1970: Entdeckung der reversen Transkriptase (Baltimore, Temin) 1977: Letzter Pockenfall (Somalia) 1983: Entdeckung von HIV 6

Medizinische Bedeutung von Viruserkrankungen Hong Kong 1997 Ägypten, ca. 1500 v.chr. Congo,, 2002 Deutschland ca. 1500 n.chr. USA, 1985 Beijing, 2003 Medizinische Bedeutung von Viruserkrankungen Die weltweit führenden Todesursachen im Jahr 2000 (Quelle World Health Report 2001): 1. Ischämische Herzerkrankungen 12,4% 2. Cerebrovaskuläre Erkrankungen 9,2% 3. Akute Respiratorische Infekte 6,9% 4. HIV/AIDS 5,3% (Afrika: ca 20 %!) 5. Chronische obstr. Lungenerkrankungen 4,5% 7. Perinatale Todesfälle 4,4% 6. Durchfallerkrankungen 3,8% 8. Tuberkulose 3,0% 9. Verkehrsunfälle 2,3% 10. Krebs (Lunge, Bronchien, Trachea) 2,2% 11. Malaria 1,9% 12. Diabetes 1,5% 13. Selbstmord 1,5% 14. Masern 1,4% 15. Leberzirrhose 1,4% 7

Definition Virus Was sind Viren? Filtrierbare Infektionserreger Unsichtbar im Lichtmikroskop Vermehrung nur in einer lebenden Zelle Obligat intrazelluläre Parasiten ohne eigenen Stoffwechsel Definierende Eigenschaften von Viren Viren sind obligate intrazelluläre Parasiten Virusgenome können aus DNA oder RNA bestehen Das Virusgenom wird in der Wirtszelle repliziert Es steuert die Synthese der übrigen Virusbestandteile Virusnachkommen werden aus neu gebildeten Komponenten zusammengesetzt (Assembly) Ein neu gebildetes Virion ist ein Vehikel, mit dem das virale Genom zur nächsten Wirtszelle oder Wirtsorganismus transportiert wird Dort beginnt es den nächsten Replikationszyklus 8

Abgrenzung Viren - Bakterien Konv. Bakterien Rickettsien Chlamydien Viren Obligat. Intrazell. - + + + Nukleinsäure DNA und RNA DNA und RNA DNA und RNA DNA oder RNA Proteinsynthese + + + - Energiegewinnung + + - - Vermehrung Zweiteilung Zweiteilung Zweiteilung Montage Antibiotikasens. + + + - Randgebiete der Virologie Viroid Satellit Prionen Genom zirkuläre RNA einzelstr. RNA - Grösse 200-400 500 2000 - Vorkommen Pfl. Pfl., Mensch Mensch, Tier Gen - 1-2 zell. Gen Replikation RNA PolII (Ribozym/ Helfervirus Proteinfaltung Wirts-RNase Beispiel Coconut Hepatitis D Virus BSE Cadang Cadang 9

Woraus besteht ein Virus? Hülle (Lipid+Proteine) Kapsid (Proteinhülle) Replikationsproteine, Akzessorische Proteine Genom (DNA oder RNA) Virus = zellfreie, geschützte Nukleinsäure (RNA oder DNA) Funktion der Verpackung (Kapsid, +/-Hülle): Verpackung und Schutz des Genoms Andocken an die Zielzelle Strikt intrazelluläre Replikation Die Welt aus der Sicht eines Virus: Dimensionen Sehen Sie, ein Virus ist, was wir Fachleute als sehr, sehr klein bezeichnen. Monty Python, Der Sinn des Lebens x 20.000.000 x 20.000.000 2 m 100 nm 10

Dimension of virus, bacterium and cell Virusgrösse Principles of Virology, 2004 11

Genomgrösse von Viren Mensch ca. 30,000 Gene (5 x 10e9 Bp) E. Coli ca. 2,000 Gene (4 x 10e6 Bp) Viren 1 ca. 250 Gene (ab ca. 2,000 Nukleotide) Virus morphology by EM Spherical particles mostly icosaedric Tubular particles mostly helical Complex particles e.g. phages 12

Klassifikation der Viren 1) Nach ihrem Genom RNA-Viren Plus-Strang (= mrna) Minus-Strang Doppelstrang DNA-Viren Einzelstrang Doppelstrang 2) Mit oder ohne Hülle (enveloped, non enveloped) 3) Segmentiertes oder nicht segmentiertes Genom 13