Das Medianwählermodell Ökonomische Theorie der Politik A.4.1 Das Medianwählermodell untersucht Entscheidungen, die auf Grundlage der Mehrheitsregel in einer repräsentativen Demokratie gefällt werden 2 wesentliche Annahmen: (1) sind in der Lage, alle zur Wahl stehenden Alternativen auf einem eindimensionalen Kontinuum einzuordnen (2) ziehen jeweils diejenigen Alternativen, die näher an ihrem am stärksten präferierten Wahlergebnisses liegen, denjenigen Alternativen vor, die weiter weg von diesem liegen (eingipflige Präferenzen) Alle Akteure im Modell handeln rational spezifische Rationalität der : Wahlentscheidung danach, welcher Kandidat ihnen persönlich den höchsten Eigennutzen liefern wird spezifische Rationalität der Kandidaten: bestrebt, sich durch ihre politische Tätigkeit die Vorteile zu verschaffen, die mit Regierungsämtern verbunden sind Weitere Annahmen: stimmen immer gemäß ihrer wahren Präferenzen ab; alle beteiligen sich an der Wahl; u.a.
3-Personen-Modell Ökonomische Theorie der Politik A.4.2 P D 1 D M D 3 T Q L Q L Q M Q H Q H Q Als Ergebnis einer Mehrheitswahl stellt sich die vom Medianwähler am höchsten wertgeschätzte politische Alternative ein
Allgemeines Medianwählermodell Ökonomische Theorie der Politik A.4.3 Zahl der Median links L 1 M R 1 rechts Medianwählertheorem für eine repräsentative Demokratie: Stimmenmaximierende Politiker bzw. Parteien werden dasjenige politische Programm annehmen, das der Position des Medianwählers im politischen Spektrum entspricht
Ökonomische Theorie der Politik A.4.4 Extreme Kandidaten/Parteien: starke Mittelschicht Zahl der Median links L Stimmen für L M R Stimmen für R rechts Partei R wird einige sehr aktive Unterstützer haben, aber bei der Wahl werden der Medianwähler und auch noch viele rechts vom Median die Position von L attraktiver finden extreme Kandidaten bzw. Parteien können Wahlen in Ländern mit starker Mittelschicht nicht gewinnen
Ökonomische Theorie der Politik A.4.5 Extreme Kandidaten/Parteien: polarisierte schaft Zahl der Median links L M R rechts keine Annäherung der Parteien sehr scharfe ideologische Auseinandersetzungen und sehr drastische Änderungen der Politik nach Machtwechseln Tendenz zu politischem Chaos und Revolution (z.b. Weimarer Republik ab 1930)
Ökonomische Theorie der Politik A.4.6 Eine Winner takes all -Demokratie tendiert zu einem 2-Parteien-System Zahl der Median links L M R P rechts Wenn z.b. auf der politischen Rechten eine neue 3. Partei P auftritt, kommen alle ihre Stimmen aus dem Lager, das ansonsten Partei R gewählt hätte, so dass im Ergebnis weder R noch P eine Chance haben, für ihren jeweiligen Kandidaten eine Mehrheit zu gewinnen. Daher ist in einer Winner-takes-all -Demokratie, wie den USA, die gleichgewichtige Anzahl an politischen Parteien gerade zwei
Ökonomische Theorie der Politik A.4.7 Dynamik der Parteienkonkurrenz in ausdifferenzierten Gesellschaften Es wirken neben den beschriebenen zentripetalen Kräften auch noch zentrifugale Kräfte, die eine Bewegung der Parteien aufeinander zu bremsen oder verhindern: (1) Der Gewinn einer Wahl erfordert die Mobilisierung von finanziellen und personellen Ressourcen, die wiederum eine gewisse Divergenz der Parteiprogramme voraussetzt (2) Binnenstruktur von Parteien: der parteiinterne Medianwähler wird bei einer linken Partei weiter links und bei einer rechten Partei weiter rechts im politischen Spektrum liegen als in der schaft insgesamt, und für eine Maximierung der parteiinternen Zustimmung müssen (Spitzen-) Kandidaten ein Programm anbieten, das den Vorstellungen des Median-Parteimitglieds entspricht (3) Gefahr, dass an einem vernachlässigten ideologischen Flügel verlorengehen (Wahlenthaltung, Gründung neuer Partei)
Ökonomische Theorie der Politik A.4.8 Analytische Robustheit und empirische Anwendungsgrenzen des Medianwählermodells mehrdimensionale politische Präferenzen oder mehrgipflige Präferenzen Wenn nicht alle politischen Ansichten entlang eines einzigen Spektrums geordnet werden können oder Präferenzen nicht eingipflig sind, verliert des Medianwählertheorem seine Gültigkeit Ideologie Medianwählermodell: Politiker sind einfache Stimmenmaximierer; aber häufig liegen Politikern auch noch andere Dinge am Herzen als nur der Wahlgewinn; u.a.: politische Ideologie Personen Die Annahme, dass die Stimmabgabe der nur von politischen Inhalten abhängt, kann unrealistisch sein; Personen können viel wichtiger sein (TV-Demokratie!) politische Führung im Medianwähler-Modell reagieren Politiker rein passiv auf die Wünsche der ; aber die politischen Ansichten können von den Politikern selbst beeinflusst werden Wahlbeteiligung Medianwählermodell: 100%ige Wahlbeteiligung, keine Kosten der Informationsbeschaffung, des Wahlganges; Problem: Wahlbeteiligung ist irrational!
Informationen und Anreize Ökonomische Theorie der Politik A.4.9 Paradoxie des Wählens: Obwohl die Wahl durch die Gesamtheit aller Stimmen entscheiden wird ( jede Stimme zählt ), hat keine einzelne Stimme einen Einfluss auf die Wahlentscheidung sammeln politische Informationen nur entsprechend ihrer persönlichen Interessen und sind ansonsten mit Blick auf die meisten politischen Sachfragen rational ignorant Im Gegensatz dazu haben partikulare Interessen und ihre Vertreter einen Anreiz, sich über die politischen Belange zu informieren, die sie direkt betreffen Als Ergebnis dieser asymmetrischen Anreizstruktur ergibt sich die Tendenz, dass partikulare Interessen einen übermäßig hohen Einfluss auf politische Entscheidungen haben In dem Ausmaße, in dem das informationelle Problem der rationalen Ignoranz zusammen mit der Dominanz partikularer Interessen die Politik beeinflusst, ist das Medianwählermodell keine aussagekräftige Beschreibung der politischen Realität in einer Demokratie
Die Nachfrage nach sofortigen Ergebnissen Ökonomische Theorie der Politik A.4.10 Funktionsproblem der Demokratie: Tendenz der politischen Akteure, kurzfristig wirksame politische Maßnahmen zu ergreifen, anstatt diejenigen politische Maßnahmen durchzusetzen, die langfristig im Interesse der Allgemeinheit sind Da Wahlergebnisse durch die wirtschaftliche Lage zur Zeit der Wahl mit beeinflusst werden, haben die politischen Akteure Anreize, kurzfristig expansiv wirkende Maßnahmen (Fiskalpolitik oder neue Ausgabenprogramme bzw. gesetzliche Regulierungen, die partikulare Interessen bedienen) zu ergreifen, selbst wenn diese langfristig kontraproduktiv wirken Politische Akteure haben Anreize zu kurzfristig wirksamer Politik, die ihnen bei der nächsten Wahl zusätzliche Unterstützung und Stimmen verspricht, auch wenn sie langfristig das Allgemeinwohl nicht mehren, sondern mindern Weil Politiker immer die nächste Wahl gewinnen müssen, um ihre Macht und die damit verbundenen Privilegien zu bewahren, ist staatliche Politik in der Tendenz kurzsichtig