Mehrerträge durch Einzelkornsaat? Auch bei Getreide tasten sich immer mehr Landwirte, Technikhersteller und Züchter an das Verfahren heran. Die Ergebnisse eines dreijährigen Versuches wecken Interesse. Seit Anbeginn des Ackerbaus bildet die gleichmäßige Verteilung von Pflanzen bei der Aussaat das Ziel jeder Bestandsetablierung. Die Drillsaat von Getreide ist seit mehr als 100 Jahren gängige Praxis. Mit dem heutigen Stand der technischen Entwicklung deutet sich an, dass auch beim Anbau von Getreide die Vorteile der gleichmäßigen Standraumzuweisung genutzt werden können. Zum Thema Einzelkornsaat hat KWS Getreide gemeinsam mit der Humboldt-Universität zu Berlin, der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern und der Kverneland Group in einem Projekt einen umfangreichen Parzellenversuch angelegt. Unter unterschiedlichsten Umweltbedingungen wurde die Drillsaat mit der Einzelkornsaat sowohl für Roggen als auch für Weizen verglichen. Die Ergebnisse dieses dreijährigen Versuches zeigen, worin die Vorteile der Einzelkornsaat liegen und wie groß diese sind. Der Versuch und seine Technik In dem Feldversuch wurden Einzelkornsaat und Drillsaat mit Winterroggen und Winterweizen von 2012/13 bis 2014/15 getestet. Beim Roggen wurde die Sorte Palazzo gesät und beim Weizen Julius. Für die Drillsaat stand an den jeweiligen Standorten die vorhandene Parzellen-Drill-Technik zur Verfügung. Die Parzellen- Drillmaschinen waren entweder von Hege, Deppe oder Wintersteiger, mit einem Bandkopfverteiler bestückt und hatten Scheiben- oder Schleppschare. Der Reihenabstand variierte je nach Standort zwischen 12 und 13,5 cm (ein Standort mit 15 cm). Für die Einzelkornsaatparzellen wurde die MiniAir-Nova von Kverneland genutzt (Abbildung 1). Diese pneumatische Maschine ist speziell für den Gemüsebau entwickelt worden. Sie benötigt ein feinkrümeliges und trockenes Saatbett, um optimal abzulegen und mit ihrer Andruckrolle nicht die Reihen zu verschmieren. An einer Lochscheibe werden mit Hilfe von Unterdruck einzelne Körner festgehalten, am untersten Punkt der Rotation abgestreift und somit vereinzelt abgelegt. Die Maschine hat einen Reihenabstand von 12 cm. Für diesen Versuch wurde die MiniAir-Nova aus mehreren Gründen genutzt. Die Arbeitsbreite von 2,50 m prädestiniert sie für einen Parzellenversuch und die Einzelkornablage funktioniert bei optimalen Bodenbedingungen dank Lochscheibe sehr gut. Zu erwähnen ist jedoch die praxisunübliche nur langsame Fahrgeschwindigkeit von max. 2-4 km/h. Abbildung 1: Zeichnung MiniAir Nova
Der Versuch wurde an insgesamt 9 Orten mit Roggen und an 5 Orten mit Weizen angelegt. Als Standorte standen die Versuchsflächen der Projektpartner zur Verfügung, von Brandenburg über Mecklenburg- Vorpommern und Sachsen-Anhalt bis hin nach Niedersachsen mit stark differenzierten Böden (Abbildung 2). Die Standortgüte reichte von 25 Bodenpunkten in Thyrow, Brandenburg, bis zu 93 Bodenpunkten in Bernburg, Sachsen-Anhalt. Abbildung 2: Karte der Versuchsstandorte Die Versuchsparzellen hatten eine Größe zwischen 4,5 und 17 m² und waren in zwei randomisierten Teilblöcken mit jeweils vier nicht randomisierten Wiederholungen angelegt. Zwei Einzelkornsaatparzellen lagen getrennt durch eine Randparzelle neben zwei Drillsaat-Parzellen. Bei der Einzelkornsaat erfolgte durch die meistens große Parzellenbreite an einigen Standorten ein Kerndrusch. Die Aussaat verlief in den Jahren 2012 und 2013 gut, da es in diesen Jahren im September vorwiegend trocken war. 2014 war es in diesem Zeitraum teilweise feuchter, was in der Folge zu Problemen bei der Aussaat und zu geringen Auflaufraten führte. Der Witterungsverlauf in der Wachstumsperiode 2012/2013 war geprägt durch erhöhte Niederschläge in den Monaten April bis Juni, was sich in den überdurchschnittlichen Erträgen wiederspiegelte. Auch in 2014 konnten durch genügenden Niederschlag ab Mai sehr gute Erträge erzielt
werden. Zur letzten Ernte in 2015 war das Ertragsniveau durch den oft erst ab Juli einsetzenden Regen in den betroffenen Regionen deutlich niedriger. Die Ertragsparameter Neben den Bonituren des Bestandes vor und nach Winter nach den BSA-Richtlinien wurden auch Krankheiten erfasst. Alle Bonituren zeigten keine Besonderheiten oder Ausfälle. Da in dem Versuch keine phytopathologischen Fragestellungen im Vordergrund standen, war das erklärte Ziel, die Bestände unabhängig vom Prüffaktor so gesund wie möglich zu erhalten. Die Bonituren zeigten, dass dies an allen Standorten erfüllt wurde. Das Ergebnis der Zählung der Keimpflanzen zeigte, dass die Zielpflanzenzahl weder bei der Einzelkornsaat noch bei der Drillsaat erreicht wurde. Die Einzelkornsaat wies beim Roggen durchgehend etwas geringere Keimpflanzenzahlen im Vergleich zur Drillsaat auf (Abbildung 3). Gründe liegen in der teilweise nicht optimalen Scheibenbelegung und auch in einer möglichen Beschädigung der länglich-spitzen Roggenkörner in der Lochscheibe des Säaggregates. Diese setzen sich leicht mit der Spitze in die Scheibenlöcher und können so abgeschert werden. Weiterhin wurde bei der Einzelkornsaat-Technik der Faktor Keimfähigkeit im Vergleich zur Drillsaat nicht durch eine erhöhte Aussaatmenge berücksichtigt. Die teilweise feuchte Witterung zur Aussaat 2014 führte zusätzlich zur geringeren Keimpflanzenzahl in der Einzelkornsaat, da deren Aussaattechnik optimale Witterungsbedingungen benötigt. Abbildung 3: Keimpflanzenzahlen beim Roggen und Weizen 2012 2014 Einzelkornsaatversuch im Roggen 2013 2015, Anzahl Umwelten = 23, GD 5% = 6,66 Pflanzen KWS LOCHOW 2016
Einzelkornsaatversuch im Weizen 2013 2015, Anzahl Umwelten = 11, GD 5% = 7 Pflanzen KWS LOCHOW 2016 Beim Weizen war die Problematik des Abscherens wegen der runderen Kornform nicht gegeben. Dort waren die Keimpflanzenzahlen bei den unterschiedlichen Aussaatstärken fast überall gleich mit denen der Drillsaat. Durch die Umweltbedingungen wurde die Ziel-Keimpflanzenzahl in beiden Varianten nicht erreicht. Grundsätzlich ist die Bewertung der Keimpflanzenzahl schwierig, da die Zählung der Pflanzen an Hand von jeweils 2 x 1m Zählstrecke nicht in jedem Fall die gesamte Parzelle vollständig repräsentiert (Abbildung 4). Abbildung 4: Gleichmäßige Standraumverteilung bei der Einzelkornsaat (Fotos: KWS LOCHOW GMBH) Die Zählung der ährentragenden Halme dagegen ist repräsentativer, da mögliche Fehlstellen durch eine stärkere Bestockung ausgeglichen werden können. Die ährentragenden Halme zeigten geringere Unterschiede zwischen den beiden Varianten Einzelkornsaat und Drillsaat. Mit steigender Aussaatstärke stieg die Zahl der ährentragenden Halme an. Die Betrachtung des Bestockungskoeffizienten bei Roggen zeigte, dass das
Verhältnis von Keimpflanzenzahl zu Ährenzahl in den verschiedenen Aussaatstärken zwischen Einzelkorn- und Drillsaat für die Einzelkornsaat minimal höher war. Der größte Unterschied wurde hier bei der Variante mit 80 Körnern festgestellt. Beim Weizen unterschied sich der Bestockungskoeffizient in keiner Variante. Im Roggen wurden die Unterschiede in der Keimpflanzenzahl zwischen den beiden Varianten durch den Bestockungskoeffizient später ausgeglichen. Bei der Tausendkornmasse gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Saattechniken. Mit steigender Aussaatstärke sank die Tausendkornmasse erwartungsgemäß durch die höhere Ährendichte. Einzelkornsaat ist der Drillsaat im Ertrag überlegen Die Einzelkornsaat war der Drillsaat im Schnitt über alle Jahre und Orte sowohl beim Roggen als auch beim Weizen überlegen. Beim Roggen lag der Ertragsvorsprung in den praxisüblichen Varianten von 120 200 keimfähigen Körnern /m² bei 4 % und beim Weizen mit 200 keimfähigen Körnern/m² bei 3 % (Abbildung 5). Abbildung 5: Erträge beim Roggen und Weizen 2013 2015 Einzelkornsaatversuch im Roggen 2013 2015, Anzahl Umwelten = 26, GD 5% = 1,53 dt/ha (KWS LOCHOW, 2016) Einzelkornsaatversuch im Weizen 2013 2015, Anzahl Umwelten = 13, GD 5% = 1,36 dt/ha (KWS LOCHOW, 2016)
Die Kornzahl je Ähre war an den meisten Orten in der Einzelkornsaat signifikant höher, darin liegt der höhere Ertrag der Einzelkornsaat begründet. Die größte Ertragsdifferenz erzielte die Variante mit einer Aussaatstärke von 80 Körnern. Beim Weizen ist diese geringe Aussaatstärke nicht praxisrelevant, da im Vergleich zu höheren Saatstärken deutlich Ertrag verloren geht. Beim Roggen ist bei einer so niedrigen Saatstärke zu beachten, dass das Mutterkornrisiko bei dünnen Beständen deutlich höher ist. Das Ertragsoptimum lag beim Roggen bei 160-200 Körner/m² und beim Weizen erst ab 200 Körner/m². Bei der Betrachtung der Einzeljahre zeigt sich, dass der Effekt in den Jahren mit insgesamt höherem Ertragsniveau wider erwartend größer war, als in Jahren mit einem geringeren Ertragsniveau. Im Jahr 2013 lag der Ertragsvorsprung im Roggen bei 4 %, 2014 bei 5 % und 2015 bei 2 % (Mittel der Saatstärken 120 bis 200). Beim Weizen stellt sich das Jahr 2014 mit 5 % Ertragsvorsprung der Einzelkornsaat deutlich vor die anderen beiden Jahre mit jeweils nur 2 % (Saatstärke 200). Die Effekte der Einzelkornsaat waren auf leichteren Böden nicht einheitlich höher als auf den besseren Böden. Einzelne Standorte wie Gülzow zeigten jedoch in keinem Jahr einen signifikant positiven Ertragseffekt durch die Einzelkornsaat. Ausblick Zu Beginn der Versuchsreihe hatten die Projektpartner deutlich höhere Erwartungen in den Ertragsvorteil der Einzelkornsaat gesetzt, da die vorrausgegangenen zweijährigen Versuche mit exakter Handablage hohe Mehrerträge gegenüber der Drillsaat gezeigt hatten. Diese Erwartungen konnten mit Mehrerträgen von 4 % im Roggen und 3 % im Weizen nicht in dem Maße erfüllt werden. Doch neben dem Ertrag stellt sich die Frage, ob es durch den Einsatz von Einzelkornsaat im Getreide noch weitere positive Effekte gibt. Entsteht durch die optimale Standraumverteilung ein verbessertes Mikroklima im Bestand mit einer besseren Belüftung? Kann sich in Folge dessen eine kostengünstigere Bestandesführung mit weniger Krankheiten und dementsprechend weniger Pflanzenschutzmitteleinsatz, sowie geringerem Einsatz von Wachstumsreglern ergeben? Ist eine Verringerung des Stickstoffeinsatzes durch eine bessere Ausnutzung der Faktoren wie z. B. Nährstoffe und Wasser möglich? Der Praktiker stellt sich sicherlich die Frage, welche Technik er nutzen kann, um einen gleichmäßigen Einzelkornbestand zu säen. Zum heutigen Zeitpunkt ist jedoch noch keine Maschine in der Lage bei einer praxisüblichen Drillgeschwindigkeit eine Ablage von Getreide mit optimaler Standraumverteilung zu ermöglichen. Die Vorteile der exakten Ablage gehen bei einer schnelleren Geschwindigkeit verloren. Hier werden jedoch in den nächsten Jahren Innovationen auf dem Drill-Technik Markt erwartet. Sicherlich steigen durch die Einzelkornsaat auch die Ansprüche an die Saatgutqualität im Hinblick auf Keimfähigkeit und gleiche Korngrößen. Ob sich dieser finanzielle Aufwand für alle Beteiligten lohnt, muss sich noch zeigen. Um eine ökonomische Gesamtbewertung der Einzelkornsaat im Getreide vornehmen zu können, sind neben den eigentlichen Ertragseffekten weitere Faktoren wie die Stickstoffeffizienz und verringerte Pflanzenschutzaufwendungen zu berücksichtigen. Hier besteht sicherlich noch weiterer Forschungsbedarf.
Autoren: Dr. Christiane von der Ohe, KWS LOCHOW GMBH Michael Baumecker, HU Berlin Rolf Hachmeister, LWK Niedersachsen Dr. Jana Peters, LFA Mecklenburg-Vorpommern Andreas Potthast, Kverneland Group Illustrierende Abbildung Aussaat der Versuchsparzellen mit der MiniAir Nova