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1 AUSGABE DEZEMBER 2010 die welt verändern. typisch Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart. Nº1 Ernst Messerschmid Raumfahrer Sonja Kumbarji Trickfilmerin Tobias Wallisser Architekt Anja Kordowich Umweltmanagerin Michael Resch Höchstleistungsrechner Rolf-Dieter Heuer Urknallforscher Thomas Jorberg Ökobanker Wiltrud Pekarek Mathematikerin

2 Nº1 AUSGABE DEZEMBER 2010 Rolf-Dieter Heuer von der Uni Stuttgart zum CERN-Direktor Der Herr über den Urknall Seite 4 Anja Kordowich von der Uni Hohenheim zur Umweltmanagerin Das grüne Gewissen Seite 8 Tobias Wallisser von der Uni Stuttgart in die Stadt der Zukunft Der die Dinge neu denkt Seite 12 Wiltrud Pekarek von der HFT Stuttgart in die Vorstandsetage Die Frau für die Zahlen Seite 16 Thomas Jorberg von der Uni Hohenheim zu Deutschlands Ökobank Nr. 1 Der etwas andere Banker Seite 20 Michael Resch von der Uni Graz zum Stuttgarter Höchstleistungsrechenzentrum Der begnadete Problemlöser Seite 24 Sonja Kumbarji von der Filmakademie in die freie Wirtschaft Die virtuelle Puppenspielerin Seite 28 Ernst Messerschmid vom Mond zum Institut für Luft- und Raumfahrttechnik Der Astronaut mit Bodenhaftung Seite 32 Studierende übers Studieren Seite 36 Hochschulen in der Region Stuttgart Seite 38 Impressum Seite Weitere Informationen rund um Studienmöglichkeiten, Forschungseinrichtungen und kooperierende Unternehmen in der Region Stuttgart finden Sie in unserem neuen Internetportal:

3 DIE WELT VERÄNDERN. Editorial die Welt verändern typisch Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart. Ein hehrer Anspruch. Eine hohe Messlatte. Provokant gewiss, aber nicht zu hoch gegriffen, denken wir, wenn man auf einen Hochschulstandort blickt, der mit mehr als zwanzig Universitäten und Hochschulen, mit Forschungsinstitutionen von Weltruf und renommierten Wissenschaftlern in Forschung und Lehre aufwarten kann. Viele Menschen also, die durch ihre Persönlichkeit, ihre Fähigkeiten, ihr Wissen und ihre Tatkraft helfen, die Welt zu verändern! Im Sommer vorigen Jahres wurde aus der Mitte der Hochschulen an den Vorsitzenden des Verbandes Region Stuttgart der Wunsch herangetragen, den Hochschul- und Wissenschaftsstandort Region Stuttgart besser sichtbar zu machen und Kooperationen zwischen Hochschulen, Wissenschaftseinrichtungen und Unternehmen zu fördern. Diesen Gedanken haben wir im Rahmen eines intensiven Dialogs mit den Hochschulen der Region aufgegriffen und vertieft. Am 23. Juni 2010 hat der Verband Region Stuttgart die regionale Wirtschaftsförderung beauftragt, den Dialog mit den Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen weiterzuverfolgen und darauf hinzuwirken, die Wahrnehmung des Standorts zu optimieren und verstärkte Kooperationsstrukturen zu schaffen. Wir freuen uns, Ihnen heute als ersten Schritt das neue Magazin für die Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart vorstellen zu dürfen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Region Stuttgart mit den Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Hochschulkommunen und Unternehmen des Standorts. Im Mittelpunkt des Magazins stehen interessante Köpfe, die bei der Lösung globaler Fragen engagiert sind, besondere Projekte verantworten, wissenschaftlich exzellente Leistungen vollbringen und gesellschaftliche Verantwortung zeigen. Kurz gesagt: Menschen, die helfen, die Welt zu verändern! Darüber hinaus soll der Leser auch über Hochschulen, Studienangebote, Forschungsergebnisse, Wissenschaftsgeschichte und aktuelle Projekte informiert werden. Durch das neue Webportal der Hochschulregion Stuttgart stehen Interessierten ergänzend ausführlichere Daten und Fakten zur Verfügung. Für die Porträts konnten wir in Michael Ohnewald einen herausragenden Journalisten gewinnen, der vielfach ausgezeichnet ist, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Robert-Bosch-Preis, dem Ernst-Schneider-Preis der deutschen Wirtschaft und als Journalist des Jahres Gemeinsam mit seinem Team ist er für Porträts, Fotos und für das Layout zuständig. Wer sich nicht positioniert, der wird positioniert. Diese Regel gilt auch für den Hochschulstandort Region Stuttgart. Er hat einiges zu bieten weit mehr als bekannt. Vor diesem Hintergrund wollen wir einerseits informieren, andererseits aber auch dem Bedürfnis von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen zur engeren Zusammenarbeit gerecht werden. Diesem Ansinnen werden wir mit der Gründung einer Geschäftsstelle Rechnung tragen, die gemeinsame Projekte unterstützen und begleiten soll. Für die Leitung konnten wir in Dr. Matthias Knecht einen ausgewiesenen Kenner der Hochschul- und Forschungslandschaft gewinnen. Durch seine gegenwärtige Tätigkeit bei der regionalen Wirtschaftsförderung und seine Vergangenheit an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie im Wissenschaftsmanagement der Max-Planck-Gesellschaft sind ihm sowohl die Region Stuttgart als auch andere erfolgreiche Wissenschaftsstandorte bestens vertraut. Wir wünschen Ihnen viel Freude mit dem neuen Magazin, dessen nächste Ausgabe im April 2011 erscheint. Wir freuen uns über Ihre rege Beteiligung und tatkräftige Unterstützung für die Hochschulregion Stuttgart. Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, in vielen kleinen und großen Schritten die Welt zu verändern! Thomas S. Bopp Vorsitzender Verband Region Stuttgart Dr. Walter Rogg Geschäftsführer Wirtschaftsförderung Region Stuttgart 3

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5 DIE WELT VERÄNDERN. Er gehört zu den Popstars unter den Physikern und leitet am Genfer See das größte Forschungszentrum der Welt: der Stuttgarter Professor Rolf-Dieter Heuer. es gibt eine hübsche Geschichte von Paul Watzlawick, die von einem Autofahrer handelt, der unter einer Laterne nach seinem Schlüssel sucht. Ein Passant sieht dem Treiben eine Weile zu und erkundigt sich dann bei dem Ärmsten, ob er sicher sei, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben. Worauf der Mann antwortet: Nicht hier, sondern dort hinten aber dort ist es viel zu finster. Auch Rolf-Dieter Heuer sucht einen Schlüssel unter einer Laterne, ohne zu wissen, ob er dort ist. Er weiß nicht einmal, ob es ihn wirklich gibt. Seine Hoffnungen ruhen auf einem 27 Kilometer großen Mikroskop, dem nichts entgeht. Mit ihm will er den Schlüssel finden den Schlüssel zur Antwort auf die Frage, was die Welt zusammenhält. Es ist Mittagszeit am Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire, kurz CERN, dem weltgrößten Forschungszentrum auf dem Gebiet der Teilchenphysik. An den Rand des Jura, nicht weit vom Genfer See entfernt, schmiegen sich graue Bauten, hinter denen kluge Köpfe ihrem Tagwerk nachgehen. An diesem Ort pulsiert die Forschung wie vielleicht nirgendwo sonst Angestellte, 600 Stipendiaten, Gastwissenschaftler aus 90 Nationen, Jahresbudget 1,1 Milliarden Schweizer Franken. Gar nicht so leicht, hier den Durchblick zu behalten. Der Generaldirektor Heuer versucht es trotzdem. 62 Jahre alt ist der Stuttgarter, die meisten davon hat er der Physik gewidmet. Sie trägt ihn und sie treibt ihn. Amerika, Japan, China, Korea, Indien. Heuer ist einer der Stars seiner Branche und eine Art Forschungsreisender. Im vergangenen Jahr ist er mehr als 100 Tage unterwegs gewesen. Der Professor ist gefragt, denn Heuer steht für das Ungeheuerliche. Unter seiner Regie hat am CERN das größte nichtmilitärische Experiment aller Zeiten begonnen. In einem 27 Kilometer langen und hundert Meter tiefen Ringtunnel lenken Forscher mit Hilfe gewaltiger Teilchenbeschleuniger zwei gegenläufige Protonenstrahlen aufeinander, auf dass die Atombausteine mit nie zuvor erreichter Energie kollidieren. Auf diese Weise simulieren die Physiker den Urknall. In drei Jahren soll der Large Hadron Collider, wie das Technikwunder heißt, auf volle Energie gefahren werden. Man kann sich das wie bei einem Hammerwerfer vorstellen, der im Moment sein Trainingspensum steigert. Bei der Weltmeisterschaft gibt er alles und schleudert das Teil zum Weltrekord. Trifft sein Hammer mit dem eines Kollegen zusammen, gibt es jede Menge Kollisionssplitter. Im CERN werden diese Elementarteilchen von gewaltigen Detektoren aufgefangen und untersucht, die Der Herr über den Urknall Ausmaße von Kathedralen haben. Die beteiligten Wissenschaftler erhoffen sich dabei Hinweise, die so manches Rätsel der Physik erklären können. Rolf-Dieter Heuer ist ein glänzender Botschafter solcher Grundlagenforschung. Nur fünf Prozent des Universums besteht aus Materie, die wir kennen. 95 Prozent kennen wir nicht, sagt er. Wir wissen, dass ein Viertel davon aus dunkler Materie besteht, die wir nicht sehen. Wenn wir Glück haben bei unserem Experiment, bekommen wir dieses eine Viertel in die Hände. Dafür ackert er, dafür vergisst er auch einmal das Mittagessen. Can you look for a sandwich?, fragt der Generaldirektor ins Vorzimmer, wo zwei Sekretärinnen sitzen. Die eine kommt aus Kroatien, die andere aus Finnland. Ihr Chef ist ein angenehmer Mensch. Er sitzt vor einer Tasse Kaffee mit schlohweißem Haar, Tränensäcken unter den Augen und der Gewissheit im Bauch, am richtigen Ort zu sein. Ich war nie der beste Forscher, behauptet er. Aber ich konnte das Gefühl für Menschen mit der Physik gut verbinden. Genau darauf kommt es an im weltgrößten Forschungslabor. Dort gibt es Professoren, die sich mit der Aura einer Diva umgeben, Sommerstudenten aus Israel und Palästina sowie Teilelieferanten aus China, die in einer Werkhalle mit kritisch beäugten Kollegen aus Taiwan an einem Projekt arbeiten. Völkerverständigung und Wissenstransfer sind am CERN lange gelebte Philosophie. Nicht von ungefähr ist hier eher zufällig die Idee für das weltweite Datennetz entstanden. Wissenschaftler aus allen Kontinenten überlegten, wie sie in Kontakt bleiben können und erfanden dabei eine neue Softwareplattform, aus der sich das World Wide Web entwickelt hat. Solche Zufallsprodukte gibt es öfter, wenn sich die Gelehrten aufmachen, die Welt zu ergründen. Als Michael Faraday einst über Elektromagnetismus forschte, gab es weder Bedarf an Elektrizität noch an Magnetismus. Der damalige Premierminister fragte den Forscher: Worin besteht der Nutzen dieser Sache? Und Faraday soll geantwortet haben: Ich weiß es nicht, aber eines Tages werden Sie darauf wahrscheinlich Steuern erheben. Auch Kernspintomografen, die heute für «FORTSETZUNG 5

6 DIE WELT VERÄNDERN. «medizinische Diagnosen von zentraler Bedeutung sind, gibt es nur, weil Physiker supraleitende Magneten für Teilchenbeschleuniger benötigt haben. Wäre allein der ökonomische Nutzen das Kriterium gewesen, hätte wohl niemand derart teure Apparate jemals gebaut. Einer wie Heuer lässt als Generaldirektor Raum für die Kreativität der Science Community. Der Job am Genfer See ist für ihn die Krönung einer Karriere, die im Physiksaal des Friedrich-Eugens-Gymnasiums beginnt. Rolf-Dieter Heuer, Sohn eines Versicherungskaufmanns, geht hier zur Schule und trifft auf einen Physiklehrer namens Neunhöfer, der sein Talent früh erkennt. Heuer, wenn du nicht Physik studierst, machst du was falsch. Der Schüler hält sich an den Rat seines Mentors, büffelt emsig für sein Abitur und studiert danach Physik in Stuttgart. Er schreibt sich gleich ins zweite Semester ein, nachdem er zuvor 18 Monate Wehrdienst in Kassel abgeleistet hat. Rolf-Dieter Heuer will die Zeit aufholen und bereut es schnell. Der Anfang fiel mir schwer. Ich habe fast nichts verstanden, das war furchtbar. Manche Geschichten dauern länger bis zum Happy End. Ich war kurz davor, mein Studium aufzugeben und mit Freunden eine Pommesbude aufzumachen, sagt Heuer. Er tut es nicht, sondern kämpft sich hinein in eine Materie, die ihn seitdem nicht mehr loslässt. Nach der Diplomarbeit in Stuttgart zieht es ihn für die Promotion nach Heidelberg, anschließend führt sein Weg zum ersten Mal ans CERN. Rolf-Dieter Heuer bleibt 15 Jahre, ehe er nach Hamburg umzieht, als Professor an der Universität lehrt und im Forschungszentrum DESY arbeitet, das sich auf Entwicklung und Bau von Teilchenbeschleunigern spezialisiert hat. Vier Jahre ist Heuer dort Forschungsdirektor für Hochenergiephysik wird er Generaldirektor des CERN. Seitdem lebt Rolf-Dieter Heuer mit seiner Frau Brigitte in Peron, einem französischen Dorf gleich hinter der Schweizer Grenze. Der Alltag ist dort billiger. Er ist Schwabe geblieben, all die Jahre, das kriegt man nicht so leicht los. Seine Mutter wohnt noch in Stuttgart, und wenn er mal dort ist, dann verfolgt der Globetrotter, was die Fußballer vom Wasen machen. Er saß früher öfter im Stadion. Alte Liebe rostet nicht. Ich bin VfB-Fan! Der Geist des Aufbruchs ist schön, vielleicht schöner als der Aufbruch selbst. Rolf-Dieter Heuers Amtszeit als Generaldirektor endet Bis es so weit ist, reist und schläft und spricht er für die Wissenschaft. Dies ist seine Chance, und er weiß, sie kommt nicht wieder. Der beste Job, den man als Teilchenphysiker kriegen kann. Wenn alles gut geht, wird es in seiner Amtszeit die große Entdeckung geben, die vieles erklärt. Vielleicht auch die Frage, warum alle bisher bekannten Bausteine der Natur unterschiedlich viel Masse haben. Vor mehr als 30 Jahren hat der schottische Physiker Peter Higgs eine mögliche Antwort gegeben. Danach könnte es ein besonderes Teilchen geben, das über die Massen aller Elementarteilchen entscheidet. Wird das berühmte Higgs-Teilchen bald im Wissenschaftslabor am Genfer See gefunden? Es kommt bestimmt irgendwas raus, sagt Rolf-Dieter Heuer, der Professor unter der Laterne. Wir wissen nur nicht, wann und wo. ////////////////////////////////////////////////// ZUM GREIFEN NAHE ////////////////////////////////////////////////// Ich seh den Sternenhimmel! Im Stuttgarter Carl-Zeiss-Planetarium wird Astronomie für junge und alte Forscher erlebbar. Die innovative Technik erlaubt die Darstellung eines so brillanten Sternenhimmels, wie ihn nur Raumfahrer außerhalb der Erdatmosphäre sehen können. // ////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////// Generation Zukunft Heute noch beim gemütlichen Plausch auf dem Campus Vaihingen der Universität Stuttgart, morgen vielleicht schon groß im Geschäft: Die Region Stuttgart ist ein gutes Pflaster für pfiffige Hochschulabsolventen. Im Durchschnitt lassen die Unternehmen im Ballungsraum am Neckar jährlich mehr als Patente registrieren. Das ist im Vergleich der Regionen die größte Anzahl an Patentanmeldungen deutschlandweit. 6

7 ////////////////////// PRAXIS SCHNUPPERN ////////////////////// PraktikumsInfoBörse Die Universität Stuttgart bietet in Zusammenarbeit mit der IHK Region Stuttgart eine Infobörse für Praktika insbesondere in den Bereichen der Ingenieurund Naturwissenschaften an. Studierende, Absolventen und Nachwuchswissenschaftler erhalten so Einblicke in zukunftsträchtige berufliche Praxisfelder und unterschiedliche Unternehmenskulturen. // /////////////////// NOBEL, NOBEL /////////////////// Nobel in Chemie und Physik Der Stuttgarter Gerhard Ertl, der nach seinem Physikstudium an der Universität Stuttgart eine erfolgreiche Laufbahn in der ganzen Welt unter anderem bei der Max-Planck-Gesellschaft verzeichnen kann, holte im Jahr 2007 mit seiner Arbeit Studien von chemischen Prozessen auf Festkörperoberflächen den Nobelpreis für Chemie. Erwin Schrödinger und Klaus von Klitzing wurden für ihre wichtigen Entdeckungen und Erfindungen auf dem Gebiet der Physik ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Beide lehrten an der Uni Stuttgart. // //////// STIPENDIEN FÜR FRAUEN //////////// Mut zur Habilitation Ziel des Margarete von Wrangell-Habilitationsprogramms für Frauen ist es, qualifizierte Wissenschaftlerinnen zur Habilitation zu ermutigen und sie materiell zu unterstützen. Die Stellen werden in die Universitäten integriert. Die Förderdauer beträgt 3 Jahre. // /////////////// HIGH-TECH-REGION /////////////// 1/4 Die Region Stuttgart ist spitze: 24 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten in einem Bereich, der zur Hochtechnologiebranche zählt. // ///////// BIS INS KLEINSTE DETAIL /////////// Präzision pur Die Studierenden der Hochschule Esslingen entwickeln ein Gerät zur Auftrennung von Stoffen. Die Chromatografie soll helfen, Filtrationen in der Biotechnologie effizienter zu machen ganz im Sinne der beteiligten Industriepartner. // ////// HOCHSCHULREGION STUTTGART ////// BB LB AUSGEWÄHLTE STUDIENANGEBOTE: Universität Stuttgart Mathematik (Bachelor) Chemie (Bachelor/Master) Materialwissenschaften (Bachelor) Physik (Bachelor/Master) Technische Kybernetik (Bachelor) Verfahrenstechnik (Master) Besonderes: Technische Biologie (Bachelor) // Universität Hohenheim Biologie (Bachelor/Master) Enzym-Biotechnologie (Master) Lebensmittelwissenschaft und Biotechnologie (Bachelor) Agrarbiologie (Bachelor/Master) Besonderes: Erdsystemwissenschaft (Master) // Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart Elektrotechnik (Bachelor) Maschinenbau (Bachelor) Mechatronik (Bachelor) Besonderes: Vertiefung Allgemeine Mechatronik als Grundlage für alle Anwendungsbereiche // Hochschule Esslingen Biotechnologie (Bachelor) Chemieingenieurewesen (Bachelor) Maschinenbau (Bachelor) Mechatronik (Bachelor) Besonderes: Angewandte Oberflächenund Materialwissenschaften (Master) // S ES WN GP ////////////// PREISTRÄGERINNEN ////////////// Starke Frauen: 2 aus 3 In den letzten drei Jahren ging der Hertha-Sponer-Preis für herausragende Physikerinnen zwei Mal nach Stuttgart. Im Jahr 2008 war es Dr. Sylvie Roke vom Max-Planck-Institut für Metallforschung, Stuttgart, 2010 ist es Dr. Na Liu, Universität Stuttgart, 4. Physikalisches Institut. // ///////////////////////////////////////// AUSGEZEICHNETE PERSPEKTIVEN /////////////////////////////////////////// Exzellenzinitiative Im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern werden an der Universität Stuttgart bereits jetzt nach der ersten Phase der Exzellenzcluster Simulation Technology (SimTech) und die Graduiertenschule Advanced Manufacturing Engineering (GSaME) gefördert. Für die zweite Phase der Exzellenzinitiative hat die Universität Stuttgart am 1. September 2010 bei DFG und Wissenschaftsrat drei Antragsskizzen zu Graduiertenschulen, zwei Antragsskizzen zu Exzellenzclustern sowie ein Zukunftskonzept eingereicht. Dahinter steht ein intensiver Vorbereitungsprozess, an dem zeitweise mehr als 100 Experten verschiedenster Disziplinen mitgewirkt haben. Bei der Auswahl der Initiativen wurden sehr sorgfältig Themenfelder definiert, die zukunftsweisend sind und auf denen die Universität durch ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie bisherigen Forschungsleistungen bereits heute hervorragend aufgestellt ist. Mit dem Zukunftskonzept möchte sich die Universität Stuttgart eine völlig neue Dimension der Kooperation mit ihren Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft am Standort eröffnen. // 7

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9 DIE WELT VERÄNDERN. Anja Kordowich pflanzt Visionen für die Zukunft. Sie ist die erste Umweltmanagerin der Hochschule Esslingen und sie hat sich einiges vorgenommen. über den braunen Fluten in Klein-Venedig tanzen Prachtflügel-Libellen. Die Luft in Esslingen riecht nach Sommer. Ein Graureiher putzt sein Gefieder, ein Angler geht in den Neckarkanälen auf Karpfen. Einen Steinwurf entfernt plaudern Studenten über ihre nächste Vorlesung. Dort, wo der Pinsel der Natur mit breitem Strich aufgetragen ist, geht Anja Kordowich seit einigen Monaten ihrem Tagwerk nach. Sie ist 27 und eine Art Grüne ohne Parteibuch. Umweltmanagerin der Esslinger Hochschule nennt sie sich. Eine neue Stelle in Zeiten globaler Erwärmung. Es geht um nachhaltiges Wissen in einer Hochburg der Wissenschaft, auf dass in den Lehrsälen und drum herum nicht nur übers Energiesparen geredet, sondern auch tatsächlich Energie gespart wird. Frau Kordowich ist eine Keimzelle in einem großen Apparat. Wenn man ihn betritt, verändert sich der Ton der eigenen Schritte. Viele sind unterwegs an diesem Ort sich ballender Bildung Studenten in elf Fakultäten. Ingenieurwesen, Betriebswirtschaftslehre, Sozial- und Pflegewissenschaften. zwölf Master- und 23 Bachelor-Studiengänge. 284 Mitarbeiter, 200 Professorinnen und Professoren, 363 Lehrbeauftragte. Allein in der Stadtmitte gibt es 14 Gebäude, das älteste Baujahr Da ist einiges zu tun für die neue Ökomanagerin. Sie hat sich länger auf diesen Job vorbereitet. In Sillenbuch am Waldrand aufgewachsen, hat Anja Kordowich die Liebe zur Natur mit der Muttermilch aufgesogen. Wenn das Laub im Herbst unter den Füßen knisterte und im Frühling das Leben aus den Baumwipfeln trieb, war das für sie seit je kein langweiliges Ritual, sondern ein faszinierendes Schauspiel, dem sie sich nur schwer entziehen konnte. Vielleicht hat sie deshalb schon früh manches hinterfragt, was anderen allzu selbstverständlich scheint. So jemand zieht seine eigenen Schlüsse aus dem, was um ihn herum passiert. Wir leben über unsere Verhältnisse, sagt Anja Kordowich. Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft auf einiges verzichten müssen. Es gibt aber etwas, auf das ich nicht verzichten möchte, und das ist eine saubere Umwelt. Das grüne Gewissen Nach dem Abitur im Jahr 2002 wollte sie nicht weg, sondern bleiben. Stuttgart ist für mich eine Großstadt mit Lebensqualität, sagt Anja Kordowich. Hier wollte sie studieren, nirgendwo sonst. Eine bewusste Entscheidung für Stuttgart. National, sagt sie, wird dieser Hochschulstandort unterschätzt. Also schrieb sie sich an der Universität Hohenheim im Fach Wirtschaftswissenschaften ein. Anja Kordowich wollte sich Zeit nehmen und die Studienzeit genießen. Zwölf Semester sind es am Ende geworden. Vertieft beschäftigt hat sie sich dabei vor allem mit der jungen Ehe von Ökologie und Ökonomie. Das kann eine sehr erfolgreiche Verbindung sein, die viel Geld spart, sagt sie. Die beiden Ös blieben während der gesamten Studienzeit ihr Treibstoff, auch wenn sie selbst von sich sagt, dass auch bei ihr manchmal der Wasserhahn tropft, die Heizung zu lange läuft und das Licht brennt, wenn es nicht sein müsste. Auf ein Auto immerhin verzichtet sie in Stuttgart bewusst und auch Fleisch kommt bei der Hobby-Köchin nicht jeden Tag auf den Tisch. Grüne Visionen gedeihen auch im Kleinen. Als es an die Diplomarbeit ging, entschied sich Anja Kordowich für ein zukunftsträchtiges Thema: Ein nachhaltiger Arbeitsplatz Entwicklung eines Leitfadens für umweltbewusste Arbeitnehmer. Das 70 Seiten starke Werk handelt von Gewohnheiten, die sich ändern lassen. Muss wirklich jede ausgedruckt werden? Ist es nötig, im Büro das Licht brennen zu lassen, wenn die Belegschaft beim Mittagessen ist? Muss der Computerbildschirm wirklich die ganze Nacht im Stand-by-modus bleiben? Vollkommene Nachhaltigkeit in allen Bereichen zu erwarten, wäre realitätsfern. Trotzdem kann jeder Einzelne einen Beitrag leisten, heißt «FORTSETZUNG 9

10 DIE WELT VERÄNDERN. «es auf der letzten Seite ihrer Diplomarbeit. Schon kleine Verhaltensänderungen in den privaten und beruflichen Lebensräumen sowie ein bewusster Umgang mit den knappen Ressourcen dieser Erde haben große Wirkung. So kann jeder mit kleinen Schritten einfach die Welt verändern. Die Welt verändern, das will auch Anja Kordowich. Als Diplom-Ökonomin verabschiedete sich die Jungakademikerin von der Universität Hohenheim. Mitten in der Wirtschaftskrise schrieb sie ihre ersten Bewerbungen. Fast 30 Stück, und alle kamen zurück. Harte Zeiten. Tagsüber hat sie bei Breuninger in Stuttgart im Büro gejobbt, abends die Computer der Kollegen ausgeschaltet und nachts gehofft, dass sich irgendwann eine Türe auftut war plötzlich eine Stelle ausgeschrieben, von der sie geträumt hatte. Ökomanagerin im Wissenschaftsbetrieb! Als erste Hochschule im Land wollen die Esslinger zusammen mit einem Partner aus der Wirtschaft, dem Stuttgarter Projektentwickler Drees & Sommer, ihre Umweltbilanz nachhaltig verbessern. Anja Kordowich bekam den Job. Als akademische Mitarbeiterin ist sie dem Rektor direkt unterstellt. Gemeinsames Ziel ist nicht nur die Zertifizierung nach dem europäischen Öko- Audit, das sich auf Briefbögen gut macht, sondern eine ökologische Strategie für die Hochschule, die regelmäßig von Gutachtern überprüft wird. Schwachstellen sollen ermittelt und neue Wege gesucht werden, um Energie und Ressourcen einzusparen. Die Möglichkeiten reichen vom Umweltpapier im Kopierer über gezielte Schulungen im eigenen Haus bis hin zur kostspieligen Wärmedämmung. Der Prozess wird transparent gestaltet. Ein Umweltausschuss, in dem Studierende, Professoren, Mitarbeiter und das Rektorat vertreten sind, tagt bereits regelmäßig. Angedacht ist zudem ein Webportal, welches den ökologischen Fortschritt für alle nachvollziehbar dokumentiert. Esslingen ist unter den Top Ten der deutschen Fachhochschulen, sagt Anja Kordowich. Da gibt es viele kluge Köpfe, denen fällt bestimmt noch manches ein. Für eine Bachelorarbeit an der Fakultät Versorgungstechnik und Umwelttechnik wurden hochschulweit alle Beteiligten zu diesem Thema befragt. Das Ergebnis lässt hoffen: 59 Prozent der Studenten wären bereit, sich eine Stunde pro Monat in einer Arbeitsgruppe zum Thema Nachhaltigkeit zu engagieren. In vollkommener Harmonie wird das Umdenken nicht vonstatten gehen. Anja Kordowich ist bewusst, dass sie manchmal zum Störfall werden muss, um den Umweltschutz in Lehre und Forschung besser zu verankern. Nicht jeder ist auf Anhieb begeistert, wenn es darum geht, sich selbst zu hinterfragen. Mit dem Zeigefinger kommt man da nicht weiter, sagt die Diplom-Ökonomin. Man muss die Leute ins Boot holen. Gesegnet mit fröhlichem Pragmatismus und innerer Überzeugung geht sie es an. Draußen vor ihrem Fenster rauscht das Wasser. Der Angler packt zusammen. Auch Anja Kordowich muss weiter, ein bisschen was tun für die Natur von morgen. Wir können nicht darauf hinleben, alles zu zerstören, verabschiedet sich die Umweltmanagerin der Hochschule Esslingen. We are what we do. ///////////////////////////////////// WELTWEITE AGRARFORSCHUNG /////////////////////////////////////// Tropenzentrum Internationale Tropenforschung mitten in der Region Stuttgart: Das Tropenzentrum an der Universität Hohenheim besteht aus zehn international ausgerichteten Professuren, die sich der nachhaltigen Forschung und Lehre für die Tropen- und Subtropenregionen widmen. Hierzu kooperieren sie mit 50 Universitäten und Forschungseinrichtungen in aller Welt. // ////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////// Top Ten Hochschule Ingenieurwesen, Betriebswirtschaft, Sozial- und Pflegewissenschaften sind die tragenden Säulen der Hochschule Esslingen. In den Rankings zahlreicher Wirtschaftsmagazine und des Studienführers der Zeit ist sie unter den Top Ten der besten Fachhochschulen Deutschlands zu finden. Die enge Vernetzung der Hochschule mit der Wirtschaft und Verbänden sorgt für einen hohen Praxisbezug. Den Studierenden stehen an den drei Standorten in Esslingen- Stadtmitte, Flandernstraße und in Göppingen über 50 hochmoderne Labore zur Verfügung. Die Hochschule Esslingen ist immer im Trend der Zeit und das schon seit fast 100 Jahren. // 10

11 ////////////////////////////////// MODELLSIEDLUNG MIT VORBILDCHARAKTER ////////////////////////////////// Meter Landschaftstreppe Die Meter lange Landschaftstreppe im Scharnhauser Park in Ostfildern verbindet die zwei Teile der ökologischen Modellsiedlung. Ziel der Anlage sind insbesondere die Entwicklung energieeffizienter Gebäude und der Einsatz von regenerativen Energiequellen. Die Siedlung ist konzipiert für Einwohner und bietet Arbeitsplätze. Partner des EU-Projekts POLYCITY sind u. a. die Universität Stuttgart, die Hochschule für Technik Stuttgart, die Gemeinden Ostfildern und Esslingen und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. // ///////////////// ELEKTRO RALLYE ///////////////// 90 Km Nach 90 Kilometern erreichte der HydroSmart der Hochschule Esslingen den ersten Platz bei der Challenge Bibendum in Brasilien, einer Rallye ausschließlich für Elektrofahrzeuge. // //////////////////// TÄGLICH BROT /////////////////// Brot als Brennstoff Über Tonnen Brot landen allein in Südwürttemberg jährlich im Müll. Jetzt hatte Christian Alber, Student der Hochschule Esslingen, in seiner Bachelorarbeit eine zündende Idee: Brot als Brennstoff. Ob da wohl der Beruf des Vaters als Bäcker entscheidend war? // ////////////////// WÜSTENSTROM ///////////////// DESERTEC Stromgewinnung aus der Wüstensonne als Alternative zur Atomkraft. Das ist der Plan des international renommierten Think Tanks Club of Rome und seiner DESERTEC Foundation. Studierende der DHBW Stuttgart begleiten das Projekt wissenschaftlich. // ///////////////////// UMDENKEN ///////////////////// Ab in die Tonne! Der internationale Studiengang WASTE an der Uni Stuttgart vermittelt das Wissen und die Fähigkeit, die Umweltprobleme der heutigen Zeit zu meistern. Vermittelt werden dabei multidisziplinäre Fähigkeiten in den Bereichen Gewässer- und Luftverschmutzung sowie Abfallentsorgung. Zulassungsvoraussetzung ist ein Bachelor oder ein anderer erster Studienabschluss in Umweltschutz- oder Verfahrenstechnik, Chemieingenieurwesen, Bauingenieurwesen, Maschinenbau oder in einem anderen vergleichbaren Studiengebiet. // ////// HOCHSCHULREGION STUTTGART ////// BB LB S ES WN GP AUSGEWÄHLTE STUDIENANGEBOTE: Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen Energie- und Ressourcenmanagement (Bachelor) Landschaftsplanung und Naturschutz Agrarwirtschaft (Bachelor/Master) Gesundheits- und Tourismusmanagement (Bachelor) Besonderes: International Master of Landscape Architecture (IMLA), Umweltschutz (Master of Engineering) // Universität Hohenheim Agrarbiologie (Bachelor) Agrarwissenschaften (Bachelor/Master) Wirtschaftswissenschaften mit agrarökonomischem Profil (Bachelor) Agribusiness (Master) Agricultural Economics (Master) Agricultural Science in the Tropics and Subtropics (Master) Environmental Protection and Agricultural Food Production (Master) Environmental Science Soil, Water and Biodiversity (Master) Gesundheitsmanagement (Bachelor/Master) Sustainable Agriculture and Integrated Watershed Management (Master) Besonderes: Studiengang Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie (Bachelor) // Universität Stuttgart Umweltschutztechnik (Bachelor/Master in Vorbereitung) Energietechnik (Master in Vorbereitung) Erneuerbare Energien (Bachelor) Integrierte Gerontologie (Master) Besonderes: WAREM Water Ressources Engineering and Management (Master), WASTE Air Quality Control, Solid Waste and Waste Water Process Engineering (Master) // Hochschule Esslingen Versorgungstechnik und Umwelttechnik (Bachelor) Umweltschutz (Master) Besonderes: Energie- und Gebäudetechnik (Master) // Hochschule für Technik Stuttgart Vermessung und Geoinformatik (Bachelor) Umweltschutz (Master) Besonderes: Sustainable Energy Competence (Master) // //////////// MENSCHHEITSTRAUM ///////////// Sonne satt Ist es nicht ein alter Menschheitstraum, die Sonneneinstrahlung selbst steuern zu können? Am Institut für Thermodynamik und Wärmetechnik (ITW) der Universität Stuttgart wird dieser Traum Realität: Am 11. März wurde dort ein dynamischer Sonnensimulator in Betrieb genommen. Damit können unter anderem Solaranlagen getestet und verbessert werden. // //////////////////////////////////////// KOOPERATION PAR EXCELLENCE ////////////////////////////////////////// Effiziente Energienutzung Die Universität Stuttgart und die EnBW Energie Baden-Württemberg AG haben die gemeinsame Forschungsinitiative Effiziente Energienutzung am Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart gegründet. Vor dem Hintergrund steigender Energiepreise und der intensiv geführten Klimaschutzdiskussion soll die Forschungsinitiative wichtige Beiträge zur Entwicklung effizienter Energienutzungstechniken, energie- und ressourcensparender Verfahrens- und Fertigungsprozesse sowie optimierter Energienutzungskonzepte leisten. In den kommenden zehn Jahren stellt die EnBW dafür insgesamt 3,5 Millionen Euro zur Verfügung. Diese Mittel dienen dem Aufbau und der Durchführung eines Forschungs- und Graduiertenkollegs in der Fakultät Energie-, Verfahrens- und Biotechnik. Im Rahmen dieses Promotionsprogramms befassen sich bis zu zehn zukünftige Doktoranden mit Forschungsarbeiten zur effizienten Energienutzung. 11

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13 DIE WELT VERÄNDERN. Tobias Wallisser verändert die Welt. Als Architekt baut er in Abu Dhabi an der Stadt der Zukunft mit. Als Professor lehrt er in Stuttgart, was visionäre Architektur ausmacht. die Zukunft der Architektur trägt leuchtend gelbe Turnschuhe. Tobias Wallisser sitzt an einem schlichten Tisch mit Blick auf den Stuttgarter Hauptbahnhof. Eingehüllt in ein schwarzes Jacket, den Hals von einem graublauen Schal gewärmt, macht der Herr Professor, was er am liebsten macht: Er gestaltet neue Welten. Draußen vor seinem Fenster ist wieder Montagsdemo. Eine bunte Traube von Menschen protestiert gegen Stuttgart 21. Einen Steinwurf entfernt träumt sich Tobias Wallisser in die Stadt von morgen. Sie liegt nicht am Nesenbach, sondern bei Abu Dhabi und heißt Masdar City. Seit 2008 entsteht dort die erste CO 2 -neutrale Solarstadt. Masdar soll 22 Milliarden Dollar kosten und Menschen beherbergen, für die kein Punkt im Stadtgebiet weiter als 200 Meter von einer Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs entfernt liegt. Tobias Wallisser baut mit an der grünen Polis in der Wüste. Auch wenn die Realisierung durch die Finanzkrise gebremst wurde, bleibt es ein Ort in Futur II, der ihn magisch anzieht. Mit seinen Kollegen Chris Bosse und Alexander Rieck, mit denen er in Stuttgart und Sydney ein Labor für visionäre Architektur betreibt, hat der 40-jährige Baumeister den Wettbewerb für den zentralen Masdar Plaza gewonnen. Bisher besteht die neue Welt vor allem aus Modellen und 3D-Animationen. Die schwäbischen Exportplaner wollen in Utopia zwei Hotels, ein Konferenzzentrum und einen revolutionären Platz verwirklichen. Elektronisch gesteuerte Sonnenschirme im XXL-Format kühlen ihn tagsüber und nutzen die Kraft der Sonne durch integrierte Fotovoltaikzellen. Nachts können die Schattenspender eingeklappt werden, um die Auskühlung des öffentlichen Raums zu beschleunigen. Was nach einem Märchen aus tausendundeiner Nacht klingt, ist die reale Kunst einer neuen Generation digital ausgebildeter Architekten, für die Entwerfen nahe bei Erfinden liegt. Manches von dem, was sie planen, erscheint anfangs wie eine Luftspiegelung, der man sich nähern möchte, ohne sie berühren zu können. Im Laufe eines dynamischen Prozesses wird Schein zu Sein, die Utopie zum gegenwärtigen Ort. Der Einsatz von Computern ermöglicht nicht nur eine naturgetreue Darstellung Der die Dinge neu denkt ungebauter Entwürfe, sondern auch die Entwicklung neuer Entwurfsprozesse, die Möglichkeiten jenseits traditioneller Vorstellungen schaffen, sagt Tobias Wallisser, der Zukunftsgestalter. Man muss den Mann nicht drängen, über sein Metier zu reden. Er tut es auch so. Dabei sprechen mitunter zwei aus ihm, der Planer und der Professor. Der eine schafft Räume und der andere doziert über die Kunst, Raum zu schaffen. Der eine arbeitet in einem Labor für visionäre Architektur. Der andere lehrt an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, was visionäre Architektur heißt. Das geht beides zusammen bei ihm. Tobias Wallisser ist ein Mann, der seine Konturen ausfüllt. Gelernt hat er sein Hand- und Kopfwerk an der Universität Stuttgart. Aus dieser Zeit kennt er Chris Bosse und Alexander Rieck, wie er Studenten und geprägt von der Stuttgarter Schule. Mit dem Diplom in der Tasche ging Wallisser an die Columbia University in New York und heuerte 1997 im renommierten Architekturbüro von Ben van Berkel und Caroline Bos in Amsterdam an. Wallisser wurde Projektleiter für das Mercedes-Benz-Museum und pendelte zwischen Stuttgart und Amsterdam, wo seine Frau und die beiden Töchter leben. Das tut er heute noch, nur mit dem Unterschied, dass er jetzt in Stuttgart sein eigenes Architekturbüro hat. Die Freunde von damals fanden im Jahr 2007 wieder zusammen. Chris Bosse hatte zwischenzeitlich als Architekt die Schwimmhalle für die Olympiade in Peking entworfen, die neue Maßstäbe im Bereich des computergestützten Entwerfens setzt. Alexander Rieck forschte jahrelang beim Fraunhofer-Institut in Stuttgart. In unserem Alter hat man noch die Illusion, etwas zu verändern, sagt Tobias Wallisser, der es bei seiner Arbeit mit Billy Wilder hält: Ich habe zehn Gebote. Neun davon lauten: Du sollst nicht langweilen. Das versucht der «FORTSETZUNG 13

14 DIE WELT VERÄNDERN. «Professor für innovative Bau- und Raumkonzepte auch seinen Studenten zu vermitteln, aus denen keine erstarrten Artisten werden sollen. Wir versuchen Architekten-Persönlichkeiten zu formen. Dafür sei die Stuttgarter Akademie ein idealer Platz, findet der Lehrer Wallisser. Wenn man noch mal Architektur studieren wollte, würde man sich so etwas wünschen. 120 Studenten, zehn Professoren. Man kennt sich, man stimuliert sich. Auf diesem Humus gedeiht Selbstbewusstsein. Die Architektur ist vielleicht nicht die Mutter aller Künste, sagt Tobias Wallisser, aber mindestens deren Schwester. Die Dinge wieder neu denken will der Schwabe aus Baden, der talentierten Studenten manchmal eine Chance in seinem Büro bietet. Dabei kann man gut mit ihm auskommen, wenn man einen Satz aus dem Wortschatz streicht: Das haben wir noch nie gemacht. So was kann er nicht haben im Zukunftslabor, wo Visionen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sind. Wir träumen von einer Überwindung, der Aufhebung von Haut und Knochen, von Gebäuden als parametrische Kathedralen, wie wir das nennen, sagt er. Das Mercedes-Museum kommt dieser Vorstellung nahe. Die Architektur des Gebäudes, das sich einer Spirale gleich in die Lüfte dreht, ist viel besungen worden. Die Form erinnert an eine DNA-Doppelhelix und bietet eine Plattform für das Erbgut der Marke Mercedes, das in jedem der über Exponate zum Ausdruck kommt. In seiner Architekten-DNA steckt das Visionäre. Es treibt ihn weiter. Wallisser ist keiner von denen, die Vollkasko durchs Leben gehen, bei denen alles so bleiben darf wie es ist. In der Wüste von Abu Dhabi ist so eine Philosophie leichter auszuleben. Hier darf er sich verwirklichen, hier darf er den Fortschritt zementieren. Für die Häuser von Masdar City gelten strenge Umweltstandards. Ihr Energieverbrauch liegt bei rund 80 Prozent unter dem derzeitigen Standard in Abu Dhabi, der Wasserverbrauch soll um 60 Prozent niedriger liegen. Regenwasser wird genutzt, für die Dächer von Masdar Plaza schlagen die Architekten Hydrokultur-Gärten vor, in denen Obst und Gemüse für die Hotelrestaurants innerhalb des Gebäudekomplexes gezüchtet werden. Die Verschmutzung durch Emissionen sollte dabei kein Problem sein. Erlaubt sind nur Elektromobile. Die Wüste ist weit, die Steinwüste vor dem Fenster in Stuttgart nah. Dort haben andere die Chance, sich zu verwirklichen, falls das Projekt nicht noch gestoppt wird. Der neue Tiefbahnhof soll nach den Plänen des Düsseldorfer Stararchitekten Christoph Ingenhoven gebaut werden. Immer häufiger schallen die Trillerpfeifen derer herüber, die mit dem Bahnhof oben bleiben wollen. Vielleicht haben Wallisser und seine Kollegen deshalb ihren eigenen Entwurf von der neuen Stuttgarter Zugstation gezimmert, nur für sich, einfach so. Die jetzigen Gleisanlagen werden nach seinen Plänen von einem riesigen Solardach überspannt. Ein öffentliches Tor zur Stadt, ein Verkehrsknoten mit eigener Energiezentrale, ein Symbol nachhaltiger Stadtentwicklung und innovativer Technik. Wallisser taufte das Kind Stuttgart 22 und legte es in eine Schublade seines Zukunftslabors. Viel Zeit hat er dafür nicht. Es ruft die Welt. Der nächste Flieger nach Abu Dhabi geht in fünf Stunden. //////////////////////////////////////////// GEISLINGER KONVENTION /////////////////////////////////////////////// Friede, Freude, Eierkuchen Wohn- und Wohnnebenkosten sind oftmals Zankapfel zwischen Vermieter und Mieter. Die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen hat deshalb zusammen mit der Wohnungswirtschaft die Geislinger Konvention ausgearbeitet, die ein für beide Seiten transparentes Betriebskosten-Benchmarking ermöglicht. // ////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////// Praxis vermitteln Tobias Wallisser mit Studierenden bei einer architektonischen Führung durchs Mercedes-Benz- Museum. Die außergewöhnliche Architektur in Stuttgart-Bad Cannstatt birgt etliche technische Besonderheiten. Bricht zum Beispiel im Museum ein Feuer aus, wird ein 34 Meter hoher, künstlicher Tornado erzeugt, der umgehend für eine Löschung des Feuers sorgen soll. // 14

15 //////////////////////////////////////////////// TRADITION TRIFFT MODERNE //////////////////////////////////////////////// //////////////// EIN STARKES TEAM ////////////// ILEK Das ILEK entstand durch den Zusammenschluss der Lehrstühle von Frei Otto und Jörg Schlaich im Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) durch Werner Sobek. // /////////////////// KOOPERATION /////////////////// 100 Ingenieure Maßgeschneiderte Lösungen für weltweite Bauprojekte planen und entwickeln 100 Ingenieure. Die Ed. Züblin AG, die Nummer eins im deutschen Hochund Ingenieurbau, unterhält in Stuttgart eine eigene Forschungsabteilung und arbeitet intensiv mit den Hochschulen und Universitäten der Region zusammen. Für interessierte Studierende in der Region Stuttgart bietet Züblin mit Praktika und einem 15-monatigen Traineeprogramm ausgezeichnete Einstiegsvoraussetzungen. Dabei wird vor allem auf die intensive Betreuung durch erfahrene Fachund Führungskräfte Wert gelegt. // ///////// ARCHITEKTENHOCHBURG ////////// 1:137 Das Verhältnis Architekt zu Bürgern in Stuttgart ist 1 zu 137. Die Region Stuttgart kommt auf 1 zu 270 und im Bundesdurchschnitt sind es 1 zu 675. Alle profitieren Vom Projekt Ait Bouguemez Maroc der HFT Stuttgart profitieren alle: Professoren, Studierende und Partner der Hochschule für Technik Stuttgart planen, gemeinsam mit Bewohnern eines marokkanischen Tals im Hohen Atlas, den Bau eines Zentrums für experimentelle Architektur und Weiterbildung in Marokko. Ziel ist es u. a., die traditionelle Lehmbauweise mit hoch entwickelten Materialien und Ökotechnik zu verbinden. // //////////////////// AVANTGARDE /////////////////// 1926 Schon 1926 begannen 17 Architekten mit der Planung der Weißenhofsiedlung in Stuttgart einem der bedeutendsten Zeugnisse modernen Bauens. Die inzwischen weltberühmten Architekten Le Corbusier, Walter Gropius und Mies van der Rohe erstellten mit weiteren internationalen Architekten eine Mustersiedlung mit 21 Häusern, die heute teils als Museum besichtigt werden können und teils noch bewohnt sind. // /////////////////// WAHRZEICHEN ////////////////// Die Ersten Mit dem Bau ihres Fernsehturms, der 1956 fertiggestellt wurde, waren die Stuttgarter die Ersten. Noch nie zuvor wurde auf der Welt ein Turm in Stahlbetonweise erbaut und dann gleich 217Meter hoch! Erbauer war der ehemalige Rektor der Uni Stuttgart, Fritz Leonhardt. // ////// HOCHSCHULREGION STUTTGART ////// AUSGEWÄHLTE STUDIENANGEBOTE: Akademie der Bildenden Künste Architektur (Bachelor/Master) Integral Design (Master) Besonderes: Kurse in den experimentellen Laboren/Werkstätten // Hochschule für Technik Stuttgart Architektur (Bachelor/ Master) Bauingenieurwesen (Bachelor) Bauphysik (Bachelor) Innenarchitektur (Bachelor) Grundbau/Tunnelbau (Master) Konstruktiver Ingenieurbau (Master) Stadtplanung (Master) Besonderes: International Master of Interior-Architectural Design (IMIAD) // Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen Landschaftsarchitektur (Bachelor) Stadtplanung (Bachelor) Besonderes: International Master of Landscape Architecture (IMLA), MBA Management and Real Estate // Universität Stuttgart Architektur und Stadtplanung (Bachelor/Master) Bauingenieurwesen (Bachelor/Master in Vorbereitung) Besonderes: Infrastructure Planning (Master, englischsprachig) // Hochschule Esslingen Versorgungstechnik und Umwelttechnik (Bachelor) Besonderes: Energie- und Gebäudemanagement (Master) // ////////////////////////////////////////////// WELTWEITER WETTSTREIT /////////////////////////////////////////////// BB LB S ES WN GP /////////////// VISIONÄRER BAU ////////////////// Das Wohnhaus R128 des Architekten und Bauingenieurs Werner Sobek ist komplett emissionsfrei und nahezu total recycelbar. // Meister im modernen Zehnkampf Die Hochschule für Technik Stuttgart hat beim Solar Decathlon 2010 den dritten Platz belegt. Ausgeschrieben wurde der solare Zehnkampf vom US-amerikanischen Energieministerium und vom spanischen Bauministerium. Teilgenommen haben 20 Hochschulteams aus der ganzen Welt. Es ging um die Entwicklung eines energieautarken, nur durch Sonnenenergie betriebenen Wohngebäudes. Den ersten Platz belegte das Virginia Polytechnic Institute/USA. Die HFT Stuttgart trat mit einem von vielen regionalen Unternehmen geförderten Hochschulteam an. // 15

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17 DIE WELT VERÄNDERN. Die Mathematikerin Wiltrud Pekarek gehört als eine von wenigen Frauen dem Vorstand eines Versicherungskonzerns an. Ihr Geschäft sind vorauseilende Befunde über die Welt von morgen. es gibt Menschen, denen fehlt der Drang zur Oberflächlichkeit. Wiltrud Pekarek ist so jemand. Sie sitzt in ihrem Büro an einem runden Tisch, an dem manchmal eckige Probleme gelöst werden, und redet über die Zukunft. Wiltrud Pekarek ist Mathematikerin. Mit den Fakten von heute skizziert sie das Leben von morgen. Die Managerin prüft ihre Sätze genau, bevor sie ihnen die Freiheit schenkt. Was sie erzählt, ist gespickt mit Zahlen, die vielleicht schon bald schwer lasten auf dieser Gesellschaft. Die Zahlen künden vom unaufhaltsamen Demografiewandel. Es wird zu großen Engpässen in der Finanzierung unseres heutigen Lebensstandards kommen, sagt sie. Wir steuern auf einen Generationenkonflikt zu. In Geislingen geboren, ist Wiltrud Pekarek in Salach unweit von Göppingen in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, in dem nicht nur der Glaube wohnte, sondern auch der Sport seinen festen Platz hatte. Vater Anton, genannt Toni, war in den fünfziger Jahren ein erfolgreicher Handballtorwart bei Frisch Auf Göppingen, deutscher Meister, Europapokalsieger und irgendwann auch Abteilungsleiter. Am Esstisch der Familie hockten isländische Handballer, die für Frisch Auf spielten und nicht selten nächtigten die wurfstarken Herren auch für einige Zeit im Gästezimmer. Wiltrud ging aufs Gymnasium in Eislingen, spurtete als erfolgreiche Leichtathletin durchs Stadion und machte Abitur mit Notendurchschnitt 1,2. Die Mathematik hatte es ihr angetan. Auf dieser Basis versuchte ich die Welt zu verstehen. Sie entschied sich bewusst dafür, in Salach zu bleiben und studierte ihr Lieblingsfach an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Ich hatte dort alle Chancen. Sie spezialisierte sich auf Versicherungs- und Finanzmathematik. Eine fundierte Ausbildung, eine tolle Zeit. In ihrer Diplomarbeit ging es um Krankenversicherungsmathematik. Die Absolventin bekam Kontakt zur Branche und landete 1984 bei der Hallesche Krankenversicherung a. G. Sechs Jahre später stieg sie mit knapp 30 zur Leiterin der Mathematikabteilung auf, seit 2004 gehört die Schwäbin dem Vorstand an und verantwortet die Ressorts Produkte, Mathematik, Vertrag und Leistung. Dazwischen hat sie ihren Mann Rainer geheiratet, der als Banker kürzer trat und nach der Geburt des Sohnes einen modernen Rollentausch vornahm, von dem alle profitierten. Der Job, den ich Die Frau für die Zahlen hier mache, geht ganz oder gar nicht, sagt Wiltrud Pekarek. Mit ihrem Mann und dem Sohn teilt sie die Leidenschaft für den Sport. Die Mutter ist Mitglied beim FC Bayern, die beiden Herren sitzen bei Heimspielen auf der VfB-Tribüne. Alle zusammen begeistern sich für Frisch Auf Göppingen, wo sie ebenfalls regelmäßig zu Gast sind. Wiltrud Pekarek weiß, wovon sie redet, beim Sport wie im Beruf. Als Chefin ist sie zuständig für mehr als 500 Mitarbeiter des Versicherungskonzerns Alte Leipziger-Hallesche. Als erste und bisher einzige Frau hat sie Sitz und Stimme in den Vorstandsgremien beider Häuser. Ihr Rat ist bei den Kollegen gefragt. Aus der 49-jährigen Führungskraft spricht die Logik der Mathematik. Nach dieser Logik steht das Land vor einer betagten Zukunft. Mindestens ein Drittel der heute 65-jährigen Männer in Baden-Württemberg können leicht 85 werden, bei den Frauen sind es sogar 56 Prozent. Damit hat sich der Anteil derer, die nach Erreichen des jetzt gültigen Renteneintrittsalters die Aussicht auf mindestens zwanzig weitere Jahre haben, in nur drei Jahrzehnten praktisch verdoppelt. Die Experten gehen davon aus, dass jedes zweite Mädchen, das heute zur Welt kommt, eine Lebenserwartung von 100 Jahren hat, jeder zweite Junge wird voraussichtlich mindestens 95. Ob sie alle in bester Gesundheit alt werden? Schon heute sind rund 2,3 Millionen Bundesbürger pflegebedürftig, ein Drittel davon lebt im Altenheim. Tendenz rasant steigend. Wie wirkt sich das in einer Gemeinschaft mit ausgeprägter Vollkaskomentalität aus? Was bedeutet es für uns Heutige und was für die Künftigen? Solche Fragen stellt sich Wiltrud Pekarek von Berufs wegen. Ihre Antworten stimmen nachdenklich haben statistisch gesehen 3,5 Erwerbstätige einen Rentner finanziert waren es 2,3. Im Jahr 2050 werden es nur noch 1,25 sein. Man kann es auch anders ausdrücken. Ihr Sohn Manuel, heute 14, wird im Alter von 54 nicht nur seinen Lebensunterhalt verdienen «FORTSETZUNG 17

18 DIE WELT VERÄNDERN. «und den eigenen Lebensabend absichern müssen, sondern hat in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft auch noch die Beiträge für einen Rentner aufzubringen. Wäre er gesetzlich krankenversichert, würden seine Beiträge nach heutigen Prognosen bei mehr als 25 Prozent des Gehalts liegen. Mit einer altersbejahenden Grundhaltung wird es da schwieriger. Auf die Frage Wie wollen Sie sterben? antwortete unlängst in einem FAZ-Fragebogen ein Jüngling kühn: Im Alter von 97 in den Armen einer schönen Frau, erschossen von ihrem Ehemann. Wiltrud Pekarek will die Zukunft mitgestalten. Deshalb führt sie Gespräche mit Politikern, denen sie ihre Zahlen vorhält. Sie sind längst bekannt, sagt sie. Nur leider hört man nicht auf die Mathematiker. Ideologisch aufgeheizte Fragen stehen im Raum. Privat oder gesetzlich? Welche Medizin bekommt der einfache Patient in Zukunft? Wird er an jeder Segnung des medizinischen Fortschritts teilhaben können? Lässt sich das heutige Versorgungsniveau in Anbetracht des demografischen Wandels überhaupt halten? Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es in Zukunft härter geführte Debatten um Eigenverantwortung und auch um Grenzen der Machbarkeit geben wird. Nur wenige sprechen es offen aus. Nicht jeder wohnt in einer Villa und nicht jeder fährt einen Porsche, sagt Wiltrud Pekarek. Darum geht es im Grunde. Mit weichem Zungenschlag verkündet sie harte Wahrheiten. Das ist gefordert, dort, wo sie ihr Büro hat. Wiltrud Pekarek sitzt in der Chefetage eines Unternehmens mit einem jährlichen Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro. Abgehoben ist sie deshalb nicht. Im Gegenteil. Sie wirkt wie jemand, der schon vor langer Zeit seine innere Mitte gefunden hat, wie jemand, der weiß, wie es in den unteren Etagen aussieht. Sie sind ihr nicht fremd. Manchmal gibt es keine Formeln vor dem Ergebnis. Eine berufliche Karriere lässt sich nicht einfach mal kurz nach mathematischen Methoden der Wahrscheinlichkeitstheorie vorausberechnen. Sie hat das gar nicht erst versucht. Es hätte nicht ihrer Art entsprochen. Mein Glaube macht mir immer wieder bewusst, wie klein der einzelne Mensch ist und wie begrenzt das Zeitumfeld, in dem er wirkt, sagt Wiltrud Pekarek. Sie wollte einfach nur gut sein, dort wo sie war. Und sie war gut. Jetzt ist sie oben und oben ist anders. Wer die Laterne trägt, stolpert leichter, als wer ihr folgt, hat der Dichter Jean Paul einmal geschrieben. Wiltrud Pekarek weiß das und trägt nicht zu schwer daran. Das hat mit dem Mikrokosmos in Salach zu tun, dem sie treu geblieben ist, mit ihrer Prägung und mit wertvollen Freundschaften, die ihr helfen, im Makrokosmos eines Konzerns zu bestehen. Neulich hat ihr jemand aus dem Freundeskreis vorgerechnet: In zehn Jahren bin ich endlich in Rente. Wiltrud Pekarek dachte an ihre Zahlen und daran, dass das Altwerden wohl mit solchen Sätzen beginnt. Sie fühlt sich zu jung für diese Art der Mathematik. Man muss im Hier und Jetzt leben und von dort aus die Zukunft gestalten, sagt sie mit Gewissheit in den Augen. Nur darauf kommt es an. //////////////////////////////////////////////// VIELFÄLTIGE CHANCEN /////////////////////////////////////////////// Arbeitgeber Versicherungswirtschaft Als junger Akademiker in die Versicherungswirtschaft? Für viele ist das kein Traum! Zu Unrecht, denn es bieten sich vielfältige Chancen auch zur Weiterbildung und Qualifizierung. Gesucht sind vor allem Absolventen in den Fächern Mathematik, Betriebsund Volkswirtschaftslehre sowie Versicherungswissenschaften. // ////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////// Die HFT gut in Mathe An der Hochschule für Technik Stuttgart wird neben den Schwerpunkten Architektur und Bauingenieurwesen der Studiengang Mathematik angeboten. Während des Studiums spielt der Praxisbezug dabei eine entscheidende Rolle. So bedeutet Angewandte Mathematik im Bachelor-Studiengang Mathematik, Sachverhalte und Probleme aus der realen Welt in die Sprache der Mathematik zu übertragen und mit ihren Mitteln zu lösen. Im Profil Finanz- und Versicherungsmathematik stehen neben Vorlesungen in diesem Fachgebiet Veranstaltungen aus der Statistik, Operations Research, Betriebswirtschaft und Recht auf dem Plan. Das Profil Industriemathematik widmet sich Themen aus dem geometrischen Modellieren, der grafischen Datenverarbeitung, der Bildverarbeitung und dem Computer Aided Design. // 18

19 ////////////////////////////////////////////////// VON ZAHLEN BEGEISTERT /////////////////////////////////////////////////////// Ziel: Mathekünstler Die technische Akademie Esslingen e. V. (TAE) bietet allen, die am Mathematikstudium oder damit verbundenen Fächern interessiert sind, Kurse an, um die Brücke zwischen Schulmathematik und Studium zu bauen. Zudem sind berufsbegleitende Weiterbildungen und Lehrgänge möglich. Aber auch zertifizierte Lehrgänge und Seminare unter anderem in den Fächern Maschinenbau, Mechatronik, Informationstechnologie, Elektrotechnik, Medizintechnik und Betriebswirtschaftslehre können absolviert werden. Berufsbegleitend kann der Bachelor in den Fächern Wirtschaft, Maschinenbau, Mechatronik oder Wirtschaftsingenieurwesen erworben werden. // /////// SCHÜLERINNEN FORSCHEN //////// Freizeitwissenschaftler Schülerinnen der Klassen 7 bis 10 können ihre Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften bei einem der Schülercamps der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg vertiefen. // //////////////////// MITMACHEN! /////////////////// Mathewettbewerb Die Hochschule Esslingen veranstaltet jährlich einen Mathematikwettbewerb für Studierende, zukünftige Studierende und Interessierte, um die Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Grundlagen zu stärken. // //////////////// BRÜCKENSCHLAG //////////////// Topkraft! Susanne Harms Mathematik-Professorin von der Hochschule für Technik Stuttgart wurde im WS 08/09 mit dem Landeslehrpreis ausgezeichnet. Sie erhielt diesen mit insgesamt Euro dotierten Preis für ihren erfolgreichen Brückenschlag zwischen Abstraktion und Anwendung in der Mathematik. // //////// GUT IM GELD AUFTREIBEN //////// Spitzenplatz Die Mathematiker der Universität Stuttgart haben zum wiederholten Male einen der Spitzenplätze im Drittmittelranking deutscher Universitäten und Hochschulen belegt. Vor allem Promotionen und Publikationen sind äußerst erfolgreich. // //// JUNIOR MANAGER PROGRAMM //// Führen lernen Das Traineeprogramm der Robert Bosch GmbH in Stuttgart bereitet qualifizierte Nachwuchskräfte praxisnah auf zukünftige Führungsaufgaben vor. Professionelle Urteilskraft, Führungs- und Entscheidungskompetenzen werden gefördert. // ///////////////////////////// 467 QUINTILLIONEN, 56 QUADRILLIARDEN /////////////////////////// Der Herr der Zahlen Rüdiger Gamm, Jahrgang 1961, ist eine Art fleischgewordener Taschenrechner und, was das Potenzieren angeht, einer der Besten auf Erden. Seine Begabung hat ihm die Aufmerksamkeit von TV-Sendern und Hirnforschern beschert. Wie viel ist 43 hoch 20? Rüdiger Gamm schließt die Augen. Wenige Sekunden später sprudeln Zahlen aus ihm heraus unzählig viele Zahlen: 467 Quintillionen, 56 Quadrilliarden Erst im Alter von 21 Jahren kam ihm der Verdacht, anders zu sein als andere Menschen. Als er das Radio andrehte, hörte er einen Kopfrechenmeister und stellte verwundert fest: Das kann ich auch ohne Übung. Wissenschaftler untersuchten sein Gehirn und fanden heraus, dass er Hirnregionen aktivieren kann, die bei den meisten Menschen brachliegen. Rüdiger Gamm lebt in Welzheim. Seit 2005 arbeitet er als Mentaltrainer. Bis auf die Mittlere Reife hatte er selbst keinen formalen Bildungsabschluss. Sein Durchschnitt betrug 2,8, sein Problemfach war Mathematik. ////// HOCHSCHULREGION STUTTGART ////// BB LB AUSGEWÄHLTE STUDIENANGEBOTE: Universität Stuttgart Mathematik (Bachelor/Master) Volkswirtschaftslehre (Bachelor) Betriebswirtschaftslehre (Bachelor) Sozialwissenschaften (Bachelor) Besonderes: Empirische Politik- und Sozialforschung (Master) // Universität Hohenheim Wirtschaftswissenschaften, Profil Volkswirtschaft (Bachelor) Wirtschaftswissenschaften, Profil Sozialökonomie (Bachelor) Economics (Master) Management (Master) Besonderes: International Business and Economics (Master) // S ES WN GP Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg Public Management (Bachelor) Rentenversicherung (Bachelor) Allgemeine Finanzverwaltung (Bachelor) Besonderes: Public Management (Master) European Public Administration (Master) // Hochschule für Technik Stuttgart Mathematik (Bachelor/ Master) Betriebswirtschaft (Bachelor) General Management (Master) Besonderes: Profilbildung Versicherungsmathematik // Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen Wirtschaftsrecht (Bachelor) International Management (Master) Unternehmensführung (Master) Unternehmensstrukturierung und Insolvenzmanagement (Master) Besonderes: Prozessmanagement (M. Sc.) Accounting, Auditing & Taxation (M. A.) // Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart BWL- Finanzdienstleistungen (Bachelor) BWL-Dienstleistungsmanagement (Bachelor) BWL-International Business (Bachelor) Besonderes: BWL Versicherung (Bachelor) // FOM Hochschule für Oekonomie & Management Steuerrecht (Bachelor) Business Administration (Bachelor/Master) Management Marketing & Sales (Master) Besonderes: Wirtschaftsrecht (Bachelor/Master) // Pädagogische Hochschule Ludwigsburg Lehramt an Grund- und Hauptschulen (Staatsexamen) Lehramt an Realschulen (Staatsexamen) Besonderes: Berufspädagogik/Ingenieurwissenschaften (Master in Kooperation mit der HS Esslingen) // Hochschule Esslingen Wirtschaftsingenieurwesen (Bachelor) Internationales Wirtschaftsingenieurwesen (Bachelor) Internationale Technische Betriebswirtschaft (Bachelor) Besonderes: International Industrial Management (MBA) // 19

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