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1 A: Ja, guten Tag und vielen Dank, dass du dich bereit erklärt hast, das Interview mit mir zu machen. Es geht darum, dass viele schwerhörige Menschen die Tendenz haben sich zurück zu ziehen und es für uns (die Schwerhörigen-Seelsorge) ist es schwierig diese Menschen zu erreichen. Und das HörpOHRtal ist eine Idee, um hörgeschädigte Menschen zu erreichen. Und diese Interviews sollen Interesse wecken. Du bist ja ein schwerhöriger Mensch, der erreicht wurde und Angebote für Schwerhörige in Anspruch nimmt... B: bei mir war es ja die X, die hat schon lange probiert mich dahin zu kriegen, aber es hat eine Weile gedauert. A: warum hat es so lange gedauert? B: Ich habe immer eine falsche Vorstellung gehabt von so Schwerhörigen- Gruppen. Ich habe immer gedacht, da hocken lauter alte Leute und machen Kaffeeklatsch. Ich meine, das wird ja auch gemacht, aber ich hätte nie gedacht, dass da auch soviele Jüngere dabei sind. A: Was hat dich dann doch dazu bewogen hin zu gehen, obwohl du dachtest, dass alle urlalt sind und Kaffee trinken? B: Ich war dann einfach mal neugierig und habe gedacht, ich schaue es mir mal an und wenn es mir nicht gefällt, muss ich ja das nächste Mal nicht mehr hin gehen. Es hat mir halt gefallen... A: Was hat dir gefallen? B: Es war eine ziemlich lockere Gruppe, ist es auch noch. Die Themen und dass jeder so erzählt von sich und es wird ja immer was angeboten in der Selbsthilfegruppe und du hattest ja auch mal so ein Seminar gemacht und für mich war das so ein "Aha-Erlebnis". Wie soll ich das jetzt ausdrücken. Die Probleme, die man hat, die habe ich immer so als normal empfunden, ich habe gedacht, das wär einfach so. Und da habe ich dann mal gemerkt, dass andere mit genau solchen Dingen kämpfen. Und die vielleicht auch eher mal bereit sind was dagegen zu unternehmen. Ich habe das immer so hingenommen. A: Hat das dann dazu geführt, dass du gedacht hast "ich kann da was machen, ich muss das nicht so hinnehmen?"

2 B: Ja, wobei ich allerdings nicht weiß... ich bin ein sehr introvertierter Mensch, ich weiß aber nicht, ob das durch die Schwerhörigkeit kam oder ob ich von Natur aus halt so bin. Da bin ich immer am Suchen. Man schiebt ja auch viel auf die Schwerhörigkeit oder man muss Dinge nicht tun, weil man hört ja schwer. Dass ich jetzt echt nicht weiß, was bei mir schwerhörigkeitbedingt ist und was von mir charakterbedingt ist. A: Heißt dass, es wäre einfacher zu sagen, es liegt an der Schwerhörigkeit, dann kann ich nichts dran ändern? B: Ja, dann muss ich nichts machen. Das geht hauptsächlich ums Telefon, das ist ja wirklich so ein Angstgerät für mich. Die ganzen Jahre über haben das andere für mich gemacht. Mein Mann hat die Kommunikation nach außen geführt. A: Und das war bequem? B: Ja, das war bequem. Vom Kindergarten über die Schule, Ämter, Behörden, was da so war, egal wie. A: Also du bist schon ganz lange schwerhörig? B: Ja, ich war zwei. A: Und wann hast du Hörgeräte bekommen? B: Als ich in die Schule kam, und ich hatte die ganze Schulzeit über nur e i n Hörgerät, an dem Ohr, das schlechter hört. Irgendwann, wie weiß ich nicht, bin ich nach Frankfurt in die Uniklinik, da war ein Professor, dort sind sie dann auf die Idee gekommen, dass man eigentlich das bessere Ohr unterstützen sollte. Und da habe ich dann links ein Hörgerät gekriegt und das andere nicht mehr. Und irgendwann, ich weiß nicht wieviel später, habe ich dann zwei gehabt. A: Ist das Hören schlechter geworden? B: Der Akustiker sagt "nein", aber ich habe das Gefühl im Moment sehr schwer zu hören. Aber das liegt wahrscheinlich auch am Streß. Wenn es einem nicht gut geht, dann hört man auch schlechter. A: Das sagen die meisten, dass das Hören auch Tagesform abhängig ist.

3 Jetzt noch mal zurück. Dein Mann hat dann alles geregelt? B: Ja, der hat alles geregelt und als der krank wurde, musste ich selber. Das war ein Riesenproblem. Und alles kann man nicht per machen. A: Aber per Mail macht es dir nichts aus? B: Nein, da macht es mir nichts aus. Aber das dauert dann halt immer, manchmal melden sich die Leute dann auch nicht. Das geht mir ja auch so. A: Und wenn du irgendwo hingehst, ist es dann auch schwierig? B: Da muss ich mich erst mal hin bequemen, da hin zu gehen, aufs Rathaus und so geht alles. A: Das geht alles. B: Aber am Telefon bekomme ich Panikattacken, weil ich nichts höre. Da heißt es dann immer "strenge dich an, du musst das üben". Es mag ja sein, dass man das üben kann, aber wenn ich nichts verstehe, dann nütz mir alles andere auch nichts. A: Alleine Stress oder Druck kann schon dazu führen, dass man nichts versteht am Telefon, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Das kann man nicht einfach abstellen. B: Ja, da kommt dann wahrscheinlich zu der Schwerhörigkeit noch die Angst dazu und dann geht gar nichts mehr. A: Ja, dann geht nichts mehr. B: Ich denke auch nicht, dass das in deiner Macht liegt, das einfach so zu entscheiden und selbst wenn die Angst nicht wäre, weiß du nicht, ob du verstehen würdest, denn du bist schwerhörig. A: Ja, das geht gar nicht. B: Wie ist es z.b. wenn du mit deiner Tochter telefonierst? A: Also meistens verstehe ich sie, das ist dann doch irgendwie anders.

4 B: Aber auch mit Bekannten kann ich nicht stundenlang telefonieren. A: Nein, denn du bist schwerhörig. B: Aber irgendwie hat man das Gefühl, man müsste es können, denn alle anderen können es auch. A: Also, ich telefoniere von ihr aus mit so gut keiner Schwerhörigen, auch nicht mit den Leuten, die noch relativ gut telefonieren können, weil es einfach viel anstrengender ist, als Mails schreiben. Alle sagen, dass es ihnen lieber ist zu schreiben. B: Es müsste so ein Telefon geben, das den Text aufschreibt. A: Es gibt so einen Dienst, der das macht, aber das kostet... B: Dann könnte man einfach mitlesen. A: Denkst du, dass du trotz deiner Schwerhörigkeit alles können müsstest? B: Ja, ich habe schon als Kind versucht, den Makel mit mehr Leistung zu kompensieren, dass man auch seine Daseinsberechtigung hat. A: Das heißt, du musst "normal" sein, um sein zu dürfen? B: Ja, das trifft so den Punkt. Mir ist nie irgendwie so aufgegangen, dass man um was kämpfen könnte, weil ich einfach denke, ich kann es nicht, also gibt es auch nichts für mich. A: Hast du nicht die ganze Zeit gekämpft? B: Ja, schon irgendwie. A: Du hast dafür gekämpft so "normal" wie möglich zu sein, damit du eine Daseinsberechtigung hast? B: Ja A: Und andere Dinge hast du hingenommen, weil du dachtest, dass du dich nicht wehren darfst?

5 B: Ich habe mich noch nie wehren können. A: Und jetzt, was hat sich verändert, was ist dazu gekommen? B: Was jetzt dazu gekommen ist, ist dass ich denke, dass jetzt wo mein Mann das nicht mehr kann, dass ich alles alleine stemmen muss. Und eigentlich müsste ich meine Kinder mit einbeziehen, damit die mir helfen. Aber das fällt mir schwer. A: Was ist tatsächlich dazu gekommen? Du musst telefonieren, das ist klar. B: Mit Behörden und mit Krankenkasse, all das, damit muss ich mich jetzt selbst auseinander setzen. Ich habe ja einen Führerschein gemacht, den hatte ich vorher nicht und das Auto fahren fällt mir wahnsinnig schwer. Das ist Übung. Vor kurzem habe ich mich auf dem Autobahnzubringer verschaltet, das war schrecklich. Hinterher war ich ganz fix und alle. A: Wann hast du den Führerschein gemacht? B: Vor knapp zwei Jahren. Seitdem fahre ich, aber weitestgehend nur im Ort, nur selten nach Darmstadt A: D.h. du hast in einem relativen, in Anführungszeichen, hohem Alter Führerschein gemacht und du hast keine Übung mit dem Autobahnfahren? B: Ja, ich weiß, ich habe einen zu hohen Anspruch an mich. Also, was wirklich schwierig für mich ist, ist das Telefonieren und diese ganzen Behörden- und Krankenkassensachen. Und wenn ich da was einfordern muss, das fällt mir schwer. Ich muss mich jetzt um die Kommunikation nach außen kümmern, ich wurschtel lieber im stillen Kämmerchen vor mich hin. A: Und weil es ja erledigt werden muss, wäre es schön, wenn du einen Weg finden würdest, es zu erledigen ohne darunter zu leiden. B: Ja. A: Eine Möglichkeit ist es, es erstmal mit einer zu versuchen, statt mit einem Telefongespräch, manche Dinge kann man einfach nicht am Telefon erledigen, wenn man nichts hört. Waren die Folgen, die durch die Krankheit deines Mannes aufgetreten sind, nämlich dass du nach außen gehen musst und dir das sehr schwer fällt, ein Grund für den Besuch in der

6 Selbsthilfegruppe? B: Ja, das könnte sein. A: Vielleicht solltest du dort mal fragen, wie die anderen diese Situationen regeln, bzw. meistern. B: Das kann ich machen. A: Genau dafür sind Selbsthilfegruppen ja auch da, für solche Problemlösungen kann sie genutzt werden. Das Interview würde ich jetzt gerne hier beenden. Vielen Dank für deine Bereitschaft.

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