Bundesrat Moritz Leuenberger
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- Manfred Schmidt
- vor 9 Jahren
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1 Rede von Bundesrat Moritz Leuenberger Vorsteher des Eidgenössischen Departementes für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation anlässlich der Eröffnung der dritten Vorbereitungskonferenz (PrepCom 3) für den Weltgipfel zur Informationsgesellschaft, gehalten am 15. September 2003 Es gilt das gesprochene Wort.
2 - 2 - Wir kommen heute hier in Genf zusammen zur dritten Vorbereitungskonferenz des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS). Und ich freue mich, Sie bei der Eröffnung dieser PrepCom als Minister des Gastgeberlandes auch zum dritten Mal zu begrüssen. Denn unsere Motivationen und Ziele sind stark und ehrgeizig. Und diese Ziele sind mittlerweile mehr und mehr anerkannt in Politik und Öffentlichkeit. So haben gegen 40 Staats- und Regierungschefs bereits ihre Teilnahme am WSIS angekündigt. So sind die Hallen der Palexpo durch die rund 80 Summit Events fast ausgebucht, und so bekräftigt der Privatsektor nun nach anfänglichem Zögern sein Interesse. Welche Beobachtungen kann man knapp drei Monate vor der Eröffnung des Gipfels zum Stand der Dinge machen? Da ist primär einmal der politische Prozess, dessen Qualität vor allem von zwei Texten abhängt: von der Prinzipienerklärung und vom Aktionsplan. Hier ist die Basis zwar mittlerweile gelegt worden, wir sind uns aber einig, dass vieles noch zu unverbindlich und zu wenig griffig ist. In den Dokumenten ist noch der Drang zur Harmonie zu spüren; der kleinste gemeinsame Nenner ist noch zu klein. Und wir müssen zugeben, dass es an konkreten Handlungsanweisungen zurzeit noch fehlt.
3 - 3 - Ich weiss, dass dies ein schwieriges Unterfangen ist, denn je mehr es ins Konkrete geht, desto mehr Differenzen entstehen zwischen den verschiedenen Staaten. Aber scheuen wir uns nicht, diese Differenzen transparent zu machen. Es ist besser, Konflikte zu identifizieren, sie offen zu diskutieren und politische Antworten zu finden, statt sie zu verdrängen! Wir dürfen es wagen, ambitiös und innovativ zu sein. In den nächsten Wochen müssen wir konkrete Lösungen suchen und finden. Wir werden uns nicht mit der Auflistung allgemeiner Wünsche zufrieden geben, sondern unsere Differenzen diskutieren und gemeinsame Ziele erarbeiten. Ich denke da an klare zeitliche Vorgaben, wann etwas erreicht werden soll. Viele Ziele sind höchst wünschenswert zum Beispiel, dass alle Staaten bis 2005 eine nationale Strategie zur Informationsgesellschaft erarbeiten. Jede Regierung möchte, dass bis 2005 alle Spitäler und Universitäten mit Telecom-Einrichtungen verbunden sind. Jeder möchte auch, dass bis 2010 alle Gesundheits-Zentren einen Telecom-Anschluss haben, dass bis dann alle öffentlichen Verwaltungen eine Website und eine E- Mail-Adresse haben. Dies sind natürlich starke, vereinende und ehrgeizige Ziele. Aber wenn wir sie in einen Aktionsplan aufnehmen, dann müssen wir alles unternehmen, damit sie nicht fromme Wünsche bleiben. Wir brauchen eine gemeinsame Strategie, einen gemeinsamen politischen Willen, um sie in die Tat umzusetzen.
4 - 4 - Es gibt im vorliegenden Entwurf des Aktionsplanes gute Ansätze. So habe ich dort Vorschläge entdeckt, wie die Kommunikationstechnologien zur Bewältigung grosser Probleme der Menschheit eingesetzt werden können z.b. dass den Menschen per Internet die wichtigen Informationen zur Prophylaxe von AIDS vermittelt werden können, dass die Menschen auf dem Land via Internet Zugang zu Universitäten erhalten oder dass Naturkatastrophen früher vorhergesagt und damit ihre Folgen eingedämmt werden können. Wichtig ist also, dass klar festgelegt wird, wie man das realisieren und wie finanzieren will. Im Zentrum des Gipfels wird aber die Frage des Zugangs zu Informationen stehen und zwar des Zugangs sowohl im physischen als auch im intellektuellen Sinne. So nützt es wenig, dass wir alle wunderbaren Anwendungsformen dieser Technologien aufzeigen, wenn die Hälfte der Menschheit keinen Zugang zum Telefon, geschweige denn zum Internet hat. Und wenn ein Fünftel der Menschheit weder lesen noch schreiben kann, nützt diesen Menschen ein Internetzugang ebenso wenig. Deshalb ist es äusserst wichtig, dass auch die traditionellen elektronischen Medien wie z.b. das ländliche Radio, das die Bauern informiert eine wichtige Rolle bei diesem Weltgipfel zur Informationsgesellschaft spielen.
5 - 5 - Bei all diesen Technologien besteht die Gefahr, dass man sich durch deren faszinierende Möglichkeiten blenden lässt und dabei vergisst, dass sich diese aber nur wenige Privilegierte leisten können, und die grosse Mehrheit der Menschen von diesen Möglichkeiten ausgeschlossen bleibt. Die Frage des Zugangs zur Information wird vom industrialisierten Norden und vom Privatsektor oft als ein entwicklungspolitisches Problem angesehen, das einen nicht direkt betrifft. Das ist falsch, denn erstens zeigt gerade die jetzige Krise der Kommunikationsbranche, wie dringend diese auf neue Märkte angewiesen ist. Zudem ist ein gerechter Handel in der Welt langfristig die Voraussetzung für einen Wohlstand auch im Norden. Und zu einem gerechten weltweiten Handel gehört eben auch ein Zugang zur Informationsgesellschaft für alle Menschen auf der Welt. Die Schweiz legt sehr grossen Wert auf die Lösung der Frage, wie dieser Zugang finanziert werden kann. Wir haben deshalb konkrete Vorschläge gemacht. Vorschläge, die einen Finanzierungsmechanismus über den Privatsektor für die Infrastruktur in den Ländern festlegen, in denen sie fehlt, wobei aber jedes Land die Umsetzung und auch die Definition des Universal Access selber festlegen kann und soll. Denn die Bedürfnisse und ökonomischen Verhältnisse sind in
6 - 6 - Gabon oder Laos anders als in Dänemark oder in Australien. Die Vorschläge des Aktionsplanes, an dem wir nun in den nächsten zwei Wochen arbeiten, müssen also konkret, umsetzbar und finanzierbar sein. Dieser Gipfel wird sowohl in Genf wie in Tunis ein Gipfel über die globalisierte Gerechtigkeit sein. Der Gipfel will Wege zur humanen und gerechten Globalisierung zeigen, er will zeigen, wie mit der Technologie die Nachteile einer globalisierten Wirtschaft kompensiert werden können: im Sinne einer grösseren kulturellen Vielfalt zum Beispiel, im Sinne der freien Informationsverbreitung, im Sinne der Unterstützung von Schulen und Spitälern in ländlichen Gebieten oder verarmten Aussenquartieren. Genf wird somit einen Prozess einleiten, der alle Leute auf dieser Erde an der Informationsgesellschaft teilhaben lassen will und nicht nur uns Privilegierte. Wagen wir es, ambitiös zu sein im Aktionsplan, wagen wir die Chance, Konkretes zu fordern und auch unorthodoxe Lösungswege vorzuschlagen. So dass es nach Genf klare Vorgaben gibt, die bis Tunis zumindest teilweise umgesetzt sind. So gesehen ist der Erfolg von Genf 2003 auch der Erfolg von Tunis Ich freue mich darüber, dass Sie kritisch sind, erfinderisch, manchmal auch unbequem, im Bestreben,
7 - 7 - die Realität von Grund auf zu ändern. Nur so kann politisch Relevantes entstehen! Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Einsatz und freue mich, Sie am 10. Dezember wiederzusehen!
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