Welche Werte sind heute wichtig?
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- Viktor Berger
- vor 10 Jahren
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1 1 Vieles, was den eigenen Eltern und Großeltern am Herzen lag, hat heute ausgedient. Dennoch brauchen Kinder Orientierungspunkte, um in der Gemeinschaft mit anderen zurechtzukommen. Alle Eltern wollen gute Kinder. Sie wollen, dass aus ihnen gute Erwachsene werden. Aber was heißt gut? Und vor allem, wie erzieht man Kinder dazu? Wie bringt man ihnen Werte bei? Und welche? Eine Erziehung zu moralischem Verhalten war sicher niemals ganz einfach. Doch heute haben es Mütter und Väter besonders schwer. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der sich die Werte in einem ständigen und sehr raschen Wandel befinden. Außerdem leben unterschiedliche Kulturen mit verschiedenen Wertesystemen bei uns nahe beieinander. Besonders in den Großstädten bekommen Kinder schon früh Kontakt zu anderen Weltanschauungen als denen der Eltern. Zudem ist in der Gesellschaft mittlerweile fast alles erlaubt, jeder darf nach seiner Fasson glücklich werden. Jeder hat Anspruch darauf, sein Leben so zu gestalten, wie es ihm gefällt, wenn es sich mit seiner Umwelt vereinbaren lässt. Werte der Großeltern, die immerhin mehrere Jahrhunderte Bestand hatten, wurden schon in der Kinderzeit der heutigen Eltern immer weniger akzeptiert wie z. B. Disziplin, Gehorsam oder Pflichtbewusstsein. Diese Tugenden haben einen schalen Beigeschmack und ein negatives Image bekommen. Auch die Instanzen, die früher unangefochten für die Gültigkeit und Richtigkeit der allgemeinen Werteordnung zuständig waren Kirche, Schule, staatliche Obrigkeit, Elternhaus, haben in den
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3 9 letzten Jahrzehnten an Glaubwürdigkeit verloren. Im Zeitalter der Globalisierung gibt sich unsere Gesellschaft in vieler Hinsicht pluralistisch und freier und manchmal auch toleranter als früher. Es gibt unterschiedliche Lebensweisen und sie werden weitgehend akzeptiert. Traditionen helfen nur manchmal Diese Freiheit ist zwar wunderbar, aber sie hat auch ihren Preis: Niemand kann sich mehr an eindeutigen Regeln und Werten orientieren. Jeder muss bis zu einem gewissen Grad für sich selbst entscheiden, was er für gut und was er für böse hält, was für ihn erstrebenswert und was abzulehnen ist. Eltern können nur noch bedingt auf Traditionen zurückgreifen. Sie müssen sich Gedanken darüber machen, welche Werte sie ihren Kindern vermitteln wollen, was sie von dem, das ihre eigenen Eltern ihnen mitgegeben haben, an sie weitergeben möchten. Die Schwerpunkte können deshalb in jeder Familie unterschiedlich sein. Trotz allem gibt es aber Grundwerte, die in unserer Kultur seit Jahrhunderten gültig sind, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt, deren Wichtigkeit und Stellenwert sich jedoch immer wieder verschoben haben. Tapferkeit beispielsweise, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Fleiß, Bescheidenheit, Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Verantwortung. Heute gewinnen gerade in der Erziehung viele alte Werte wieder an Gewicht. Das Institut für Demoskopie in Allensbach am Bodensee fragt seit vielen Jahren regelmäßig die aktuellen Erziehungsziele von Eltern ab und vergleicht sie mit denen älterer Umfragen. Der Vergleich wurde zwischen den Jahren 1992 und 2003 gemacht. Ganz oben auf der Liste der Dinge, die Eltern ihren Kindern mitgeben möchten stand und steht Höflichkeit und gutes Benehmen. Das wollten 1992 schon 73%, 2003 waren es sogar 87% der Eltern. Dass ihre Kinder einmal ordentlich und gewissenhaft arbeiten, hat ebenfalls 2003 an Bedeutung zugenommen (80%). Toleranz gegenüber Andersden-
4 10 kenden ist Eltern heute wichtiger (79%) als Durchsetzungskraft (73%, 1992: 61%). Auf den nächsten Rängen kommen Sparsamkeit (1992: 59%, 2003: 72%), der Wunsch, den eigenen Horizont ständig zu erweitern, sich die richtigen Freunde zu suchen sowie eine gesunde Lebensweise. Manche Tugenden müssen sein Mütter und Väter wissen, wie wichtig es ist, ihren Kindern moralisches Verhalten beizubringen, ihnen Werte (oder Tugenden, wie der altmodische Begriff dafür heißt) mit auf den Weg ins Leben zu geben. Gleichzeitig wollen sie aber aus ihren Kindern keine überangepassten Duckmäuser machen, wie die oben genannte Untersuchung zeigt, in der Durchsetzungskraft einen hohen Stellenwert hat. Söhne und Töchter sollen sich zu selbstbewussten, fairen und kritikfähigen Menschen entwickeln. Sie sollen sich einerseits in einer Ellenbogengesellschaft nicht unterkriegen lassen, andererseits rücksichtsvoll und einfühlsam sein und andere Menschen achten. Sie sollen ihren Platz in einer immer schwieriger werdenden Berufswelt finden, aber auf ihrem Karriereweg nicht über Leichen gehen. Sie sollen sich mit anderen Meinungen auseinander setzen können, sich dabei aber nicht selbst aufgeben. Sie sollen lernen, selbstständig zu handeln, die Bedürfnisse anderer aber nicht mit Füßen zu treten. Dies ist eine sehr schwere Erziehungsaufgabe, vor allem dann, wenn man als Erwachsener selbst nicht ganz sicher ist, auf welche Seite dieser beinahe schon widersprüchlichen Wertevorstellungen mehr Gewicht gelegt werden muss, um mit den Anforderungen des Alltags zurechtzukommen. Für moderne Eltern ist Werteerziehung nicht nur deshalb schwierig geworden, weil es nicht mehr so einfach zu entscheiden ist, was richtig und falsch, gut oder böse ist. Es gibt noch einen zweiten Grund, warum sich Mütter und Väter heute schwer tun: Kinder werden nicht mit Drill, Zwang und Schlägen erzogen. Ja, Schläge in der Erziehung sind per Gesetz verboten, in Kindergärten und Schulen wie auch in Familien.
5 11 In den meisten Familien herrscht ein demokratischer und liebevoller Umgang miteinander. Die Kinder dürfen sich austoben. Sie dürfen mitreden, Fragen stellen, widersprechen, eine eigene Meinung und einen eigenen Willen haben. Die Zeiten, in denen ein Kind stumm zu sein hatte, sobald Erwachsene sprachen oder in denen Kinder ohne Murren und ohne weitere Erklärungen zu bekommen zu tun hatten, was Erwachsene bestimmten, sind lange vorbei. Die meisten Eltern sind schon viel freier aufgewachsen als die Großelterngeneration. Mit Druck geht gar nichts In einer friedlichen und demokratischen Familienatmosphäre lassen sich Werte mit Liebe und Überzeugungskraft vermitteln Druck oder Strenge bringen ohnehin nichts. Liebe und Überzeugungskraft das klingt vielleicht einfach, ist es aber nicht. Einerseits deshalb, weil manche Eltern vielleicht selbst noch mit Ohrfeigen, Stubenarrest, Gardinenpredigten oder sonstigen Strafmanövern erzogen wurden. Sie haben wenig Erfahrung, wie man ein Kind liebevoll überzeugt. Zum anderen und das betrifft alle Mütter und Väter, egal, welche Erfahrungen sie als Kind gemacht haben, weil die Kleinen erst einmal keine Ahnung haben, was gut oder böse ist. Sie verfügen über kein genetisches Programm, wie z. B. beim Laufen- oder Sprechenlernen, das sie bei entsprechender Anleitung schon in die richtige Richtung treibt. Moralisches Verhalten müssen sie von der Pike auf lernen. Und die Eltern sind nicht die Einzigen, von denen sie sich etwas abschauen. Sie nehmen mit feinen Antennen wahr, was in ihrer Umwelt abläuft und werden auch von anderen Kindern und anderen Erwachsenen beeinflusst. D. h., Mütter und Väter müssen nicht nur erklären, begründen und vorleben, was richtig ist, sondern sie müssen auch auf ihren Nachwuchs einwirken und ihn davon überzeugen, warum das Verhalten anderer oft wenig vorbildlich und deshalb nicht nachahmenswert ist.
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