32 Stories Kohlenhydrate: Energie In dem zweiten Teil meiner Serie über Karpfenköder werden wir vor allem den Fokus auf die Kohlenhydrate legen. Kohlenhydrate finden wir in jeglichem Futter, das Karpfenangler einsetzen. Sie kommen in großen Teilen in Partikeln, Futtermehlen aber auch in Boilies und sogar in Pellets vor und sind die am besten verfügbare und günstigste Energieressource für Tiere.
Stories 33 Kohlenhydrate kommen in Form von Zuckern vor. Sie sind einfach zu verdauen, können aber auch in komplexen Celluloseverbindungen verbaut sein, die von Tieren nur mit Hilfe von Bakterien verstoffwechselt werden und schwer verdaulich sind. Auch die Stärke gehört zu den Kohlenhydraten. Kohlenhydrate bedeuten für den Fisch in erster Linie Energie. Zucker sind in verschieden langen Molekülen verfügbar. Wir unterscheiden zwischen Monosacchariden (Einfachzucker), Disacchariden (Zweifachzucker), Trisacchariden (Dreifachzucker) und Oligo- oder Polysacchariden (Mehrfachzucker). Ein bekanntes Disaccharid ist Saccharose, was Sie wahrscheinlich besser unter dem Verkaufsnamen Kristallzucker kennen und bei Ihnen in der Küche steht. Kristallzucker besteht aus zwei Monosacchariden, der Glucose und der Fructose. Jeder Zucker hat einen unterschiedlichen Energiegehalt und ist zudem unterschiedlich gut wasserlöslich. Kristallzucker ist ein sehr gut löslicher Zucker. Auch Traubenzucker (Glucose), welcher ein Monosaccharid ist, also nur aus einem Molekül besteht, ist sehr gut wasserlöslich. Einige Beispiele für Mono-, Di- und Polysaccharide, die für Angler von Bedeutung sein können: Mais und günstige Boilies haben einen hohen Anteil an Kohlenhydraten. Einfachzucker (Monosaccharide) Glucose, auch Traubenzucker oder seltener Dextrose genannt. Fructose, auch Fruchtzucker genannt. Zweifachzucker (Disaccharide) Saccharose, Rüben- oder Rohrzucker (Glucose + Fructose) genannt. Laktose, auch Milchzucker (Glucose + Galactose) genannt. Maltose, auch Malzzucker (Glucose + Glucose) genannt. Dreifachzucker (Trisaccharide) Melezitose, Trisaccharid u.a. in Honig. Vielfachzucker (Polysaccharide) Stärke, wichtiger Nahrungsmittelbestandteil Zellulose, Stützsubstanz im Pflanzenreich Pektine, gehören zu den Ballaststoffen Unterschied zwischen Einfachund Mehrfachzuckern? Für uns als Angler ist die Verfügbarkeit und Umsetzung entscheidend. Als Faustformel kann man sich merken, dass, je kurzkettiger ein Kohlenhydrat aufgebaut ist, desto besser seine Löslichkeit, vor allem bei der Umsetzung, die im Körper des Tieres stattfindet. Monosaccharide werden deutlich schneller umgesetzt und somit eher als Energie zur Verfügung gestellt, als Polysaccharide, die erst im Körper des Tieres zu kurzkettigen Fragmenten aufgeschlüsselt und somit verfügbar gemacht werden. In meinen kohlenhydratreichentrockenfuttermixen, kommen auch Zutaten wie Garnelen, die stark duften und viel Eiweiß enthalten. Maplepeas und Kichererbsen, verfügen über höhere Proteingehalte unter den Partiklen.
34 Stories Kohlenhydratanteile für die gängigsten Partikel Meinen Partiklen gebe ich Kristallzucker als KAtalysator hinzu, um den Gärprozess zu beschleunigen. Woher wissen wir, dass Fische, und besonders Karpfen, Zucker überhaupt verwerten können? Diese Frage beantwortet sich sehr schnell, wenn wir uns ansehen, wie Zucker produziert wird. Pflanzen, und dazu gehören auch limnophile und marine Pflanzen (im Wasser lebende), sind photoautotroph. Das bedeutet, sie schaffen es, mit Hilfe von Sonnenlicht und CO 2, zwei weiter Produkte herzustellen und zwar Glucose und Sauerstoff. Das bedeutet per se schon einmal, das Karpfen Glucose verarbeiten können, da die Tiere natürliche pflanzliche Substanzen über Jahrtausende konsumiert haben. Die Evolution hat schlichtweg dafür gesorgt, dass die Aufschlüsselung und Verwertung von Glucose bei Fischen sichergestellt wird. Auch Maltose, also Malzucker, besteht aus zwei aneinander geketteten Glucose Molekülen und ist somit sehr sicher für Fische umsetzbar. Im Verdauungstrakt müssen nur aus einem Zweifachzucker, zwei Einfachzucker gemacht werden (dieser Prozess verbraucht auch etwas Energie). Wasserlinsen verfügen über einen Anteil von 34,12% an Kohlenhydraten, Wassersalat von 24.87% und Kanadische Wasserpest von 40.11% (Ahlgren, 1992). Energie (kj) Eiweiß (g) Fett (g) Kohlenhydrate (g) Gerste 1430 11 2,1 72 Hafer 1530 12,5 7,1 63 Mais 1498 9 3,8 71 Reis 1492 7,5 2,2 75 Roggen 1323 8,8 1,7 69 Weizen 1343 11,5 2 70 Tab.1 Darstellung der Energie [je 100 Gramm TM] der in der Angelei eingesetzten Getreidesorten. Wozu nutzt der Körper Kohlenhydrate? Kohlenhydrate werden für die Synthese von ATP und NADPH+H+ genutzt. ATP und NADPH+H+ sind Energielieferanten. Was das ganz genau ist, ist nicht weiter von Wichtigkeit. Jedoch werden diese beiden Produkte teilweise verbraucht, um Muskeln zu kontrahieren. Vögel und Säugetiere, also auch der Mensch, erhalten so ihre Körpertemperatur auf einem konstanten Level von ungefähr 36 Grad (homoiotherm). Dieser Prozess benötigt, neben der Hirnaktivität, enorm viel Energie. Somit sind Vögel und Säugetiere auf einen recht hohen Anteil von Kohlenhydraten in der Nahrung angewiesen. Fische, Reptilien und Amphibien sind jedoch wechselwarm (poikilotherme), d.h. die Körpertemperatur liegt in etwa bei der des umgebenden Mediums, bei Fischen also Wasser. Für uns als Angler bedeutet das, dass Fische lange nicht über die gleiche Menge an Kohlenhydraten verfügen müssen, wie wir als Säugetiere. Ergo spielen Kohlenhydrate keine unwichtige aber dennoch reduzierte Rolle beim Metabolismus von Fischen. Eiweiße tragen eine deutlich höhere Gewichtung. Es ist also durchaus sinnvoll, seine Boilies dementsprechend anzupassen (über Eiweiße konntet Ihr in der vorletzten Ausgabe Eures CHM einen Artikel von mir lesen). Kohlenhydrate sind also vor allem in der warmen Jahreszeit, wenn auch das Wasser warm ist, als Köder interessant, da Fische dann einen erhöhten Stoffwechsel haben. Im Winter ist der Stoffwechsel auf ein Minimum reduziert, die Fütterung mit Partikeln und kohlenhydrathaltigen Mehlen
Stories 35 The White Coconut-Boliefamily. Trockenfutter mit hohem Lockeffekt und Kohlynhydratanteil und wenig Proteinen. 10 C auf 20 C steigt. Diese Beobachtung folgt der bekannten R-G-T Regel aus der Biologie (Reaktions-Geschwindigkeits-Temperatur-Regel), die besagt, dass sich der Stoffumsatz bei einer Verdopplung der Temperatur ebenfalls verdoppelt bis vervierfacht. Da Koi- Karpfen keine andere Art, sondern nur eine farbliche Abweichung frei lebender Karpfen sind, sind die Daten eins zu eins übertragbar. (Beide lat. Cyprinus carpio). Das ist für die Fütterungsplanung zu beachten und je nach Jahreszeit entsprechend zu berücksichtigen (Pannevis und Earle 1994a). Von vielen Fischen (z.b. Cypriniden) wird im Spätherbst bis zum Frühjahr bei einer Wassertemperatur von weniger als 5 C die Nahrungsaufnahme mitunter vollkommen eingestellt (Earle 1995). Unter diesen Bedingungen wird der Stoffwechsel reduziert, und die Fische zehren von ihren Fett- und Proteindepots (Pannevis und Earle 1994a). ist dann nicht ratsam. Allerdings hat Arlinghaus beschrieben, dass Partikel, die alleine gefüttert werden, die schlechtesten, bzw. stagnativen Abwachsraten bei Karpfen hervorgerufen haben. Wurden Partikel in Verbindung mit natürlicher Nahrung gefüttert, waren die Abwachsraten zwar positiv, aber dennoch schlechter als HNV Baits, Crapbaits oder sogar Stippfutter in Verbindung mit natürlicher Nahrung (Arlinghaus 2006). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Karpfen immer dann einem positiven Wachstumsprozess unterlagen, wenn anthropogene Nahrung, also Angelfutter in Verbindung mit natürlicher Nahrung den Fischen als Ressource zur Verfügung stand. Es ist jedoch zu beobachten, dass bei der Untersuchung ungekochte Partikel, die die Fische schlecht verwerten können, gefüttert wurden. Hier ist auch der deutliche Unterschied zwischen Crapbaits (Boilies) und den Partikel erklärbar. Boilies werden immer gekocht oder dampfgegart. Somit sind die langkettigen Kohlenhydrate gespalten und anschließend verfügbar, um es schlicht zu beschreiben. Zuckerarten beim Angeln Plickart hat in seinem Buch Modernes Karpfenangeln geschrieben, dass Zucker, und damit meinte er wohl Kristallzucker, möglicherweise schädlich für Karpfen sein könnte, da der Blutzuckerspiegel verändert wird. Falls dies der Fall ist, können wir als Angler auf Glucose, also Traubenzucker, zurückgreifen, der nicht teurer ist. Kohlenhydrate sind der Hauptenergielieferant für den Organismus. Sie sind im Gegensatz zu den Fetten relativ schnell verwertbar, da sie auch anaerob Energie liefern. Aneorob bedeutet, unter Ausschluss von Sauerstoff. Das wäre zum Beispiel der Prozess der Gärung, den wir uns zunutze machen, um Viele günstige Boilies werden auf Grieß oder Maisbasis produziert und sind reich an Kohlenhydraten. Energiebedarf von Fischen Da Fische poikilotherme Tiere sind, ändert sich ihr Energiebedarf im Erhaltungsstoffwechsel mit der Wassertemperatur. Der Erhaltungsbedarf von Koi- Zierkarpfen (Cyprinus carpio) verdoppelt sich, wenn die Wassertemperatur von
36 Stories Ein dicker Spiegler, der einer Tigernuß und einem Maiskorn nicht widerstehen konnte. Meine Partikel lasse ich bereits in stark gezuckerten Wasser quellen. Literatur Ahlgren, G. (1992): Fatty acid content and chemical compositions of freshwater microalgae. J. Phlcol. Arlinghaus, R. (2006): Der unterschätzte Angler. Kosmos Verlag. Stuttgart. Bosch, L. et al. (2005): RP_HPLC Determination of Tiger Nut and Orgeat Amino Acid Contents. Food Science and Technology International. Deutscher Süßstoffverband e.v.: Homepage vom 07.05.2012 Plickat, W. (2004): Modernes Karpfenangeln. Kosmos Verlag. Stuttgart. Pannevis, M.-C.; Earle, K.-E. (1994b): Maintenance energy requirement of five popular species of ornamental fish. J Nutr 124: Illner, R. (2009): Großfisch Angeln. Müller Rüschlikon. Stuttgart Illner, R. (2012): Karpfenangeln. Müller Rüschlikon. Stuttgart Partikel zu übersäuern. Auch hier wird also Energie frei. Der wichtigste Kohlenhydratbaustein im Energiehaushalt des Körpers ist die Glucose. Jede Körperzelle kann Glucose durch die Zellmembran aufnehmen bzw. wieder abgeben. Die akute Energieversorgung des Körpers wird im Wesentlichen über die im Blut gelöste Glucose gewährleistet. Ihre Konzentration im Blut, der so genannte Blutzuckerspiegel, wird in engen Grenzen gehalten. Kohlenhydrate gelten nicht als essentiell, da der Körper sie unter Energieaufwand aus anderen Nahrungsbestandteilen selbst herstellen kann. Da insbesondere das Gehirn hochgradig von Glucose als Energieträger abhängig ist und keine Fette verwerten kann, muss der Blutzuckerspiegel in engen Grenzen gehalten werden. Hier schließt sich der Kreis zu Plickarts Theorie. Zucker wird also hauptsächlich in Karpfenködern als reiner Zucker oder durch pflanzliche Produkte verarbeitet. Das sind bei den Boilies vor allem Kugeln, die als Crap Baits bezeichnet werden, mit einem hohen Anteil an Maismehl, Grieß und weiteren pflanzlichen Mehlen. Zudem füttern Karpfenangler rund 50 % ihres Ködermaterials über Partikel (Arlinghaus, 2006). Spielen pflanzliche Produkte, wie Partikel, eine entscheidende Rolle für den Fangerfolg? Arlinghaus hat in Versuchen mit Futter beschrieben, dass Karpfen auf Partikel mit einem Scheucheffekt reagieren und die Fische keine bzw. eine geringe Gewichtszunahme hatten. Allerdings haben zum Beispiel Erbsen einen hohen Gehalt an pflanzlichem Eiweiß, ebenso Sojabohnen. Im Test wurden Leguminosen und Getreide verfüttert. Jedoch war es so, dass die Partikel ungekocht verfüttert wurden. (Karpfen haben, entgegen der langläufigen Meinung, keinen Magen, der platzen kann. Karpfen haben gar keinen Magen). Ungekochte Partikel weisen langkettige Zuckermoleküle auf, die schlecht verdaubar sind. Kochen wir die Partikel vor dem Angeln, werden die langen Ketten in kurzkettige Moleküle fragmentiert, so dass die Fische das eingebrachte Futter besser verdauen können. Das passiert, ganz grob betrachtet, durch die Hit-
Stories 37 Flüssige und pulverisierte Zuckererstzstoffe, so genannte Sweetner. ze beim Kochen. Bei meiner Angelei habe auch ich die Erfahrung gemacht, dass Futterplätze die ich über einen Zeitraum von mehr als 3 Tagen ausschließlich mit Partikel fütterte, von den Fischen nicht mehr oder weniger stark frequentiert wurden. Die gleiche Beobachtung machte ich mit Kohlenhydratboilies. Fütterte ich hingegen einen abwechslungsreichen Mix aus verschiedensten Sämereien, wie Erbsen, Mais, Tigernüßen, Hanf etc., dazu einige Microfischpellets und hochwertige Boilies, fing ich deutlich mehr und oft größere Fische. Für uns als Angler können wir den Schluss ziehen, dass wir Partikel somit immer gut kochen sollten. Zudem verfügen Leguminosen über Bitterstoffe, die erst durch Hitzeeinwirkung zerstört werden. Die besten Abwachsraten in der Studie wurden mit einer Kombination aus natürlicher und eingebrachter Nahrung erzielt. Tigernüsse haben einen Anteil von 58.1% an Kohlenhydraten (Bosch et. al 2005). Bei Dosenmais (Sweetcorn) liegt der Anteil gerade mal bei 20,81% (Quelle: USDA Nutritional Databse). Der Kohlenhydratanteil von Hanf liegt bei 34% (www.hempoilcan.com). Weiter Kohlenhydratanteile für die gängigsten, in der Angelei als Partikel eingesetzten Kohlenhydrate entnehmen Sie bitte der Tabelle 1. Was sind Sweetner? Als Sweetner werden jegliche Arten von Süßstoffen und Zucker bezeichnet. Süßstoffe sind Ersatzstoffe für Zucker, von denen für die gleiche Süßung eine deutlich geringere Dosis benötigt wird (10- bis 3000- fach süßer), wie Aspartam (E 950) und Acesulfam (E 951). Süßstoffe werden in der Lebensmittel-Industrie auch als Geschmacksverstärker eingesetzt. Sie stehen im Verdacht, ein Hungergefühl zu erzeugen. Ich habe viel mit pulverisierten Süßstoffen gefischt und bin von der Wirkung überzeugt. Genauso gut funktioniert jedoch auch flüssiger Süßstoff aus dem Supermarkt (Natriumcyclamat). Bei der Herstellung von Boilies werden Süßstoffe eingesetzt, die hier als Sweetener bezeichnet werden. Beim ihrem Einsatz ist darauf zu achten, welche Art Süßstoff verwendet wurde. Manche Süßstoffe entfalten ihre Wirkung erst nach längerer Zeit, andere lösen sich sehr schnell (Illner, 2009). Der Geschmack zwischen den einzelnen Süßstoffarten variiert deutlich. Bei vielen Fertig- Boilies aus der Tüte tritt das Problem auf, dass zu viel Sweetner verwendet wurde und diese im Nachgeschmack bitter sind (Illner 2012). Allerdings, und das ist wichtig, liefern Süßstoffe keine Kalorien (Acesulfam, Saccharin, Cyclamat, Sucralose) (Deutscher Süßstoffverband e.v.). Kalorien sind nichts weiter als eine Einheit zur Messung von Energie. Teilweise kann es aber sehr wohl gewollt sein, dass wir den Karpfen Energie zur Verfügung stellen. Robin Illner www.friedfisch-angeln.de