Rita Triebskorn, Prof. Dr.

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Transkript:

Rita Triebskorn, Prof. Dr. Universität Tübingen, Physiologische Ökologie der Tiere Auf der Morgenstelle 5, 72076 Tübingen Kontakt: rita.triebskorn@uni-tuebingen.de Fachtagung Arzneimittel und Mikroschadstoffe in Gewässern, 19.-20. 9. 2016, Düsseldorf

Mikroschadstoffe.. = Spurenstoffe, Mikroverunreinigungen Organische Stoffe, die in Konzentrationen von < 100µg/L in Wasserproben vorkommen In wässrigen Medien kann man etwa 5000 Stoffe analysieren, gefunden werden hiervon etwa 50% Wenn man nur nur empfindlich genug misst, kann jede Chemikalie, die irgendwo produziert oder eingesetzt wird, in der Umwelt gefunden werden (Frank Sacher, TZW Karlsruhe). Ca. 150 Arzneimittel- Wirkstoffe nachgewiesen https://www.umweltbundesamt.de/themen/ch emikalien/arzneimittel

Mikroschadstoffe.. = Spurenstoffe, Mikroverunreinigungen Stand: 10. September 2016

Wirkung von Mikroschadstoffen Wirkungen von 100.000 gelisteten Chemikalien Binetti et al. 2008, Ann Ist Super Sanita 44:13

Einzelstoffwirkungen Neurotoxizität Pflanzenschutzmittel (Carbamate, Organophosphate): Wirkmechanismus, z.b. Cholinesterasehemmung Biozide: (z.b. Tributylzinnverbindungen; z.b. TBTO) Nebenwirkung Bioakkumulation in Fischen, v.a. in Leber http://www.galab.de/laboratories/serv ices/environment/tbt.html Gestörtes Schwimmverhalten Orientierungsloses, hektisches Schwimmen Zerstörung von Nervengewebe Auflösung von Myelinscheiden

µg/ml vitellogenin % fertilisation success Einzelstoffwirkungen Hormonelle Wirkungen Arzneimittel (Kontrazeptiva u.a.), Weichmacher, Plastikinhaltsstoffe Synthetisches Östrogen Erhöhter Vitellogeningehalt und geringere Fertilität in männlichen Fischen ab 3 ng/l VTG fertility 1000 120 100 100 80 10 60 1 40 20 0.1 0 3 ng/l ethynylestradiol 0 Fenske & Segner 2005 Zusätzlich: Verweiblichung / Vermännlichung von Fischen, Zwittergonaden, Intersexe, verändertes Paarungsverhalten, verändertes Geschlechterverhältnis

Einzelstoffwirkungen.. Gewebetoxizität, Verhalten, Mortalität Schmerzmittel Diclofenac Schäden in Niere und Leber Signifikant ab 1 µg/l Triebskorn et al., 2004 Verstärktes Aggressionsverhalten Signifikant ab 9,2 µg/l Schwarz et al., in Vorbereitung Erhöhte Mortalität Signifikant ab 98 µg/l Schwarz et al., in Vorbereitung

Einzelstoffwirkungen.. Gewebetoxizität, Mortalität Schmerzmittel Diclofenac Hoag (2003). Vet drug blamed for vulture death News@Nature (16 Jun 2003). Oaks et al. (2004): Diclofenac residues as the cause of vulture population decline in Pakistan Nature 427, 630-633 (12 February 2004); Aufnahme von Diclofenac Akkumulation Schäden Niere Mortalität von Individuen Aussterben von Populationen

Freiland: Stoffgemische UNEP-WHO 2012 Burkhardt-Holm et al. 2005 Rückgang Artenzahlen, instabile Fischpopulationen, geringere Fangzahlen

Freiland: Stoffgemische

Freiland: Stoffgemische Wirkungen sind nur von der Spitze des Eisbergs bekannt!?

Anzahl nachgewiesener Stoffe Freiland: Stoffgemische 2010-2016 Triebskorn & Hetzenauer (2012) Die Schussen unter der Lupe: SchussenAktivplus+ Fertigstellung Pulveraktivstufe September 2013

Wirkung von Stoffgemischen im Freiland z. B höhere Genotoxizität, geringere Fertilität bei Flohkrebsen, weniger sensitive Arten stärkere Gewebeschäden, weniger Energiereserven, stärkere Entgiftung, geringerer Schlupferfolg bei Forellen,

Wirkung von Stoffgemischen im Freiland

Wirkung von Stoffgemischen im Freiland Schussen vor und nach Ausbau KA Ravensburg Deutlich geringere Spurenstoffkonzentrationen an Probestellen unterhalb KA 2,5 Jahre nach Ausbau

Wirkung von Stoffgemischen im Freiland * Nach Ausbau: Keine Anreicherung von Diclofenac Weniger Schädigungen, die mit Diclofenac in Verbindung stehen können

Wirkung von Stoffgemischen im Freiland Pulveraktivstufe auf KA nach 2,5 Jahren Reduktion von Spurenstoffen Plausible Zusammenhänge zwischen Spurenstoff-Reduktion und deren Wirkung auf verschiedenen biologischen Ebenen

Wirkung von Stoffgemischen im Freiland Langzeiteffekte von 20 Jahren PAK: KAs Albstadt Ebingen und Lautlingen Sehr effiziente Entnahme von Spurenstoffen In den Ökosystemen unterhalb KAs: Keine Embryotoxizität Keine Genotoxizität Exzellenter Gesundheitszustand von Leber und Kieme Intakte Populationsstruktur Natürliche Reproduktion (alle Altersklassen vorhanden) Intakte Struktur der Makrozoobenthosgemeinschaft

Wirkung von Stoffgemischen im Freiland 4. Reinigungsstufe auf KA Reduktion von Spurenstoffen Reduktion von negativen Wirkungen bei Fischen und wirbellosen Tieren

Zusammenfassung Mikroschadstoffe kommen zwar nur in Spuren in der Umwelt vor, sie können jedoch in sehr geringen Konzentrationen (ng/l-µg/l) negative Effekte bei aquatischen Lebewesen hervorrufen Mikroschadstoffe können spezifisch entsprechend ihres mode of action, aber auch unspezifisch wirken Der Spurenstoffcocktail im Freiland ist sehr komplex und er führt zu komplexen Wirkungen bei aquatischen Organismen Durch die vierte Reinigungsstufe auf Kläranlagen können negative Wirkungen bei Fischen und wirbellosen Tieren in aquatischen Ökosystemen signifikant reduziert werden

Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit!!