HS Syntax und Lexikon FS 2008 Stefan Engelberg & Svenja König Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimat, und alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er blickte mit einer Art von Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem Tale, in dieser Beschäftigung wiederfand. [Tieck: Der Runenberg. Aus: Die Märchen aus dem»phantasus«] Sätze sind ja so sensibel a. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und [ ] b. *Er sein Schicksal bedachte, wie er so jung sei, und [ ] c. *Er dachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und [ ] d. *Er bedachten sein Schicksal, wie er so jung sei, und [ ] > Wortstellung > Valenz > Kongruenz Woran scheitern b bis d? HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 1. HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 2. a. Gertrud findet b. Otto schläft c. er gibt dem Kind einen Löffel d. einen Löffel gibt er dem Kind e. dem Kind gibt er einen Löffel f. dem Kind er gibt einen Löffel g. der Mann sollte unterstützt werden h. dem Mann kann geholfen werden i. der Mann kann geholfen werden j. er bedient sie von vorne bis hinten k. er dient sie den ganzen Tag l. das würde sie ihm niemals vergeben m. das würde sie ihm niemals Vergebung HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 3. Sätze sind ja so sensibel und oft schwer zu durchschauen Ein Beispiel aus dem Georgischen: man cxen-s mat rax-i da-h-kr a he/she.erg horse-dat whip-nom PREV-3IO-he/she.hit.it.AOR Er/Sie schlug das Pferd mit der Peitsche ERG DAT NOM PREV 3IO AOR Ergativ (ein Kasus) Dativ (für das indirekte Objekt) Nominativ (für das direkte Objekt) preverb (eine Art Präfix mit perfektiver Bedeutung) Indirektes Objekt 3. Person Aorist (ein Tempus/Aspekt) Was ist denn nun so anders im Georgischen? HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 4. 1
Steuerung des syntaktischen Verhaltens von Verben: (I) Grammatik: Allgemeine Regeln (z. B. Wortstellungsregeln, Kongruenzregeln) (II) Lexikon: Verbspezifische Besonderheiten (z. B. Valenz) Was beinhalten diese grammatischen Regeln und lexikalischen Idiosynkrasien? Wie sind diese grammatischen Regeln und lexikalischen Idiosynkrasien repräsentiert? Ist die Unterscheidung zwischen eigentlich empirisch angemessen? Zu (I): Verben nehmen regelhaft bestimmte Positionen im Satz ein. Sprachtypologisch werden unterschieden: VSO (z. B. Walisisch / Indogermanisch) Gwelodd y bachgen ddyn ddoe saw the boy man yesterday The boy saw a man yesterday VOS (z. B. Kiribati / Austronesisch) E tenaa Itaia te kirii it bite Itaia the dog The dog bit Itaia HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 5. HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 6. SVO (z. B. Nakanai / Austronesisch) E Baba kue-a la paia the Baba hit-it the dog Baba hit the dog SOV (z. B. Grand Valley Dani / Papua) Ap palu na-sikh-e man python eat-far:past-he The man ate the python OVS (z. B. Apalai / Carib) Kaikuxi etapa-v toto papa tomo jaguar kill-past 3PL father 3PL They killed a jaguar, father s group OSV (z. B. Apurinã / Arawakan) Anana nota apa pineapple I fetch I fetch a/the pineapple HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 7. HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 8. 2
Zu (II): Eine typische in Wörterbüchern verwendete Unterscheidung ist die zwischen transitiven und intransitiven Verben. Siehe etwa die Einträge zu verzehren und aufstehen in: Lingua 2002. Harrap Wörterbuch Deutsch-Englisch. München: Pearson Education 2002. verzehren, v.tr. to consume (food, drink); Lit: to drain away (one's strength etc.). 'aufstehen, v.i.sep.irr.100 (a) (sein) to stand up; (vom Bett) to get up; F: da musst du früher a., you must be a bit quicker on the uptake; (b) (sein) (Volk) to revolt; (c) (haben) (Tür usw.) to stand open. Aber!: Das ist natürlich zu simpel. Zu (I): Verben treten durchaus in verschiedenen Positionen im Satz auf. a. Verberst: Steh bitte nicht im Weg b. Verbzweit: Jamaal steht immer im Weg c. Verbletzt: [Es scheint,] dass Jamaal immer im Weg steht Zu (II): Verben bilden oft einen Prädikatskomplex, in dem Positionen für finite und infinite Bestandteile des Prädikats unterschieden werden müssen. d. Jamaal hat nicht im Weg gestanden e. Der Wagen wird bis morgen repariert worden sein HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 9. HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 10. Zu (II): Lexikalische Besonderheiten erschöpfen sich nicht in einer Transitiv-Intransitiv-Unterscheidung: a. *Rebecca verzehrt ihrem Freund einen Rollmops b. Rebecca trägt ihrem Freund den Koffer c. Rebecca half ihrem Freund d. Rebecca wartete auf den Bus Zu (II): Verben erlauben eine Reihe von sogenannten Diathesen / Valenzalternanzen: a. Jamaal schrieb eine Hausarbeit b. Die Hausarbeit wurde von Jamaal geschrieben c. Die Hausarbeit schrieb sich ganz leicht a. Jamaal kannte einen Anwalt b. *Der Anwalt wurde von Jamaal gekannt c. *Der Anwalt kannte sich ganz leicht HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 11. HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 12. 3
Syntax und Semantik Syntax zwischen Das Verb nimmt auch eine zentrale Rolle bei der Konstituierung der Satzbedeutung ein: a. Rebecca reparierte gestern ihr altes Mountainbike Rebecca reparierte gestern ihr altes Mountainbike Person Agens Zeit Patiens Gegenstand Wodurch sind die grammatischen Eigenschaften (Stellung, Kasus, Numerus, Tempus, Status, ) der Wörter und Phrasen bestimmt? a) Sie hilft den Nachbarn. b) Auf Zuschüsse für einen Neubau der Überquerung hoffte Ortsbürgermeister Friedhelm Schneider bislang jedoch vergeblich. c) Was hat Indien bewogen, vor zehn Jahren als weltweit einziges Land ein eigenes Ministerium für erneuerbare Energien einzurichten? d) Nach seinem Tod graviert man ihm keinen Versspruch auf seinen Grabstein, weil seine Todesstunde von Dunkelheit geprägt war. b. #Die Hoffnung reparierte die Goldammer HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 13. HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 14. Seminarablauf 1. Einführendes Seminarablauf, Scheinbedingungen 2. Grammatik und Lexikon Wortstellung im Sprachvergleich Lexikalische Bedingungen für syntaktische Strukturen 3. Das Verb als Wortart Wortartkriterien Verbtypen Grammatische Kategorien 4. Das Prädikat als Satzglied Satzglieder vs. Konstituentenstrukturen Operationale Verfahren zur Satzgliedbestimmung Die verschiedenen Satzgliedtypen 5. Das topologische Satzmodell Satzklammer Satztypen Prädikatsbegriff Inhaltliche Struktur des Seminars HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 15. Seminarablauf Inhaltliche Struktur des Seminars 5. Statusrektion Verbalkomplex Die drei Status Rektionsrichtung 6. Valenz Syntaktische Valenz Semantische Valenz Implizite Argumente Valenztheorien 7. Argumentstrukturalternationen Typen von Diathesen Semantische Bedingungen für Diathesen 8. Konstruktionsgrammatik Grundzüge der Konstruktionsgrammatik Argumentstrukturalternationen in konstruktions- vs. valenzbasierten Grammatiken HS Syntax und Lexikon, FS 2008, Uni Mannheim, Stefan Engelberg & Svenja König, 1. Sitzung, Folie 16. 4
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