44 Spektrum Jagdhunde lo 6/2014
lo 6/2014 45 Plötzliche Stutenbissigkeit Erlernt oder hormonell bedingt? Hündinnen gelten als zu weich, zickig und stutenbissig. Trotzdem entscheiden sich viele für eine Hündin. Autor und Fotograf: Gila Fichtlmeier f
46 Spektrum Jagdhunde lo 6/2014 Wenn ich mich mit Hundeführern unterhalte, interessiere ich mich immer dafür, warum die Entscheidung auf eine Hündin fiel. Die meisten nannten denselben Grund: Hündinnen sind einfach anders als Rüden. Vergleicht man, zeigen beide Arbeitsfreude, Führigkeit und Wildschärfe. Doch ein Unterscheidungsmerkmal ergibt sich oft: Viele Rüden werden rüpelhaft, manche Hündinnen zickig. In den ersten Lebensmonaten bis ungefähr nach dem Zahnwechsel zeigen sich normalerweise keine allzu großen Unterschiede. Eine Hündin braucht bei der Erziehung genau dieselbe Konsequenz wie ein Rüde und entsprechendes Einfühlungsvermögen. Ein Rüffel, den ein Rüde vielleicht locker wegsteckt, löst bei einer Hündin schneller Unterwürfigkeitsgesten und Demutsverhalten aus. Eine Hündin will nicht unbedingt wie ein Rüde ständig ihre Grenzen austesten, sondern wird sich in der Regel gut in ihre menschliche Familie und das Umfeld einordnen. Viele Hündinnen besitzen auch, vor allem wenn Kinder im Haus sind, eine unglaubliche Gutmütigkeit und ein gesundes Nervenkostüm. Sie stecken so manche Unsensibilität von Kindern problemlos weg, während ein Rüde in solchen Situationen schon mal ein warnendes Knurren von sich gibt. Konkurrierendes Imponiergehabe spielt bei Hündinnen eine geringere Rolle, sie neigen jedoch zu einer gewissen Stutenbissigkeit, und wenn es darüber hinaus zu gleichgeschlechtlichen Auseinandersetzungen kommt, gehen sie aber oft gnadenlos zur Sache. der Ursprung im Welpenalter Der Grundstein zu einer Stutenbissigkeit wird oft unbewusst im Welpen alter gelegt, etwa bei Welpentreffs, wenn mehrere Welpen zum Spiel zusammenkommen. Ist die kleine Hündin dort im Freilauf der Willkür der anderen Hunde ausgeliefert und kommt sie altersbedingt oder aus Unsicherheit mit dieser Gruppendynamik nicht klar, muss sie sich selbst einen Freiraum schaffen. Sie wird versuchen, dem Ganzen zu entfliehen, indem sie die anderen wegschnappt oder sich versteckt. Und schon lernt sie Aggression als Lösung und Fliehen oder Defensivaggression werden zu ihrer Strategie. Treffen mehrere Junghunde aufeinander, beginnen die jungen Rüden die eine oder andere Hündin zu bedrängen und auch mal zu besteigen, was diese meist mit zickigem bis aggressiven Abwehrverhalten abzustellen versucht. Damit sind spätere Probleme bereits zu diesem frühen Zeitpunkt programmiert. Bei Hundebegegnungen grenzen sich Hündinnen im Gegensatz zu Rüden im Bei diesen Junghunden geht es schon deutlich zur Sache. Die beiden schwarzen Labradors bedrängen die Parson-Russell-Hündin so massiv, dass sie sich kaum mehr zu helfen weiß.
lo 6/2014 47 Überlassen Sie Ihre Hündin vor allem während der Läufigkeit nicht der Willkür einer Rüdengruppe. allgemeinen lieber von Artgenossen ab, als sich wie unter Rüden üblich, in Imponierverhalten zu verlieren. Dieses sich Abgrenzen wollen wird dann zum Problem, wenn die Hündin das allein auf sich gestellt lösen muss. Typische Alltagsszenen Sie treffen beim Spaziergang auf einen anderen Hundehalter. Ist dieser Besitzer eines Rüden, hören Sie nicht selten die aus größerer Entfernung mit unsicherer Stimme gerufene Frage: Hündin oder Rüde? Und ist es häufig dann nicht so, dass auf Ihre Antwort Hündin! das Gegenüber sofort den Rüden von der Leine lässt und der auf Ihre Hündin losstürmt? Er beschnuppert und bedrängt sie, die Hündin wird unmutig und hält sich mit Recht den aufdringlichen Artgenossen vom Leib. Wenn Sie jetzt nicht präsent sind und Ihre Hündin solche Erfahrungen öfter macht, wird aus einem anfänglichen Abschnappen schnell ein beschädigendes Wegbeißen. Ungerechterweise gilt die Hündin jetzt als stutenbissig und zickig. Festigt sich das, wird sie dieses Verhalten bald auch im Umgang mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen zeigen. Was ist zu tun? Managen Sie das Zusammentreffen von Hunden. Seien Sie Scheinträchtigkeit Auf eine Scheinträchtigkeit weist Folgendes hin: Anschwellen des Gesäuges und Flüssigkeits- oder Milchproduktion Eventuelle Gewichtszunahme Nest oder Wurfhöhle bauen Gegenstände als Welpenersatz umhertragen Den Welpenersatz aggressiv gegen Mensch und Tier beschützen Die erste Läufigkeit und damit der Eintritt der Geschlechtsreife kommt rasseabhängig bei kleinen Hunden etwas früher. Im Normalfall beginnt sie in etwa in einem Alter zwischen sechs und zwölf Monaten. Von einer Scheinträchtigkeit sind häufig kleine Hunderassen (z. B. Dackel) betroffen. GF in solchen Situationen immer präsent und vermitteln Sie den Rüden ganz klar, dass ein Bedrängen nicht erwünscht ist. Regeln Sie die Situation auf eine Weise, die Ihre Hündin erkennen lässt, dass Sie für ihren Freiraum und ihr Wohlbefinden sorgen und die Hündin es nicht selbst tun muss. Wenn Hormone sich melden Es gibt einen weiteren Aspekt, der zu Stutenbissigkeit führen kann: der immer wiederkehrende Wechsel der Hormone. Während einer Läufigkeitsphase grenzt sich eine Hündin stärker von ihren Artgenossen ab. Auch diese deutlich abgrenzenden Verhaltensmuster, die sie leben muss, weil sie hormonell dazu gezwungen ist, können sich festigen und zu einer Strategie werden, die auch dann zum Tragen kommen können, wenn sie sich im Anöstrus (siehe unten) befindet. Bis zur ersten Läufigkeit sind die meisten Hündinnen, wenn sie keine schlechten Erfahrungen machen, recht normal in ihren Verhaltensmustern. Damit Sie die eine oder andere Verhaltensveränderung Ihrer Hündin gerade in dieser sensiblen Zeit zuordnen und damit besser umgehen können, ist es wichtig, sich auch mit den hormonellen Veränderungen und den daraus entstehenden Problematiken offen und ehrlich auseinanderzusetzen. Der Fortpflanzungszyklus Beginnen wir mit den hormonellen Zyklen, die eine unkastrierte Hündin gewöhnlich zweimal im Jahr durchlebt. Er unterteilt sich in vier Phasen: 1. Phase: Vorhitze, Proöstrus, Dauer beträgt etwa neun Tage. Es kommt zum Anschwellen der Vulva, der Absonderung eines Sekrets und später zu blutigem Scheidenausfluss. Die Hündin beißt interessierte Rüden weg, ist oft unruhig und markiert viel. Bereits vorhandener Gehorsam kann nachlassen, jagdliche Arbeiten wird sie unkonzentrierter und unzuverlässiger ausführen. 2. Phase: Hitze, Östrus, Dauer etwa neun Tage. Die Blutung wird schwächer, der Ausfluss klarer. Der Eisprung erfolgt zu Beginn des Östrus, am 2. bis 4. Tag und dauert ca. 72 Stunden. Der Eisprung ermöglicht nun eine Trächtigkeit, deshalb zeigt die Hündin jetzt auch vermehrtes Interesse an Rüden und würde sich im Normalfall decken lassen. Beim Deckakt wäre eine Empfängnis höchstens drei Tage vor und bis spätestens zweieinhalb Tage nach dem f
48 Spektrum Jagdhunde Der Idealfall: Drei Hündinnen, drei Generationen, ein harmonisches Zusammenleben. Eisprung möglich. Während dieser Phase sollte die Hündin keine Arbeit im/am Wasser leisten müssen, da durch den geöffneten Gebärmutterhals eine erhöhte Infektionsgefahr der inneren Geschlechtsorgane besteht. Der Gehorsam kann bei Anwesenheit von Rüden sehr nachlassen, Aggression gegen gleichgeschlechtliche Artgenossen ist möglich. 3. Phase: Nachhitze, Metöstrus, Dauer ca. zwei bis drei Monate. Die Läufigkeitssymptome klingen ab, es besteht keine Deckbereitschaft mehr und aufdringliche Rüden werden wieder weggebissen. Die Vulva schwillt ab und der blutige Ausfluss wird immer weniger. Das Verhalten der Hündin normalisiert sich, unabhängig davon, ob eine Befruchtung stattgefunden hat oder nicht. Die Gelbkörperhormonphase dauert sowohl bei der tragenden als auch bei der nicht tragenden Hündin circa 60 Tage, weshalb häufig Symptome der Scheinträchtigkeit vorkommen. 4. Phase: Ruhepause, Anöstrus, ist die Zeit zwischen zwei Läufigkeiten. Das Fortpflanzungssystem der Hündin ist jetzt passiv, ihr Verhalten normal. Die Dauer der Ruhepause kann schwanken und zwischen zwei bis fünf und sogar bis zu zehn Monate dauern. Dann beginnt der Zyklus wieder von vorne. Im Strudel der Hormone Bei einer sogenannten Scheinträchtigkeit verändert sich die Hormonlage der ungedeckten Hündin nach der Läufigkeit in ähnlicher Weise, als wäre sie trächtig. Progesteron, das schwangerschaftshaltende Hormon, kommt nach dem Eisprung bei einer trächtigen wie bei einer nicht trächtigen Hündin in nahezu gleicher Konzentration vor. Bemerkt der Körper jedoch, dass die Hündin nicht aufgenommen hat, nimmt der Progesteron-Spiegel rasch ab, ähnlich wie bei einer Geburt. Dies bewirkt bei manchen Hündinnen den Anstieg des Hormons Prolaktin, das Auswirkungen auf ihre Psyche haben kann und auch dafür sorgt, dass das Drüsengewebe des Gesäuges wächst und die Milchbildung angeregt wird. Hündinnen können etwa drei bis zwölf Wochen nach der Läufigkeit körperliche und auch psychische Auffälligkeiten zeigen. Die Symptome einer Scheinträchtigkeit können unterschiedlich ausgeprägt sein. Viele Hündinnen werden sehr anlehnungsbedürftig und verschmust, sind jedoch auch zickiger, stressempfindlicher und leichter zu verunsichern. Typisch, aber nicht zwingend für eine Scheinträchtigkeit, ist ein ausgeprägtes Nestbau-Verhalten. Dabei beginnt die Hündin Spielzeug, manchmal auch Hausschuhe oder andere Sachen wegzuschleppen meist in ihr Körbchen oder einen von ihr gewählten Wurfhöhlenplatz. Sie bemuttert diese Gegenstände und verteidigt unter Umständen ihre imaginären Welpen. Depressives, aber auch aggressives Verhalten sind in dieser Zeit möglich. Diese Symptome können ein bis zwei Monate anhalten. Liegt der Scheinträchtigkeit keine hormonelle Fehlfunktion zugrunde, wartet man in weniger ausgeprägten Fällen einfach ab, bis es sich von selbst normalisiert. Etwas verbessern können Sie das Verhalten, indem Sie in dieser Zeit alle Spielsachen wegräumen und die Hündin damit von ihrem Nestbautrieb ablenken und natürlich viel mit ihr unternehmen.
lo 6/2014 49 Jedoch kommt es auch vor, dass eine Hündin sich gegen Artgenossen und sogar gegen den Hundeführer und die Familie übermäßig zickig und aggressiv verhält, indem sie zum Beispiel den Kindern die Spielsachen wegnimmt und diese vehement verteidigt. Hier ist Einfühlungsvermögen und Aufmerksamkeit angesagt, sonst stellt sie einen ernstzunehmenden Risikofaktor dar. Mastitis tut weh In einzelnen Fällen kann es während der Scheinträchtigkeit auch zu einer Entzündung des Gesäuges (Mastitis) kommen, die mit Antibiotika behandelt werden muss. Eine Mastitis entsteht meist durch Bakterien, die über kleinere Verletzungen in das Gewebe des Gesäuges und damit in die Drüsen eindringen und sich dort vermehren. Eine unserer Hündinnen bekam nach ihrer ersten Läufigkeit gleich an mehreren Milchdrüsen Entzündungen. Ihre Zitzen waren stark angeschwollen. Um die Zitze herum bildeten sich große, kreisrunde, blau schimmernde Flecken, die sich stark verhärteten. Sie bekam Fieber und war unruhig. Sie wich sowohl unseren anderen Hunden als auch uns aus, da sie Schmerzen hatte. An jagdliche Ausbildung war bei der jungen Hündin in dieser Zeit nicht zu denken. Obwohl die 2. Läufigkeit und die anschließende Scheinträchtigkeit durch eine homöopathische Behandlung etwas weniger ausgeprägt verlief, zeigte die Hündin sich abermals unkonzentriert und zickig bis aggressiv in Bezug auf Artgenossen. Durch immer wiederkehrende Scheinträchtigkeiten und das dadurch vorhandene hormonelle Ungleichgewicht kann neben den sich wiederholenden psychischen Verhaltensveränderungen auch das Krebsrisiko erheblich wachsen. Aus diesem Grund ist in solchen Fällen eine Kastration in Betracht zu ziehen, jedoch nicht während der Scheinträchtigkeit, sondern erst in der Ruhepause zwischen zwei Läufigkeiten. Bei unserer Hündin stabilisierte sich nach der Kastration das hormonelle Gleichgewicht sofort und entsprechend verschwanden auch die psychischen Verhaltensauffälligkeiten. meist hausgemacht Stutenbissige Hündinnen werden nicht geboren. Probleme lassen sich verhindern, wenn man der Hündin während ihrer hormonellen Schwankungen mit Sensibilität begegnet und darauf achtet, dass sie keine negativen Erfahrungen mit Artgenossen (Rüden) macht. So werden Sie viel Freude an ihr haben. Ich würde mich immer für eine Hündin entscheiden. Aber das nur nebenbei. eu Äußere und innere Geschlechtsmerkmale Das Gesäuge besteht aus den Zitzen in einer Reihe angeordnet, je fünf rechts und links auf der Bauchunterseite und der Milchleiste sie verläuft zwischen den Zitzen unterhalb der Haut. Das Gesäuge füllt sich im Normalfall bei einer Trächtigkeit mit Milch. Bei Hündinnen, die bereits ein- oder mehrmals Welpen hatten, bilden sich die Milchdrüsen zwar zurück, aber die Säugevorrichtung selbst bleibt etwas größer als vor dem Wurf. Der größte Teil der Geschlechtsorgane befindet sich im Bauchraum. Sie bestehen aus zwei etwa 1,5 Zentimeter großen Eierstöcken in der Nähe der Nieren im oberen Teil des Bauchraums, umgeben von der Bursa, einem dicken sackartigen Fettgewebe, das die produzierten Eier auffängt und sie über die Eileiter in die Gebärmutter weiterleitet, und der Gebärmutter, zwei große schlauchförmige sogenannte Hörner, die getrennt voreinander vom Gebärmutterhals bis zu jeweils einem Eierstock reichen. Normalerweise ist der Gebärmutterhals verschlossen, er öffnet sich nur, wenn die Hündin läufig ist oder wenn Welpen geboren werden. In dieser Zeit besteht eine erhöhte Infektionsgefahr der inneren Geschlechtsorgane. GF