Schrift- und Typengeschichte Capitalis monumentalis Im 8. Jahrhundert vdz entstand der römische Stadtstaat, der im Wesentlichen die Kultur der Etrusker übernahm. Leider sind aus der Frühzeit Roms keine Schriftdenkmäler erhalten. Die Entstehung der lateinischen Schrift fällt etwa in den Zeitraum der römischen Republik, die ab dem 6. Jahrhundert vdz begann, ganz Italien militärisch zu unterwerfen. Die älteste überlieferte lateinische Inschrift ist noch linksläufig. Der Richtungswechsel zur Rechtsläufigkeit dürfte etwa im 3. Jahrhundert vdz statgefunden haben. Das erste lateinische Alphabet bestand aus 21 Zeichen, überflüssig gewordene etruskische Zeichen verschwanden oder wurden als Zahlzeichen verwendet. Die Entstehung der klassischen römischen Kapitalschrift, der Capitalis monumentalis, (etwa ab dem 1. Jahrhundert vdz) muß im Zusammenhang mit der Architektur gesehen werden. Die Triumphbögen, Prachtbauten und Denkmäler der Römer wurden mit diesen ausgewogenen Großbuchstaben (Versalien) versehen. Vermutlich mit einem Flachpinsel wurden zwischen einer oberen und unteren Begrenzungslinie die Zeichen auf dem Stein vorgeschrieben. Dann wurden die durch den Flachpinsel entstandenen breiten und schmalen Striche an- und abschwellender Kurven mit einem Meißel nachgeschlagen. Capitalis monumentalis (Trajans-Säule in Rom) Die Capitalis monumentalis besticht auch heute, nach über 2000 Jahren, durch ihre erstaunliche Vollkommenheit. Sie ist der Ursprung unserer heutigen Groß- wie auch der Kleinbuchstaben. Die Buchschriften Als Capitalis quadrata und Capitalis rustica werden die Buchschriften der römischen
Kaiserzeit bezeichnet. Beide gehen auf die klassische römische Kapitalschrift zurück. Bei der Capitalis quadrata fällt der Kontrast zwischen fetten und feinen Strichen, bedingt durch die Federdrehung des Schreibers, sofort ins Auge. Ein wesentliches Merkmal der schmallaufenden Capitalis rustica sind ihre feinen senkrechten und fetteren waagerechten Striche. Auch lange nach dem Niedergang des römischen Imperiums wurde die Rustica noch als Auszeichnungsschrift verwendet. Der unaufhaltsame Zerfall des römischen Reiches brachte auch einen Verfall der Schriftkultur mit sich. Kaiser Konstantin war es zwischenzeitlich gelungen, das Imperium zu stabilisieren, vor allem, weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob, doch das Machtzentrum hatte sich mittlerweile nach Osten verschoben. Konstantinopel (Byzanz) trat an die Stelle Roms. Durch das Christentum wandelte sich auch der Zweck des Schreibens. Inschriften auf Triumphbögen und Tempeln wurden nicht mehr gebraucht, die Kirchenväter lehnten zudem jene Schriften ab, mit denen das»heidnische«rom sich und seine Macht gefeiert hatte. An ihre Stelle trat nun die sog. Unzialschrift. Römische Unziale und Halbunziale Die erste und bedeutendste frühchristliche Schrift, die Unziale, entwickelte sich aus den teilweise sehr rund geschriebenen Formen der Capitalis rustica wahrscheinlich bereits im 2. Jahrhundert. Obwohl sie eine Versalschrift ist, zeigen sich deutliche Frühformen der Kleinbuchstaben, so z.b. bei a und e. Zu erkennen sind auch kleine Ober- und Unterlängen. Die Unziale wirkt dynamisch und besticht durch eine sehr gute Lesbarkeit. Einhergehend mit dem Siegeszug der Unziale in den Scriptorien des Abendlandes ist der Niedergang des Römischen Reiches. In der Zeit der Völkerwanderung, als das Lesen und Schreiben das Privileg einer kleinen Klasse, der Berufsschreiber und Teilen des Klerus war, beginnt auch das Ausschmücken und Hervorheben einzelner Buchstaben. Die Schrift ist nun nicht mehr ausschließlich Mittel zum Zweck der Informationsübermittlung, sondern dient auch als Gestaltungsmittel.
Halbunziale (ca. 6. Jahrhundert) Etwa ab dem 5. Jahrhundert datiert das Auftauchen der Römischen Halbunziale. Hier vollzieht sich sehr deutlich der Übergang zur Kleinbuchstabenschrift. Die Ober- und Unterlängen sind weitgehend ausgebildet und die Formen der Minuskeln der späteren Antiqua sind klar zur erkennen. Die Karolingische Minuskel Mit der Karolingischen Minuskel, der hervorragenden Weiterentwicklung der Halbunziale, ist die Entwicklungslinie von der Capitalis monumentalis zur Minuskelschrift endgültig abgeschlossen. Karl der Große, im Jahre 800 zum Kaiser ausgerufen, forderte von seinen schreibkundigen Untertanen, die heiligen Texte mit größter Sorgfalt zu schreiben. Zahlreiche Gelehrte aus England, Spanien und Italien wurden in das Frankenreich geholt. Alkuin von York gründete in Aachen die kaiserliche Hofschule und leitete später als Abt das Kloster St. Martin bei Tours. Im Scriptorium dieses Klosters ist wahrscheinlich auch die Karolingische Minuskel entstanden. Sie unterscheidet sich von den Schriften vorhergehender Epochen durch ihre ausgezeichnete Lesbarkeit. Als Großbuchstaben werden die Zeichen der Capitalis monumentalis verwendet (Die Halbunziale war im Laufe des 8. Jahrhundert sehr stark stilisiert worden; Abkürzungen und Ligaturen hatten auch hier stark zugenommen, so daß die Entschlüsselung der Texte immer schwieriger wurde). Karls Reformen sowohl im staatlichen wie im kulturellen Bereich waren für die weitere Schriftentwicklung von größter Bedeutung. Durch die Wirren der Völkerwanderung und den Zerfall der alten Gesellschaftsordnung waren die geistigen Überlieferungen der Antike in Vergessenheit geraten, nun erfolgte wieder eine Hinwendung zur Literatur der Antike. Die altlateinischen Texte sind uns zum größten Teil aus Abschriften karolingischer Scriptorien überliefert worden. Es ist eine Ironie der Schriftgeschichte, daß die Humanisten der Renaissance glaubten, in diesen karolingischen Abschriften die originale Schrift der Antike entdeckt zu haben; hieraus resultiert der noch heute gebräuchliche Name Antiqua (=ältere Schrift). Die weitere Entwicklung bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts Die Gotik, eine der unabhängigsten Stilepochen in der europäischen Kunstgeschichte seit der Antike, ist in Frankreich entstanden. Die Gotik dauerte von etwa 1130 bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts an; die zeitliche Dauer der Gotik jedoch war in den einzelnen Ländern verschieden. Ihre stärkste Ausprägung fand sie in Architektur und Plastik, doch wirkte sie
auch in Malerei und Kunsthandwerk. Der (abwertende) Begriff der Gotik (Goten = Barbaren) stammt aus der italienischen Renaissance und geht auf den italienischen Kunstschriftsteller, Maler und Baumeister Giorgio Vasari (1511-1574) zurück, der damit die damals herrschende Auffassung, dem antiken»goldenen Zeitalter«sei ein barbarisches Mittelalter, verkörpert durch die Goten, gefolgt, ausdrücken wollte. Später wurde die Bezeichnung auf jene Stilepoche bezogen, die der Romanik folgte. Genauer wird zwischen Frühgotik (1130-1300), Hochgotik (1300-1420) und Spätgotik (1420-1500) unterschieden. Die Spaltung in Gebrochene Schriften bzw. runde (Antiqua-)Schriften vollzieht sich etwa zum Ende des 11. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 12. Jahrhunderts, ausgehend von Nordfrankreich. Gotisch - Textura Die gotischen Kleinbuchstaben sind im elften Jahrhundert nach mehreren Entwicklungsphasen, analog dem Stilwandel der Baukunst von der Romanik zur Gotik, aus der Karolingischen Minuskel hervorgegangen. Die gotische Schrift trägt auch den lateinischen Namen Textura (Gewebe), weil ihre hohe und enge Art in der Wirkung einer ganzen Schriftseite diesen Vergleich nahelegt. Strichstärke und Mittellängenhöhe sowie die Enge der Punzen bestimmen ihren Charakter. Der rautenförmige Breitfederstrich am Anfang und Ende der Buchstaben, wie bei l n m i r, und die Brechung anstelle der Rundung, so bei o p q b d, läßt dieses Kleinbuchstabenbild entstehen. Die Großbuchstaben der gotischen Schrift kamen erst Ende des fünfzehnten Jahrhunderts hinzu. Mit ihren vielfach vorhandenen Doppelstrichen und ihrem zierenden Beiwerk wirken sie etwas überladen und treten deshalb meist stark aus dem Seitenbild heraus. Um einem weit verbreiteten Mißverständnis vorzubeugen, sei an dieser Stelle bemerkt, daß die Bezeichnung»Gotisch«in Bezug auf diese Schriftart nichts mit dem germanischen Stamm der Goten zu tun hat. Sie geht vielmehr auf die abwertende Aussage den italienischen Kunstschriftstellers, Malers und Baumeisters Giorgio Vasari (1511-1574) zurück, der u. a. diese Schriftform als»gotisch«im Sinne von»barbarisch«ablehnte. In Italien und der iberischen Halbinsel hat die Gotische Schrift nicht Fuß fassen können, hier vollzieht sich die Wandlung zu den halbgotischen Rotunda-Formen. Sie verdrängen die Textura teilweise auch jenseits der Alpen.
Rundgotisch - Rotunda Die Rundgotisch oder Rotunda kann als Übergangsstil zwischen der Korolingischen Minuskel und der Textura, aber auch als Alternative zu den strengen Formen der Textura betrachtet werden. Um 1400 entstanden diese schönen und klaren Formen mit der breit geschnittenen Feder aus der Hand spanischer und italienischer Schreibmeister, zum Teil weil die Textura in Südeuropa als»barbarisch«abgelehnt wurde. 1486 zeigt sie Erhard Ratdolt in einer Schriftprobe mit zehn Graden und 1496 verwendet er sie in seinem»missale für Augsburg«. Wegen ihrer bastarden Stellung zwischen Antiqua und Gotisch, die Formen der Buchstaben sind teils rund, teils gebrochen, wurde sie früher auch als Halbgotisch bezeichnet Schwabacher An dritter Stelle nach den beiden gotischen Vorläufern der Gebrochenen Schriften bringt die Schwabacher als echtes Kind der Renaissance einen hellen und fröhlichen Klang mit. Markant sind ihre beschwingten Rundformen, so bei den Buchstaben a d h o, vor allem aber bei den breit angelegten Versalien, an deren Form man die Hand des gewandten Buchschreibers spürt. Die originellsten und unverwechselbaren Versalien sind die Figuren H und S. Hier haben wir es mit einer Schrifttype zu tun, die man nur in Deutschland findet, denn sie ist unseres Wissens in keinem anderen Land bekannt. Sie entstand im fünfzehnten Jahrhundert zuerst in geschriebener, dann in Holz geschnittener Form und später als in Lettern gegossene Type. Die Schwabacher wurde zur beherrschenden Buchschrift des sechzehnten Jahrhunderts. Ihre Entwicklung ist wohl im fränkischen Raum zu suchen. Erstmals druckte offenbar Lienhard Holle in Ulm im Jahre 1483 mit einer Schwabacher. (Andere Quellen nennen allerdings einen Augsburger Wiegendruck aus dem Jahr 1472). Anton Koberger benutzte sie um 1490 für die Schedelsche Weltchronik, Albrecht Dürer 1498 für die»apokalypse«. Fraktur Lange Zeit wurden mit dem Namen Fraktur verallgemeinernd alle Gebrochenen Schriften bezeichnet. Doch schon die Beifügung Fraktur zu den Namen der meisten Schnitte dieser Gruppe zeigt, dass diese Bezeichnung nur für diesen speziellen Schrifttyp Gültigkeit hat. Die Fraktur erhielt von der Gotisch die Schlankheit und von der Schwabacher die bewegten und schwungvollen Formen. Dies ist besonders bei den Großbuchstaben zu sichtbar. In Kaiser Maximilians Gebetbuch 1508-1513 gedruckt, begegnen uns diese unter dem Einfluß der Renaissance entstandenen Schriftformen zum ersten Male in gedruckter Form. Ein gutes Kennzeichen der Fraktur ist der»elefantenrüssel«. Bei den Oberlängen der Kleinbuchstaben sind es die gegabelten Kopfteile:Biegung und Brechung wechseln sich ab. Anfang des 15. Jahrhunderts griffen die Humanisten wieder auf die älteren Schriftformen zurück und belebten die Karolingische Minuskel als Humanistische Minuskel wieder neu. Die Kleinbuchstaben der Karolingischen Minuskel und die Großbuchstaben der Capitalis monumentalis bildeten von nun an das (auch heute noch gültige) Lateinische Alphabet. Zur Humanistischen Minuskel schufen die Humanisten auch eine kursive Variante.
Die Humanistische Minuskel ist die Grundlage für die Antiqua-Typen des Buchdrucks (=Venezianische Renaissance-Antiqua).. Schreibschriften Kurrentschrift Als Schreibschrift setzte sich außerhalb Deutschlands die Humanistische Kursive als lateinische Schreibschrift durch, in Deutschland die auf der gotischen Kursive beruhende deutsche Kurrentschrift. Sütterlin Die Sütterlinschrift, meist auch einfach Sütterlin genannt, irreführend auch als Deutsche Schrift bezeichnet, ist eine von Ludwig Sütterlin entwickelte Schreibschrift als vereinfachte Ausgangsschrift für Grundschüler. Sie wurde ab 1915 in Preußen eingeführt und begann in den 1920er Jahren die Deutsche Kurrentschrift (»Spitzschrift«) abzulösen und wurde 1935 Teil des offiziellen Lehrplans. Die Sütterlinschrift hat weniger Schnörkel und ist deshalb einfacher zu schreiben als die Kurrentschrift. 1941 wurde allerdings auch sie von den Lehrplänen verbannt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie teilweise bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in den Schulen der BRD gelehrt. Alle Rechte liegen beim Autor Bernhard Schnelle http://vau-ef-be.beepworld.de/