Problem erkannt, Problem gebannt?

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Transkript:

BILDUNGS- UND WISSENSZENTRUM AULENDORF - Viehhaltung, Grünlandwirtschaft, Wild, Fischerei - Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung und Grünlandwirtschaft LVVG Atzenberger Weg 99 88326 Aulendorf Telefax (07525) 942-333 Vermittlung (07525) 942-300 Problem erkannt, Problem gebannt? Die regelmäßige, im Abstand von 4 bis 6 Monaten durchgeführte Klauenpflege ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit unserer Milchkühe. Fehlerhafte Klauenpflege und mangelhafte Kenntnisse zu Erscheinungsformen und Ursachen der Klauenerkrankungen führen trotz Bemühens und finanzieller Aufwendungen häufig nicht zum gewünschten Erfolg. Lahmheiten erkennen Neben der regelmäßigen Funktionellen Klauenpflege ist bei einer auftretenden Lahmheit umgehend der betroffene Fuß zu untersuchen und eine dem Krankheitsbild entsprechende Behandlung durchzuführen. Obwohl automatisierte Verfahren zur Lahmheitserkennung in der Entwicklung sind, was eine logische Ergänzung Automatischer Melksysteme darstellt, führt derzeit kein Weg an der laufenden visuellen Lahmheitsbeurteilung vorbei. Als Hilfe hat sich dabei die fünfstufige Beurteilung des Tierverhaltens nach Sprecher (www.zinpro.com) bewährt. Während bei Note 2, einer geringfügigen Lahmheit, nicht unbedingt eine akute Klauenerkrankung vorliegen muss, kann bei den Noten 3 bis 5 von deutlichen Leistungseinbußen ausgegangen werden. Bei diesen Tieren ist dringender Handlungsbedarf gegeben. LocomotionScore 3 (links): Die Kuh wölbt den Rücken in der Bewegung deutlich, im Stehen leicht auf; LocomotionScore 4 (rechts): Die Kuh wölbt sowohl im Stehen als auch in der Bewegung den Rücken deutlich auf und entlastet deutlich eine oder mehrere Gliedmaßen (Fotos: Zinpro) Funktionelle Klauenpflege Die funktionelle Klauenpflege ist eine weltweit anerkannte Methode zur Klauenpflege bei Rindern, die auf einer Vielzahl biomechanischer Untersuchungen basiert. Ziel der Funktionellen Klauenpflege ist es, die Klauen unter den heute üblichen Haltungsbedingungen so zu korrigieren, dass nachhaltig Schäden vermieden werden. Die Entlastung der größeren Klauenhälfte und somit eine insgesamt vergrößerte Auftrittsfläche wird angestrebt. Zusätzlich wird 1

im inneren Bereich der Klaue eine Hohlkehlung angelegt. Hierdurch soll vor allem mechanischen Schäden, wie den Klauensohlengeschwüren vorgebeugt werden. Um eine optimale Stellung der Klaue zu erreichen ist der Ballen unbedingt zu belassen. Ausdrückliches Ziel ist es, eine belastungsoptimierte und keine weiße Klaue zu erzielen. Leider werden in den Milchviehherden allzu oft kaputtgepflegte Klauen angetroffen, die in keiner Form den Ansprüchen an eine moderne funktionierende Klauenpflege entsprechen. Darum kurz die häufigsten Fehler: - Zu geringe Sohlenstärke: Auf Daumendruck elastisch reagierende Klauensohlen sind zu stark beschnitten. Die theoretische Sohlenstärke (Kante an der Klauenspitze) sollte bei einer Vorderwandlänge von 7,5 cm niemals 5 mm unterschreiten, ansonsten werden schwerwiegende Schäden vor allem im Bereich der Klauenspitze und der weißen Linie provoziert. - Unebene Auftrittsfläche: Die Kuh sollte nach dem Klauenschnitt planeben auf beiden Klauenhälften stehen. Ungleich hohe Klauenhälften führen zu Fehlbelastungen, nach innen geneigte Sohlen führen zu Spreizklauen und fördern längerfristig das Auftreten des Zwischenklauenwulstes Belastungsausgleich zwischen Innen- und Außenklaue und sowie eine ebene Auftrittsfläche sind Ziel des ersten Bearbeitungsschrittes der funktionellen Klauenpflege. Die Hohlkehlung ist in einem weiteren Arbeitsschritt zu ergänzen (Foto: LVVG) - Fehlende Hohlkehlung: Ein fehlender Entlastungsschnitt im hinteren inneren Bereich der Klauen führt zu Quetschungen der Lederhaut und nachfolgenden Klauensohlengeschwüren - Entferntes Ballenhorn: Unnötiges Entfernen des Ballenhornes führt zu Fehlbelastungen der Klauen und fördert das Auftreten infektiöser Klauenerkrankungen - Entfernter Tragrand: Ein unnötiges Entfernen des Tragrandes verkleinert die Auftrittsfläche und schwächt die Verbindung zwischen Klauenwand und Klauensohle. Das Eindringen von Krankheitserregern in die Weiße Linie und deren Wanderung bis zur Klauenlederhaut wird begünstigt. - Mangelhafter therapeutischer Klauenschnitt: Das korrekte Behandeln von Klauendefekten erfordert weitreichende Kenntnisse in der Anatomie, Physiologie und Biomechanik der Klaue. Mängel in der Ausführung verhindern einen zügigen Heilungsverlauf und können den Therapieerfolg grundsätzlich infrage stellen. - 2

Dokumentation Um den Überblick über die Klauenpflege zu behalten und objektive Aussagen über den Gesundheitszustand der Herde treffen zu können, ist eine Dokumentation der Klauenpflegemaßnahmen und -behandlungen unerlässlich. Unabdingbare Vorraussetzung hierfür ist die Kenntnis der wichtigsten Klauenerkrankungen. Neben verschiedenen Fachbüchern können entsprechende Informationen und ein Dokumentationsbogen unter www.lvvg-bw.de (Fachinformationen/Viehhaltung/Klauenpflege) hinterlegter Dokumentationsbogen als Hilfsmittel dienen. In welcher Form die Informationen erhoben werden, ist letztlich unerheblich. Sie sollten auf jeden Fall übersichtlich und auswertbar abgelegt werden. Ausschnitt aus einer Dokumentation von Klauenpflegemaßnahmen und Behandlungen Analyse Datenfriedhöfe helfen niemand, außer den Anbietern von Speichermedien. Die Auswertung von Pflegeprotokollen ist der Schlüssel zur gezielten Verbesserung der Klauengesundheit. Nur wer Art und Häufigkeit krankhafter Veränderungen der Klaue kennt, kann Rückschlüsse auf deren Ursachen, seien es Haltungs-, Fütterungs- oder Managementmängel, ziehen. Jede Konstellation erfordert hierbei einen spezifischen Maßnahmenkatalog. Pauschale und Allgemeingültige Empfehlungen gibt es nicht und kann es nicht geben, da in jeder Herde die Voraussetzungen unterschiedlich sind. Maßnahmenkatalog Aus der Kombination Krankheitshäufigkeit und -verteilung lassen sich, in Verbindung mit Milchleistungs- und Fütterungsdaten sowie anderen Beobachtungen, Rückschlüsse auf mögliche Ursachen ziehen. Beispielsweise kann aus reheassoziierten Krankheitsbildern, wie Sohlenblutungen und Weiße-Linie-Defekten in Verbindung mit niedrigen Milchinhaltsstoffen auf Mängel in der Fütterung geschlossen werden. Als kurzfristige Maßnahme sollte die Versorgung mit Strukturfutter verbessert bzw. der Konzentrateinsatz restriktiver erfolgen. Dagegen lässt ein ähnliches Krankheitsbild in Verbindung mit dünnem Sohlenhorn auf Mängel in der Laufflächengestaltung schließen. Die Rauhigkeit der Böden kann ursächlich sein, aber auch starke Unruhe in der Herde, sei es beim Fressen, im Wartebereich oder beim Austrieb aus dem Melkstand. Bei infektiösen Klauenerkrankungen, wie der Mortellaro schen Krankheit oder der Klauenfäule handelt es sich vor allem um Hygienemängel. Hier sollte die Reinigung von Laufbereich und Klauen im Fokus stehen. 3

Fazit Die Klauengesundheit einer Herde lässt sich nur durch eine systematische Analyse der Lahmheitsursachen und die konsequente Umsetzung prophylaktischer Maßnahmen verbessern. Dies sind in erster Linie: - die regelmäßige und bedarfsgerechte funktionelle Klauenpflege - die Verbesserung des Haltungskomforts - die Optimierung der Fütterung hinsichtlich der Wiederkäuergerechtigkeit - die Sicherstellung einer hohen Futterqualität im Trog - die verbesserte Reinigung von Laufflächen und Klauen - die verstärkte Berücksichtigung von Merkmalen der Klauengesundheit in der Zuchtwahl - die Verminderung von Stressfaktoren durch planvolles und ruhiges Handling der Tiere Gesunde Klauen sind kein Zufall sondern eine Herausforderung für jeden Rinderhalter. Aulendorf, 25.06.2008 Ihr Ansprechpartner zum Thema Klauengesundheit Wolfgang Sekul Tel.: 07525/942-305 Email: wolfgang.sekul@lvvg.bwl.de 4

Mögliche Einflüsse auf das Auftreten von Klauenerkrankungen und deren Wechselwirkungen