Multikulturelle systemische Praxis

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Transkript:

Multikulturelle systemische Praxis Ein Reiseführer für Beratung, Therapie und Supervision Bearbeitet von Arist von Schlippe, Mohammed El Hachimi, Gesa Jürgens erweitert 2013. Taschenbuch. 256 S. Paperback ISBN 978 3 89670 873 1 Weitere Fachgebiete > Psychologie > Psychotherapie / Klinische Psychologie > Systemische Beratung & Therapie Zu Inhaltsverzeichnis schnell und portofrei erhältlich bei Die Online-Fachbuchhandlung beck-shop.de ist spezialisiert auf Fachbücher, insbesondere Recht, Steuern und Wirtschaft. Im Sortiment finden Sie alle Medien (Bücher, Zeitschriften, CDs, ebooks, etc.) aller Verlage. Ergänzt wird das Programm durch Services wie Neuerscheinungsdienst oder Zusammenstellungen von Büchern zu Sonderpreisen. Der Shop führt mehr als 8 Millionen Produkte.

Multikulturelle systemische Praxis... Arist von Schlippe/Mohammed El Hachimi/Gesa Jürgens Ein Reiseführer für Beratung, Therapie und Supervision Mit Vorworten von Cem Özdemir und Klaus J. Bade Vierte, erweiterte Auflage, 2013

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags: Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern) Prof. Dr. Dirk Baecker (Friedrichshafen) Prof. Dr. Bernhard Blanke (Hannover) Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg) Prof. Dr. Jörg Fengler (Alfter bei Bonn) Dr. Barbara Heitger (Wien) Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg) Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena) Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg) Prof. Dr. Heiko Kleve (Potsdam) Dr. Roswita Königswieser (Wien) Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück) Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg/ Schwäbisch Hall) Tom Levold (Köln) Dr. Kurt Ludewig (Münster) Dr. Burkhard Peter (München) Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen) Prof. Dr. Kersten Reich (Köln) Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen) Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln) Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke) Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg) Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster) Jakob R. Schneider (München) Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg) Prof. Dr. Fritz B. Simon (Witten/Herdecke) Dr. Therese Steiner (Embrach) Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg) Karsten Trebesch (Berlin) Bernhard Trenkle (Rottweil) Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln) Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz) Dr. Gunthard Weber (Wiesloch) Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien) Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg) Umschlaggestaltung: Uwe Göbel Umschlagfoto: Bildunion GmbH, 2008 Copyright für alle Fotographien im Buch: Arist von Schlippe Satz: W. G. V. Verlagsdienstleistungen GmbH, Weinheim Printed in the Czech Republic Druck und Bindung: FINIDR, s. r. o. Vierte, erweiterte Auflage, 2013 ISBN 978-3-89670-873-1 2003, 2013 Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg Alle Rechte vorbehalten Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren und zum Verlag finden Sie unter: www.carl-auer.de. Wenn Sie Interesse an unseren monatlichen Nachrichten aus der Vangerowstraße haben, können Sie unter http://www.carl-auer.de/newsletter den Newsletter abonnieren. Carl-Auer Verlag GmbH Vangerowstraße 14 69115 Heidelberg Tel. 0 62 21-64 38 0 Fax 0 62 21-64 38 22 info@carl-auer.de

Einladung EINE ERSTE FRAGE AN SIE ALS LESERIN UND LESER Wir alle sind in einer Kultur aufgewachsen, die uns als Orientierungssystem dient. In ihr sind uns eine Fülle unterschiedlicher Werte, Normen und Regeln vermittelt worden, ethisch-moralische, politische, religiöse und viele andere mehr. Manchmal lassen sie sich in Form von Regeln, von Regelsätzen oder Einprägungen bei uns wieder finden, in denen sich natürlich auch die besondere Kultur der Familie zeigt, in der wir groß geworden sind. Doch die Familie ist oder war ein Teil einer Kultur, und so spiegelt sich auch in ihr die Kultur wider. Es sind Sätze, die uns eine Idee von der eigenen Weltsicht, von den eigenen Landkarten geben können und das Bewusstsein dafür kann für das Lesen dieses Buches wichtig sein, aber auch für den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen in Beratung und Therapie. Während eines interkulturellen Workshops mit Managern ausländischer Herkunft wurden diese aufgefordert, sich zu der Frage Gedanken zu machen, welcher Satz oder welche Sätze ihr Leben besonders geprägt haben. Eine Auswahl der Antworten: Ich bin Türke ich bin richtig! Sei klug wie dein Volk! Ein Moslem hat ein reines Herz! Für einen Berber gibt es immer einen Ausweg! Wir sind alle Sünder! Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter! Die Araber haben sich geeinigt, sich nie zu einigen! Ein deutscher Junge weint nicht! Wir lassen uns von keinem regieren! Wir sind zuverlässiger und fleißiger als die anderen! Du bist ein Schweizer! Schweizer sind pünktlich und korrekt! Welche Antwort würden Sie geben? Was ist die Welt? Sie ist die Bildwand meines Denkens, Das, was mein Auge schaut, wird Welt und ihre Weise! Die Horizonte, die mein Auge rings umfaßt, Von meinem Zirkelschlag gezogen, sind es Kreise. 20

Nichtsein und Sein ist nur mein Sehen und Nichtsehen. Was Zeit? Was Raum? Sie sind in meines Denkens Gleise. Geheimnisse von mir verrät mein Herzenszauber: Aus ihm stammt Nah und Fern, aus ihm stammt Ruh und Reise. 1 Einladung 1 Aus dem Gulschan-e Raz-e dschadid (Der neue Rosengarten des Geheimnisses), einem Lehrgedicht des persischen Dichters Mohammed Iqbal (1968, S. 89). 21

Einladung 22

Multikulturelle Kontexte verlangen interkulturelle Konzepte... I. Einführung und Grundlagen 23

Einführung und Grundlagen... 1. Multikulturelle Kontexte verlangen interkulturelle Konzepte Wir leben in einer Zeit der Völkerwanderung, deren Ausmaß größer als jede bisher bekannte historische Wanderung ist. Millionen von Menschen vereinzelt, als Familien, Sippen oder Teilvölker sind unterwegs, weil sie Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Arbeit suchen oder sich und die ihren in Sicherheit bringen möchten vor anderen Menschen, vor ihresgleichen (Koblbauer 2003). Menschen, die aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland gekommen sind, aus welchen Gründen auch immer, machen schon seit langem einen beträchtlichen Anteil an der Gesamtbevölkerung aus. 1 Dem gegenüber sind erst in jüngster Vergangenheit umfassendere Versuche der Umsetzung therapeutischer Konzeptionen auf interkulturelle Fragestellungen vorgelegt worden (z. B. Pfeifer 1994; Koch et al. 1995, 1998; Heimannsberg u. Schmidt 2000; Heise 1998, 2000; Hegemann u. Salman 2001; Erim u. Senf 2000). Mit Bade (1994) könnte man vermuten, dass sich darin die Folgen von 1 Die Ausländerquote lag laut den Berichten der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen (2000a) im Jahr 2000 bei knapp 9 %, in bestimmten Regionen weitaus darüber, so ist in Berlin-Kreuzberg oder -Wedding etwa jeder dritte Bürger ausländischer Herkunft. Diese Zahlen müssten sogar eigentlich noch weiter angepasst werden, wenn man sich bewusst macht, dass auch eine nicht exakt zu bestimmende Zahl von Aussiedlern und Migranten mit deutschem Pass hier lebt, deren Akkulturation sich ja nicht mit der Erteilung des Passes sozusagen instant erledigt. Und wir alle wissen, dass wir es mit einem Problem zu tun haben, das sich nicht nur in unserem Land stellt: Weltweit gab es 1992 einhundert Millionen (!) Migranten, darunter 20 Mio. Flüchtlinge eine gigantische Zahl (Krause 2001). 24

Multikulturelle Kontexte verlangen interkulturelle Konzepte im Osten wie im Westen des Landes zu findenden folgenschweren politischen Erkenntnisverweigerungen, Tabuisierungen und Verdrängungen widerspiegeln. Nach Bade war es auch erst der Schock der Wellen der ausländerfeindlichen Gewalt im Herbst 1991, der nachhaltigere Anstöße zu politischem Umdenken gab. Ähnlich wertet dies Seidel (2002), für den die Vorgänge um das Asylbewerberheim Rostock-Lichtenhagen im August 1992 den Wendepunkt markieren, an dem sich die Republik ihres Zivilisationsverlustes bewusst wurde (S. 4). In ganz Deutschland entstanden Initiativen gegen rechts, entstanden Vereine, die die Integration von Einwanderergruppen förderten, oder es wurden bereits bestehende Initiativen offiziell anerkannt und gefördert rückten sozusagen vom Hinterhof nach vorn. Es entwickelten sich verstärkt neue Strukturen der Versorgung von spezialisierten Beratungszentren für Migranten und Flüchtlinge bis hin zu ethnomedizinischen Zentren. Es ist zu hoffen, dass sich mit diesen neuen Strukturen langsam auch die Bilder von den Möglichkeiten und Chancen der Multikulturalität in der Bevölkerung verändern und immer deutlicher erkennbar wird, dass Menschen anderer Kulturen in unsere Gesellschaft auch die Farben ihrer verschiedenen Kulturen hereinbringen, dass dies nicht notwendigerweise Spannungsfelder erzeugen muss, sondern auch eine Bereicherung darstellen kann, dass Integration nicht nur ein notwendiger, sondern auch ein lohnender Prozess ist und dass es gilt, die Realitäten einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland wahrzunehmen, damit die in ihr schlummernden Kräfte zur Entfaltung kommen können. Es ist in der komplexen Welt, in der wir leben, nicht mehr möglich, das Fremde draußen zu lassen. Die Kategorien von drinnen und draußen verschieben sich, mit zunehmender globaler Vernetzung werden sie in ihrer bisherigen Form überflüssig. Das Fremde ist, psychologisch gesprochen, längst zu einem Teil von uns geworden (vgl. hier z. B. Gergen 1996). Wenn wir es nach wie vor als fremd bezeichnen, reproduzieren wir Beschreibungen und Bilder, die mit dazu beitragen, dass Vorurteile und Rassismus und in ihrem Gefolge Diskriminierung und Einsamkeit, Hass und Gewalt entstehen können. 25

Einführung und Grundlagen Die Aufgabe, sich das Fremde vertraut zu machen, die Grenzen von bekannt, vertraut und fremd zu verschieben, ist sowohl eine individuelle als auch eine, die eine Gesellschaft als Ganzes ergreift und herausfordert. Das Problem einer multikulturellen Gesellschaft liegt nicht so sehr in der Einwanderung als vielmehr in den Beschreibungen, die davon erzeugt werden. Und um Beschreibungen geht es in der systemischen Therapie insgesamt (von Schlippe u. Schweitzer 1996) und insbesondere in der Arbeit mit multikulturellen Systemen: es wird versucht, nach den zentralen Beschreibungen zu suchen, die in sozialen Systemen vorgenommen werden, und diese daraufhin zu befragen, welche Landkarten, welche Orientierung in der Welt sie anbieten, welche Muster sich in ihnen reproduzieren und wie hilfreich diese Muster für ein erfülltes Leben sind. Die Unterscheidung zwischen eigen und fremd ist, so verstanden, bereits eine Beschreibung, eine der frühesten sprachlichen und wohl auch bereits vorsprachlichen Operationen, die Menschen vornehmen. Aus systemischer Sicht stellt das Wort fremd, wie andere Begriffe auch, eine Form der Wirklichkeitskonstruktion dar. Gerade weil sie zu den basalen Unterscheidungen gehört, die Menschen fällen, mag sie besonders hoch emotional besetzt sein um es in der Formulierung eines psychoanalytisch ausgerichteten Autors zu sagen: In seiner frühesten Form ist das Fremde die Nicht-Mutter, und die bedrohliche Abwesenheit der Mutter läßt Angst aufkommen es bedarf immer einer Überwindung der Angst, um sich dem Fremden zuzuwenden (Erdheim 1994, S. 244). Ob diese Aussage universell gilt, wagen wir angesichts selbst erfahrener überwältigender Fremdenfreundlichkeit in anderen Kulturen zu bezweifeln. Die Bedeutung, die der Erfahrung von fremd in einer Gesellschaft zugewiesen wird, ist bereits eine Charakterisierung einer Kultur und vermag sicher auch frühe psychische Erfahrungen entscheidend zu moderieren, vor allem dann, wenn Fremdbilder als kollektive Feindbilder genutzt und funktionalisiert werden (Benz 1996). Und ganz sicher ist Petri zuzustimmen, der den Umgang mit dem Fremden als zentrale Lebensaufgabe (ansieht) von deren Lösung das eigene Überleben abhängt (1994, S. 248) dies gilt in Zeiten der Globalisierung wohl mehr denn je. In jedem Fall ist die multikulturelle Gesellschaft der Gegenwart als eine potenzielle Konfliktgesellschaft anzusehen. Doch ist dies nicht nur Gefahr, sondern auch Chance (Özdemir 1999). Konflikte 26

Multikulturelle Kontexte verlangen interkulturelle Konzepte bergen Kraft in sich, wenn sie nicht vermieden werden. Auseinandersetzungen können zu Veränderung führen, wenn sie als Herausforderung verstanden werden, für eine andere Kultur und die in ihr gepflegten Kommunikationsformen Verständnis zu entwickeln. In solchen Auseinandersetzungen könnten Visionen entstehen, die gemeinsam weiterentwickelt werden und zu persönlichem Wachstum und zu Reifungsprozessen führen. Die Gefahr besteht darin, dass diese Prozesse Chaos in scheinbare Ordnungen und Übersichtlichkeiten bringen und dann abgespalten, vermieden und ausgegrenzt werden. Für Therapie und Beratung liegt die Herausforderung darin, transkulturelle Dimensionen zu entwickeln ein Weg, der nur von Betroffenen und Professionellen verschiedener Disziplinen gemeinsam gegangen werden kann. Ein nigerianisches Sprichwort sagt: Der Mensch ist die Medizin des Menschen in diesem Sinne sind alle hier vorgestellten Konzepte vorläufig, denn das Wichtigste ist ihre lebendige Rezeption und Veränderung durch lebendige Menschen. 27