Russische Philosophen in Berlin

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Transkript:

Russische Philosophen in Berlin Julia Sestakova > Vortrag > Bilder 435

Julia Sestakova Warum wählten russische Philosophen vorzugsweise Berlin als Ziel ihres erzwungenen Exils? Was hatte ihnen das Land der Dichter und Denker zu bieten? Was erhofften sie sich vom Aufenthalt in der Hauptstadt des einstigen Feindes? Vom Leben in einem Land, das mit akuten ökonomischen Schwierigkeiten rang, politische Wunden zu heilen und soziale Probleme vergeblich zu meistern versuchte? Russische Intellektuelle waren mit dem deutschen akademischen Milieu bestens vertraut. Das gilt auch für Philosophen aus Russland. Viele von ihnen hatten an deutschen Universitäten studiert, und es gab vor dem Ersten Weltkrieg gemeinsame Projekte, wie beispielsweise das Projekt der Zeitschrift Logos, die in Deutschland, Italien und Russland erschien und deren Herausgabe auch in Großbritannien, Frankreich, Ungarn und in den USA geplant war. Vor dem Hintergrund dieser Fakten ist es nicht erstaunlich, dass viele russische Philosophen mit dem Wunsch nach Berlin kamen, den vom Weltkrieg unterbrochenen Dialog fortzusetzen, um gemeinsam ein Verständnis des neuen Europa zu entwickeln, das sich nach dem Ersten Weltkrieg und den darauf folgenden revolutionären Erschütterungen neu konstituieren musste. Dass solch ein Dialog zustande kam, ist meines Erachtens ein Indiz dafür, dass Emigranten in ihrem unfreiwilligen Exil wider Erwarten ein neues wenn auch nur provisorisches Zuhause finden konnten. Als ich in den ersten Monaten meines Studienaufenthalts in Deutschland in Berliner Bibliotheken und Archiven zu recherchieren begann, fand ich zahlreiche Publikationen russischer Philosophen, russischsprachige Sammelbände und Monogra- 436

phien, sowie viele deutsche Übersetzungen und Veröffentlichungen in deutschsprachigen Zeitschriften, die allesamt meine Ausgangsthese bestätigten. Die intensiven Bemühungen russischer Philosophen um eine Verständigung im Hinblick auf das Schicksal des neuen Europa fand Widerhall in der deutschen Presse. So haben liberale Zeitungen wie das Berliner Tageblatt und die Vossische Zeitung in den Jahren 1922 bis 1924 ausführlich und regelmäßig über die wichtigsten Ereignisse in Russland berichtet, zu einem Zeitpunkt, als das Ansehen Berlins unter der geistigen Elite russischer Herkunft auf dem Höhepunkt war. Berlins Ruf als intellektuelle Hauptstadt der russischen Emigration wurde nicht zuletzt durch die Eröffnung der Russischen Religiös- Philosophischen Akademie und des Russischen Wissenschaftlichen Instituts in Berlin begründet. Je länger ich mich mit dieser Problematik beschäftigte, desto mehr drängte sich mir die Frage auf, warum der erhoffte Dialog zwischen russischen und deutschen Philosophen trotzdem stagnierte. Durch die Revolution ins Exil getrieben, fanden sich russische Philosophen an einem anderen Ort des europäischen Bürgerkrieges, wo die Intellektuellen von ganz anderen Ideen bewegt schienen und andere Fragen bzw. Probleme im Blick hatten als ihre russischen Partner. Wie anders kann man sich erklären, dass es nicht zu gemeinsamen Projekten zwischen deutschen und russischen Philosophen kam? Warum blieben persönliche Kontakte sporadisch? Warum wurde im Zeitraum von zwei Jahren an der Russischen Religiös-Philosophischen Akademie ein einziger Vortrag von einem deutschen Gelehrten gehalten, nämlich von dem Soziologen Max Scheler, und das obwohl es zahlreiche Publikationen von Werken russischer Philosophen auch in Deutsch! gab? Noch weniger Erfolg war dem Versuch beschert, die durch den Krieg unterbrochene russischsprachige Ausgabe der Zeitschrift Logos mit Hilfe deutscher Kollegen fortzusetzen. Für das internationale Projekt dieser Zeitschrift gab es in der veränderten politischen und gesellschaftlichen Situation in Deutschland offenbar kein Interesse mehr. 437

Fand womöglich gar kein Dialog zwischen russischen und deutschen Philosophen statt? War die deutsche Hauptstadt ein Treffpunkt lediglich imaginärer Dialogpartner? Ich freue mich, nach vielen Recherchen in Berliner Bibliotheken und Archiven diese Fragen verneinend beantworten zu können. Bei meinen Nachforschungen habe ich nämlich einen solchen Dialog schließlich gefunden, allerdings auf einer ganz anderen Ebene und einem anderen Niveau. Ich möchte ihn einen interkulturellen Dialog nennen. Als ich im Januar anfing, Publikationen deutscher Philosophen aus den 20er Jahren systematisch zu untersuchen, bemerkte ich eine Korrelation zwischen den von deutschen Intellektuellen untersuchten Problemen und den Hauptthemen bei den russischen Philosophen. Hier wie dort ging es um das Phänomen der Krise, um die Folgen von Krieg und Revolution für die europäische Kultur sowie um die Stellung des Menschen in einer durch Gottes Tod überschatteten Welt. Sowohl bei den deutschen als auch bei den russischen Philosophen wurden in jenen Jahren besonders die Werke von Dostojewski intensiv rezipiert. Davon zeugen die damals erschienenen Bücher, etwa Die Weltanschauung Dostojewskijs, ein Titel, der gleich zweimal gewählt wurde, und zwar vom russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew und vom österreichischen Schriftsteller und Philosophen Hans Prager. Meine Arbeit wird inhaltlich und thematisch an Profil gewinnen, wenn sich meine weitere Forschung auf die Analyse der Berührungspunkte und Gegensätze sowie der Differenzen und Parallelen im Hinblick auf das Problem der Initiierung, sowie der Grenzen und Möglichkeiten eines interkulturellen Dialoges konzentrieren wird eines Dialoges, in dem sich zwei Versionen des intellektuellen Selbstverständnisses auf der Grundlage derselben Erfahrungen begegnen. 438

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