VO, WiSe 2011/12 Albert Bock

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[kʌɲɲi] (auch: [a], [ɐ], [ɲː], [iː]) [aʟaʟe] (auch: [ g ʟ], [aː] (Mitte), [ɛ]) [tʼaqʼən] (auch: [a ], [qːʼ], [ə ]) [lœyːs] (auch: [y], [i], [s ])

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Transkript:

VO, WiSe 2011/12 Albert Bock

Sandhi = phonologische Prozesse an Wortoder Morphemgrenzen Begriff: स ध, von Pāṇini geprägt Historisch in allen inselkeltischen Sprachen sehr stark ausgeprägt Externes (an Wortgrenzen) vs. internes (an Morphemgrenzen im Wort) Sandhi In den heutigen Sprachstufen: im Kornischen und Walisischen reduziert. Sehr stark im Bretonischen und Irischen.

Liaison im Französischen: les poissons [lepwaso ] die Fische les enfants [lezɑ fɑ ] die Kinder Orthographie und Etymologie legen nahe, dass [z] vor Anlautkonsonanten getilgt wird. Synchron lautet die Regel aber umgekehrt: nach dem Artikel /le/ wird [z-] vor Anlautvokal gestellt. Indiz: Kreolisch zorey [zɔrɛɪ] Ohren.

Konsonanten im Auslaut werden stimmlos, wenn nächstes Wort mit deutlich stimmlosem (= H-Element beinhaltenden) Konsonanten beginnt. Sie werden palatal, wenn das nächste Wort mit einem palatalen Konsonanten beginnt. Stimmhaftigkeits- und Palatalitätsassimilation

feall [fʲal ˠ] täuschen d'fheall sé orm es täuschte mich [ˈdʲal ʲ ʃə ˈɔɾˠəmˠ] lúb [l ˠuːbˠ] lúb sé [l ˠuːpˠ ʃeː] bog er bog

Konsonanten im Auslaut sind stimmhaft, wenn nächstes Wort mit Vokal beginnt. Sie sind stimmlos, wenn nächstes Wort mit Konsonant beginnt, oder im absoluten Auslaut Konsonanten im Anlaut werden stimmlos, wenn vorhergehendes Wort auf /x/ oder /s/ endet Stimmhaftigkeits assimilation

Mat eo ar c hafe. Der Kaffee ist gut. [ˌmaˑd ew ar ˈxafe] Ar c hafe zo mat. Der Kaffee ist gut. [ar ˌxafe zo ˈmaːt] Mat ha kreñv eo. Er ist gut und stark. [ˌmaˑta ˈkrɛ w ew]

Stimmhaftigkeit (tatsächlich: Behauchung) von Konsonanten im Auslaut hängt nur von der Umgebung ab was ist mental als Grundform gespeichert? Suffigierte Formen geben Aufschluss: Sg.: [maːt/d] gut; Gut [pok/g] Kuss Pl.: [ˈmaˑdu] Güter vs. [ˈpɔku] Küsse /mad/ und /pok/ im mentalen Lexikon Auch Vokallänge zeigt den Unterschied.

Falc hun: Akzentsilben sind gleich lang, egal ob mit oder ohne Langvokale. Stimmhafte Plosive stehen nach langen Vokalen (sind daher selber kurz), stimmlose nach kurzen Vokalen (und sind selber lang). /nn, ll, rr, m/ verhalten sich wie stimmlose Plosive. Es ist oft sinnvoller, nicht von stimmhaften vs. stimmlosen Konsonanten zu sprechen, sondern Lenes vs. Fortes. Inselkeltische Fortes sind historisch automatisch geminiert.

Anlautmutationen sind fossiles Sandhi: Ursprünglich Assimilation an inzwischen abgefallene Suffixe Bsp.: (Britannisch > Akorn. > Mkorn.) ˌsindos ˈkuːnos (m) > ˌinː ˈkiː > anˈkiː dieser Hund > der Hund ˌsinda ˈkatːa (f) > ˌinː ˈgaːθ > anˈgaːθ diese Katze > die Katze /-V#k-/ > /-V#g-/

In den modernen Sprachstufen des Inselkeltischen komplexe Mischung aus morphonologischen Regeln und Lexikalisierung (Ausnahmen!) Unterschiedliche Systeme im Goidelischen und Britannischen

Goidelisch: Lenition und Eklipse (Nasalierung) Britannisch: Lenition, Provektion, Spirantisierung & eine weitere Kategorie Weitere Kategorie : Nasalierung (Walisisch), gemischte Mutation (Bretonisch & Kornisch) Goidelische Lenition britannische Lenition Einige bretonischen Dialekte haben rezent Leniprovektion entwickelt.

Lenition (Irisch): Spezialfall vor Vokal [n ˠə] +L ART.gfs + [ˈeːɾʲən ˠ] Irland Spirantisierung (Kornisch): [hɪ] +S ihr + [ˈtɛɪlɪʊ] Familie Eklipse (Schottisch-Gälisch): [ən] +E ART.nms + [ˈbḁl ax] Bub Provektion (Bretonisch): [o] +P euer/eure + [brøːr] Bruder Nasalierung (Walisisch): [və] +N mein/e + [p h ɛn] Kopf -> [n ˠəˈheːɾʲən ˠ] Irlands -> [hɪˈθɛɪlɪʊ] Familie -> [əˈmal ax] der Bub -> [opˈprøːr] euer Bruder -> [vəˈm hɛn] mein Kopf

p t tʲ k kʲ b d dʲ g gʲ m f s sʲ Lenition f h ç x ç v ɣ j ɣ j v Ø h ç Eklipse b d dʲ g gʲ m n nʲ ŋ ŋʲ - v - - Ursprünglich (im Altirischen): Lenition = Plosive verlieren Verschluss, Rückwärtsverschiebung der Engstelle bei Frikativen. Eklipse = Stimmlose Plosive verlieren Behauchung, stimmhafte werden nasal, Frikative werden stimmhaft. Synchron: Zumindest die Lenition nach Lautwandel /θ/ > /h/ und /ð/ > /ɣ / irregulär und nicht mehr durch einheitliche Regeln beschreibbar.

p t k b d g g(u) m ʧ Lenition b d g v ð Ø w v ʤ Spirantisierung f θ h - - - - - - Provektion - - - p t k k - - Gemischt - - - f t h ʍ f - Ursprünglich (im Altkornischen): Lenition = Stl. Plosive werden sth.; sth. Plosive und /m/ verlieren Verschluss. Spirantisierung = Stimmlose Plosive verlieren Verschluss. Provektion = Stimmhafte Plosive werden stimmlos. Gemischt = stimmhafte Plosive werden stimmlose Frikative; nur /d/ verliert den Verschluss nicht und wird /t/. Auch hier: synchron irregulär nach Lautwandeln /#x/ > /#h/ und /ɣ/ > /Ø/.