Plötzlich wird alles anders

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Plötzlich wird alles anders Paul (7 Jahre) berichtet über seine Familientherapie. Illustration: Sarah Wilker Erzählt von Brigitte Geupel, 1. Eins weiß ich genau - ich sag nichts. Was wollen die von mir? Mama gibt nur unbestimmte Antworten und Vati schaut finster - das kann nichts Gutes bedeuten. Irgend etwas ist passiert. Es ist wie im Traum, wenn die Monster kommen und ich nicht weglaufen kann. Ich muss mit - doch ich will nicht. Ihr könnt mich alle nicht täuschen. Das kann nichts Gutes bedeuten. Ich sage nichts. 2. Jetzt sitzen wir alle in einer Praxis. Die Frau begrüßt uns - sie nennt sich Familientelepatin oder so. Ich weiß nicht, ob sie eine Ärztin ist, einen weißen Kittel hat sie jedenfalls nicht an. Sie fragt Mama, warum wir hier sind. Mama holt tief Luft - gleich wird die Schimpferei wieder losgehen. Doch die Frau sagt noch, bitte nur einen Satz. Da guckt Mama verdutzt. Sie sagt: Wir kommen mit Paul nicht mehr klar. Immer ich - das ist gemein. Vati sagt: Es gibt so viel Streit, ich weiß nicht, was bei uns los ist. Jetzt bin ich dran. Ich sage nichts. Ich will nichts sagen. Weiß nicht. Die Frau schiebt mir ein Papier hin.

Malen kann ich ja mal. Ich male Feuer, eine Flasche für Vati und ein großes Maul für Mama. Aber dann will ich es doch lieber übermalen. Doch die Frau findet es gut, na ja, dann schenk ich es ihr. Die Frau fragt jetzt, was unser größter Wunsch wäre. Mama sagt, dass ich brav sei. Diese Leier kenn ich schon. Vati meint: eine Familie ohne Streit. Und ich, ich sage: Ich möchte einen kleinen Bruder haben. Da gucken mich alle groß an. So was Blödes, ich wollte doch nichts sagen. Na gut - jetzt ist es raus. Plötzlich fängt Mama an zu weinen. Vati schaut finster - und die Frau bringt mir eine Puppe. Wenn ich einen kleinen Bruder hätte, was dann wäre - will sie wissen. Ist doch klar, dann wär immer einer da, der mich lieb hat. Jetzt nimmt mich Mama auf den Arm. Ich hab dich doch lieb, meint sie. Irgendwie stimmt es ja auch. 3. Wir fahren nach Hause. Irgend etwas ist anders. Ich stoße Vati an und mache die Frau nach, wie sie gefragt hat. Woran würden Sie merken, dass es Ihnen besser geht? Na, Vati? An einer Gehaltserhöhung, lacht er zurück. Das hat er sich vorher nicht getraut zu sagen.

Wir lachen. Es ist schön, wenn Vati lacht. 4. Wieder streiten sich Mami und Vati. Es ist schrecklich. Ich höre ihre Stimmen bis in mein Zimmer. Ich verkrieche mich tiefer in meinem Bett. Jetzt klappt eine Tür zu. Sicher holt sich Vati wieder ein Bier. Dann werden sie noch mehr streiten. Warum tun sie das nur? Sie sind doch schon Erwachsene. Warum können sie sich nicht vertragen? Die Stimmen werden wieder lauter. Ich will sie nicht hören. Ich brauche doch Mami und Vati. Sie sollen sich lieb haben. Ich hab doch auch beide lieb. Jetzt muss ich weinen - es ist so schlimm. Ich kriege Bauchweh. In meinem Bauch ist ein dicker Stein. Ich wische meine Tränen weg und steige aus dem Bett. Mami, ich hab Bauchweh! Mami bringt mich ins Bett und hat wieder eine liebe Stimme. Auch Vati gibt mir einen Kuss, doch der riecht nach Bier. 5. Heute fahren wir wieder zu dieser Familienfrau. Vielleicht wird alles doch noch besser. Sie fragt Vati, was er an mir mag. Stille - ich denke, ich sterbe. Vati - sag was! Endlich sagt er, dass ich lustig bin. Na, also. Ich mag Vati nur, wenn er nicht trinkt. Das sage ich jetzt als Strafe, weil er mich so lange warten ließ. Mama riecht gut, sage ich schnell. Mama mag bei mir, dass ich sportlich bin.

Jetzt sollen sich Vati und Mama was sagen. Ich bin gespannt. Vati mag bei Mama, dass sie schön ist. Mama schluckt. Sie mag an Vati, dass er für uns arbeiten geht. Jetzt schaut er wieder so traurig. Ich mag noch viel mehr bei dir - sage ich schnell. Doch das hilft nicht. Er schaut immer noch traurig. Ich krieche zu ihm auf den Schoß. Da sagt Mama, dass Vati gut mit mir spielen kann. Jetzt lächelt er ein bisschen. Die Frau fragt Mama, ob sie das wirklich haben kann, wenn wir zusammen spielen. Da muss ich doch was zu sagen. Nein, die Mama stört uns immer. Immer, wenn wir zusammen spielen, soll ich was aufräumen oder Vati soll was tun. Jetzt passiert was Lustiges. Meine Eltern kriegen eine Hausaufgabe. Mama soll uns spielen lassen. Vati soll hinterher auch was mit Mama machen. Ich krieg keine Hausaufgabe auf - super! 6. Heute macht die Frau einen komischen Vorschlag. Sie will, dass wir ein Bild von unserer Familie zusammenstellen. Mama soll das machen. Zuerst weiß sie nicht recht, wie sie mich stellen sollte. Sie zieht blöd an mir herum, stellt mich mal näher zu Vati, dann wieder weiter weg. Dabei murmelt sie immer: Nein, so stimmt es nicht. Mama hat echt Probleme, dabei kennt sie uns doch so gut. Schließlich stellt sie mich zwischen sich und Vati. Mama kniet - Vati guckt weg. Es ist kein schönes Bild. Ich fühle mich ganz eng, bekomme kaum Luft. Das sage ich auch. Vati beschwert sich, dass er Mama gar nicht sehen kann. Auch findet er es blöd, dass sie kniet. Dann haben wir es verändert. Vati will Mama in den Arm nehmen. Ich will mit Vati raufen.

Zum Schluss wird es noch ein lustiges Bild. Das nächste Mal sollen Mama und Vati allein kommen - ist mir recht. Sie sollen auch wieder Hausaufgaben kriegen! 7. Heute bin ich wieder mit dabei. Wir sollen alle ein Bild malen über unsere Wünsche. Ich male ein Baby und dazu einen Hund. Falls das mit dem Baby nicht klappt - für alle Fälle. Ich wusste gar nicht, dass Vati so gut malen kann. Er malt ein großes Haus für uns. Mama malt eine Flasche und streicht sie durch. Das ist Vati peinlich. Da fragt die Frau, was Mama für sich wünschte, da malt sie Meer und Palmen - na gut. Die Frau fragt oft so komisch. So will sie von mir wissen, was ich denke, was Mami denkt, wenn Vati sich ein Haus wünscht - oder war es noch anders? Jedenfalls so ein Dreierlooping rückwärts. Ich sage: Mama ist das halt peinlich, dass nur Vati Geld verdient. Mami will protestieren. Doch dann sagt sie: Erwischt. Für wie blöd halten die mich eigentlich. Glauben die, ich kriege nichts mit. 8. Wieder gehen Mama und Vati allein zu der Frau. Vati scheint die Hausaufgabe zu kriegen, nicht so viel zu trinken. Er ist nicht mehr so oft weg - und spielt mehr mit mir. Das ist toll. Manchmal geht er noch runter in den Keller und holt sich ein Bier. Dann schimpft Mama. Doch es ist nicht mehr so schlimm. Vielleicht, wenn ich mir in der Schule viel Mühe gebe, kriege ich einen Hund, sagt Mama. Ich bin so glücklich, 9. Immer wieder stellt die Frau komische Fragen. Wenn Vati mehr mit dir spielt, Paul, was macht dann Mama? Wenn Mama und Vati weniger über das Trinken streiten, worüber streiten sie dann? Wenn ein Zauberer käme und ein Wunder geschieht, was würde passieren?

Ich stoße Vati an und wir lachen. Wenn die Frau keine so schlauen Fragen mehr hätte, würden meine Eltern dann mehr Hausaufgaben aufkriegen? 10. Toll, toll, toll. Ich bekomme einen Hund. Aber was noch ganz toll ist, Mama und Vati lachen wieder zusammen. Ich kann abends wieder schlafen - ohne Bauchweh. Die lauten Stimmen sind weg. Ich finde die Frau eigentlich ganz gut. Zum Abschied schenkt sie mir einen Zauberstab. Ich schenke ihr ein Bild - vom Urlaub am Meer. Sie freut sich. Jetzt soll sie sich um andere kümmern. Uns geht es jetzt ja ganz gut. Plötzlich wurde alles anders. Ich glaube das lag auch an dieser - Moment, gleich weiß ich das Wort - dieser Familientherapie.