> VERGLEICHSTEST Im Downhill-Weltcup sind 20 Zentimeter an Front und Heck Standard. Damit rasen Sam Hill und Co. in Lichtgeschwindigkeit jeden Berg runter. Aber 200 Millimeter Hub für Touren? Klar, sagen einige Hersteller. Besser mal testen, sagen wir. TEXT Christian Schleker FOTOS Wolfgang Watzke D as sind ja gewaltige Geräte, die sie da haben! Der ältere Wanderer weicht uns seit ein paar Minuten nicht von der Seite und beobachtet die Testbikes eingehend, während wir Steckachsen montieren und Luftdrücke anpassen. Wo wollen Sie denn mit diesen Dingern fahren? Hier gibt es doch keinen Lift? Wir erklären uns: Nein, das sind keine Spezialfahrräder, mit denen man nur bergab fahren kann. Ja, wir wollen, wie er, mit Muskelkraft zum Gipfel. Ungläubiges Kopfschütteln. Damit? Na, viel Erfolg. Der Wandersmann macht sich davon. Wir können ihm nicht verübeln, dass er uns nicht glaubt. TESTOSTERON-ENDUROS Ein Meter und 15 Zentimeter Federweg verteilen sich bei diesem Test auf gerade mal drei Fullys. Wer in Mathe ein bisschen aufgepasst hat, errechnet daraus eine durchschnittlichen Federweg pro Bike von sage und schreibe 190 Millimeter je Laufrad. Das ist heftig. Und heftig ist auch die Optik der Probanten: massive Gabeln, gewaltige Rohre, fette Reifen selbst Laien fällt auf: Diese Bikes sind anders als das, was sonst den Berg hochgetreten wird. Ein nor- males Endurobike wirkt gegen diese Boliden wie ein Scherz auf Rädern. Doch unser Test ist ernst gemeint, weil die Hersteller es ernst meinen. Allen voran Bionicon. Die Jungs vom Tegernsee haben bereits vor Jahren eine Niveauregulierung entwickelt, mit der der Fahrer sein Bike stufenlos dem Gelände anpassen kann. Ihr Bionicon Ironwood ist der Vorreiter einer Vision vom tourentauglichen DH-Bike. Dank des geringen Gewichts und der Geometrieanpassung soll es genauso gut klettern wie ein Enduro und bergab dann die Fahreigenschaften eines ausgewachsenen Big Bikes bieten. Für 2009 bekam das Ironwood ein neues Rahmendesign verpasst. Geblieben sind die Eckdaten: 200 Millimeter Hub vorne wie hinten, Upside-Down-Gabel, Luftfederung, knapp 16 Kilo Gewicht. Das 901 von Liteville bedient exakt die gleiche Nische. Die Neuentwicklung der kleinen Edelschmiede wirkt auf den ersten Blick ähnlich fett, aber nicht ganz so ausgefallen wie das Bionicon. Entwickler Michi Grätz hat ein echtes Zwitter-Bike geschaffen: Mit 15,3 Kilo ist es nur unwesentlich schwerer als viele aktuelle Enduros mit 160 Millimeter Federweg. Doch mit einer Totem an der Front und 200 Millimeter Hub am Heck > > Gashahn auf: Mit Monsterfederwegen verlieren selbst rumpeligste Strecken ihren Schrecken. Dennoch: Für den Uphill braucht man keinen Lift. Bergab hat hier noch das Bionicon die Nase vorne, doch nicht lange. 86
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> VERGLEICHSTEST Treten da, wo andere lifteln müssen mit allen drei Bikes sind auch längere Anstiege kein Problem. Downhill-Modus: hinten tief, vorne hoch Uphill-Modus: hinten hoch, vorne tief Knöpfchen muss man haben: Die patentierte Niveau-Regulierung des Bionicon Ironwood ermöglicht sowohl eine zurückversetzte DH-, als auch eine stark nach vorn verlagerte Uphill-Position. Zwischen den beiden Extremen kann der Fahrer außerdem stufenlos die ihm angenehmste Einstellung für die Ebene wählen. Das System funktionierte in unserem Test problemlos und schnell. Nix für Mosher: Der leichte DT-Laufradsatz senkt das Gewicht und verbessert das Handling (Liteville und Fusion). 88 Geometrie-Wunsch per Knopfdruck: Bionicon Kurz und dick: Das Steuerrohr beim Liteville beherbergt einen vollintegrierten 1.5-Zoll-Steuersatz. Durch seine geringe Höhe bleibt die Front trotz 180-mm-Gabel niedrig gut für Anstiege.
Holla, die Waldfee bergab vermitteln die langen Federwege viel Sicherheit. Davon profitieren auch Einsteiger. Um das Potential der Fahrwerke voll ausloten zu können, braucht es aber wie hier schon einen Bikepark. In freier Wildbahn kommt sonst womöglich Fußvolk unter die Räder. liegt es in den Federwegsbereichen der Freerider. Die Geometrie hat von beiden Kategorien was abgekriegt: Der Lenkwinkel ist flach, das Oberrohr dafür tourentauglich lang, und dank des sehr kurzen Steuerrohres ist die Lenkzentrale niedrig. Dritter im Bunde ist ein alter Bekannter. Das Fusion Whiplash gehörte schon immer zu den leichten Vertretern der Freerider-Kategorie und dient als Referenz in diesem Test. Mit dem antriebsneutralen Float-Link -Hinterbau lässt es sich erfahrungsgemäß gut bergauf pedalieren und mit Luftfedergabel und leichten Laufrädern sinkt auch bei ihm das Gewicht unter 16 Kilo. AUFFI! Unsere Testrunde beginnt mit einem Schotteranstieg. Knapp 400 Höhenmeter erwarten uns, gespickt mit einigen steilen Rampen. Fabian schwingt sich aufs Ironwood, drückt einmal das Knöpfchen am Lenker und sinkt in den Uphill- Modus. Beim Fusion muss ich erstmal ordentlich an der ATA -Schraube der Gabel drehen, um die Front abzusenken, dann kann es auch bei mir losgehen. Dimi legt nur den Pro-Pedal - Hebel am Dämpfer des Liteville um die Stahlfeder- Totem ist nicht absenkbar. Los geht s. Alle paar hundert Meter tauschen wir durch. Erster Eindruck: Alle drei Bikes sind erstaunlich flott unterwegs. Eine echte Offenbarung ist aber nur das Ironwood : Weil die Niveau- Regulierung nicht nur die Gabel weit absenkt, sondern auch das Heck hochpumpt, sitzt man fast schon sportlich und kann ordentlich Druck auf die Pedale geben solange man sitzen bleibt! Denn im Wiegetritt pumpt die feinfühlige Gabel heftig und auch der Hinterbau nickt spürbar ein. Beim Whiplash ist die Sitzposition im direkten Vergleich deutlich zurückverlagert, trotz abgesenkter Gabel. Dafür bleibt der Hinterbau sehr ruhig; Wiegetritt wird dennoch zur Schaukelei, weil die Marzocchi 66 pumpt. Trotzdem kommt man mit dem Fusion gut voran. Auf dem 901 sitzt man Fusion-ähnlich, obwohl die Gabel voll ausgefahren bleibt. Das kurze Steuerrohr und das lange Oberrohr helfen Druck aufs Vorderrad zu bringen. Im Sitzen verhält sich der Hinterbau völlig ruhig, obwohl wir 30 Prozent Sag im Dämpfer eingestellt haben. Die Antiwipp-Funktion Pro-Pedal braucht es dabei nicht. Kurze Wiegetritteinlagen verkraftet das 901 mit blockierter Gabel und zugeschalteter Plattform am besten. Nach knapp vierzig Minuten haben wir den Anstieg hinter uns. Fazit bergauf: Alle drei Bikes >
> VERGLEICHSTEST Leicht, stabil und Federweg satt. Die Lizenz zum Fliegen ist beim Liteville quasi im Preis mit drin. 90
liegen eher auf dem Niveau von Enduro-Bikes. Selbst steile Passagen sind mit den leichten Big Bikes kein Problem. Den großen Hub der Federelemente merkt man kaum, solange man auf übermotivierte Sprinteinlagen im Wiegetritt verzichtet. Zwischenbilanz: Das Bionicon ist klarer Sieger bergauf. Fusion und Liteville folgen mit kleinem Abstand gleichauf. ABFAHRT! Beim Ironwood ist der Abfahrtsspaß wieder nur einen Knopfdruck entfernt. Auch das 901 ist schnell startklar. Beim Whiplash heißt es wieder kurbeln, bis die Gabel voll ausgefahren ist. Bei allen drei Rahmen lässt sich die Sattelstütze voll versenken gut! Wir biegen vom Schotterweg in einen verblockten, schnellen Trail ab und geben Gas. Im Downhill-Modus throne ich auf dem Bionicon ziemlich erhöht handlich ist anders. Die ersten Schläge saugt die mächtige Gabel weg wie nix. Bei hohem Tempo geht die Forke an einer Steilstufe aber mächtig in die Knie; beim anschließenden Drop rauscht der Hinterbau durch den Hub. Falsches Setup? Zum Glück sind die vorgeschriebenen Drücke auf dem Rahmen vermerkt und die Pumpe steckt im Rucksack. Check passt alles. Hm? Wir wechseln durch. Jetzt ist das Liteville dran. Die Sitzposition könnte unterschiedlicher nicht sein: Der Lenker ist viel niedriger, auch der Schwerpunkt liegt spürbar tiefer. Der Trail zeigt sich weiter von seiner fiesen Seite Sprünge, Stufen und dicke Brocken. Doch mit dem 901 bin ich jetzt entspannt unterwegs. Wahnsinn, was das Fahrwerk wegsteckt! Der Hinterbau harmoniert mit der potenten Stahlfeder- Totem. Auch harte Einschläge schluckt der Dämpfer ohne spürbaren Durchschlag. 100-prozentiges Freerider- Feeling will sich trotzdem nicht einstellen, weil Steine, Stufen, Sprünge die Teststrecke war den Federwegen angemessen. die Front so niedrig liegt. Dadurch lastet etwas mehr Gewicht auf dem Vorderrad. Wir wechseln ein letztes Mal. Das Fusion passt mir gleich, wie ein gut eingelaufenes Paar Schuhe. Die Geometrie ist für technische Abfahrten ideal. Das Whiplash fährt handlich und dennoch stabil, wenn s rumpelig wird. Man sitzt tief im Bike das gibt Sicherheit. Das Fahrwerk arbeitet aber deutlich straffer als beim Liteville. MISSION ACCOMPLISHED? Am Auto angekommen ziehen wir Bilanz. Bergauf waren die langen Federwege kein Problem, bergab eine Ansage. Die Testkandidaten sind sehr unterschiedlich, haben aber eins gemein: Sie sind keine Enduros mehr und auch keine klassischen Big Bikes. Aber was dann? Superduperenduros? Nö. FREERIDER passt doch gut.
> VERGLEICHSTEST Nur für den Fall, dass es jetzt wieder heißt: Tester haben s viel zu gut dieses Foto hat einer aus unserem Team mit blauen Flecken und geprellter Rippe teuer bezahlt!