Fallbeispiel Herr D.

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Transkript:

3. Fachtagung Soziale Diagnostik und Klassifikation 06./07.05.2010 Psychosoziale Diagnostik im Suchtbereich: Bio-psycho-sozial Denken und Handeln Fallbeispiel Herr D. Rolf Glemser M.A. Klinischer Sozialarbeiter 07.05.2010

Inhalt Grundmodell Behandlungskontext Psycho-soziale Diagnostik - Anamnese - Psychopathologischer Befund - 5 Säulen der Identität - Ökosozialer Kontext - Koordinaten psycho-sozialer Behandlung Hypothesenbildung Interventionen/Verlauf Zielerreichungsanalyse Glemser 2010 2

Grundmodell Psychosoziale Diagnostik phänomenales Erkenntnisinteresse Hypothesenbildung kausales Erkenntnisinteresse Interventionen aktionales Erkenntnisinteresse Glemser 2010 3

Inhalt Grundmodell Behandlungskontext Psycho-soziale Diagnostik - Anamnese - Psychopathologischer Befund - 5 Säulen der Identität - Ökosozialer Kontext - Koordinaten psycho-sozialer Behandlung Hypothesenbildung Interventionen/Verlauf Zielerreichungsanalyse Glemser 2010 4

BEW Lichtenberg I Einrichtung: Betreutes Einzelwohnen (BEW) Lichtenberg Träger: Stiftung Sozialpädagogisches Institut (SPI) Berlin seit 1996 mit aktuell fünf Sozialarbeiter(innen) im Ost- Berliner Bezirk Lichtenberg tätig Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Menschen ( 53,54 SGB XII) im Rahmen personenzentrierter Hilfen als komplementäre Einrichtung der Suchtkrankenhilfe Teil der regionalpsychiatrischen Versorgung Orientierung am prospektiven individuellen Hilfebedarf kein Abstinenzgebot! Glemser 2010 5

BEW Lichtenberg II Zielgruppe: Chronisch mehrfach beeinträchtigte abhängigkeitskranke Menschen: - ausgeprägte Folgeschäden auf körperlicher und psychischer Ebene - weitgehender Verlust des sozialen Umfeldes - geringe materielle Absicherung (BfG 1998) Klienten mit Mehrfachbelastungen hinsichtlich der - konsumierten Suchtstoffe - psychiatrischen Doppeldiagnosen Glemser 2010 6

BEW Lichtenberg III Methodenspektrum: Bezugssozialarbeiter(innen) suchtspezifizierte soziotherapeutische Interventionen kompensatorische Interventionen Krisenintervention aufsuchende und nachgehende Arbeit Koordination der Hilfen Hausbesuche Gespräche im Einzel- und Gruppensetting Glemser 2010 7

Inhalt Grundmodell Behandlungskontext Psycho-soziale Diagnostik - Anamnese - Psychopathologischer Befund - 5 Säulen der Identität - Ökosozialer Kontext - Koordinaten psycho-sozialer Behandlung Hypothesenbildung Interventionen/Verlauf Zielerreichungsanalyse Glemser 2010 8

Anamnese I Herr D. wird 1983 geboren und wächst in Berlin- Lichtenberg auf ein jüngerer Bruder beide Eltern sind berufstätig und beruflich erfolgreich Kindheit unauffällig, angepasst, fleißig, sehr gute schulische Leistungen ab 1997 (14 Lj.) regelmäßiger Cannabiskonsum (bis zu 5g/Tag) entwickelt starke Ängste (vor allem vor den Eltern), nachlassende schulische Leistungen 2000 2002 einzige Paarbeziehung Glemser 2010 9

Anamnese II Jugend zumeist im (Party-)Keller verbracht - dort anfangs mit Freunden, später zunehmend alleine täglich Alkohol- und Cannabiskonsum ab 2002 (19 Lj.) ansteigender Alkoholkonsum (bis zu 10l Bier/Tag) und Cannabiskonsum (bis zu 10g/Tag) Schule bis zur 13. Klasse, dann Schulverweis (2002) wegen häufigem Fehlen und Verstößen gegen die Schulordnung Schulabbruch vor Abitur seit 2003 (20 Lj.) eigene Wohnung im Mietshaus der Familie (väterlicherseits); Eltern wohnen im gleichen Haus und finanzierten bis Aufnahme in das BEW die Miete und Wirtschaftsgeld (150,- /Monat) Glemser 2010 10

Anamnese III 2004 (21 Lj.) zunehmend Bedrohungs- und Beobachtungsgefühle, Angstzustände, innere Anspannung und Unruhe, soziale Isolation April Juli 2004 erste stat. Entgiftungsbehandlung und Behandlung einer paranoiden Schizophrenie (KEH) Feb. Mai 2005 zweite stat. Entgiftungsbehandlung und Behandlung einer paranoiden Schizophrenie (Charité) Mai August 2005 stat. Rehabilitation (Diakonisches Zentrum Serrahn) August 2005 Kontaktaufnahme der Mutter zum BEW Lichtenberg September 2005 Aufnahme in das BEW Glemser 2010 11

Psychopathologischer Befund Klassifikation der psychischen Störungen (Ev. Krankenhaus KEH Berlin 2004 und Charité Berlin 2005): - paranoide Schizophrenie ICD 10: F20.0 - Alkoholabhängigkeit ICD 10: F10.2 - Cannabisabhängigkeit ICD 10: F12.2 Glemser 2010 12

5 Säulen der Identität (Soziale und Lebensweltdiagnostik nach Petzold/Wolf 2000) Glemser 2010 13

Ökosozialer Kontext I (Soziales Atom nach Märtens 1997) Tante Eltern Herr D. BEW "Andi" Neurologin "Kumpels" Opa/Onkel Bruder Glemser 2010 14

Ökosozialer Kontext II Ambivalente, angespanntes Verhältnis zu Eltern (leben im selben Haus): gemeinsame Reise, gemeinsame Mahlzeiten, Wäsche waschen bei Eltern, finanzielle/materielle Unterstützung Abhängigkeiten fühlt sich von Eltern abgewertet und unverstanden, wertet Eltern ab ( meine Mutter ist eine Nutte und mein Vater ist ein blöder Alki ), beschreibt Eltern als Belastung Abgrenzung fühlt sich von seinen Eltern gegenüber seinem Bruder benachteiligt lehnt gemeinsames Gespräch mit Eltern und BEW kategorisch ab sporadischer Kontakt zu Tante aus Rand-Berlin (gemeinsame Einkäufe) Glemser 2010 15

Ökosozialer Kontext III Kontaktabbruch zu Opa und Onkel in Dessau (fühlt sich missverstanden, Streit) Bruder in Bayern, Cannabisabhängigkeit, stationäre psychiatrische Behandlung Herr D. distanziert sich von Andi und Kumpels aus dem Drogenmilieu nimmt Fachärztin für Neurologie/Psychiatrie als wenig hilfreich wahr, will aber nicht wechseln erlebt BEW-Betreuung als einziges verlässliches Beziehungsangebot Glemser 2010 16

Koordinaten psycho-sozialer Behandlung (nach Pauls 2004) Glemser 2010 17

Inhalt Grundmodell Behandlungskontext Psycho-soziale Diagnostik - Anamnese - Psychopathologischer Befund - 5 Säulen der Identität - Ökosozialer Kontext - Koordinaten psycho-sozialer Behandlung Hypothesenbildung Interventionen/Verlauf Zielerreichungsanalyse Glemser 2010 18

Hypothesenbildung Selbstexploration wer geht mit Herrn D. in den Keller? Begleitung durch Krisen Aushalten der Situationen Beziehungskonstanz klientenzentrierter Therapieansatz (nach Rogers) non-direktive Gesprächsführung Sinngebung und soziale Kontakte Beschäftigung und Tagesstruktur materielle Absicherung Glemser 2010 19

Inhalt Grundmodell Behandlungskontext Psycho-soziale Diagnostik - Anamnese - Psychopathologischer Befund - 5 Säulen der Identität - Ökosozialer Kontext - Koordinaten psycho-sozialer Behandlung Hypothesenbildung Interventionen/Verlauf Zielerreichungsanalyse Glemser 2010 20

Interventionen/Verlauf I Herr D.: Zielstellungen BEW (September 2005) Glemser 2010 21

Interventionen/Verlauf II Behandlungs- und Rehabilitationsplan, 4. Berliner Fassung (BBRP) I. Lebensfeld Selbstversorgung/Wohnen II. Lebensfeld Tages-, Freizeit- und Kontaktgestaltung III. Lebensfeld Beschäftigung, Arbeit, Ausbildung IV. Beeinträchtigungen aufgrund der psychischen Erkrankung Glemser 2010 22

Interventionen/Verlauf III Sicherung ALG II-Bezug zunehmend selbstbewusster und sicherer im Umgang mit Behörden, adäquater Umgang mit finanziellen Ressourcen med. Abklärung der Schmerzsymptomatik und Vorhofflimmerns ohne Ergebnis - Physiotherapie bringt keine Verbesserung Aufbau tragfähiger Arbeitsbeziehung Verbesserung der Tagesstruktur Exploration eigener Bedürfnisse und Bearbeitung der Konflikte mit den Eltern; Kontaktabbruch zu Kumpels aus Drogenmilieu Herr D. beginnt Rad zu fahren Glemser 2010 23

Interventionen/Verlauf IV Erhöhung der Belastbarkeit durch Anbindung an Ergotherapie ist eine nette Abwechslung berufliche Integration aufgrund der Begutachtung als vorübergehend nicht erwerbsfähig ausgebremst ab Januar 2006 abstinent, Anerkennung der Sucht als Kompensationsstrategie bei Angst, Konflikt und Frustration; psychische Stabilisierung Anbindung an ambulante Psychotherapie (VT) Herr D. erlebt neuroleptische Behandlung als Belastung; Zweifel an Notwendigkeit und September 2006 absetzen der Medikamente in der Folge aber keine psychotische Symptomatik! Glemser 2010 24

Interventionen/Verlauf V Dramatische Zuspitzung ab September 2006: verstärkte Somatisierung, massives Schmerzerleben Reduzierung sozialer Kontakte auf Eltern (Ambivalenz!) und Hilfesystem Herr D. beendet ambulante Psychotherapie Alkoholrezidive, massive Trinkphasen dysfunktionale Bewältigungsstrategien, Rat- und Perspektivlosigkeit, Demoralisierung drei mehrwöchige stationäre psychiatrische Behandlungen neurologische Abklärung des Schmerzsyndroms ohne Befund nach Entlassungen erneute Alkoholrezidive Glemser 2010 25

Interventionen/Verlauf VI Psychopathologischer Befund: Klassifikation der psychischen Störungen 2006 (Ev. Krankenhaus KEH Berlin) mittelschwere depressive Episode ICD 10: F32.1 V.a. kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und zwanghaften Anteilen ICD 10: F61 Alkoholabhängigkeit ICD 10: F10.2 Z.n. substanzinduzierter psychotischer Episode 2004 ICD 10: F12.5 chronisches muskuloskelettales Schmerzsyndrom Z.n. intermittierendem Vorhofflimmern Glemser 2010 26

Interventionen/Verlauf VII Ratlosigkeit im Hilfesystem Aktualisierung der Hypothesenbildung: Beziehungskontinuität und konsequente Begleitung der psycho-sozialen Krisen durch Bezugssozialarbeiter des BEW ( Begleitung in den Keller ) Motivation und Wertschätzung verstärkte Förderung der Selbstexploration: Das Bewußtsein ist ein Wissen um unsere Vorstellungen (Immanuel Kant). Glemser 2010 27

Interventionen/Verlauf IIX Herr D. ist zunehmend kämpferisch : Klage beim Sozialgericht gegen JobCenter rheumatologische Abklärung der Schmerzsymptomatik ohne Befund kümmert sich gewissenhaft verstärkte Selbstdifferenzierung und klare Abgrenzung gegenüber den Eltern beginnt wieder HipHop-Texte zu schreiben und zu komponieren lernt junge Frau kennen und nutzt intensiv Gespräche zur Beziehungsgestaltung offizielle Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit bemüht sich aktiv und selbstständig um Ausbildungsplatz Glemser 2010 28

Interventionen/Verlauf IX deutliche Reduzierung der Schmerzen Verbesserung des körperl. Allgemeinzustandes und der Befindlichkeit treibt regelmäßig Sport (Fitness-Center) Adäquate Beziehungsgestaltung zu Eltern (Nähe/Distanz) Herr D. beginnt 2008 eine kaufmännische Ausbildung Entwicklung freundschaftlicher Kontakte im Kolleg(inn)enkreis Trennung von Freundin und neue Paarbeziehung wieder Kontakt zu ehemaligem Schulfreund und gelegentlich gemeinsame Freizeitaktivitäten Glemser 2010 29

Interventionen/Verlauf X (Ökosozialer Kontext: Soziales Atom) Tante Eltern Ausbildung "alter Schulfreund" Sport Herr D. Freundin BEW Bruder Glemser 2010 30

Interventionen/Verlauf XI psychisch gut stabilisiert und emotional adäquat schwingungsfähig positive Selbstwirksamkeitserwartung Herr D. lebt wochenweise abstinent Alkohol nur am Wochenende bei reduzierten Trinkmengen ( Ampelmodell ) nimmt die Gefahren wahr Ablösung von Bezugssozialarbeiter Beendigung der Maßnahme BEW im März 2009 Glemser 2010 31

Inhalt Grundmodell Behandlungskontext Psycho-soziale Diagnostik - Anamnese - Psychopathologischer Befund - 5 Säulen der Identität - Ökosozialer Kontext - Koordinaten psycho-sozialer Behandlung Hypothesenbildung Interventionen/Verlauf Zielerreichungsanalyse Glemser 2010 32

Zielerreichungsanalyse I Durchführung der Zielerreichungsanalyse zur partizipativen Prozessevaluation (nach Pauls & Reicherts 1996) Anfang 2007 von Herrn D. identifizierte und gewichtet Problemlagen: - Schmerzsyndrom (40%) - berufl. Desintegration (30%) - unregelmäßige Bezüge (10%) - Stress und Rückfall (20%) Glemser 2010 33

Zielerreichungsanalyse II Bewertung März 2009 Schmerzsyndrom Zielerreichungsindex: 0,2 (merkliche Verbesserung) berufliche Desintegration Zielerreichungsindex: 0,3 (vollständige Verbesserung) unregelmäßige Bezüge Zielerreichungsindex: 0,1 (vollständige Verbesserung) Stress und Rückfall Zielerreichungsindex: 0,2 (vollständige Verbesserung) Gesamtzielerreichungsindex: 0,8 - sehr gut (max. 1,0) Glemser 2010 34

Vielen Dank Kontakt: rolfglemser@yahoo.de Glemser 2010 35