Das Experiment der Gerechtigkeit

Ähnliche Dokumente
1. Einführung. 1.1 Literatur. Klaus M. Schmidt. Spieltheorie, Wintersemester 2014/15

Anregende, ergänzende Literatur:

Daniel Krähmer, Lennestr. 43, 4. OG, rechts. WWW: Übungsleiter: Matthias Lang,

Aufgabe 1: Kronzeugenregelung

John Rawls Eine Theorie der Gerechtigkeit

Kapitel 6: Spiele mit simultanen und sequentiellen Spielzügen. Kapitel 6 1

Wettbewerb, Altruismus und Reziprozität. Ergebnisse experimenteller Spieltheorie

Spieltheorie. Yves Breitmoser, EUV Frankfurt (Oder)

Grundlagen der Volkswirtschaftslehre Übungsblatt 10

Spieltheorie Vortrag im Rahmen eines Treffens der Grazer Pro Scientia Geförderten

Entscheiden bei Unsicherheit. Risikomanagement und Verhaltsensökonomie in Wirtschaft und Politik. Definition Entscheidung.

Anwendungen der Spieltheorie

Mikroökonomik B Teil II: Spieltheorie

Spieltheorie für Manager

12. Vorlesung. 19. Dezember 2006 Guido Schäfer

Ein Nachruf auf Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Reinhard Selten

7. Vorlesung Spieltheorie in der Nachrichtentechnik

LMU München - SS04 - Spieltheorie

Spieltheorie mit. sozialwissenschaftlichen Anwendungen

Kapitel 7: Multistufenspiele und Wiederholte Spiele. Literatur: Tadelis Chapters 9, 10 und 11

Angewandte Spieltheorie WOW B.Sc. Modul Vertiefung Volkswirtschaftslehre (4. Trim.) WINF B.Sc. Modul Wahlpflichtmodul 2 (7. Trim.)

Spieltheoretischer Ansatz für selbstorganisierende Systeme

Altruismus in der Spieltheorie Über die Bedeutung von Altruismus in der Spieltheorie am Beispiel des Ultimatumspiels

3. Sequentielle Spiele mit vollständiger Information: Die Extensivform

KAP 1. Normalform Definition Ein Spiel G in Normalform (auch: Strategieform) besteht aus den folgenden 3 Elementen:

STRATEGISCHES DENKEN: Einführung in die Spieltheorie und experimentelle Ökonomie

Wirtschaftsphilologentagung am 27./ in Passau

Experimentelle Analyse von Auktionen

Genauer gesagt handelt es sich zum einen um Spiele mit einseitiger unvollständiger Information.

Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung 1 2 Nash-Gleichgewicht in strategischen Spielen Nash-Gleichgewicht Beste-Ant

In vielen Situation interagieren Spieler wiederholt: Interaktion innerhalb von Organisationen und Gruppen

Der Einfluss von Geschützten Werten und Emotionen auf Reaktionen im Ultimatum Spiel

Klausur zur Vorlesung Spieltheorie

Vorlesung: Nicht-kooperative Spieltheorie. Teil 5: Spiele in extensiver Form

10. Vorlesung. 12. Dezember 2006 Guido Schäfer

Delegation oder Zentralisation von Entscheidungskompetenzen

3.5 Mehrstufige Spiele und Teilspiel-perfektes Gleichgewicht

2. Grundzüge der Mikroökonomik Einführung in die Spieltheorie. Allgemeine Volkswirtschaftslehre. WiMa und andere (AVWL I) WS 2007/08

LMU München - SS04 - Spieltheorie

bzw. die Entscheidugen anderer Spieler (teilweise) beobachten Erweitert das Analysespektrum erheblich Beschreibung des Spiels (extensive Form)

KAP 12. Teilspiele und Teilspielperfektheit (vollk. Info) Manche Nash-GGe in extensiven Spielen erscheinen unplausibel:

Ein Unbekannter drückt dir 100 Euro 1 in die Hand und sagt dann:»teil das mit dem da!«und zeigt dabei auf einen x-beliebigen Fremden.

Gliederung der Vorlesung

Modulhandbuch Master Politikwissenschaft (Nebenfach) Vertiefungsmodul: Politische Systeme, MA Politikwissenschaft (Nebenfach)

VERTRAUENSGÜTER. Ist Wettbewerb der beste Verbraucherschutz? Matthias Sutter Universität Innsbruck und Universität Göteborg

4.3. Interdependenzen, Spieltheorie und agentenbasierte

KAP 11. Teilspiele und Teilspielperfektheit (unvollk. Info)

Themen für Abschlussarbeiten (Stand: November 2014)

Spieltheorie. Thomas Riechmann. Verlag Franz Vahlen München. 3., vollständig überarbeitete Auflage. von

Kapitel 13. Evolutionäre Spieltheorie. Einleitung. Evolutionäre Biologie. Übersicht 2. Alternative: Biologische Evolutionstheorie

Wie rational sind wir eigentlich? Die Grenzen des Homo oeconomicus

Darstellung von Spielen: Extensivform versus Normalform

Steuerhinterziehung- ein Kavaliersdelikt?

Die Equity Theorie Anela Z., Cansu Y., Stefanie H. Die Equity-Theorie besteht aus vier ineinandergreifenden Thesen: 2

Klausur zur Spieltheorie Musterlösung

Kapitel 6: Spiele mit simultanen und sequentiellen Spielzügen. Einleitung. Übersicht Teil 2. Übersicht

Hollanders Theorie über Konformität, Status und Idiosynkrasie-Kredit. Referat von Varinia Bernau

Entlohnung im Experiment Annette Kirstein

Was die Spieltheorie uns lehren kann

18 Sequenzielle Spiele

Übungen zu Kapitel 4: Einführung in die Spieltheorie

5. Wiederholte Interaktion (Wiederholte Spiele Superspiele)

wie in statischen Bayesianischen Spielen... doch dann ziehen die Spieler sequentiell

Kommentar zum Vortrag von Klaus M. Schmidt. Gerd Gigerenzer und Nathan Berg. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

SPIELTHEORETISCHE MODELLIERUNGEN UND EMPIRISCHE ANWENDUNGEN IN DER SOZIOLOGIE* Werner Raub und Vincent Buskens

Nash-GG als gegenseitige beste Antworten. Man kann Nash-GG einfach charakterisieren in termini bester Antworten

Einführung in die Wirtschaftswissenschaften für Nicht-ÖkonomInnen. Teil 4: Der Markt

Gemeinsam auf Kurs Führung und Teamentwicklung. Personalentwicklung auf dem Wasser

Spieltheorie Vortrag im Rahmen des Schwingungsphysikalischen Kolloquiums Drittes Physikalisches Institut (DPI)

Grenzen des Homo Oeconomicus: Grundprinzipien menschlicher Entscheidungen

Theoretische Rahmenkonzepte

Das sequentielle Gleichgewicht

Mikroökonomik B (Bachelor)

THEORETISCHE PERSPEKTIVEN DES PERSONALMANAGEMENTS

Geometrie in der Spieltheorie

Informationsökonomie

Erfahrungsaustausch. E 1: Zwischen Konkurrenz und Kooperation: Freiwilligenagenturen in der Großstadt Jens Schunk, ASB Zeitspender Agentur Hamburg

Teil 2: Dynamische Spiele mit vollständigen Informationen

Das ultimative Fairnessspiel Teil I

Was ist Mikroökonomie? Kapitel 1. Was ist Mikroökonomie? Was ist Mikroökonomie? Themen der Mikroökonomie

Konfliktmanagement in den internationalen Beziehungen Die Karibik-Krise von 1962

Semester: Kürzel Titel CP SWS Form P/WP Turnus Sem. A Politikwissenschaft und Forschungsmethoden 4 2 S P WS 1.

Normative Grundlagen der Wirtschaftsethik

Mikroökonomik. Spieltheorie. Harald Wiese. Universität Leipzig. Harald Wiese (Universität Leipzig) Spieltheorie 1 / 49

Transkript:

Das Experiment der Gerechtigkeit Festvortrag Verleihung des Joachim Jungius - Preises 2009 Hamburg, den 20. April 2010

Gliederung 1. Interdisziplinäre Forschung zur Verteilungsgerechtigkeit 2. Spieltheoretische Modellierungen in der Ökonomie 3. Fairness im Experiment 4. Herausforderungen für die ökonomische Theorie 5. Einbettung der Arbeit von Dr. Christian Korth

1. Interdisziplinäre Forschung zur Verteilungsgerechtigkeit Die Welt der heute ausgezeichneten Arbeit von Dr. Korth Ökonomische Theorie Modellwelten, z.b. Modelle für Märkte Rationalitätsannahmen für das Verhalten von Wirtschaftssubjekten, Spieltheorie Ökonomische Ergebnisse, z.b. Preise, Gewinne Experimentelle Wirtschaftsforschung Laborsituationen mit Umsetzungen der Modelle Aspekte eingeschränkter Rationalität des Verhaltens Fairness-Normen

2. Spieltheoretische Modellierungen in der Ökonomie (1) Spieltheorie als Instrumentarium, strategische Interaktionen in der Ökonomie darzustellen und zu analysieren Reinhard Selten, Nobelpreis1994 Wirtschaftssubjekte werden als Spieler modelliert, die ihr Eigeninteresse verfolgen Die Regeln wirtschaftlicher Beziehungen, von Märkten, Auktionen, Verhandlungen, werden zu Spielregeln Die Akteure wählen Strategien, deren Umsetzung den Verlauf und das Ergebnis des Spieles bestimmt Die Eigeninteressen sind in sog. Auszahlungen abgebildet

Spieltheoretische Modellierungen in der Ökonomie (2) Spieltheoretische Konzepte ermitteln Lösungen dafür, welche Strategien rationale Spieler wählen Ein Beispiel aus der Welt der Verhandlungen: Das Ultimatum-Verhandlungsspiel (Werner Güth 1982) Ein Geldbetrag von 100 Geldeinheiten kann unter zwei Spielern A und B aufgeteilt werden Spieler A unterbreitet dem B einen Aufteilungsvorschlag. Spieler B kann den Vorschlag annehmen, dann wird die Auszahlung entsprechend dem Vorschlag realisiert. Spieler B kann den Vorschlag aber auch ablehnen, dann geht jeder der beiden Spieler leer aus.

Spieltheoretische Modellierungen in der Ökonomie (3) Eine spieltheoretische Lösung: Wenn Eigeninteresse durch die Anzahl Geldeinheiten (GE) abgebildet wird, präferiert ein rationaler Spieler immer eine größere Anzahl GE gegenüber einer kleineren. Spieler A weiß dies über Spieler B. Also weiß er, dass Spieler B jeden positiven Betrag GE annehmen wird, statt durch Ablehnen leer auszugehen. Spieler A kann also eine Aufteilung vorschlagen, in der er Spieler B die kleinste realisierbare Geldmenge anbietet, und sich selbst den Rest, also fast alles, zuordnet. Spieler B wird diesen Vorschlag akzeptieren. Wird dieses teilspielperfekte Nash-Gleichgewicht (Reinhard Selten 1965) gespielt?

3. Fairness im Experiment Im Beispiel des Ultimatum-Verhandlungsspiels Spieler B könnte es unfair finden, die kleinste mögliche Geldeinheit angeboten zu bekommen. Sind seine Präferenzen komplexer als monoton in GE? Denkbar, dass Spieler B ein als unfair empfundenes positives Angebot ablehnt und lieber leer ausgeht. Da Spieler A dann auch leer ausgeht, bestraft Spieler B gleichzeitig Spieler A für den unfairen Vorschlag. Spieler A antizipiert diese Möglichkeit und macht einen faireren Vorschlag. Was wird in diesem Spiel als fair angesehen? Was wird vorgeschlagen, was wird akzeptiert?

Fairness im Experiment (2) Methodik der experimentellen Wirtschaftsforschung Ökonomische Entscheidungen und Interaktionen werden in einem experimentellen Design aufbereitet und mit Versuchspersonen realisiert Anreize für das Eigeninteresse werden durch Geldzahlungen induziert Das strategische oder Entscheidungsverhalten der Versuchspersonen wird beobachtet, analysiert und mit den spieltheoretischen Lösungen verglichen Die Vorhersagequalität der spieltheoretischen Lösungskonzepte hängt von der Art der Interaktionen ab und auch davon, wie Eigeninteresse modelliert wird

Fairness im Experiment (3) Einige robuste Ergebnisse für das Ultimatum Spiel: Die am häufigsten vorgeschlagene Aufteilung ist halbehalbe, d.h. Gleichaufteilung auf beide Spieler Die durchschnittliche Forderung von A für sich selbst liegt bei 2/3 des Gesamtbetrages Die Spieler B sind bereit, Auszahlung zu opfern, um Spieler A für zu hohe Forderungen zu bestrafen Vorschläge der Gleichaufteilung werden fast immer von Spielern B akzeptiert Determinanten des Verhaltens: Höhe der Auszahlungen, Erfahrung, Anonymität, Geschlecht. Beitrag zur Produktion Proportionalitätsnormen

4. Herausforderungen für die ökonomische Theorie Die Theorien der ökonomischen Interaktionen machen mit einigen Modellen schlechte Vorhersagen, weil die Rationalität der Wirtschaftssubjekte nicht angemessen einbezogen ist Welche Modelle sind robust? (Vernon Smith, Nobel Prize Lecture 2002) Welche Modelle sind defekt? Ist Reparatur möglich? Reparatur einiger Modelle ist möglich durch Einbeziehen der Ungleichheitsaversion, allgemein Ungerechtigkeitsaversion, in die Zielfunktion Fehr/Schmidt 1999, Bolton/Ockenfels 2000 und später

Herausforderungen für die ökonomische Theorie (2) In komplizierten Situationen haben verschiedene Akteure verschiedene Gerechtigkeitsvorstellungen, z.b. Gleichaufteilung Proportionalität Bemessungsgrundlage? Progressionen Bemessungsgrundlage und Grad? Experimentelle Forschung beobachtet die Gerechtigkeitsvorstellungen analysiert die Kompromissbildung Aspekte eingeschränkter Rationalität Aufgaben der ökonomischen Theorie Modelle mit eingeschränkt rationalen Akteuren Konsequenzen für ökonomische Beratung

5. Einbettung der Dissertation von Dr. Christian Korth Normative Modelle zur Verteilung in Verhandlungen Strategische Verhandlungsmodelle Modellierungen der Präferenzen der Akteure Einbeziehung von Äquität und Reziprozität Experimentelle Erforschung der Bedeutung von Referenzpreisen in einem Marktmodell mit bilateralen Trades von ultimativem Charakter Verallgemeinerung und Erweiterung des zugehörigen theoretischen Marktmodells Experimentelle Pilotstudie eines Marktes mit zufälligen Partnern, Bedeutung von Fairness, Preisträgheit

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!