Kommunales Klimaschutzkonzept



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Transkript:

Ergebnisbericht für die Stadt Kalbe (Milde) Kommunales Klimaschutzkonzept Auftraggeber: Stadt Kalbe (Milde) Gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Impressum: Stadt Kalbe (Milde) Herr Karsten Ruth, Bürgermeister Schulstraße 11 39624 Kalbe (Milde) Erstellt durch: K.GREENTECH GmbH Erich Monhart, Michael König, Katharina Link Pestalozzistraße 31 80469 München Tel. 089-242 0867 60 Stand: Mai 2013 2

Inhaltsverzeichnis 1. Zusammenfassung... 7 2. Allgemeinde Daten und Methodik... 10 2.1. Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde)... 10 2.2. Landnutzung... 10 2.3. Bevölkerung... 11 2.4. Wirtschaft und Tourismus... 12 2.5. Klimaschutz Engagement und Ziele... 15 2.6. Leitbild... 16 3. Untersuchungsmethodik und Vorgehen... 19 3.1. Methodik... 19 3.2. Beteiligte... 21 3.3. Zeitplan... 21 4. Bestandsanalyse... 23 4.1. Energiebilanz... 23 4.2. CO 2 -Bilanz... 25 4.3. Bilanz der Energiekosten... 27 5. Emissionsminderungspotenziale... 29 5.1. Energieerzeugungspotenziale... 29 5.2. Szenarienentwicklung... 31 5.3. Strompotenziale... 32 5.3.1. Erzeugung... 32 Solarenergie... 33 Windkraft... 38 Wasserkraft... 40 Biomasse... 41 Geothermie... 43 5.3.2. Effizienz... 43 5.4. Wärmepotenziale... 44 5.4.1. Erzeugung... 45 Solarenergie... 47 3

Biomasse... 48 Geothermie... 51 5.4.2. Effizienz... 53 5.5. Sektor Verkehr... 56 5.5.1. Verkehrssituation in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde)... 56 5.5.2. Verkehrsprojekte in der Gemeinde... 58 5.5.3. Emissionsminderungspotenziale im Bereich Verkehr... 59 Verkehrsvermeidung... 60 Verkehrsverlagerung... 60 Verkehrsoptimierung... 62 5.6. Szenarien zur Zielerreichung... 63 6. Maßnahmenkatalog und Umsetzungskonzept... 65 7. Akteursbeteiligung... 90 8. Controllingkonzept... 94 9. Konzept zur Öffentlichkeitsarbeit... 97 10. Literaturverzeichnis... 100 11. Abkürzungsverzeichnis... 101 4

Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Landnutzung in der Stadt Kalbe (Milde)... 11 Abbildung 2: Bevölkerungsentwicklung bis 2025 (Prognose)... 12 Abbildung 3: Ausflugsziele in der Kommune... 14 Abbildung 4: Biogasanlagen im Gemeindegebiet... 16 Abbildung 5: GIS-gestützter Analyseansatz... 20 Abbildung 6: Struktur und Zeitplan des Klimaschutzkonzeptes... 22 Abbildung 7: CO 2 -Emissionen nach Verbrauchergruppen... 26 Abbildung 8: CO 2 -Bilanz 2011, ECORegion... 27 Abbildung 9: Kosten und Finanzströme... 28 Abbildung 10: Systematik der Potenzialermittlung erneuerbarer Energien... 30 Abbildung 11: Potenziale der Stromerzeugung... 33 Abbildung 12: Mögliche Dachflächen PV-Anlagen... 34 Abbildung 13: Erzeugungspotenziale der Photovoltaik... 35 Abbildung 14: Strompreisentwicklung mit/ohne PV-Anlage... 37 Abbildung 15: Windenergieanlagen Altmark 2012... 38 Abbildung 16: Windkraftnutzung im Gemeindegebiet... 39 Abbildung 17: Erzeugungspotenziale der Windkraft... 40 Abbildung 18: Fließgewässer in der Gemeinde... 41 Abbildung 19: Strom-Erzeugungspotenziale der energetischen Biomassenutzung... 42 Abbildung 20: Mobilisierbares Potenzial der Wärmeerzeugung I... 45 Abbildung 21: Mobilisierbares Potenzial der Wärmeerzeugung II... 46 Abbildung 22: Erzeugungspotenzial der Solarthermie... 48 Abbildung 23: Wärmepotenziale der Biomasse... 49 Abbildung 24: Erstes Ortsteilscreening Bioenergiedörfer... 50 Abbildung 25: Potenzielle Bioenergiedörfer... 51 Abbildung 26: Wärmepotenziale der Geothermie... 52 Abbildung 27: Wärmeverbräuche der Stadt Kalbe (Milde)... 55 Abbildung 28: Landhotel zum Pottkuchen bei booking.com... 57 Abbildung 29: Elektromobilität für die Gemeinde... 58 Abbildung 30: GPS-geführte Fahrradtouren... 59 5

Abbildung 31: Vergleich der spezifischen CO 2 -Emissionen... 60 Abbildung 32: Entwicklung eines Energielehrpfades... 66 Abbildung 33: Entwicklung zu einer Naturerlebnisregion... 68 Abbildung 34: Schema des Beteiligungsgrades in der Akteursbeteiligung... 90 Abbildung 35: Impressionen des Workshops im Kulturhaus... 92 Abbildung 36: Vorschlag Datenmanagement und Controllingkonzept... 95 6

1. Zusammenfassung Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) in Sachsen-Anhalt ist im Klimaschutz bereits erfolgreich die ersten Schritte in Richtung Emissionsreduktion gegangen und möchte diesen Weg weiter beschreiten. Die Stadt der 100 Brücken mit ihren ca. 8.000 Einwohnern ist durch die Wasserburg Kalbe (Milde) bekannt und will sich nun durch Klimaschutz einen Namen als Luftkurort machen. Durch die Lage im strukturschwachen Raum muss dieser Weg anders als im Bundesdurchschnitt beschritten werden. Die Strategie und die vorbereiteten Maßnahmen in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) wurden daher vor dem Hintergrund der Finanzierbarkeit durch die Kommune, Wirtschaft und Bürger sowie vor dem Hintergrund einen Beitrag zur lokalen Wertschöpfung zu leisten entwickelt. Ökotourismus wurde als Kernthema festgelegt. Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) ist ein staatlich anerkannter Erholungsort, dessen Luft und Klima gemäß eines Gutachtens zum Erholungszweck besonders förderlich ist, und eine entsprechend auf die Bedürfnisse der Touristen abgestimmte Infrastruktur aufweist. Die Energieversorgung wird durch eine große Anzahl von Windrädern und einigen Biogasanlagen dominiert. Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) erzeugt ca. 500% des eigenen Strombedarfs selbst. Die Wärme wird mittels Verbrennung von Erdgas und Heizöl erzeugt. Hier ist der Anteil der erneuerbaren Energien noch unter 10%. Der Verkehr ist geprägt durch Pendler und Touristen sowie Landwirtschaftsfahrzeuge. Die Potenzialanalyse hat ergeben, dass die Kommune szenarisch die 100%-Versorgung mit lokaler erneuerbare Wärme ca. 2050 erreichen kann. Im Jahre 2011 wurden in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) ca. 65.000 Tonnen CO 2 emittiert, der Großteil davon im Wärmebereich. Die Energie- und CO 2 -Bilanz von 2011 kann nun jährlich fortgeschrieben werden, da die Software ECORegion angeschafft wurde und nun aufbauend auf der ersten Bilanz jährlich neue Zahlen im Sinne eines Controllings eingegeben werden können. Die Treibhausgasemissionen 65.000 t im Jahre 2011 können nach heutigen Erkenntnissen um ca. 3,5% jährlich reduziert werden. In 2025 bleiben damit noch ca. 40.000 t an Emissionen. Dies wären 60% im Vergleich zu 2011. Die Reduktionen könnten sich folgendermaßen auf die Sektoren verteilen: Strom -4% Wärme -6% Verkehr -1% Zu erreichen ist dies neben dem technischen Fortschritt z.b. bei Fahrzeugen und Bundestrends z.b. Bundesstromix über die ausgearbeiteten lokal passenden Maßnahmen. Vorrangig wird diese enorme Einsparung durch Projekte der dezentralen Energieversorgung erreicht und durch die anstehende Dekade der Energiewende ist diese ambitio- 7

nierte CO 2 -Reduktion durchaus auch realistisch. Mit einer Emissions-Einsparung von rund 40% (verglichen mit dem Jahr 2011) setzt sich die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) an die bundesweite Spitze. Übersicht über alle Maßnahmen: Nr. Maßnahme 1 Beantragung eines geförderten Klimaschutzmanagers (KSM) 2 Ausweitung Kommunales Energiemanagement (KEM) 3 Gewerbestammtisch Kalbe (Milde) 4 Einsatz von LED-Leuchten 5 Errichtung von Bürgerwindrädern 6 Errichtung von einem Bürgersolarpark 7 Aufbau von Bioenergiedörfern 8 Nutzung von Bioenergie-Reststoffen 9 Biomassepakt mit dem Landkreis / der Region 10 Erweiterung des Wärmenetzes im Zentrum von Kalbe (Milde) bis Median-Klinik 11 Ausbau eines Nahwärmenetzes in Kakerbeck 12 Bilanzierung der Energie und Emissionen mit ECORegion 13 Verleihung von E-Bikes für Touristische Punkte 14 Energielehrpfad 15 Klimaneutrale Jugendherberge 16 Ausbau eines Marketingkonzeptes 17 Kalbe (Milde) als klimafreundliche Naturerlebnisregion 18 Heizungsoffensive 19 Überschussstrom für hybride Stromanwendungstechniken 20 Biomethan- und Wasserstoffeinspeisung ins Erdgasnetz 8

Als Top 5 der Maßnahmen hinsichtlich Treibhausgasreduktion sind zu nennen: - Maßnahme 1: Errichtung von Bürgerwindrädern - Maßnahme 2: Aufbau von Bioenergiedörfern - Maßnahme 3: Erweiterung des Wärmenetzes im Zentrum der Stadt Kalbe (Milde) - Maßnahme 4: Errichtung von Bürgersolarparks - Maßnahme 5: Heizungsoffensive Die Maßnahmen wurden in einem Prozess ermittelt, der auf folgenden Unterschritten basiert: Analyse des Ist-Zustandes, Ermittlung von Potenzialen je Sektor, Maßnahmenvorschläge durch die Konzeptersteller, Abgleich der Maßnahmen mit der Stadtspitze und vielen lokalen Akteuren, Ausarbeitung der Maßnahmen und Erstellung eines Fahrplanes mit Controlling. Insbesondere die Einbeziehung folgender (lokaler) Akteure hat sich als sehr kreativ erwiesen: 1. Bioenergieregion Altmark e.v. 2. Biowärmeversorgung Tangeln e.g. 3. E.ON Avacon AG Netzdienstleister 4. eemaxx - Energy Systems GmbH 5. Gemeinde Barleben Gemeindeverwaltung 6. Hotelgewerbe 7. IGZ Altmarkkreis Salzwedel 8. Juwi Solar GmbH Standort Magdeburg 9. Raiffeisenbank Kalbe-Bismark 10. Regionale Planungsgemeinschaft Altmark 11. Sparkasse Altmark-West 12. Unterhaltungsverband Milde/Biese 13. wpd onshore GmbH & Co.KG 14. Volksbank Stendal 15. Bürgergenossenschaft Stendal Stadtintern waren beteiligt: 16. Bürgermeister Karsten Ruth 17. Stadtverwaltung 18. Tourist-Information Durch die Kombination von Ökotourismus und Klimaschutz kann es der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) gelingen sich von anderen Kommunen abzuheben, die lokale Wirtschaft zu stärken und die örtlichen (Flächen-)Ressourcen gewinnbringend zu nutzen. Das Projekt wurde während der Konzepterstellung bereits in der Öffentlichkeit bekanntgegeben, es waren Zeitungsartikel in der Presse. Durch den Fokus auf Ökotourismus wird das Thema auch weiterhin sehr sichtbar gemacht werden (müssen). Die Mar- 9

ke Stadt Kalbe (Milde) wird somit für Erholung, Tourismus, Klimaschutz und eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende im ländlichen Raum stehen. 2. Allgemeinde Daten und Methodik 2.1. Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) ist eine Kommune im Altmarkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Der im Nordwesten Sachsen-Anhalts gelegene Landkreis grenzt im Osten an den Landkreis Stendal, im Süden an den Landkreis Börde und im Westen und Norden an das Bundesland Niedersachsen an. In der Gebietsänderungsvereinbarung von 2008 beschlossen die Gemeinden Kalbe (Milde), Altmersleben, Güssefeld, Kahrstedt, Neuendorf am Damm, Winkelstedt und Karritz, dass ihre Gemeinden aufgelöst und zu einer neuen Stadt Kalbe (Milde) zusammen geführt werden sollen. Ein Jahr später wurden die Gemeinden Stadt Kalbe (Milde), Brunau, Engersen, Jeetze, Kakerbeck, Packebusch und Vienau aufgelöst und zu einer neuen Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) vereinigt. Badel, Jeggeleben und Zethlingen wurden 2011 Ortschaften der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde). Durch diese Zusammenschlüsse vergrößerte sich das Stadtgebiet von 30,44 km 2 auf 272,5 km 2 Fläche. Durch die Gemeinde führt im Osten die Bundesstraße B71, die zum einen nach Norden in Richtung Salzwedel und weiter Richtung Hamburg und zum anderen im Süden nach Magdeburg führt. Der ÖPNV in der Gemeinde erfolgt durch Busse. 2.2. Landnutzung Die Einheitsgemeinde ist stark von der Landwirtschaft geprägt. Knapp 40% der Fläche wird ackerbaulich genutzt. 30% der Gemeindefläche ist Grünland, das zum Großteil intensiv bewirtschaftet wird. Der Waldanteil auf dem Gemeindegebiet entspricht ca. 5.400 ha, was in etwa 20% der Fläche ausmacht. Der hohe Anteil an Nutzflächen für Biomasse ist ideale Voraussetzung für den Ausbau der erneuerbaren Energieversorgung für die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde). 10

Landnutzungskarte für Biomassepotenzialanalyse Abbildung 1: Landnutzung in der Stadt Kalbe (Milde) 2.3. Bevölkerung Dem Stand vom 21.11.2012 zufolge leben etwa 7962 Einwohner in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde). Die beiden größten Ortsteile sind, nach der Stadt Kalbe (Milde) mit 2317 Einwohner (Stand: 21.11.2012), Brunau (490 Einwohner) und Kakerbeck (597 Einwohner). Die Bevölkerung verzeichnet ab dem Jahr 1990 eine stetige Abnahme, 1990 lebten noch etwa 10.600 Einwohner in der Gemeinde. Der Großteil der Bevölkerung liegt im Bereich der 45-65-jähringen. In der Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2025 ist eine weitere kontinuierliche Abnahme zu erwarten, die Bevölkerung wird auf etwa 6.500 zurückgehen. Auch die Bevölkerungsstruktur der Kommune unterliegt dem Demographischen Wandel. Aus Abbildung 2 wird ersichtlich, dass im Jahr 2025 verglichen mit 2008 die Bevölkerungsgruppe der 20 bis 65-jährigen abnehmen wird, jedoch die 65-jährigen und älteren rund ein Drittel der gesamten Bevölkerung stellen werden. Neben dem allgemeinen Bevölkerungsrückgang und der Erhöhung des Durchschnittsalters (Überalterung), äußert sich der Demographische Wandel auch in der Wohnraumnachfrage. Diese wird hauptsächlich von der Anzahl und Struktur der Haushalte bestimmt. Grundsätzlich hält sich die Annahme, dass die Anzahl der Single-Haushalte weiter steigen wird. Entsprechend kann pro Person von einer größeren 11

Wohnfläche ausgegangen werden, die wiederum Einzug in energetische Analysen haben sollte. Bevölkerungsentwicklung bis 2025 Die Bevölkerung nimmt ab und überaltert Abbildung 2: Bevölkerungsentwicklung bis 2025 (Prognose) 2.4. Wirtschaft und Tourismus Das Gemeindegebiet wird durch seine ländliche Prägung mit einigen Standortnachteilen konfrontiert. Im Vergleich zu Nachbargemeinden wie z.b. Salzwedel, ist an diesem Standort wenig Industrie angesiedelt, es existiert nur ein Gewerbegebiet. Die größten Unternehmer und wichtigsten Arbeitgeber am Ort sind: - Agrar Veredelungsgesellschaft mbh Kalbe (Milde) - ASTKA Bauunternehmen GmbH Altmersleben - Fa. Müller Behälter- und Transportsysteme GmbH Kalbe (Milde) - Median-Klinik für Orthopädie und Onkologie Kalbe (Milde) - Landmaschinen GmbH Badel - Landtechnik, Maschinen- und Gerätebau Brunau GmbH - PLATAL-Mobilsysteme GmbH Kakerbeck - Seniorenpflegeheim Klein Sanssouci Kalbe (Milde) GmbH 12

Die vorwiegend ländliche Struktur in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) birgt auch Vorteile. Gerade für Erholungssuchende und Großstädter bietet die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) landschaftlich gesehen ein attraktives Ausflugs- und Urlaubsziel. Fernab von Stress und schadstoffbelasteter Luft lassen sich grüne Wiesen, Wälder und Moorgebiete auf zahlreichen Wander- und Radwegen erkunden. Erholen lässt es sich besonders gut in freier Natur im Kurpark mit Wassertretstelle und dem Barfuß-Parcours und in den Sommermonaten im Freibad. Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) führt nicht umsonst den staatlich anerkannten Beinamen Erholungsort. In der Rehabilitationsklinik Median Klinik Kalbe erholen sich Kranke in reizvoller Natur, ruhiger Umgebung und frischer Luft. Die Aspekte Entspannen und Wohlfühlen könnten für die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) weitere Anstöße bedeuten, die Angebotsvielfalt im Sinne einer engeren Zusammenführung zwischen Wellness bzw. dem Gesundheitssegment und Naturnähe zu erhöhen. Die Landschaft fungiert dabei als Erholungs- und Aktionsraum zur Betätigung gesundheitsfördernder Aktivitäten, wie Nordic Walking. Die Ernennung zu einem Luftkurort, also einem Ort dessen Luft und Klima besonders für die Genesung und Gesundheit vor allem der Atemwege förderlich ist, erfolgt gutachterlich und muss einige Kriterien erfüllen. Das Prädikat Luftkurort könnte die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) bereichern und besonders für Touristen einen gewissen Anreiz bieten. Über Flora und Fauna in der Altmark informieren die beiden Naturlehrwege in Neu Wernstedt und Vienau. Vor allem für Kinder bieten sich die einzelnen Informationsstationen an, um auf spielerische Art die Neugier zu wecken und zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur anzuregen. Schulen haben hier die Möglichkeit, die Naturlehrwege als zweites Klassenzimmer in den Unterricht zu integrieren. Neben Nasswiesen- und Trockenrasenstandorten, lassen sich auch an Bächen oder in Wäldern Naturlehrwege realisieren. Der kleine Fluss Milde umfließt die Altstadt der Stadt Kalbe (Milde), den sogenannten Pottkuchen, und verbindet diese über 100 Brücken mit dem Umland. Neben den altmarktypischen Fachwerkhäusern im Altstadtkern, sind gerade die zahlreichen Brücken eine Besonderheit der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde). Abgesehen von der naturräumlichen Attraktivität im Gemeindegebiet, bietet die Einheitsgemeinde auch historisch gesehen etliche Ausflugsziele. Zu nennen sind beispielsweise das alte Wachhaus, der Buchsbaumgarten und die Wasserburg als Wahrzeichen Kalbes. Die Langobardenwerkstatt in Zethlingen und die Straße der Romantik, welche als touristische Route durch Sachsen-Anhalt führt, sind weitere kulturelle Ziele in der Gemeinde. 13

Wasserburg Kalbe (Milde) Ein beliebtes Ausflugsziel im Altmarkkreis ist die Wasserburg Kalbe Abbildung 3: Ausflugsziele in der Kommune Die Standortnachteile, bedingt durch die geringe Industrieansiedelung, können durch Standortvorteile in Tourismusbereich teilweise ausgeglichen werden. Für die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) kann dies vor allem im Tourismussektor erfolgen. Hier lassen sich bereits bestehende Angebote ausarbeiten und neue Aktivitäten und Maßnahmen zur Profilierung in den einzelnen Angebotssegmenten schaffen. Der Trend, der sich besonders auch für kleinere Regionen eignet, ist die Bedürfnisbefriedigung der Gäste nach Regionalität und Authentizität im Landschaftserleben, aber auch in den Produkten und der Beherbergung. Hier ist vor allem die Konzentration auf Kernkompetenzen für die Tourismusentwicklung entscheidend. Die Stärken für die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) liegen in dem ehrgeizigen Ziel eine 100%- erneuerbare-energien-kommune zu werden. Stichpunkte wie Naturlehrpfad bzw. Energielehrpfad, klimaneutraler Urlaub und Elektromobilität können die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) dazu verhelfen zu einer Erlebnisregion zu werden. Der Ausbau der Marke Stadt der 100 Brücken weckt weiteres Interesse und erhöht gleichzeitig den Wiedererkennungswert. 14

2.5. Klimaschutz Engagement und Ziele Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) hat die Notwendigkeit des lokalen Engagements für den globalen Klimaschutz und den damit verbundenen lokalen Vorteilen schon früh erkannt. Die Gemeinde kann durch die sehr gute Positionierung in der Erzeugung von erneuerbaren Energien bestechen. Im Gemeindegebiet befinden sich bemerkenswert viele Windkraftanlagen (50) und einige Biogasanlagen. Ein Windpark mit 11 neuen Windenergieanlagen befindet sich derzeit in der Planungsphase. Dies zeigt neben weiteren Aktivitäten das überdurchschnittliche Engagement der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) im Klimaschutz. Die Stadt hat bereits 2009 ein Klimaschutz-Teilkonzept in Auftrag gegeben. Eine Ist- Analyse von 10 gemeindeeigenen Gebäuden (u.a. Rathaus, KiTa, Schule) sollte Aufschluss über den Energiebedarf und CO 2 -Ausstoß liefern. Geeignete Maßnahmen zeigen, wie der Heizkostenbedarf der Gebäude um 30% und der CO 2 -Ausstoß um 50% gesenkt werden kann. Weiter strebt die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) das Ziel an, eine 100% erneuerbare Energie Kommune zu werden. Im Bereich der Stromerzeugung nimmt die Gemeinde bereits eine Vorreiterrolle in der Bundesrepublik ein. Im Gemeindegebiet wird eine Strommenge erzeugt, die um das 5-fache höher ist als der Stromverbrauch. Im Bereich Wärmeerzeugung und vor allem im Bereich Wärmeverbrauch muss die Gemeinde zwar noch erheblich Anstrengungen unternehmen, ist aber schon auf einem guten Weg. Der Ausbau eines örtlichen Nahwärmenetzes für den Anschluss von KiTa und Turnhalle durch die Agrargenossenschaft Kakerbeck e.g. sind bereits abgeschlossen. Eine Interessensbekundung von 50 privaten Haushalten bezüglich eines Anschlusses an ein weiteres Nahwärmenetz und damit einer Erweiterung wird in Erwägung gezogen. Die Planungen zu dem Bau eines weiteren Blockheizkraftwerkes laufen. Zudem soll die in der Stadt Kalbe (Milde) bestehende Biogasanlage um die gleiche Leistung (549 kw) erweitert werden, sodass die örtlichen Liegenschaften (Rathaus, Turnhalle, Feuerwehr, Karatezentrum, Grundschule und Schulhort) an das neue Nahwärmenetz angeschlossen werden können. Als weitere angedachte Abnehmer sind die Medianklinik und die Agrarveredelungsgesellschaft mbh zu nennen. Für den erfolgreichen Betrieb des Nahwärmenetzes sowie eine sichergestellte Wärmebereitstellung, ist ein Kooperationsprojekt zwischen den Beteiligten (Kommune als Verbraucher, Betrieb als Erzeuger und die Landwirtschaft als Rohstofflieferant) unumgänglich. Mit der Erstellung des Klimaschutzkonzeptes ist ein weiterer Schritt in der koordinierten Umsetzung der Klimaschutzziele in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) geleistet. 15

Abbildung 4: Biogasanlagen im Gemeindegebiet 2.6. Leitbild Steigende Energiepreise, die Zunahme des klimaschädlichen CO 2 -Gehaltes in der Erdatmosphäre, die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur und immer extremer werdende Wetterbedingungen all dies wird unter anderem durch den ungebremsten Verbrauch fossiler Energieträger verursacht. Vor dem Hintergrund des Klimawandels, der Ressourcenverknappung und nicht zuletzt der Energiewende und damit des endgültigen Atomenergieausstiegs, hat das Bundesumweltministerium ein ambitioniertes Energiekonzept beschlossen, wobei bis zum Jahr 2020 die klimarelevanten Treibhausgasemissionen um 40% gegenüber dem Basisjahr 1990 reduziert werden sollen. Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde), gelegen in der historischen Kulturlandschaft der Region Altmark in Sachsen-Anhalt, hat die Notwendigkeit der Erneuerbaren Energien als wesentliche Säule der künftigen Energieversorgung Deutschlands erkannt und sich mit dem Ziel eine 100% erneuerbare Energien-Kommune zu werden ebenfalls ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Das hier vorgestellte Kommunale Klimaschutzkonzept unter- 16

stützt die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) nicht nur bei der Zielerreichung, sondern stellt auch verschiedene, speziell auf die Einheitsgemeinde zugeschnittene, Handlungsoptionen in Belangen des Klima- und Umweltschutzes dar. Der von K.GREENTECH erarbeitete Maßnahmenkatalog mit Umsetzungskonzept entstand in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren und beteiligten Verantwortlichen, wobei ebenfalls die interkommunale Kommunikation berücksichtigt wurde. Die vorgeschlagenen Empfehlungen bieten praxisnahe Ansätze, die sich an den übergeordneten politischen Rahmenbedingungen orientieren und zugleich der Machbarkeit auf kommunaler Ebene gerecht werden. Dabei werden im Gemeindegebiet bereits vorhandene Ausgangspunkte und Strukturen weiterentwickelt, neue Potenziale identifiziert und Impulse für innovative Konzepte vorgestellt. Anhand verschiedener Szenarien wird die zukünftige Entwicklung des Energiebedarfes der Gemeinde unter Berücksichtigung von Energieeinspar- und Effizienzmaßnahmen für ein Zeitfenster bis zum Jahr 2050 prognostiziert und daraufhin konkrete Handlungsstrategien zu deren Zielerreichung deduziert. Im Hinblick auf vergleichbare erstellte und betreute Konzepte, setzt die Stadt Kalbe (Milde) als Voraussetzung für eine erfolgreiche Zielumsetzung, neben einer umfassenden Informationsbereitstellung auch auf die Mobilisierung bereitwilliger Bürger und lokaler Akteure. Schon heute produziert die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) weit mehr Erneuerbare Energie als verbraucht wird. Die vorwiegend ländlich geprägte Umgebung bietet dabei beste Voraussetzungen für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien. Den standörtlichen Nachteilen und negativen Auswirkungen des Demographischen Wandels, welche eine wirtschaftliche Etablierung erschweren, kann somit zum Teil entgegengewirkt werden. Allein der im Gemeindegebiet produzierte Strom aus Windenergie übersteigt bereits heute den durchschnittlichen Stromverbrauch der Kommune um ein Vielfaches und liegt im Bundesvergleich in der absoluten Spitzenklasse im Bereich der erneuerbaren Stromerzeugung. Durch das Repowering älterer Anlagen und das vorhandene Potential zur Errichtung zusätzlicher moderner und leistungsfähigerer Windenergieanlagen, ist mit einer weiter steigenden Stromerzeugung mittels Windenergie zu rechnen. Doch auch im Bereich der Biomasse als Energielieferant für Strom und Wärme lassen sich die gegenwärtigen Potenziale ausbauen und effiziente Einsatzbereiche und Nutzungsmöglichkeiten anführen. Zu nennen seien beispielsweise die erfüllten Kriterien zur Realisierung von Bioenergiedörfern, die priorisierte gesteigerte Verwertung von biogenen Reststoffen sowie eine optimierte Verteilung der anfallenden Biomasse an die Verbrauchsorte. Die Ausbaupotenziale für eine verstärke Nutzung der Sonnenenergie liegen vor allem im Bereich der Photovoltaik, wobei sich der Ausbau besonders für die Installation von Photovoltaikmodulen auf Dachflächen rechnet. Dadurch wird nicht nur die regionale Wertschöpfung angekurbelt, sondern ebenfalls der Eigenverbrauch der Gemeinde am erneuerbar erzeugten Strom erhöht. Neben anderen Sehenswürdigkeiten und Freizeitangeboten, kann die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) ihren Status als 100% erneuerbare Energien-Kommune unterstreichen und sich auch im Bereich des Ökotourismus profilieren. Die ländliche Umgebung 17

und das Potential zum Ausbau der Erneuerbaren Energien bietet für die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) die Chance, zahlreiche neue Ideen und Möglichkeiten bezüglich einer klimaneutralen Urlaubsdestination umzusetzen und gleichzeitig den Bekanntheitsgrad in der Region zu steigern. Die Bestrebungen der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) ein Luftkurort zu werden, setzt die Erfüllung und gutachterliche Bestätigung einiger Kriterien voraus. So gilt es die vorgegebenen Luftqualitätsstandards angesichts der Schadstoffbelastung einzuhalten, um die erholungs- und gesundheitsförderliche Wirkung zu garantieren. Mit der Umsetzung einiger Verkehrsprojekte im Bereich der umweltbewussten Mobilität, ist die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) bereits auf dem besten Weg. Eine Auszeichnung mit dem Prädikat eines Luftkurortes ließe sich auch in touristischer Hinsicht gut vereinbaren. In Deutschland spielen die Kommunen und deren Engagement gegenüber der Energiewende eine wichtige Rolle. Als Vermittler zwischen den politischen Beschlüssen einerseits und den lokalen Potenzialen zur Umsetzung andererseits, beeinflussen sie das gesellschaftliche Verständnis. Stoßen die empfohlenen Maßnahmen und aufgezeigten Szenarien zur Zielerreichung mit den Eckpunkten der Energieeinsparung und Energieeffizienz auch auf Anerkennung und Bestätigung in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde), sind positive wirtschaftliche und nachhaltige wertschöpfende Effekte zu erwarten. Das Kommunale Klimaschutzkonzept bietet der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) weiterhin die Möglichkeit, eine Art Vorbildfunktion in den Belangen des Klimaschutzes zu übernehmen und entsprechend auch andere Gemeinden in der Region zu überzeugen beziehungsweise zu animieren. 18

3. Untersuchungsmethodik und Vorgehen 3.1. Methodik Die methodische Vorgehensweise für das kommunale Klimaschutzkonzept hat den Anspruch, die Potenziale der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) für den Klimaschutz zu erkennen und unterstützende Handlungsfelder zu identifizieren. Diese sollten dann in Form langfristiger, anleitender Handlungsstrategien zusammengefasst und mit kurzund mittelfristigen Handlungsempfehlungen ergänzt werden. Unter Anlehnung an renommierte Trendstudien zu klimarelevanten erwartbaren Entwicklungen in Deutschland bzw. Sachsen-Anhalt galt es somit, robuste Entwicklungskorridore mit spezifischer Ausrichtung auf die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) zu identifizieren. Dies trägt der Auffassung Rechnung, dass die Gemeinde sich nicht von allgemeinen Trends und Entwicklungen entkoppeln kann, ein derart ehrgeiziges Ziel wie das des zugrunde liegenden Wettbewerbes jedoch auch nicht dadurch erreichen kann, sich im Mainstream zu entwickeln. Deshalb galt es zu prüfen, wie die Besonderheiten der Gemeinde im klimaschutzspezifischen Rahmen hervorgehoben werden können. Dazu wurden die lokale (energetische) Situation analysiert und Handlungschancen, aber auch -grenzen und -barrieren identifiziert. Für die grundlegende Datenerhebung und -auswertung wurde ein GIS-gestützter, auf Echtdaten basierter Analyseansatz gewählt, der überdurchschnittlich valide Bestandsund Potenzialanalysen ermöglicht. Eingesetzt wurde ArcGIS der Firma ESRI, deren Software und Dateistandards weit verbreitet sind und Daten-Kompatibilität in den allermeisten Fällen sicherstellen kann. Dieses System fungierte auch als zentraler Datenverwaltungspunkt, der die einzelnen Themen verbindet und somit auch interdisziplinäre Erkenntnisse fördert. Besonders bei der Gegenüberstellung von Nutzungen gleicher Flächen, z.b. bei der Identifikation von Nutzungskonflikten im Ausbau der erneuerbaren Energien, hat sich der GIS-Ansatz bewährt. Dabei können z.b. Flächen, die für Flora- Fauna-Habitat, Biotop- oder sonstiger Naturschutzbelange ausgewiesen wurden, mit den potenziellen Flächen für Windkraftanlagen verglichen werden. Die Erkenntnisse können in den Abwägungsprozess von Projekten integriert und für die Kommunikation mit Bürgern und Trägern öffentlicher Belange genutzt werden. Zudem wurden Daten zu den Treibhausgasausstößen ermittelt. 19

Inhaltliche Bestandteile 1. Rahmenbedingungen - Grundlagenermittlung 2. Erfassung des Ist-Zustandes (aufgeteilt auf Sektoren) 3. Potenzialermittlung (Wärme, Strom, Infrastruktur) 4. Konzeptentwicklung mit verschiedenen Szenarien 5. Qualitative Bewertung des Ziels der Energieautarkie 6. Vergleich der Wirtschaftlichkeit der verschiedenen Szenarien 7. Akteursbeteiligung (Workshops mit Energieversorgern, Bürgern, ) 8. Reduktionspotenziale der Emissionen 9. Maßnahmenempfehlung konkrete Realisierungsvorschläge Abbildung 5: GIS-gestützter Analyseansatz Es wurde im GIS-System eine Potenzialanalyse der regionalen erneuerbaren Energieerzeugungspotenziale durchgeführt. Dabei wurden Kartendaten des Landes Sachsen- Anhalt sowie der Energieversorger verarbeitet, woraus valide Potenzialgrößen errechnet werden können, die in einem späteren Schritt eine Standortplanung von Erzeugungsanlagen ermöglichen bzw. diese unterstützen. Die Potenzialermittlungen wurden mit Kennzahlen der Wirtschaft hinterlegt, wodurch von Flächenwerten auf konkrete kw- und kwh-werte umgerechnet sowie Kosten abgeschätzt werden konnten. Verwendet wurden beispielsweise Kennzahlen zum Energieertrag pro Hektar Wald bei nachhaltiger Entnahme von Holz. Zu den Datenquellen zählen unter anderem die Agentur für erneuerbare Energien, das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und weitere Einrichtungen, Stellen und Ämter. 20

3.2. Beteiligte Wichtig für eine umsetzungsorientierte Konzepterstellung ist die Beteiligung aller relevanten Akteure. Das integrierte Klimaschutzkonzept für die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) entstand in enger Zusammenarbeit mit vielen Beteiligten vor Ort. Ziel ist es einerseits das personengebundene Wissen der lokalen Experten in der Gemeinde für die Erstellung des Konzeptes zu nutzen. Andererseits sollen übergreifende Netzwerke gebildet und für ein späteres gemeinsames Handeln genutzt werden. Für die Erstellung des Konzepts war die Kooperation mit der Stadtverwaltung, hier besonders mit dem Fachbereich Energiewirtschaft und der Tourist-Information maßgeblich, aber auch die Zusammenarbeit mit lokalen Verbänden, Genossenschaften und interessierten Bürgern war ausschlaggebend. In einem Workshop wurden über 30 Experten aus der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) und dem Altmarkkreis Salzwedel eingeladen bei der Maßnahmenentwicklung mitzuwirken. In Kapitel 7 folgt eine nähere Beschreibung der Akteursbeteiligung. 3.3. Zeitplan Die Durchführung der Studie erfolgte arbeitstechnisch in sechs Bausteinen. Zunächst entstand eine Bestandsanalyse durch Energie- und CO 2 -Bilanz, als fortschreibbare Bilanz mit lokal ermittelten Energieverbräuchen. Diese bildete die Basis für alle Klimaschutzaktivitäten. Es folgte die Aufnahme und Bewertung spezifischer Ressourcen und Potenziale zur Treibhausgas-Reduktion. Die Energiebedarfe der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr wurden ermittelt, genauso wie die Potenziale der Gemeinde aus erneuerbaren Energien. Im Anschluss wurden, zusammen mit den wichtigsten Akteuren, individuelle Strategien entwickelt und aus diesen zielführende Maßnahmen abgeleitet. Ein weiterer Punkt ist die Erarbeitung eines Konzepts zur Datenpflege: im Fall der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) mittels der Software ECORegion sowie Microsoft Excel. Für die Öffentlichkeitsarbeit wurde ergänzend ebenfalls ein Konzept erarbeitet. Die einzelnen Arbeitsschritte bauen aufeinander auf und stellen so ein in sich schlüssiges Konzept dar. Das Klimaschutzkonzept wurde im Zeitraum Mai 2012 Januar 2013 erstellt. 21

Zeitplan 1 Bestandsanalyse Energie und CO 2 -Bilanz Monate 1 2 3 4 5 6 7 8 9 2 Potentialanalyse 3 Akteursbeteiligung 4 Maßnahmenkatalog 5 Konzept zur Datenpflege 6 Konzept für die Öffentlichkeitsarbeit Projektstart im Mai 2012, Endbericht im Januar 2013 Abbildung 6: Struktur und Zeitplan des Klimaschutzkonzeptes 22

4. Bestandsanalyse Als Bilanzraum wurde das Gemeindegebiet gewählt. Datenseitiger Ausgangspunkt für die Erstellung des CO 2 -Fußabdruckes war die Erhebung möglichst vieler Echtdaten, die jedoch in wesentlichen Bereichen durch bundesdeutsche Durchschnittswerte ergänzt werden mussten. Zur Steigerung der Datenvalidität wurde deshalb ein auf Echtdaten gestützter Analyseansatz entwickelt. Für die in dieser Studie ermittelten Szenarien und Potenziale wurden Verfahren und Rechenwege aufgestellt, die auf fundierten Modellen führender Institutionen wie etwa dem Bundesumweltministerium oder renommierter Forschungsinstitute beruhen. 4.1. Energiebilanz Im folgenden Kapitel wird die Energiebilanz der Kommune erläutert. Die Energieverbräuche in allen klimarelevanten Bereichen werden gegliedert nach Verursacher und Energieträger. Für das Jahr 2011 wurde in dem Gemeindegebiet ein Gesamtenergieverbrauch von 215.000 MWh ermittelt. Auf den Sektor Strom entfallen 25.000 MWh, auf den Sektor Wärme entfallen 131.000 MWh und auf den Bereich Verkehr 59.000 MWh. Da in der Gemeinde nur sehr wenig Unternehmen ansässig sind, wird der Großteil des Stromverbrauchs von den Haushalten verursacht, mit ca. 11.000 MWh. Die Industrie weist einen Stromverbrauch von ca. 9.500 MWh und der Sektor Gewerbe/Handel/Dienstleistungen (GHD) von ca. 4.600 MWh auf. Im Bereich des Wärmeverbrauchs entfallen ca. 65% (85.000 MWh) auf den Energieträger Gas, die anderen 46.000 MWh werden hauptsächlich durch Heizöl und sonstige feste Brennstoffe bereitgestellt. Der Wärmeverbrauch in der Gemeinde verteilt sich auf die einzelnen Sektoren wie folgt: Haushalt 61.000 MWh, GHD 58.000 MWh und Industrie 12.000 MWh. In der folgenden Tabelle sind die Energieverbräuche der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) für das Jahr 2011 dargestellt. 23

Jahr 2011 Gesamtstromverbrauch gesamt Stromverbrauch Haushalte Stromverbrauch Gewerbe/Handel/Dienstleitungen Stromverbrauch Industrie 25.000 MWh 11.000 MWh 4.600 MWh 9.500 MWh Jahr 2011 Gesamtwärmeverbrauch Wärmeverbrauch Haushalte Wärmeverbrauch Gewerbe Wärmeverbrauch Industrie Erdgas Heizöl Holz 131.000 MWh 61.000 MWh 58.000 MWh 12.000 MWh 85.500 MWh 34.000 MWh 11.900 MWh Jahr 2011 Gesamtstromerzeugung Photovoltaik Windkraft Biomasse 140.000 MWh 800 MWh 120.000 MWh 19.000 MWh Im Bereich Verkehr entfällt ein großer Teil der benötigten Energie auf den motorisierten Individualverkehr (MIV), ca. 48.000 MWh. Der Güterverkehr mit 10.000 MWh, ist relativ gering, da durch die geringe Industriedichte kaum Zulieferverkehr entsteht. Der ÖPNV wird durch einige wenige Linienbusse abgedeckt, hier fällt ein relativ geringer Energiebedarf an. Der Hauptenergieträger ist hier Diesel, gefolgt von Benzin. Biogas spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die Produktion von erneuerbaren Energien in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) entfällt vor allem auf den Bereich Windkraft. Im Gemeindegebiet werden 50 Windkraftanlagen betrieben, mit denen etwa 120.000 MWh pro Jahr in das Stromnetz eingespeist werden. An zweiter Stelle, aber mit einem deutlich kleineren Anteil kommt die Einspeisung von Strom aus Biomasse bzw. Biogas, hier sind es ca. 19.000 MWh. Die Photovol- 24

taikanlagen in der Gemeinde produzierten im Jahr 2011 etwa 800 MWh. Mit dem erzeugten Strom von insgesamt ca. 140.000 MWh können, bei einem durchschnittlichen vier-personen-haushalt ca. 35.000 Haushalte mit Strom versorgt werden. 4.2. CO 2 -Bilanz Die CO 2 -Bilanz besteht aus einem auf realen Eckdaten gestützten Analyseansatz, der an Stellen kritischer Datenverfügbarkeit durch bundesdeutsche und landesspezifische Durchschnittswerte ergänzt wurde. Für die Erstellung der Bilanz hat sich die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) für das Bilanzierungstool ECORegion entschieden, das unter anderem für den Europen Energy Award und den Covenant of Mayors der Europäischen Union zugelassen ist. Durch die Fortschreibbarkeit der Daten in ECORegion wird der Stadt auch ein nachhaltiges Instrument zur Treibhausgas-Bilanzierung in die Hand gegeben. Bilanziert werden kann mit dieser Software sowohl auf Grundlage der IPCC-Methode (Territorialprinzip) sowie nach der LCA-Methodik (als Basis der LCA-Faktoren gilt die ecoinvent-datenbank). Trotzdem kann ohne Zusatzaufwand eine Vergleichbarkeit mit anderen Bilanzierungen hergestellt werden. Die im Rahmen dieser Studie dargestellten CO 2 -Emissionen der Kommune wurden einheitlich nach der LCA-Methodik bilanziert. Zu beachten ist dabei, dass die energetische Besonderheit Kalbes, die 50 Windkraftanlagen die auf dem Gemeindegebiet stehen, in die Energie- und CO 2 -Bilanz mit integriert wurde. Dadurch entsteht ein hoher Anteil an selbst erzeugtem regenerativem Strom. Hierbei ist zu beachten, dass der Strom zwar der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) zugeordnet wird, jedoch nur zu Teilen im Stadtgebiet verbraucht wird. Besondere Vorsicht muss hier der Vermeidung von Doppelbilanzierungen gelten. Nach unseren excelbasierten Berechnungen wurden im Bilanzierungsgebiet der Kommune wurde im Jahr 2011 ca. 60.000 t CO 2 -equivalent verursacht. Der CO 2 -Ausstoß wird hauptsächlich durch den Sektor Wärme erzeugt (30.000 t). Der Sektor Verkehr emittiert ca. 16.000 t CO 2, der Sektor Strom ca. 13.000 t CO 2. Insgesamt ergibt sich daraus ein CO 2 -Ausstoß pro Kopf von 7,4 t, dieser Wert liegt knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Da in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) aber überdurchschnittliche viel Strom aus der regenerativen Energiequelle Wind erzeugt wird, kann dieser in der Berechnung des CO 2 -Aussoßes verrechnet werden bzw. kann damit der CO 2 -Ausstoß aus dem Sektor Strom vernachlässigt werden. Es werden somit lediglich 46.000 t CO 2 emittiert, was den CO 2 -Ausstoß pro Einwohner auf 5,7 t reduziert. Dieser Wert liegt weit unter dem Bundesdurchschnitt. 25

CO 2 -Emissionen nach Sektoren (t) 70.000 CO 2 -Emissionen 2011 (t) 60.000 50.000 40.000 30.000 Strom Wärme Verkehr 20.000 10.000 0 Standard Windstromverrechnung Der Gesamte Ausstoß beträgt ca. 60.000 t CO 2. Dies entspricht ca. 7,4 t CO 2 pro Einwohner und liegt knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Wenn Windstrom den Bundesstrommix ersetzt, sind es nur 5,7 t CO 2 /EW Abbildung 7: CO 2 -Emissionen nach Verbrauchergruppen Im Nachgang wurde die CO2-Bilanz nochmals mit der Software ECORegion erstellt. In der Software werden nicht nur Emissionen aus den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr berücksichtigt, sondern noch weitere CO2-Quellen wie z.b. der Konsum der Einwohner. Folglich hat sich der CO2-Ausstoßl geringfügig erhöht und beträgt nun 65.000 t, was einen CO2-Ausstoß pro Person von ca. 8,1 t bedeutet. Wenn Die CO2- Emmissionen aus dem Sektor Strom hier ebenfalls wieder vernachlässigt werden liegt die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) mit 6,2 t CO2-Ausstoß immer noch weit unter dem Bundesdurchschnitt. 26

Abbildung 8: CO 2 -Bilanz 2011, ECORegion 4.3. Bilanz der Energiekosten Fossile Energieträger müssen mit wenigen Ausnahmen vollständig aus dem Ausland importiert werden. Nur Braun- und Steinkohle wird in Deutschland in nennenswerten Mengen gefördert und meist in der Nähe der Förderstätten verbrannt. Die Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) muss die im Gemeindegebiet verwendeten fossilen Energieträger zu 100 % importieren. Dadurch entstehen immense Finanzmittelströme, die aus der Region abfließen und somit der lokalen Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung stehen. In der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) handelt es sich um einen Betrag von ca. 15,1 Mio. Euro. Dieser Betrag geht der Gemeinde jährlich durch die Kosten für die Energieversorgung verloren. Bei 7962 Einwohner sind das ungefähr 1890 pro Person. Im Bereich Verkehr gehen der Gemeinde etwa 7,8 Mio. durch die Energieträger Benzin und Diesel verloren. Dieser Betrag fließt zu 85 % in die großen Erdölexportländer wie etwa Russland und Saudi-Arabien. Der Handlungsspielraum für deutsche Kommunen ist in diesem Bereich aber eher beschränkt. Die Möglichkeit den motorisierten Individualverkehr (MIV) zu reduzieren und ihn zum Teil auf den Umweltverbund zu verla- 27

gern (ÖPNV, Fuß- und Radverkehr), besteht allerdings immer und wird in Kapitel 5.5.3 näher erläutert. Anders sieht es in dem Sektor Wärme und Strom aus: Auch hier gehen der lokalen Wertschöpfungskette der Gemeinde jährlich etwa 7,3 Mio. verloren. Die Gemeinde hat hier aber einige Möglichkeiten um den finanziellen Abfluss zu verringern. Durch den Ausbau der lokal erzeugten erneuerbaren Energien würde nicht nur ein klimaschützender Aspekt ausgeübt, sondern auch ganz konkret ein ökonomischer Vorteil für die regionale Wirtschaft verstärkt werden. Dabei spielt das Kapital, das durch die Verdrängung der Importe fossiler Energieträger in die regionale Wirtschaft fließt, eine sehr große Rolle. Kalbe (Milde) - Kosten und Finanzströme Energiemenge Energie je Sektor Abfluss Finanzmittel Kohle/Koks Holz Σ 228.000 MWh 2.000 12.000 Σ 228.000 MWh Σ 15,1 Mio. Verkehr 61.000 Erdgas 85.000 Strom 1,7 Mio. Benzin, Diesel 61.000 Wärme 131.000 Verkehr 7,8 Mio. Wärme 5,6 Mio. Heizöl 44.000 Strom 24.000 Strom 36.000 Hohes Potenzial für lokale Wertschöpfung liegt im Sektor Strom und Wärme Abbildung 9: Kosten und Finanzströme 28

5. Emissionsminderungspotenziale Die Effizienzpotenziale und Potenziale der erneuerbaren Energien führen in Summe zu Reduktionspotenzialen für Energie und Emissionen. In diesem Kapitel wird detailliert analysiert, in welcher Höhe und mit welchen Ansätzen in der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) Potenziale in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr bis 2050 mobilisierbar sind. Die mobilisierbaren Potenziale sind aus wirtschaftlichen und technischen Potenzialen hergeleitet und daher ggf. kleiner als rein theoretische Potenziale aus vergleichbaren Studien. Dafür stellen sie in ihrer Dimension erwartbare reale Potenziale dar und keine rein theoretischen Annahmen. Die Potenziale werden für 2020, 2030, 2040 und 2050 szenarisiert und ermöglichen strategische Weichenstellungen und grundsätzliche Schwerpunktsetzungen für die Zukunft. Konkrete Umsetzungsempfehlungen bis 2020 werden im Kapitel Maßnahmen erläutert. 5.1. Energieerzeugungspotenziale Die Potenziale der Energieerzeugung werden ermittelt um zu analysieren, ob und wann sich die Gemeinde bilanziell mit erneuerbaren Energien versorgen kann. Die Ermittlung wird in drei Stufen durchgeführt. Zusätzlich zu der rein rechnerischen Ermittlung der Potenziale stützt sich die Erhebung auf einen übergreifenden Ansatz. Die von der Gemeinde, den Netzbetreibern und weiteren Stellen zur Verfügung gestellten Ausgangsdaten wurden für Berechnungen und Analysen herangezogen. Anhand der Eingangsdaten (Katasterdaten, Energiebedarfe, Luftbilder, Windgeschwindigkeiten, geothermische Potenziale etc.) wurden die geographischen Informationen in einem System vereint, quantifiziert, gegenübergestellt und bewertet. Daraus wurde dann das dreistufige System der Potenziale abgeleitet. Grundsätzlich werden verschiedene Ebenen von Potenzialen unterschieden, die hierarchisch strukturiert sind und einer Logikkette folgend aufeinander aufbauen: 29

Potenzialermittlung in drei Stufen Stufe 1 Technisches Potenzial (Begrenzung durch Flächenverfügbarkeit, Anbautechniken, Energiedichten, Bodengüte,...) Stufe 2 Wirtschaftliches Potenzial (Begrenzung durch Markpreise bei Strom, Wärme und Treibstoff sowie die dazugehörigen Fördergesetze) Stufe 3 Mobilisierbares Potenzial (Begrenzung durch reale Umsetzungshindernisse wie ethische Fragen, Gesetze, Bürgereinbindung, Akzeptanz... ) Jede Stufe der Potenzialermittlung reduziert das theoretische Gesamtvolumen durch Berücksichtigung umsetzungsrelevanter Faktoren Abbildung 10: Systematik der Potenzialermittlung erneuerbarer Energien Technisches Potenzial Dieser Begriff bezeichnet alle unter technischer Machbarkeit verfügbaren Potenziale ohne Rücksicht auf Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, Ethik usw. Reale Restriktionen wie Bebauung und Geographie sind beachtet, um feste Grenzen ziehen zu können. Grundsätzlich wird von einer nachhaltigen Bewirtschaftung ausgegangen. Ein pures einmaliges Ernten von Biomasse beispielsweise wird im Gegensatz zur nachhaltigen und sukzessiven Entnahme von Biomasse aus dem Ökosystem nicht als dauerhaftes technisches Potenzial verstanden. Maßgeblich sind damit Flächenzahlen, physikalische/ chemische Werte wie Energiedichte, und weitere harte Kennzahlen wie die Kraft- Wärmekopplungs-Quoten. Das technische Potenzial ist für Kommunen somit relativ genau bestimmbar; für den Landkreis wurde überschlägig szenarisiert. Wirtschaftliches Potenzial Ein technisches Potenzial wird zum wirtschaftlichen Potenzial, wenn die voraussichtlichen Gestehungskosten einen marktfähigen Preis erwarten lassen. Förderungen sind dabei nach der jeweiligen realen oder zukünftig vermuteten Gesetzeslage enthalten. Investitions- und Betriebskosten werden berücksichtigt. Als Annahmen und Kennzahlen zur Berechnung des wirtschaftlichen Potenzials werden somit Kosten für Rohstoffe, Personal und Infrastrukturen (Anlagen, Netze...) sowie Fördermittel und Marktpreise der 30

Konkurrenztechnologien herangezogen. Je nach Wahl der Annahmen und der aktuellen Rohstoffpreise schwankt das wirtschaftliche Potenzial auch kurzfristig. In diesem Fall wurde jedoch von einem konservativen Wert ausgegangen, der auch in der Zukunft noch als realistisch angesehen wird. Mobilisierbares Potenzial Das in letzter Konsequenz mobilisierbare Potenzial hängt stark von Annahmen zur Einstellung der Bevölkerung, Image der Energieform usw. ab. Auch stellen Flächenkonkurrenzen mit Arten- und Biotopschutz, Bodenschutz (Erosion, Humusbilanz), mit Wasserschutz (Grundwasser- und Fließgewässer-Qualität), mit Schutzgebietssystem und mit Nahrungsmittelselbstversorgung ( Nahrungsmittel vor Energie ) Hindernisse bei der Mobilisierung wirtschaftlicher Potenziale dar. In Studien wird in der Regel nicht das mobilisierbare Potenzial ermittelt, sondern die größeren technische Potenziale. 5.2. Szenarienentwicklung Als Grundlage für die Prognosen der Energieverbräuche bis 2050 wurde die Studie Modell Deutschland 2050 verwendet. Diese Studie beruht auf folgenden Prämissen: Es werden keine Vorketten bilanziert oder Graue Energie betrachtet, da die, die in anderen Ländern emittiert werden, auch dort bilanziert werden. Das gilt im Gegenzug auch für die Produktionsemissionen der in Deutschland hergestellten Güter für den Export, diese werden in Deutschland verbucht. Auch nichtenergetische Einsätze von Primärenergieträgern werden in dieser Studie nicht betrachtet. Als Grundlage für die Effizienzszenarien wurde die aktuelle Ausstattung eines deutschen Haushaltes verwendet. Die zukünftigen Zahlen beziehen sich auf den gleichen Technikstand wie im Jahr 2011. Zu erwarten ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Zunahme an elektronischen Geräten, die jedoch mit heutigen Standards nicht prognostizierbar sind. Die Zunahme von Elektrogeräten schwächt die Senkung des Strombedarfs ab. Diese Entwicklung wurde in der Studie ebenso berücksichtigt. Die Bedarfsprognosen sowie das Energiepotenzial zur Erzeugung von erneuerbaren Energien beruhen auf einem bewährten Excel-Modell, das auf Grundlage von Zahlen der Gemeinde, des Bundeslandes Sachsen-Anhalt und der Bundesrepublik Deutschland (vor allem Umweltbundesamt und Wirtschaftsministerium) sowie GIS-Analysen und Studien renommierter Forschungsinstitute und Unternehmen erstellt wurde. Die Bedarfsprognosen erscheinen mit einer bei derartigen Aufgabenstellungen üblichen Abweichungsquote von plus/minus 10% valide. Technologiesprünge und unvorhersehbare Ereignisse können naturgemäß nicht berücksichtigt werden und ggf. die Entwicklung signifikant beeinflussen. 31

Referenz- und Klimaschutzszenario Schließlich wurde das sogenannte Referenzszenario (ein Szenario mit ambitionierter Fortsetzung heutiger Energie- und Klimaschutzpolitik) sowie das Klimaschutzszenario, das den Umbau zur emissionsarmen bzw. klimaneutralen Gesellschaft mit einem möglichst hohen Reduktionsziel der Treibhausgase gegenüber 1990 verfolgt, aufgestellt und verglichen. Ein Festhalten an den Prämissen des Referenzszenarios wird z.b. ein Erreichen der Klimaneutralität nicht ermöglichen. Die Bevölkerung wird in den nächsten Jahren sinken. Dieser Faktor wird auch wesentlich dazu beitragen, den Gesamtenergiebedarf zu reduzieren. Da im Gemeindegebiet aber ohnehin nahezu 5-mal mehr Strom erzeugt wie benötigt wird, spielt die Bevölkerungsentwicklung in Bezug auf die Energieversorgung eine eher marginale Rolle. 5.3. Strompotenziale Der Klimaschutz kann nicht nur dadurch umgesetzt werden, dass Energieverbrauch vermieden wird. Auch die Erzeugung von Erneuerbaren Energien leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. In der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) liegt ein Sonderfall vor, da die Gemeinde weitaus mehr Strom aus Erneuerbaren Energieträgern in die Netze einspeist als sie tatsächlich benötigt. Die Differenz beträgt nahezu 500%, was die Gemeinde zu einem Spitzenreiter der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Bundesvergleich macht. 5.3.1. Erzeugung Wie in Kapitel 4.1 bereits erwähnt, ist die Windkraftnutzung in der Gemeinde bereits auf sehr hohem Niveau. Im Folgenden werden die Nutzungspotenziale je erneuerbarer Energiequelle detailliert untersucht. Abbildung 11 zeigt das enorm hohe Potenzial der Einheitsgemeinde Stadt Kalbe (Milde) im Bereich Windenergie. Der Strombedarf könnte aber ab 2035 bilanziell auch schon durch die Stromerzeugung von Photovoltaik-Anlagen gedeckt werden. 32