Prof. Dr. Thomas Rüfner

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Transkript:

Vorlesung am 8. Februar 2013 Erbrecht I: Grundlagen und Gesetzliche Erbfolge Prof. Dr. Thomas Rüfner Materialien im Internet: ius-romanum.uni-trier.de/index.php?id=47003

Überblick zum Erbrecht Prüfungsstoff sind aus dem Erbrecht folgende Gebiete im Überblick: a) Erbfolge, b) Annahme und Ausschlagung der Erbschaft, c) Erbengemeinschaft, d) Testament, Erbvertrag und Pflichtteil ( 2064 bis 2338 BGB), e) Erbschein. Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 2

Erbfolge Gesetzliche ( 1922 ff. BGB) oder gewillkürte ( 2064 ff. BGB). Grundsatz der Gesamtrechtsnachfolge: Mit dem Erbfall gehen alle Rechte ( 1922 BGB) und Pflichten ( 1967 BGB) auf den Erben über. Vgl. auch 857 BGB für den Besitz. Möglichkeiten zum Ausschluss oder zur Beschränkung der Erbenhaftung: Ausschlagung ( 1942 ff. BGB). 1975 ff. BGB Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 3

Annahme und Ausschlagung der Erbschaft Grundsatz: Automatische Rechtsnachfolge des Erben. Kein Antritt und keine Annahme der Erbschaft erforderlich ( 1942 Abs. 1 BGB). Ausdrückliche oder konkludente Annahmeerklärung beendet die Frist zur Ausschlagung vorzeitig. Ausschlagung führt zur Fiktion, die Erbschaft sei nie erworben worden ( 1953 Abs. 1 BGB). Erbschaft fällt dem testamentarischen Ersatzerben oder dem nächstberufenen gesetzlichen Erben an. Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 4

Die Anfechtung von Annahme und Ausschlagung Annahme, Ausschlagung und Verstreichenlassen der Ausschlagungsfrist (= konkludente Annahme, vgl. 1956 BGB) sind anfechtbare Rechtsgeschäfte. Anfechtung nach 119 Abs. 2 BGB bei Irrtum über Umfang des Nachlasses oder der Schulden. Anfechtung nach 119 Abs. 1 (analog) bei fehlendem Erklärungsbewusstsein. 119 Abs. 1 BGB bei Rechtsfolgenirrtum? Außerdem: Anfechtung nach 2308 BGB möglich. Bei Irrtum über den Berufungsgrund: Annahme unwirksam nach 1949 BGB. Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 5

Rechtslage bis zur Annahme der Erbschaft Schwebezustand Keine Möglichkeit zur Geltendmachung von Forderungen gegen den Nachlass, 1958 BGB. Vollstreckung in den Nachlass möglich, sofern sie schon zu Lebzeiten des Erblassers begonnen hatte (sonst scheitert die Titelumschreibung nach 727 ZPO an 1958 BGB). Erbe ist Berechtigter. Falls er später ausschlägt, fällt die Berechtigung weg. Auf Verfügungen des vorläufigen Erben sind 892, 932 anzuwenden. Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 6

Die gesetzliche Erbfolge Grundsätze: Parentelsystem: Erbfolge der Verwandten nach Ordnungen: Es erben Abkömmlinge (= Kinder, Enkel etc.). Dann die Eltern und deren Abkömmlinge (= Geschwister, Neffen, Nichten etc.). Dann die Urgroßeltern und deren Abkömmlinge usw. Stammessystem: Abkömmlinge treten an die Stelle der zuerst Berufenen. Wenn die Eltern des Erblassers nicht mehr leben, erben der Kinder (d.h. die Geschwister es Erblassers) etc., 1924 Abs. 3, 1925 Abs. 3, 1926 Abs. 3 BGB. Repräsentationssystem Nähere Verwandte schließen ihre Abkömmlinge aus, 1924 Abs. 2, 1925 Abs. 3, 1926 Abs. 5 BGB. Ab der vierten Ordnung: Gradsystem. Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 7

Fall (vgl. BGH, NJW 2011, 1878) G erklärt in seinem Testament, sein Sohn V habe zu seinen Lasten über 100.000,- unterschlagen. Daher enterbe er ihn und entziehe ihm auch den Pflichtteil. Alleinerbe solle E1, der älteste Sohn des V sein. E2, der jüngere Bruder von E1 verlangt den Pflichtteil. Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 8

Lösung Anspruch E2 E1 aus 2303 Abs. 1 BGB auf ¼ des Wertes des Nachlasses. E2 als gesetzlicher Erbe? Nach 1924 Abs. 2 BGB wird E2 (wie auch E1) durch V von der gesetzlichen Erbfolge ausgeschlossen. Eine Vorversterbensfiktion wie 1953 Abs. 2 BGB, 2344 Abs. 2 BGB und 2346 Abs. 1 S. 2 BGB existiert für den Fall der Enterbung nicht. Aber: Die Entstehungsgeschichte zeigt, dass der Gesetzgeber sachlich eine entsprechende Regelung wie im Fall von Ausschlagung, Erbunwürdigkeit und Erbverzicht wollte: Durch die Enterbung tritt der entferntere Abkömmling in die Stellung als gesetzlicher Erbe ein. Dass nicht beide zugleic h pflichtteilsberechtigt sind, folgt aus 2309 BGB. Da dem V der Pflichtteil wirksam entzogen ist, schließt er E2 nicht vom Pflichtteilsrecht aus. Ergebnis: E2 kann den Pflichtteil verlangen. 2310 BGB ist (entgegen seinem Wortlaut) nicht anzuwenden! Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 9

Das gesetzliche Erbrecht des Ehegatten 1371 und 1931 BGB wurden bereits behandelt! Wählt der Ehegatte den Zugewinnausgleich nach 1378 BGB und den kleinen Pflichtteil, so muss die Zugewinnforderung vor Berechnung des Pflichtteils vom Nachlass abgezogen werden. Bsp.: Familie mit 1 Kind. Endvermögen = Zugewinn des Verstobenen = 100.000,-. Kein Zugewinn des anderen Gatten. Zugewinnforderung: 50.000,-. Kleiner Pflichtteil: 50.000,- / 8 = 6.250,-. Berechnungsprobleme im Fall der 1931 Abs. 1 S. 2, 1926 Abs. 3 BGB. Bsp.: Nächste Angehörige sind Ehegatte, Großvater und Tante. Nach 1931 Abs. 1 S. 1 BGB erhält Ehegatte ½ der Erbschaft, nach 1926 Abs. 1 S. 2 ivm 1926 Abs. 3 ein weiteres Viertel. H. M.: Zunächst wird der Erbteil des Ehegatten nach 1371 um ein Viertel erhöht, dann wird das verbleibende Viertel zw. Großvater und Ehegatte geteilt. Damit erhält der Ehegatte 7/8 und der Großvater 1/8. Rechnet man anders, dann erhält der Ehegatte zunächst ½ nach 1931 Abs. 1 S. 1, dann ¼ nach 1931 Abs. 1 S. 2 und schließlich ¼ nach 1371 BGB; damit wäre er Alleinerbe! Prof. Dr. Th. Rüfner Winter 2012/13 10

Vorlesung am 11. Februar 2013 Erbrecht II: Testamentarische Erbfolge Prof. Dr. Thomas Rüfner Materialien im Internet: ius-romanum.uni-trier.de/index.php?id=47003