AUF DEM WEG #22 STROM IM TANK #26 NEUE BATTERIEN Wer flüstert, der siegt Bei Trainingsfahrten lässt die Münch TTE-2 Motorräder mit Verbrennungsmotor regelmäßig hinter sich. Sie gilt als schnellstes Elektromotorrad der Welt. Bei einem Rennen in Ungarn zeigt die Maschine nun unter ihresgleichen, was in ihr steckt. 22 TÜV SÜD Journal
Bleibt der Asphalt trocken? Ein letzter Blick hoch zu den Wolken. Ein Handschlag unter Teamkollegen. Dann fahren Katja Poensgen und Matthias Himmelmann von Münch Racing auf ihren Elektromotorrädern um den Sieg. Text & Fotos: Timour Chafik Kurz vor dem Rennen greift der Weltmeister zu»apothekers Original Pferdesalbe«, schmiert sich eine walnussgroße Menge erst in den Nacken, dann auf die Oberarme, schließlich auf die Waden. Box 27 am Hungaroring riecht jetzt nach Latschenkiefer. Ein kleines Ritual vor dem Lauf, genauso wie der eigens dafür angerührte Isodrink.»Der geht direkt in die Zellen«, sagt Matthias Himmelmann und stochert mit einem umgedrehten Filzstift in der orangebraunen Flüssigkeit. Später, bei 220 km/h, sei sein Puls auf 180. Da sei es ganz hilfreich, wenn der Körper noch ein paar Energiereserven hat. Matthias Himmelmann stämmig, braun gebrannt, gut gelaunt ist Top- Fahrer des Münch Racing Teams. Er ist Weltmeister in der TTXGP-Serie, eine Art Worldcup für Elektromotorräder, und Titelverteidiger der FIM-ePower- Meisterschaft. Sein Teamchef nennt ihn einen»adrenalinstrotzenden Kämpfer, aber trotzdem besonnen«. Himmelmann will gewinnen. Heute aber hilft alles nichts: keine Besonnenheit, keine Salbe, kein Isodrink. Himmelmann schafft das zweite Rennen der FIMePower-Championship-Serie in Ungarn nicht. In Runde drei kommt er mit seiner Münch TTE-2 kurz hinter TÜV SÜD Journal 23
der langen Geraden zum Stehen.»Electrical Problems«, ruft er den Streckenposten zu, und die anderen beiden Starter ziehen an ihm vorbei. Nicht etwa die 350-Volt- Hightechbatterie für den Motor hat schlapp gemacht, sondern ausgerechnet die 12-Volt- Bordbatterie, eine, die in jedem Baumarkt zu bekommen ist. Ein Starterfeld mit drei Fahrern das ist überschaubar und liegt daran, dass vielen Fahrern die wenige Tage zuvor gefahrene legendäre»tourist Trophy«auf der Isle of Man noch in den Knochen und Maschinen steckt. Münch hingegen trumpft in Ungarn gleich doppelt auf: An der Seite von Himmelmann fährt seit Frühjahr dieses Jahres Katja Poensgen. Während der Weltmeister sich 50 km Reichweite schafft die Münch TTE-2 mit einer Batterieladung. Im Straßenverkehr käme sie etwa 200 km weit. Matthias Himmelmann (links) ist Weltmeister in der TTXGP-Serie, dem Worldcup für Elektromotorräder. Beim Rennen auf dem Hungaroring siegte allerdings seine Teamkollegin Katja Poensgen (rechts), die unter der Nummer 65 ebenfalls mit einer Münch TTE-2 an den Start ging. einsalbt, spielt sie mit ihrer Tochter»Vier gewinnt«. Das Spiel verliert sie, das Rennen am Hungaroring nicht. Eine gehörige Portion Pioniergeist Die Würzburger Motorradschmiede Münch hat mit der Mammut 2000 das bis heute stärkste Serienmotorrad der Welt auf die Straße gebracht. Und jetzt also E-Mobilität, vom stärksten Verbrenner zum schnellsten Elektromotorrad. Wer wissen will, was die Mammut-Macher an den strombetriebenen Zweirädern fasziniert, muss Thomas Petsch fragen, Maschinenbauingenieur, Unternehmer und Teamchef von Himmelmann und Poensgen. Petsch kaufte 1997 die Marke Münch, von der er schon als Kind geträumt hat. Jetzt nennt er sie sein Eigen und mischt sie mit einer gehörigen Portion Pioniergeist.»Der E-Mobilität gehört die Zukunft«, sagt er.»außerdem macht es mir Spaß, das Thema voranzutreiben, weil man das auch als kleines Team kann. Dafür muss man kein großer Hersteller sein.«mit ihrer Münch TTE-2 80 kw Leistung, 12.700 Umdrehungen pro Minute, 210 Kilo schwer, 220 bis 240 km/h schnell sorgt das Team um Petsch, Poensgen und Himmelmann regelmäßig für Überraschungen. Die erste: Da ist kein Röhren, sind keine Schaltgeräusche, kein ohrenbetäubender Lärm. Der Druck, der einem an der Rennstrecke durch Mark und Bein geht, wenn das Feld vorbeizieht, fehlt. Stattdessen ein Surren.»Wie die imperialen Truppen mit ihren Düsenschlitten in Star Wars so hört sich das an«, sagt Thomas Schuricht, der technische Kopf des Teams.»Unser Sound hat mittlerweile eine richtige Fangemeinde.«Strom wegnehmen statt Gas geben Was sonst noch anders ist? Elektromotorräder kommen ohne Getriebe und Kupplung aus.»es ist sofort und durchgehend ein Drehmoment da. Die Maschinen beschleunigen schnell. Und nimmt man den Strom weg, bremst der Motor nicht, sondern rollt fast ohne Geschwindigkeitsverlust weiter«, 24 TÜV SÜD Journal
Zweieinhalb Jahre dauerte die Entwicklung der Münch TTE-2. Mehr als 500.000 Euro hat Firmeninhaber Thomas Petsch während dieser Zeit in das Elektromotorrad investiert. erklärt Schuricht.»Eine solche Rollphase von etwa 500 Metern, in der wir keine Energie verbrauchen und sich die Akkus erholen können, nutzen wir bei Rennen vor Kurven.«Fahrer von Verbrennern hingegen geben bis zuletzt Gas, wechseln Gänge und erzeugen dadurch Lastwechselstörungen, die das Motorrad unruhig machen.»wir schalten nicht, daher ist die Straßenlage sehr harmonisch und das Fahren viel ruhiger.«das klingt ein bisschen nach Carrera-Bahn: Wer bis in die Kurve hinein Gas gibt, fliegt aus der Spur. In die Maschine reinhören»wir haben fassungslose klassische Rennfahrer nach den Trainings erlebt, die konnten es nicht glauben, dass wir schneller waren als sie mit ihren Verbrennern«, sagt Matthias Himmelmann. Das elektrische Fahren sei eben ganz anders: Zurückhaltung und ein anderes Timing müsse man lernen, viel mehr in das Motorrad reinhören, mit der Energie haushalten.»du merkst es, wenn der Akku langsam schwächer wird, dann beschleunigt die Maschine nicht mehr so gut aus den Kurven raus.«aber alles Reinhören hilft gerade nichts: Himmelmann steht auf der Strecke. Teamkollegin Katja Poensgen zieht an ihm vorbei, dreht ihre acht Runden, gewinnt sicher. Wäre Himmelmann durchgekommen, hätten alle drei Starter auf die Siegertreppe gedurft.»uns wäre die Herausforderung auch lieber, statt bloß zu dritt mit mehr Konkurrenten an den Start zu gehen«, sagt Thomas Schuricht,»denn gerade wenn du immer vorne fährst und wir fahren nun einmal konkurrenzlos in den Rennen gerätst du in eine Routine, in einen Trott, und dann passieren die blödesten Fehler«. Jetzt steht der Weltmeister unten und riecht nach Latschenkiefer, die Teamkollegin holt ihre Tochter hoch aufs Siegertreppchen. So sind es doch noch drei auf dem Podest. Mehr Infos zum Thema Elektromobilität: www.tuev-sued.de/e-mobility Grünes Kraftpaket: die Münch TTE-2 Würde man die Energie, die der TTE-2 aus ihren 680 Akkuzellen zur Verfügung steht, in die Verbrennerwelt umrechnen, käme man auf nur rund 1,5 Liter Benzin. Der Drehstrommotor der Münch-Maschine aber nutzt diese Power mit einem Wirkungsgrad von mehr als 90 Prozent. Vier Stunden Ladezeit braucht der Lithium-Polymer-Akku, um seine Leistung von 80 kw voll entfalten zu können.»die können wir natürlich nicht über die gesamte Renndistanz hochhalten«, sagt Technikleiter Thomas Schuricht.»Wir müssen so fahren, als hätten wir vergessen zu tanken und wollten trotzdem das Ziel erreichen.«apropos Ziel: Für die kommenden Rennen ist geplant, ein Windrad zur Stromversorgung der TTE-2 an der Münch- Box aufzubauen. Grüner geht Motorradrennen derzeit wirklich nicht. TÜV SÜD Journal 25