Beitrag: Alt, krank und teuer Wird Gesundheit unbezahlbar?

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1 Manuskript Beitrag: Alt, krank und teuer Wird Gesundheit unbezahlbar? Sendung vom 17. September 2013 von Jörg Göbel und Christian Rohde Anmoderation: Wahlkampf-Formeln hagelt es immer auch dann, wenn es ums Gesundheitswesen geht. Mehr Wettbewerb wollen die einen, mehr Solidarität die anderen. Doch was bei den letzten Reformen rauskam, hat unverträgliche Nebenwirkungen für Krankenversicherte: Zusatzbeiträge, Fallpauschalen, Risikostrukturausgleich. Und über die wachsende Zahl alter Patienten wird kaum geredet. Wie wir die in Zukunft finanzieren, da will sich niemand bekennen: Mit immer mehr Geld? Oder eben weniger Leistungen. Da ist sie wieder - die schlimme Frage: Wer kriegt dann noch ein Hüftgelenk? Jörg Göbel und Christian Rohde. Text: Garmisch-Partenkirchen, Klinik für Gelenkersatz. Jeden Morgen um halb sieben beginnt hier die OP-Schicht für Kniegelenke und Hüften. Erste Patientin heute: Eine 93-Jährige bekommt zum zweiten Mal ein neues Hüftgelenk. Routine für Dr. Christian Fulghum und sein Team. O-Ton Dr. Christian Fulghum, Chefarzt endogap Klinik für Gelenkersatz: Auf der einen Seite werden die Menschen immer älter und auch die Medizin sorgt dafür, dass die Menschen immer älter werden. Aber es geht ja nicht um die reinen Jahre, sondern um das Lebenswerte. Und wenn das Leben eben nicht mehr lebenswert ist, wenn es weh tut und wenn der Schmerz zu stark wird und wir eine Methode haben,das zu ändern, dann muss man die auch anwenden können. Allein in dieser Klinik setzen die Ärzte pro Jahr 2300 neue Gelenke ein. Zwischen und Euro kostet eine Knieoder Hüft-OP. Das muss die Krankenversicherung zahlen, wenn ein Arzt den Eingriff für nötig hält.

2 O-Ton Dr. Christian Fulghum, Chefarzt endogap Klinik für Gelenkersatz: Wir werden hohe Kosten für Medizin im Alter haben. Und damit müssen wir uns einfach abfinden. Und die Kosten werden sicher nicht geringer werden. Die Zahlen sind eindeutig. In fünf Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Die Alterspyramide ändert sich dramatisch - mit schwerwiegenden Folgen für die gesetzliche Krankenversicherung. Denn wenn all diese Menschen nicht mehr arbeiten, zahlen sie auch viel weniger in die Kassen ein. Gleichzeitig kosten immer mehr Alte immer mehr Geld. Kurz nach der Geburt gehen die Gesundheitskosten nach unten. Aber mit dem Alter steigen sie kontinuierlich an. Richtig teuer wird es ab dem Renteneintritt. Da helfen auch die aktuellen Kassenüberschüsse nichts. O-Ton Thomas Drabinski, Institut für Mikrodaten-Analyse, Kiel: Die Gesellschaft ist schon längst in der Demografiefalle angekommen. Es geht um die heute 43- bis 60-Jährigen. Und es geht darum, wie für diese Personen in 20, 30, 40 Jahren die Versorgung sichergestellt werden kann. Und das kann man in der Tat nur dann sicherstellen, wenn heute Geld genommen wird und für die Versorgung in 20, 30, 40 Jahren angelegt wird. Bisher hat die Politik das Problem steigender Gesundheitskosten weitgehend verdrängt beschloss die Große Koalition den Gesundheitsfonds mit Einheitsbeitrag und Zusatzprämie. Bis heute Regierungspolitik. Dabei weiß Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr: Die Zusatzprämie setzt die Kassen enorm unter Druck. Der Grund: Wer die Prämie verlangt, verliert massiv Mitglieder. O-Ton Prof. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender DAK Gesundheit: Unser einziger gesetzlich vorgegebener Anreiz ist: Wie vermeide ich eine Zusatzprämie. Weil wir wissen alle: Dann verlassen junge Gesunde die Kassen. Und deshalb ist diese Fokussierung ein Akt von Risikoselektion. Es geht nämlich zu Lasten der guten Versorgung für Kranke. Und das sollten wir uns im Sozialversicherungssystem nicht leisten. Doch genau das passiert. Frontal21 hatte mehrfach berichtet: Kassen versuchen teure Patienten mit allen Mitteln loszuwerden. Wie zum Beispiel die 5-jährige Romy. Seit Ihrer Geburt muss sie künstlich beatmet werden. Ihre Pflegeeltern müssen immer

3 wieder mit der Krankenkasse kämpfen - um lebensnotwendige Medikamente, Heil- und Hilfsmittel. O-Ton Simone Köhler, gesetzlich versichert: Das eine Mal, da hat man uns eben die Beatmungsschläuche nicht mehr bewilligt. So dass ich dann am Ende gesagt habe: Ja, was erwarten Sie jetzt von mir, soll ich sie jetzt mit einem Strohhalm beatmen? Doch damit nicht genug. Per Telefon wird die Familie unter Druck gesetzt. Immer wieder ist die Rede von hohen Kosten. O-Ton Ingo Köhler, gesetzlich versichert: Die Gespräche waren einfach so, dass man immer das Gefühl hatte, möglichst schnell die Romy aus der Krankenkasse raus. Dann sind wir fein raus also als Krankenkasse - und wir haben mit uns dann nichts mehr zu tun. Auch Merry Wimmer hat den gestiegenen Kostendruck der gesetzlichen Krankenkassen zu spüren bekommen. Die fast blinde Frau wurde wie viele andere von ihrer Kasse zur Kündigung gedrängt. O-Ton Merry Wimmer, gesetzlich versichert: Ich fand das eigentlich empörend. Ich bin da seit über 40 Jahre in der Krankenkasse und denn will man mich da auf so eine billige Art und Weise herauskatapultieren. Mit welcher Begründung denn überhaupt? Man kommt sich irgendwie abgeschoben vor. Vor kurzem hat das Bundesversicherungsamt die Recherchen von Frontal21 bestätigt. In seinem Jahresbericht 2012 verurteilt die Aufsichtsbehörde die Risikoselektion bei Versicherten. Damit verstoßen die Krankenkassen gegen das Diskriminierungsverbot. So ein Geschäftsgebaren ist rechtswidrig. O-Ton Prof. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender DAK Gesundheit: Risikoselektion gehört verboten. Risikoselektion darf es nicht geben, man muss sich schämen, wenn es so etwas gibt. Da kann ich nur appellieren. Die Chance ist gut in der Bundestagswahl, dass alle Parteien sich noch mal überlegen, was man hier im System angerichtet hat. Wir fragen nach zuerst den Gesundheitsminister von der FDP. Der beharrt auf den Zusatzbeiträgen. O-Ton Daniel Bahr, FDP, Bundesgesundheitsminister: Wenn steigende Kosten im Gesundheitswesen in den

4 nächsten Jahren kommen, ist ja das Modell der sozial ausgeglichenen Zusatzbeiträge aus Steuermitteln, wo alle beteiligt werden, ist der Sozialausgleich finanziert und die Versicherte können vergleichen in Euro und Cent, was sie ihre Krankenkasse kostet und was sie dafür leistet. Das ist gut. Und so geben die Krankenkassen den Kostendruck an ihre Versicherten weiter mit den bekannten Folgen. Die Union, der Koalitionspartner, wird schon deutlicher, bei zukünftigen Belastungen der Bürger. O-Ton Jens Spahn, CDU, Gesundheitspolitischer Sprecher: Eins ist klar, die Ausgaben für Gesundheit und Pflege werden steigen. Es wird auch einen höheren Anteil sicher vom Bruttoinlandsprodukt, von der Wertschöpfung insgesamt in Deutschland brauchen in 10 oder 20 Jahren für Gesundheit. Und dann können wir drüber streiten, wie finanzieren wir es: über Beiträge, über Steuern über Prämien. Das ist der politische Streit, aber ich finde die ehrliche Botschaft der Politik ist und alles andere wäre schön gerechnet es wird teurer! Wo das Geld genau herkommen soll, bleibt vage. Die SPD macht klar: sie will mehr Steuern fürs Gesundheitssystem. O-Ton Prof. Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitischer Sprecher: Wieso sollen nur die Arbeitnehmer und die Rentner für das Gesundheitssystem bezahlen? Wieso nicht auch die wirklich gut Verdienenden und diejenigen, die von Kapital leben. Das ist bei uns vorgesehen. Wir wollen eine weitere Säule neben Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die Steuersäule wollen wir aufbauen. Dann ist mehr Geld zur Verfügung, das ist auch gerechter. Also Gesundheitspolitik nach Kassenlage - abhängig von der Wirtschaftsleistung. Die Grünen setzen voll auf die Bürgerversicherung, als Pflicht für alle. O-Ton Biggi Bender, B 90/Grüne, Gesundheitspolitische Sprecherin: Ich wüsste kein besseres System, als dass wir diese Umlagefinanzierung machen, wo jung für alt, gesund für krank und besser verdienend für weniger verdienend zahlt. Schwer vorstellbar, dass die Beiträge da nicht massiv steigen in

5 einer immer älter werdenden Gesellschaft. So unterschiedlich die Konzepte der Parteien. Eins eint alle: Mehr Geld soll ins Gesundheitssystem woher auch immer. Über nachhaltiges Sparen redet im Wahlkampf niemand. Und über Leistungskürzungen schon gar nicht. O-Ton Thomas Drabinski, Institut für Mikrodaten-Analyse, Kiel: Die Politik hat zwei Optionen: Entweder sie realisiert ein System, wo heute gespart wird für die Versorgung von morgen, oder wir beginnen heute mit der Diskussion, wie die Leistungen morgen rationiert werden müssen. Weil das Versorgungsniveau, das wir heute kennen, wird für die geburtenstarken Jahrgänge niemals bereit gestellt werden können und finanzierbar sein. Wenn nichts passiert ist es keine Frage mehr, ob das System zusammenbricht sondern nur noch wann. Abmoderation: Die gesundheitspolitischen Sprecher der Parteien sind übrigens weitgehend privat versichert. Von der Linken bis zur CDU. Das ergab unsere kleine Krankenversicherungsumfrage unter Bundestagsabgeordneten. Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen Wiedergaben benutzt werden. Die in den Beiträgen dargestellten Sachverhalte entsprechen dem Stand des jeweiligen Sendetermins.

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