3/13. management. Wissenschafts. Zeitschrift für Innovation. Wissenschaftsmanagement crossmedial Diskussion: Best Experts Enterprising Science

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1 G Jahrgang Heft 3 Mai/Juni 2013 Einzelpreis: 19,80 ISSN /13 Wissenschafts management Zeitschrift für Innovation Schwerpunkt Cloud Computing Virtualisierung der Wissenschaft Die Sicht des Anwenders Die Sicht des Anbieters Wissenschaftsmanagement crossmedial Diskussion: Best Experts Enterprising Science Innovationsmanagement Neue Ideen managen Internationalisierung Wissenschaftsmanager erfahren Europa Mitarbeiterführung Minderleistung in Wissenschaft und Forschung

2 PUBLICATION DATE: OCTOBER 2013 Science Carl G. Amrhein & Britta Baron (Editors) Building Success in a Global University Government and Academia Redefine Worldwide the Relationship Major insights from Australia, Brazil, Canada, China, Germany, India, United Kingdom and United States Delivery in October 2013 paperback, 300 pages, 52,00 ISBN Subscription price minus 15 % if you order until 31/08/13 How to build success? By learning from a close com- parative analysis with others. The goal of this collection is to trigger discussion. These articles are written for well-informed individuals, but not necessarily for experts in the administration of higher education. Since most academic leaders are not experts in the theory of higher education, they should find this material accessible. While there are extensive references in some of the pieces, you do not need to have read the supporting material to understand what is being presented. Authors: Carl. G. Amrhein, Editor, Provost and Vice-President (Academia), University of Alberta, Edmonton, Canada Nigel Thrift, Vice-Chancellor and President, University of Warwick, United Kingdom Jayanti Ravi, Commissioner, Technical Education, Government of Gujarat, India Jorge Almeida Guimarães, CAPES the Brazilian Agency for Support and Evaluation of Graduate Education Maode Lai, President, China Pharmaceutical University, Nanjing Wilhelm Krull, Secretary General, Volkswagen Foundation, Hannover, Germany Paul Davidson, President, AUCC Association of Universities and Colleges of Canada, Ottawa, Ontario Jürgen Mlynek, President, Helmholtz Association of German Research Centers, Berlin, Germany Pekka Sinervo, Vice-President, Research, CIFAR Canadian Institute for Advanced Research and University of Toronto And many more. Lemmens Medien

3 editorial 3 Clouds: Kosten sparen und Effizienz steigern? 19. Jahrgang Heft 3 Mai/Juni 2013 Einzelpreis: 19,80 D Cloud-Computing ist ein technologisches Konzept, bei dem Anwender benötigte IT-Ressourcen nicht selbst bereitstellen, sondern sie von einem spezialisierten, unter Umständen weit entfernt ansässigen Anbieter beziehen. Im Allgemeinen wird es als der neueste Schrei wahrgenommen, aber faktisch existiert es schon lange: Die Mehrzahl der für Suchmaschinen-Dienste erforderlichen Server standen und stehen wohl seit Beginn des Internetzeitalters in Kalifornien, USA, und bündeln Anfragen von Nutzern aus aller Welt, denen die Suchergebnisse zurückgespielt werden. Im hochschulischen Umfeld kann Höchstleistungsrechnen als Beispiel für seit langem praktiziertes Cloud-Computing dienen. Hochschulintern wird über die Cloud-Nutzung im Zusammenhang mit zentral oder dezentral bereitzustellenden IT-Infrastrukturen nachgedacht. Triebfeder des Cloud-Computings ist die Reduktion der Anschaffungs-, Erneuerungs- und Betriebskosten durch einen überlegen effizienten Ressourceneinsatz. Für das Cloud-Computing sind drei Servicemodelle gängig: Infrastructure as a Service (IaaS) gewährt Zugriff auf IT-Infrastrukturkomponenten wie Rechner- oder Speichersysteme. Platform as a Service (PaaS) hingegen stellt zum Beispiel ein Datenbank Management System zur Verfügung. Schließlich bietet Software as a Service (SaaS) als dritte Variante Software-Installationen ohne nutzerseitige Verantwortung für Administration und Wartung. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal sind Liefermodelle von Clouds: In einer Public Cloud stellen externe Anbieter die Services in einem öffentlichen Raum über das Internet zur Verfügung, während in einer Private Cloud die Services ausschließlich innerhalb einer Organisation angeboten werden. Die Hybrid Cloud wiederum bietet kombinierbare Services aus der Public und Private Cloud, während die Community Cloud Services lediglich einem begrenzten Nutzerkreis zur Verfügung stellt (z.b. einem Verbund mehrerer Hochschulen wie aktuell in Thüringen konzipiert). Das Wissenschaftsmanagement muss sich mit Cloud-Computing beschäftigen, denn es geht um Kostenkalküle. Von Community Clouds beispielsweise versprechen sich viele Wissenschaftseinrichtungen Wirtschaftlichkeitsvorteile. Die Technologien dafür stehen zur Verfügung, erwähnt seien exemplarisch der DFN-OnlineSpeicher oder GWDG Cloud Share. Genauso geht es aber auch um die Frage, wie eine Wissenschaftseinrichtung eine kohärente Cloud-Strategie gewährleisten kann, wenn es für die einzelnen Wissenschaftler verlockend ist, autonom Public-Cloud-Angebote wie beispielsweise Amazons EC2 oder auch nur DropBox zu nutzen. Die Datensicherheit wäre in diesem Zusammenhang zu prüfen und zu gewährleisten und auch die datenschutzrechtliche Perspektive erlangt wesentliche Bedeutung, falls dabei personenbezogene Daten verarbeitet würden. Wahl und Ausgestaltung geeigneter Service- und Liefermodelle, unter den Kriterien der Betriebswirtschaft, der Datensicherheit sowie des Datenschutzes, werden zum entscheidenden Erfolgsfaktor für Cloud-Computing. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe widmet sich daher den Fragen dieser Technologien. news & facts 4 personalia 9 wissenschaftsmanagerin Nachgefragt 10 bei Stefanie-Joana Tenne, Projektmanagerin an der RWTH Aachen aktuelle diskussion 12 Citizen Science Schwerpunkt Cloud Computing Virtualisierung der Wissenschaft 14 Die Sicht des Anwenders 18 Die Sicht des Anbieters 22 Wissenschaftsmanagement crossmedial 26 Best Experts Enterprising Science management Innovationsmanagement 28 Neue Ideen managen Internationalisierung 32 Wissenschaftsmanager erfahren Europa Mitarbeiterführung 35 Minderleistung in Wissenschaft und Forschung weiterbildung Aktueller Begriff 42 Mentoring in Wissenschaftsorganisationen buchbesprechung Jörg Rech 44 Studienerfolg ausländischer Studierender Rolf Kaestner, Steffen Koolmann, Thor Möller (Hrsg.) 45 Projektmanagement im Not for Profit-Sektor Buchmarkt 46 Frank Ziegele Impressum 46

4 4 news & facts Global University Geschäftsmodelle im Wettstreit Lehr- und Forschungsangebote westlicher Staaten erhalten Konkurrenz aus Schwellenländern die wie beispielsweise in den Vereinigten Staaten und Großbritannien wesentliche Finanzierungsbeiträge von ihren internationalen Studierenden erhalten, müssen auf ihre Zukunftsfähigkeit hin überprüft werden. Die AUCC Association of Universities and Colleges of Canada hat gemeinsam mit der kanadischen University of Alberta, Edmonton, das Thema aufgenommen. In der kanadischen Hauptstadt kamen über 100 weltweite Experten aus verschiedenen Universitätssystemen zusammen. Die Globalisierung erfasst die Wissenschaftssysteme. In Kanada diskutieren Experten aus aller Welt, wie Hochschulen auch in Zukunft erfolgreich sein können. Foto: S. Hofschlaeger/pixelio OTTAWA. Die bisherigen Geschäftsmodelle führender westlicher Universitätssysteme müssen neu ausgerichtet werden. China beispielsweise wird seine Praxis nicht dauerhaft betreiben, eine Großzahl junger Menschen an westlichen Universitäten ausbilden zu lassen, davon ist Drummond Bone, Master am Balliol College der Universität Oxford überzeugt. Preisgünstigere Alternativen werde es in China geben. Denn die sozialen Lasten eines Auslandsstudiums gerieten in Staaten der BRIC- Gruppe zunehmend in den Mittelpunkt der akademischen Diskussion. Bone zeigte jetzt in Ottawa auf, dass auf den internationalen Hochschulmärkten ähnliche Tendenzen zu beobachten seien, wie es die Weltwirtschaft kennte. Die Kunden werden prüfen, ob sie nicht Abschlüsse und Qualifikationen preisgünstiger und risikoloser bekommen, das heißt, verstärkt in ihren Heimatländern. Die Analyse aus angelsächsischer Richtung bestätigt die Meinung vieler, die sich zum Thema Global University Gedanken über die Herausforderungen und Chancen machen. Die Angebote etablierter Hochschulsysteme, Wohin geht es künftig? Das war die Ausgangsfrage, die von Australien über Brasilien, China, Deutschland, die USA bis nach Indien gestellt wird. Indira Samarasekera, Präsidentin der University of Alberta, spricht sich dafür aus, Lehre- und Forschung auch in der global agierenden Universität der Zukunft zusammenzuhalten. Dennoch ist klar: Wir können nicht mehr geradeaus den bisherigen Weg gehen, während sich die Welt ringsum verändert. Neue Anbieter entstünden Indien und China seien nicht mehr nur entsendende Staaten. Aus diesen Ländern kommen eigenständige Ausbildungsangebote und Innovationen, ergänzt Joseph Aoun, Präsident der Northeastern University, USA. Er ist sich sicher: Lehre und Forschung wird es auch zu günstigeren Konditionen in Ländern außerhalb der westlichen Staaten geben. Er spricht von den reversen Innovationen, die aus Entwicklungs- und Schwellenländern kommen und zu niedrigeren Preisen auch in Entwickelten Ländern angeboten werden. Aoun: Ein chinesischer Campus, der in England, Malaysia und Indien startet, wird keine Seltenheit sein. Kosten für Lehre und Forschung, der Zugang zu Ressourcen und Informationen

5 news & facts 5 würden von Anbietern aus Brasilien, Indien und China künftig offensiv in Frage gestellt. Diese Länder sind zum Teil bereits oder werden, so Aoun weiter, in absehbarer Zeit konkurrenzfähige Wettbewerber. Eine globale Universität steht deshalb nach Darstellung der Präsidentin der University of Alberta in einem Spannungsverhältnis: Im Curriculum, im Lehr- und Forschungspersonal und im Leben auf dem Campus seien die Erwartungen international orientierter Studierender zu bedienen. Denn nach ihrer Ausbildung treffen diese Studierenden auf eine globalisierte Arbeitswelt. Samarasekera erklärt weiter: Die kanadischen Universitäten müssen mit einer Freiheit für die Forschung, exzellentem Wissenschaftspersonal, einem schnellen Transfer von neuen Erkenntnissen in die Anwendung und herausragender Lehre ein überzeugendes Angebot formen, das im Wettbewerb besteht. Und der Präsident der kanadischen University of Manitoba, David Barnard, ergänzt: Durch den Druck und die Erwartung der Gesellschaft müssen Universitäten, wollen sie weiterhin bestehen und vorne mitspielen, neue Technologien und Anwendungen bieten, die spürbare Lösungen liefern. Die pragmatische Haltung neuer Anbieter aus den BRIC-Staaten, die universitäre Leistungen am Grad der damit wirtschaftlich und gesellschaftlich lösbaren Probleme bewerten, dürfe nicht übersehen werden. Die Finanzierung ist ein kritischer Punkt. Die Analysen der Experten zeigen, dass in nahezu allen Hochschul- und Forschungssystemen die global agierende Universität einem enormen Druck ausgesetzt ist. Steigende Anforderungen nach internationaler Sichtbarkeit durch erstklassige Forschung, moderne, vielfach online-gestützte Lehre plus neu entwickelter Präsenzformen, bei denen die Studierenden das Erlebnis des persönlichen Austausches neu entdecken, kosten Geld. Zukunftsfähige Quellen fehlen oft. Denn die öffentlichen Haushalte sind rückläufig. So kommen in den USA nur noch 17 Prozent der Mittel für die Hochschulen vom Staat. Großbritannien liegt mit knapp 20 Prozent nicht weit davon entfernt. Und Kanada erlebt gegenwärtig eine harte politische Diskussion, die den Universitäten Budgetkürzungen androhen. Paul Davidson, AUCC-Präsident, sieht in neuen Einnahmemodellen den zentralen Baustein. Die globale Universität, die ihren höheren Anteil internationaler Studierender, weltweit vernetzter Lehrangebote und Forschungskooperationen finanzieren müsse, sei langfristig nur dann erfolgreich, wenn sie Alternativen zum bisherigen Verfahren suche: öffentliches Geld plus Studiengebühren. Ein Problemfeld liegt bei den Studiengebühren. Für ausländische Studierende, die beispielsweise aus China in die USA oder nach Kanada kommen, können die Preise künftig nicht einfach erhöht werden. Denn der Wettbewerb unter den Anbietern setzt hier Grenzen. Vielmehr lägen aus kanadischer Sicht in einer engeren Kooperation mit der Wirtschaft, in einem verbesserten Alumnisystem und auch in Modellen, bei denen frühe Kontakte zwischen Venture Capitalists und kreativen Studierenden durch die Universitäten vermittelt werden, Potenziale, die noch entwickelt werden können. Das deutsche Hochschulsystem zeigt sich zu den anderen in Ottawa besprochen Beispielen vergleichsweise stark. Viele der diagnostizierten Mängel wie etwa eine unterentwickelte Anwendungsorientierung besteht, so attestieren die internationalen Experten, in Deutschland nicht. Die Fachhochschulen einerseits sowie die außeruniversitäre Forschung etwa die der Fraunhofer-Gesellschaft andererseits stünden für den Schulterschluss. Die Exzellenzinitiative zeige, so Jean Peeters, Präsident der Universite de Bretagne, dass sich aus einem wissenschaftlichen Wettbewerb erstklassige Forschung benennen lasse, die international sichtbar sei. In Frankreich wurde eine ähnliche Förderung nach deutschem Vorbild auf den Weg gebracht. Darin sieht auch der Präsident der Universität Bielefeld, Gerhard Sagerer, den Wert: Es gebe in Deutschland ein»die Finanzierung ist ein kritischer Punkt. Die Analysen der Experten zeigen, dass in nahezu allen Hochschul- und Forschungssystemen die global agierende Universität einem enormen Druck ausgesetzt ist. Steigende Anforderungen nach internationaler Sichtbarkeit durch erstklassige Forschung, moderne, vielfach online-gestützte Lehre plus neu entwickelter Präsenzformen, bei denen die Studierenden das Erlebnis des persönlichen Austausches neu entdecken, kosten Geld. Zukunftsfähige Quellen fehlen oft.«wissenschaftlich wettbewerbliches Verfahren, das hervorragende Forschung herausstelle. Damit sei auch in der Forschung Akzeptanz zu erreichen. Dass ein solches Modell wegweisend sein kann, zeigt auch ein weiterer Trend, den die Ottawa-Konferenz bestätigt. Alle Systeme arbeiten daran, eine kleine Gruppe von international leistungsfähigen und sehr forschungsstarken Universitäten zu identifizieren, sagt Margaret Sheil, Provost an der University of Melbourne, Australien. Klar sei, dass dazu in allen Wissenschaftssystemen ein akademisch nachvollziehbares Verfahren und keine top down-entscheidung die richtige Vorgehensweise sei. Markus Lemmens Der Autor ist Geschäftsführender Herausgeber von Wissenschaftsmanagement Zeitschrift für Innovation.

6 6 news & facts Rahmenbedingungen der Wissenschaft Standards für die Welt-Forschung Das Global Research Council kam zu seinem zweiten Treffen nach Deutschland Schranken öffnen: Der Global Research Council fördert und fordert den freien Zugang zu Forschungsergebnissen. Foto: Andreas Morlok/pixelio BERLIN. Die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Ergebnissen und die Abwehr von Forschungsbetrug durch Aufbau einer guten wissenschaftlichen Praxis sind derzeit dominante Themen, die in der internationalen Forscher-Community diskutiert werden. Auf seinem zweiten Treffen fasste der Verbund der nationalen Forschungs- und Förderorganisationen Global Research Council (GRC) Ende Mai in Berlin dazu wegweisende Beschlüsse. Nach Angaben von Peter Strohschneider, dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), gehören dem Rat 70 Orga- nisationen an, die ebenso wie die DFG Mittel für die Forschung in nicht-staatlicher Zuständigkeit und in wissenschaftlicher Selbstorganisation vergeben. Von den insgesamt 1,4 Billionen Dollar, die derzeit weltweit jährlich in Forschung und Entwicklung investiert werden davon zu jeweils einem Drittel in Amerika, Europa und Asien, werden 80 bis 90 Prozent über die Organisationen des GRC bewilligt. Gerade den Nationen, die erst in jüngerer Zeit verstärkt Wissenschaft und Forschung aufbauen, will das Gremium die etablierten Standards des wissenschaftlichen Arbeitens nahebringen. Wissenschaft ist heute globalisiert, aber grundlegende Standards müssen noch weiter verbreitet werden, erklärte Glaucius Oliva, Präsident des Brasilianischen Nationalen Forschungsrates (CNPq), der die Tagung mit der DFG gemeinsam veranstaltete. Die Forschungslandkarte der Erde beginne sich zu verändern, benannte der ehemalige Direktor der National Science Foundation (NSF), Subra Suresh, einen weiteren Grund für die Gründung des GRC. Kein einzelnes Land kann heute alle Wissenschaftsgebiete allein abdecken, was zu stärkerer Kooperation führt, erklärte der US-Forscher. Damit verbunden sei die wachsende Mobilität der Forscher. Zum Thema Open Access, dem freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen, verabschiedete das GRC einen Aktionsplan. Er sieht vor allem drei Handlungsansätze, um Veröffentlichungspraktiken in einzelnen Ländern, aber auch international zu verbessern. Es gehe dabei um Ermutigung, Bewusstseinsbildung und praktische Unterstützung für Open Access. Derzeit werden nach Schätzungen des GRC nur 20 Prozent der Forschungsergebnisse in öffentlich zugänglicher Weise publiziert. Der zweite Debattenstrang galt dem Thema Wissenschaftliche Integrität. Auch hier beschlossen die 70 Delegierten ein Grundsatzpapier. In ihm wird sowohl die Eigenverantwortlichkeit des Forschers für seine korrekt zustande gekommenen Ergebnisse angesprochen, wie ebenso die Pflicht der Förderorganisationen, den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis Geltung zu verschaffen. Beide Dokumente waren seit Herbst 2012 in mehreren Regionalkonferenzen vorbereitet worden. Strohschneider maß der Annahme beider Papiere hohe Bedeutung zu. Die Integrität von Forschung und Open Access sind zwei hochkomplexe Themengebiete mit Auswirkungen für alle Forschungsförder-Organisationen, betonte der DFG-Präsident. Vor diesem Hintergrund sei die Beschlussfassung umso beachtenswerter. Der GRC ist ein freiwilliger, informeller Zusammenschluss von Forschungsfördereinrichtungen, der sich im Mai 2012 in Washington auf Einladung der US-amerikanischen National Science Foundation konstituierte. Das nächste GRC-Jahrestreffen wird 2014 auf Einladung der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking stattfinden. Manfred Ronzheimer Der Autor ist Chefredakteur des Internetportals lemmens-online und lebt in Berlin.

7 NEUERSCHEINUNG Reihe Edition Wissenschaftsmanagement Max Dorando & Ute Symanski (Hrsg.) Leadership in Forschung und Lehre Entwicklung Beispiele Perspektiven 136 Seiten, broschiert 35,00 Euro ISBN Die Vielfalt der Positionen, die mit Führungsund Leitungsaufgaben an Hochschulen verbunden sind, ist beträchtlich. Dies liegt am strukturellen Aufbau von Hochschulen: Hier finden drei sehr unterschiedliche, die Organisation konstituierende Prozesse statt, in denen Führung und Leitung unterschiedlicher Ausprägung nötig sind: Forschung, Lehre und Verwaltung. Vor allem in den Leistungsprozessen Forschung und Lehre fällt es den Leitungspersönlichkeiten nach wie vor schwer, ihre Führungsrollen authentisch und mit einem individuellen, für sie selbst passenden Stil auszufüllen. In anschaulicher Weise vermitteln die Autoren Wissen für die Praxis und für die Praktiker. Die Beiträge sind eine Mischung aus Praxis- und Erfahrungsberichten, aus theoretisch gestützten Grundlagen und begleitender Reflexion. Empfehlungen aus Coaching und Training für die Führungspraxis an Hochschulen werden sowohl von externen Beratern als auch von Hochschulangehörigen dargestellt. Lemmens Medien

8 8 news & facts Netzwerk Service Learning neues Lehren, besseres Lernen Das Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung neut drei Hochschulen als Mitglieder aufnehmen, darunter auch die TU Berlin. Bettina Hohn von der HWR Berlin, die zweite Netzwerk-Sprecherin, schildert die aktuelle Aktivität des Netzwerks so: Ein Schwerpunkt der Netzwerkarbeit besteht derzeit darin, die innovative Lehr- und Lernmethode Service Learning an bundesdeutschen Hochschulen zu verbreiten. Im Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung setzen die Hochschulen ein Zeichen, dass Engagement und Hochschullehre sehr gut zusammen passen. Und sie nutzen die Plattform, um den Austausch über wirkungsvolle Ansätze gesellschaftsorientierten Lernens und Lehrens voranzubringen. Ein neues Netzwerk entsteht, das Verantwortung tragen und Engagement in Lehre und Forschung etablieren möchte.. Foto: Bernd Kasper/pixelio BERLIN. Bei der Tagung Mission Gesellschaft Ende April in Berlin (wir berichteten war es Mit-Initiator und Impulsgeber: das 2009 von sechs deutschen Universitäten und Hochschulen gegründete Netzwerk Bildung durch Verantwortung. Ziel des Netzwerks ist es, das gesellschaftliche Engagement von und an der Hochschule zu fördern und damit die eigene gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und zu dokumentieren. Dabei steht Service Learning, die Kombination aus Studium und ehrenamtlichem Engagement der Studierenden, zunächst im Vordergrund. Der Engagement- Gedanke soll aber mittelfristig auch mit dem Thema Forschung stärker verknüpft werden, um so auch forschungsstarke Hochschulen zu gewinnen so Wolfgang Stark, Universität Duisburg-Essen, einer der beiden Sprecher des Hochschulnetzwerks. Vorbild ist das entsprechende Engagement von Hochschulen in den USA, wo Service Learning fester Bestandteil im Campus-Alltag ist. In Deutschland betritt das Netzwerk eher Neuland und wird noch vor allem von einzelnen engagierten Persönlichkeiten an zur Zeit etwa 20 Hochschulen getragen oft in Form zeitlich befristeter, geförderter Projekte. Immerhin konnte das Netzwerk bei seinem Frühjahrstreffen er- Das Netzwerk unterhält mit dem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderten Projekt Service-Learning und Campus-Community-Partnership im Rahmen eines Projektverbunds eine Plattform, die Hochschulen deutschlandweit entsprechend vernetzen und an regionale Kompetenzcluster anbinden möchte. Kürzlich fand ein erster Workshop an der Hochschule München statt; ebenfalls im Juni erschien die von BMFSFJ und Stifterverband geförderte Potenzialanalyse Campus-Community-Partnerschaften. Das Netzwerk Bildung durch Verantwortung trifft sich wieder im November 2013 an der FH Dortmund. Dr. Sabina Fleitmann Die Autorin ist Inhaberin von ProfiL/Beratung-Management-Bildung für Verbände und Hochschulen, aktiv in der Organisationsberatung für Fachbereiche und andere Hochschuleinrichtungen, konzeptionell und weiterbildend tätig im Bereich Gute Lehre, und Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen. Infos unter: und (Launch: Juni 2013)

9 personalia 9 Senat wählt Vizepräsidenten Kanzlerwechsel an Fachhochschule Neuer Prorektor an Hochschule Foto: Jens Steingässer Der Senat der Hochschule Darmstadt (h_da) hat einen neuen Vizepräsidenten für Forschung und wissenschaftliche Infrastruktur gewählt. Prof. Dr. Arnd Steinmetz hat langjährige Erfahrungen als Dekan im Fachbereich Media und tritt seine Amtszeit im September an. Seit 2002 ist er Professor der h_da und verfolgt konkrete Ziele als Vizepräsident: Ich möchte dazu beitragen, die h_da nachhaltig zu einem Ort weiterzuentwickeln, der Begeisterung für die Bildung der zukünftigen Generationen erlaubt und Raum für die Freiheit von Lehre, Studium und Forschung ermöglicht. Dazu bedarf es einer funktionierenden, modernen wissenschaftlichen Infrastruktur und Bibliothek. Foto: FH Jena Im Juni tritt Dr. Thoralf Held das Amt als neuer Kanzler der Fachhochschule Jena an. Er übernimmt damit alle Haushalts-, Technik- und Verwaltungsangelegenheiten der FH. Sein Vorgänger, Dr. Theodor Peschke, wirkt nun im Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur mit. Held studierte Mathematik, Physik und Astronomie und promovierte auf dem Gebiet der theoretischen Physik an der Pädagogischen Hochschule Erfurt. Von 2000 bis 2009 verantwortete er als Managing Director drei staatlich anerkannte Hochschulen in freier Trägerschaft sowie acht weitere Bildungseinrichtungen der Euro- Schulen-Organisation (ESO). Der Hochschulrat der Hochschule Mannheim hat Prof. Dr. Frank-Thomas Nürnberg zum neuen Prorektor der Hochschule gewählt. Vorgänger Prof. Dr. Christian Maercker ist nun neuer Rektor der Hochschule Esslingen. Im August tritt Nürnberg sein neues Amt als Prorektor an und ist für das Ressort Forschung, Technologietransfer und internationale Angelegenheiten und Weiterbildung zuständig. Bereits 1993 wurde Prof. Dr. Nürnberg für die Lehrgebiete Mathematik und Physik an die damalige Fakultät für Naturwissenschaftliche Grundlagen der Hochschule Mannheim berufen. Er leitet seit 2002 das Institut für Naturwissenschaftliche Grundlagen. Foto: HS Mannheim Servicestelle in Niedersachsen Neue Bibliotheksleitung Neue Vorsitzende für den HDL Foto: Silke Kirchhoff Zu den Aufgaben der Servicestelle Offene Hochschule Niedersachsen gehört die Öffnung der Hochschulen für eine neue Zielgruppe von Studierenden, mögliche Bildungsangebote zu verbessern und ein begleitendes Netzwerk aufzubauen. Partner sind Hochschulen, Erwachsenenbildung, Kammern, Gewerkschaften, Unternehmer- und Arbeitgeberverbände sowie das Land. Die Geschäftsführerin Monika Hartmann-Bischoff ist anerkannte Expertin im Bereich Öffnung der Hochschulen. Die Wissenschaftsministerin Niedersachsens und Aufsichtsratsvorsitzende Gabriele Heinen- Kljajić: Es ist unser Ziel, dass möglichst viele Menschen auch ohne klassisches Abitur studieren können. Dr. Heiner Schnelling wird Ende dieses Jahres leitender Bibliotheksdirektor der Universität Frankfurt und löst somit Berndt Dugall ab, der das Amt seit 1988 inne hat. Schnelling ist seit 1996 Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt und promovierter Literaturwissenschaftler. In Schnellings Aufgabenbereich fallen eine Zentralbibliothek sowie sechs Bereichsbibliotheken mit insgesamt 270 Mitarbeitern und einem Budget von 23 Millionen Euro. Der Vizepräsident der Goethe-Universität ist zuversichtlich: Mit Heiner Schnelling haben wir einen ausgewiesenen Experten für unser Bibliothekssystem gewinnen können. Schnelling werde das Zusammenspiel von Tradition und Innovation kompetent fortführen. Foto: privat Die Präsidentin der Fachhochschule Brandenburg (FHB), Prof. Dr.-Ing. Burghilde Wieneke-Toutaoui, ist neue Vorsitzende des Hochschulverbundes Distance Learning (HDL). Der HDL ist ein Zusammenschluss von 25 Hochschulen und Einrichtungen der wissenschaftlichen Weiterbildung. Dabei konzentrieren sich die Mitglieder auf Studiengänge mit akademischem Abschluss (Diplom, Bachelor und Master) und auf Weiterbildungsangebote mit Hochschulzertifikat. Ziel der HDL ist eine enge Zusammenarbeit in den Bereichen Distance Learning und Weiterbildung. In diesem Sinne bietet die FHB Studiengänge wie Informatik, Medien, Technik und Wirtschaft an und fördert die Möglichkeit eines Studiums ohne Abitur. Foto: FH Brandenburg

10 10 wissenschaftsmanagerin NACHGEFRAGT Es gibt keine Probleme, nur neue Herausforderungen Dr. Stefanie-Joana Tenne, Projektmanagerin im Projekthaus Center for Molecular Transformations (CMT) der RWTH Aachen University Foto: privat Initiatorin, Organisatorin und Koordinatorin von Wissenschaft und Forschung: Dr. Stefanie-Joana Tenne 1 Wie sind Sie Wissenschaftsmanagerin geworden? Ich habe schon immer gerne organisiert und koordiniert. Während meines naturwissenschaftlichen Studiums und der Promotion hatte ich die Möglichkeit, in interdisziplinären Teams zu arbeiten. Und gerade bei größeren Gruppen, wenn ein Sprecher gesucht wurde, ist diese Tätigkeit sehr oft mir zugeteilt worden. Ich habe immer mehr Spaß am Management bekommen und Seminare besucht, um diese Fähigkeit auszubauen. Zum Ende der Promotion hat mich mein Doktorvater gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, im Projekthaus Center for Molecular Transformations (CMT) der RWTH Aachen University als Projektmanagerin zu arbeiten und wissenschaftliche Großprojekte zu initiieren, organisieren und koordinieren. Das konnte ich mir sehr gut vorstellen und bin dort seit Sommer 2012 tätig. schungsinteressen erfolgreich entwickeln und umsetzen können. Kern der Zusammenarbeit bildet das Scientific Integration Team, welches aus Wissenschaftlern der beteiligten Disziplinen besteht und gezielt den Netzwerkund Schnittstellencharakter aller beteiligten Partner fördert. Man kann auch sagen, wir initiieren, organisieren und koordinieren wissenschaftliche Großprojekte, an welchen die RWTH beteiligt ist. Aktuell koordiniere ich das NRW Forschungscluster SusChemSys (Sustainable Chemical Synthesis) mit angegliederter Graduiertenschule, das derzeit aus 85 Mitgliedern besteht. Weitere Aufgabenfelder liegen in der Unterstützung der Professoren der RWTH Aachen beim Entwerfen wissenschaftlicher Projektskizzenn und der Koordination der Aktivitäten der RWTH beim BioSC (Bioeconomy Science Center Kompetenzzentrum für nachhaltige Bioökonomie). 2 3 Worin besteht Ihre aktuelle Tätigkeit? Welche beruflichen Ziele haben Sie? Das Projekthaus CMT ist aus dem Wachstumsbereich Molecular Science and Engistieg, die wissenschaftliche Arbeit nicht nur Meine derzeitige Position sehe ich als Einneering entstanden, der im Rahmen des von der Laborseite, sondern vom Management her kennenzulernen. Das Management Zukunftskonzepts RWTH 2020 Meeting Global Challenges gezielt gefördert wurde. bereitet mir sehr viel Freude, insbesondere Somit ist das Projekthaus Bestandteil der 3. wenn es gelingt, tragfähige Konzepte zu entwickeln, die dann später umgesetzt werden. Förderlinie der Exzellenzinitiative. Im CMT haben sich 20 Professoren aus den Bereichen Mein Ziel ist es, das erlangte Wissen und die Biologie, Chemie und Verfahrenstechnik zusammengeschlossennagement mit in die Industrie zu nehmen. gesammelten Erfahrungen im Bereich Ma- Mein mittelfristiges Ziel ist es, in einem Biotechnologie- oder Pharmaunternehmen als Erklärtes Ziel ist es, den beteiligten Partnern eine Plattform zur Verfügung zu stellen, innerhalb derer sie ihre interdisziplinären For- terin tätig zu Leiterin eines Laborteams oder als Projektlei- sein.

11 wissenschaftsmanagerin 11 4ihr gelungenstes Projekt? Ganz besonders liegt mir das Forschungscluster SusChemSys am Herzen, welches ich seit Juli 2012 über das CMT koordiniere. Sus- ChemSys verfolgt einen ganz neuen Ansatz, in welchem Industrie- und Forschungspartner vorwettbewerblich zusammenarbeiten. Das Cluster beinhaltet 36 Forschungsprojekte, an welchen 36 Doktoranden und weitere sechs Kollegiaten arbeiten. Sie alle forschen an der nachhaltigen Synthese chemischer Produkte. Ganz besondere Aufmerksamkeit finden dabei die Themen alternative Rohstoffe, asymmetrische Katalyse sowie atomeffiziente Synthese. Die Forscher und 36 involvierten Professoren kommen von sechs verschiedenen Forschungseinrichtungen in NRW. Ergänzt wird das Ganze durch sieben Partner aus Großindustrie und Mittelstand. Alles in allem sind es circa 85 Mitglieder. Meine Arbeit beinhaltet Planung, Organisation und Realisierung von Workshops, Exkursionen und wissenschaftlichen Tagungen, Budgetplanung und -überwachung, sowie die Projektabrechnung. Hinzu kommt noch Öffentlichkeitsarbeit und Sachkenntnis der Kooperationsverträge. Fast jeden Tag liegt eine neue Herausforderung auf dem Tisch, die gemeistert werden will. Und das ist gerade das Spannende! Ganz besonders sind für mich die Momente, wenn ich merke, dass sich meine Mühe gelohnt hat und ich durch meine Aktivitäten das Cluster weiter vorantreiben konnte. 5Die größte Herausforderung für das Wissenschaftsmanagement? Es kann ganz schön demotivierend sein, wenn man eine kreative Idee verfolgt und diese nicht auf fruchtbaren Boden fällt. Dann ist Überzeugungsarbeit gefragt. Um mich selbst zu motivieren und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, sage ich mir: Es gibt keine Probleme, sondern nur neue Herausforderungen. Die Gesellschaft ist anders ge- worden und der Wandel ganz klar zu spüren, doch viele halten noch an den alten Strukturen fest. Mut und Durchhaltevermögen sind gefragt, um neue Ideen vorantreiben. 6Wohin wird sich das Wissenschaftsmanagement entwickeln? Die Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Management erfährt immer mehr Ansehen. Die Aufgaben eines Wissenschaftlers bestehen schon lange nicht mehr alleine aus Forschung und Lehre. Unter anderem müssen auch die Akquise von Drittmitteln und Umstrukturierungen bewältigt werden. Ich würde Wissenschaftsmanager als eine Art Dienstleister bezeichnen, die neben der Spezialisierung im jeweiligen Fachgebiet interdisziplinäre Kompetenzen, ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und Durchsetzungsvermögen besitzen, um Wissenschaftlern bei oben genannten Aufgaben unter die Arme zu greifen, damit diese mehr Zeit der Forschung und Lehre widmen können. 7Ihre Botschaft an die Kolleginnen und Kollegen? Wissenschaftsmanagement ist eine kreative, abwechslungsreiche Aufgabe, die einen immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Man sollte sich nicht entmutigen lassen, sondern nach bestem Gewissen diese Aufgaben erfüllen mit dem Ziel, die Wissenschaftler bei Ihrer Aufgabe zu unterstützen. Der Berufszweig ist relativ neu und somit gibt es wenig vorhandene Strukturen, auf welche man zurückgreifen kann. Doch genau das ist es, was das Wissenschaftsmanagement so interessant, spannend und abwechslungsreich macht. Ich würde Wissenschaftsmanager als eine Art Dienstleister bezeichnen, die neben der Spezialisierung im jeweiligen Fachgebiet interdisziplinäre Kompetenzen, ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und Durchsetzungsvermögen besitzen, um Wissenschaftlern unter die Arme zu greifen, damit diese mehr Zeit der Forschung und Lehre widmen können. Kontakt: Dr. Stefanie-Joana Tenne Center for Molecular Transformations Worringerweg Aachen Tel:

12 12 aktuelle diskussion Citizen Science Mit Citizen Science die Wissenschaft verändern Peter Finke, Professor für Theory of Science and Cultural Ecology an der Universität Bielefeld, emeritiert, und aktiver Citizen Scientist Es gibt Citizen Science light und Citizen Science proper. Was zurzeit langsam in Mode kommt, ist nur ersteres: Profis denken sich Projekte aus, bei denen viele interessierte Laien als kostenlose Datenbeschaffer mitwirken können; mehr wird ihnen nicht zugestanden. Hobby- und Umweltthemen boomen; manche glauben sogar, es ginge nur um Vogelzählungen oder Liebhaberastronomie. Sie nehmen nicht zur Kenntnis, dass entschiedenes bürgerschaftliches Engagement auf vielen Feldern das Wesentliche ist: in Initiativen, die Modelle für die alternde Gesellschaft entwickeln, ebenso wie in Netzwerken gegen den allgegenwärtigen Wachstumsfetisch. Wer nimmt schon ernst, dass es seit langem auch den vollwertigen, unabhängigen Citizen Scientist gibt: eindrucksvolle Persönlichkeiten mit besten Kenntnissen und Fähigkeiten, die Wissenschaft betreiben, obwohl sie keine Wissenschaftler sind. Auch kaum einer meiner Fachkollegen aus der Wissenschaftstheorie fand bisher dieses Thema so spannend wie ich, der beide Perspektiven gut kennt: die der Profis und die der aufgeklärten, engagierten Laien, die Kants sapere aude! wirklich ernst nehmen. Und nun entsteht ein Problem: Wie kann man fördern, was man bislang ignoriert hat? Citizen Science light zu fördern ist leicht und attraktiv. Aber es ist auch Citizen Science proper, welche massive Unterstützung nötig hat und hierzu Fördermittel benötigt; im Medienzeitalter kann man sich sonst nur wenig Gehör verschaffen. Der angebliche Experte wird von allen Seiten hofiert; der gebildete Laie hat es ihm gegenüber schwer. Ihn aufzuwerten ist eine äußerst wichtige Sache. Wege zur Wissensgesellschaft Wissenschaft, Wirtschaft und Politik haben lange Zeit die eigentliche, anspruchsvolle Citizen Science unterschätzt und verkannt; jetzt besteht die Gefahr, dass sie sie auch noch beschädigen. Etwas, das von unten wächst, plötzlich von oben organisieren zu wollen, ist eine problematische Idee. Im Unterschied zur Profiwissenschaft ist der Wissensbürger nämlich nicht durch Dienstverträge gebunden und unabhängig von institutionellen Strukturen. Die Freiheit nichtorganisierter und nichtökonomisierter Wissenschaft ist ein so hohes Gut, dass alle Förderungs- und Managementideen darauf Rücksicht nehmen müssen. Es gibt Wege; man muss sie aber gehen. Citizen Science proper ist im begrenzten Rahmen wegen ihrer kritischen Potenziale auch eine wertvolle Herausforderung für die Profiwissenschaft. Deren heutige Verwobenheit mit den Rahmenbedingungen der Institutionen von Forschung und Lehre, ihren Foto: privat administrativen Anforderungen und ökonomischen Fremderwartungen ist ihr weitgehend unbekannt. Auch der Kampf um die immer zu knappen Stellen, der Karrieredruck und das nicht zu leugnenden Machtgerangel um ein in einer Disziplin herrschendes Paradigma fallen hier normalerweise weg. Das ist gut für eine freie, unabhängige Sicht. Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend schrieb 1978 das Buch Science in a Free Society : Hier ist seine Vision zu großen Teilen verwirklicht. Beide Citizen-Science-Formen verdienen gefördert zu werden, vor allem aber die, welche den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, uneingeschränkt aufbringt. So falsch die Voreingenommenheit meiner Kollegen Wissenschaftsforscher ist, die Praxis der Profis zu über- und die der Laien zu unterschätzen, so falsch ist eine Wissenschaftspolitik, die über der Förderung der prestigeträchtigen Spitzen die Förderung des elementaren, breiten, lebensnahen Basiswissens vernachlässigt. Nur über sie erreichen wir jemals den Status einer Wissensgesellschaft, die nach den mittelalterlichen auch die modernen Mythen wie Fortschritt, Markt, Jugend, Geld kritisch zu hinterfragen imstande ist. Bisher haben wir sie nicht. Der Abstraktheit und Spezialisierung vieler Probleme der Profiwissenschaften steht nämlich die Lebensnähe der meisten Citizen-Science-Forschung als bildungspolitisch bisher fast völlig übersehenes Aufklärungspotenzial deutlich gegenüber.

13 Citizen Science aktuelle diskussion 13 Ungeahnte Impulse und neue Kooperationen Gerhard Wolff, Leiter des Berliner Büros von Lemmens Medien und Projektleiter von citizenscience:germany Transparenz, Partizipation, Beteiligung. Das sind die politischen Schlagworte der letzten Monate. Überall will und soll der Bürger mitreden, mitarbeiten und mitentscheiden. Hinzu kommen Begriffe wie open governance und open source, crowdfunding und crowdsourcing. Es findet eine gesellschaftliche Bewegung in vielen Bereichen des Lebens statt meist aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Bottom-up ist die Devise. Die Piraten versuchen sich gerade daran, dieses Prinzip in der Politik zu etablieren. Die Wirtschaft erhofft sich hier neue Finanzierungs- und Umsatzquellen. Wie sieht es in der Wissenschaft aus? Gibt es in anderen Ländern allen voran die USA und Großbritannien bereits erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Forschern, ist das Konzept einer Citizen Science in der deutschen Wissenschaft noch nicht angekommen. Ausnahmen bestätigen hier natürlich wie so oft die Regel. Auch hierzulande gibt es erfolgreiche gemeinsame Forschung von Profis und Laien. Und nicht erst seit gestern. Nur sind dies Einzelfälle von enormem persönlichem Engagement nicht nur der beteiligten Bürger, sondern auch der Wissenschaftler. Die Communities sind langsam gewachsen. Methoden, Know-how und Tools wurden nebenbei entwickelt, wo es nötig war und wenn die Zeit es zuließ. Unterstützung von Politik und Förderern gibt es kaum. Es fehlt ein Rahmen, ein Dach, unter das sich alle diese Projekte stellen können. Bevor aber ein solches Dach errichtet werden kann, bevor Citizen Science ihren Weg in die Fachpublikationen und inhaltlichen Diskussionen finden kann, muss das Konzept Einzug in die Köpfe von Wissenschaftlern und Bürgern erhalten. Gut, dass also auch die Medien das Thema für sich entdeckt haben. Schade nur, dass sich die Beiträge so lesen, als sei der große neue Trend bereits überall in Gesellschaft und Wissenschaftseinrichtungen angekommen. Als könnte der interessierte Bürger sofort beim Forschungsvorhaben seiner Wahl mitmachen. Dazu gibt es dann aber leider doch noch zu wenige dieser Projekte. Die Informationen sind verstreut und nicht leicht zu finden. Eine zentrale Anlaufstelle ist erst im Entstehen. Profi und Laie Hand in Hand Gleichzeitig identifizieren viele, die selbst als Citizen Scientists tätig sind oder mit ihnen zusammenarbeiten, ihre Forschung nicht als Citizen Science auch weil es viele verschiedene Ausprägungen dieser Forschungskooperation gibt. Sie erstreckt sich von der Zurverfügungstellung von Rechenleistung des Heimcomputers über Datensammeln und -auswerten bis hin zu einem Forschen auf Augenhöhe zwischen Wissenschaftler und Bürger. Dort, wo sich diese Unterscheidung von Profi und Laie auflöst, steckt das größte Potenzial von Citizen Science. Es wäre falsch, das bürgerliche Engagement egal, ob in der Wissenschaft, bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr oder bei der Feuerwehr als billige Arbeitskraft zu interpretieren. Damit tut man den Engagierten nicht nur unrecht, man verkennt auch die Möglichkeiten, die sich ergeben: neue Ideen und Blickwinkel, Kreativität, Neugierde und Forscherdrang, die ungeahnte Impulse für die großen und kleinen Fragen der Wissenschaft geben können. All dieses Potenzial heißt es zu aktivieren, zu heben und zu managen. Denn neben den ungeahnten Möglichkeiten dieser Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Bürgern stehen neue Herausforderungen für das Wissenschaftsmanagement, neue Fragen für das Wissenschaftsmarketing und neue Aufgaben für die Wissenschaftsförderung. Citizen Science ist keine Modeerscheinung, kein kurzweiliger Hype um wenige Hobbyforscher, sondern eine ersthafte Weiterentwicklung der Forschung. Citizen Science wird ein Teil der Wissenschaft der Zukunft sein. Foto: privat

14 14 schwerpunkt Cloud Computing Stephan Sachse Universitäten in der Cloud? Potenziale und Herausforderungen Seit etwa einem Jahrzehnt ist es möglich, IT-Dienstleistungen flexibel nach tatsächlicher Nutzung abzurechnen, ähnlich wie etwa den Bezug von Strom und Wasser. Dabei liegen die zu bearbeitenden Daten in den Rechenzentren von Drittanbietern und der Nutzer greift via Web-Service auf sie zu. Früher nannte man dieses Geschäftsmodell Application Service Providing (ASP), heute spricht man von Software as a Service (SaaS) oder schlicht vom Cloud Computing, ein Begriff, der sich von dem Wolkensymbol herleitet, das Programmierer zur Darstellung des Internets in Projektskizzen häufig verwenden. Auch für die IT-Infrastruktur und komplexe Organisation von Hochschulen in Deutschland hat die Cloud eine große Bedeutung und Einfluss auf das Bildungsangebot der kommenden Jahre. Wichtigste und bekannteste Vertreter dieser Technik sind sicherlich Google, Apple (icloud) und Salesforce. Google offeriert bereits seit längerem Dienste wie -Verwaltung, Datei-Ablage und -Transfer (Google Drive), Textverarbeitung und Tabellenkalkulation sowie Web Conferencing (Google Hangout). Salesforce hat sich äußerst erfolgreich auf cloudbasierte Unternehmenssoftware spezialisiert und konkurriert mit SAP. Auch Microsoft bietet mit Office 365 inzwischen eine komplette Cloud-Version seiner bewährten Office-Lösungen an. Die Cloud ist (fast) überall Der Begriff Cloud umfasst kurzum alle IT-Services, die ein Unternehmen wie zum Beispiel Google oder Amazon mit den eigenen Rechenzentren für andere anbietet (bzw. virtuell bereitstellt).

15 Virtualisierung der Wissenschaft 15 Dies können Computerprogramme sein oder auch Rechen- und Speicherleistung wie bei Amazons Dienst S3. In das private Umfeld hat Cloud-Computing heute ebenso umfassend Einzug gehalten wie in großen Teilen der Industrie. Bewusst oder unbewusst nutzen wir alle regelmäßig cloudbasierte Dienste, wenn wir beispielsweise Fotos bei Flickr oder Facebook einstellen, Musikdienste wie itunes oder Spotify nutzen oder unsere Dateien bei Dropbox oder SkyDrive ablegen. Wir nutzen diese Services vor allem aus folgenden Gründen: 1. Wir sparen die Installation (und Lizenzierung) eigener Programme. 2. Wir sparen die Anschaffung und den Betrieb teurer Speicher oder Rechnerleistungen. 3. Wir brauchen nicht für Updates, Pflege und Wartung zu sorgen und können überdies davon ausgehen, dass die eigenen Daten in der Regel in der Cloud professioneller geschützt sind, als auf dem Home-Rechner. 4. Wir können von verschiedenen Endgeräten maximal flexibel auf diese Services und Ressourcen zugreifen zumindest solange wir hin und wieder Netz-Zugang haben. Während in der Forschung bereits seit vielen Jahren global verteilte Hochleistungsrechner-Cluster beispielsweise zur Berechnung komplexer Simulationen eingesetzt werden, werden in der Lehre erst seit wenigen Jahren auch zunehmend Dienste, Programme und Inhalte genutzt, die nicht vom eigenen Rechenzentrum bereit gestellt werden. Kurzum: Cloud Computing ist unkompliziert, bequem und dazu in der Regel sogar noch günstiger als die Anschaffung eigener lokaler Lösungen. Cloud-Lösungen für die (Higher) Education Dies hat dazu geführt, dass cloudbasierte Lösungen auch im Education-Bereich immer stärker nachgefragt werden. Wiederum ist es Google, das hier eine führende Rolle einnimmt. Mit dem Chromebook und der Chromebox stattet das Unternehmen inzwischen eine Vielzahl von Schulen in und außerhalb der USA sowie ganze Schulsysteme (Malaysia) mit günstiger und leistungsfähiger Hardware aus. Diese greift per Web auf alle notwendigen Services zu, wie zum Beispiel Content- und Document-Sharing sowie Dokumenten-Bearbeitung und -Management et cetera. Dazu sind weder größere Investition in eigene IT-Infrastrukturen erforderlich (abgesehen von Internet- und WiFi-Netzen), noch braucht es hierfür eine eigene IT-Administration oder gar ein teures Rechenzentrum. Wo stehen nun die Hochschulen, wenn es um die Cloud geht? Dazu muss man zwischen den drei Bereichen Forschung, Lehre und Verwaltung unterscheiden. Während in der Forschung bereits seit vielen Jahren global verteilte Hochleistungsrechner-Cluster beispielsweise zur Berechnung komplexer Simulationen eingesetzt werden, werden in der Lehre erst seit wenigen Jahren auch zunehmend Dienste, Programme und Inhalte genutzt, die nicht vom eigenen Rechenzentrum bereit gestellt werden. Komplexe elearning-programme oder auch lizenzierte ebook-ressourcen aus Verlagen müssen heute nicht mehr zwingend auf eigenen Servern vorgehalten werden. Sogar bestimmte Softwarelösungen, wie Office 365, werden heute bereits von einzelnen Hochschulen aus der Wolke bezogen und den Studierenden und Mitarbeitern zur Verfügung gestellt. Cloud-Lösungen für die Hochschul-Verwaltung? Anders sieht die Situation aus, wenn es um die Verwaltung der Hochschule geht. Insbesondere dort, wo sensible persönliche Nutzerdaten verarbeitet werden, sind die Hochschulen in vielen Fällen zu Recht zurückhaltend. Bevor Studierendendaten, Immatrikulationsnummern, Zeugnisinformationen oder Gehaltsdaten in der Cloud, und das heißt, von anderen Unternehmen, verarbeitet werden, muss nicht nur die datenschutzrechtliche Situation, sondern auch Sicherheitsaspekte und am Ende die Kostenfrage generell geprüft werden. Da innerhalb einer Cloud die Daten potenziell in der ganzen Welt verwaltet, verarbeitet und gespeichert werden können, kollidiert ein Cloud-Service möglicherweise schnell mit den für Hochschulen relevan- Stichwörter Nachhaltige Veränderung der deutschen Hochschullandschaft Service- und Kostendruck IT-Infrastruktur und Ressourcen Massive Open Online Courses (MOOCs) University.de

16 16 schwerpunkt Cloud Computing summary Is Cloud Computing a primary technology for institutions of higher education? Why should these institutions be engagend with cloud-based solutions? ten Rechtsvorschriften. Die hierzulande geltenden Regelungen für Daten-Kontrolle, -Sicherheit, -Aufbewahrung, -Zugriff und so weiter entsprechen nicht immer den Gesetzen des Landes, in dem die virtuelle Datenwolke liegt. Auch die Wirtschaftlichkeit will genau betrachtet sein. Denn den gesparten Kosten für Hardware, Administration und Energie stehen Ausgaben für Datentransfer und Berechnung entgegen, die auf Dauer nicht zwingend günstiger sind. Cloud = Mehr Service und mehr Effizienz Trotz dieser nur im Detail zu klärenden Fragen werden sich in Zukunft auch die Hochschulen in Deutschland noch intensiver und umfassender mit cloudbasierten Anwendungen beschäftigen. Dafür gibt es zwei wesentliche Motive: Erstens Kosten und zweitens Service. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Druck, öffentliche Ressourcen möglichst effizient im Sinne des Kerngeschäfts einzusetzen, in Zukunft an den Hochschulen des Landes geringer werden wird. Das Gegenteil ist der Fall. Und dazu gehört nicht zuletzt ein modernes und ressourcenschonendes IT-Management. Zugleich werden aber auch die Erwartungen an die Service- und Leistungsqualität der Hochschul-IT weiter zunehmen. Dabei geht es unter anderem um eine flexible und dynamische Bereitstellung von Diensten auf beliebige Endgeräte mit zeit- und ortsunabhängigen Zugriffsmöglichkeiten, wie sie Studierende und Dozenten in ihrer privaten Medien- und Computernutzung längst kennen und schätzen gelernt haben. Hinzu kommen Themen wie Server-Ausfallsicherheit und Datensicherheit: Hier werden Service- und Sicherheitsniveaus zu gewährleisten sein, die in Zukunft nur noch von großen, leistungsfähigen Rechenzentren erbracht werden können. Gestiegene Nutzer-Erwartungen, neue System-Anforderungen durch zusätzliche Leistungsfeatures und höhere Anforderungen an Sicherheits- und Service-Level bei gleichbleibenden oder gar sinkenden Budgets: Dies kennzeichnet die Herausforderungen des IT-Managements nicht nur, aber auch an deutschen Hochschulen und Universitäten. Gerade in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Hochschulwelt sind dies durchaus keine Nebenschauplätze mehr. Geht man davon aus, dass virtuelle Lern- und Studienangebote (z.b. Videolectures, Open Educational Ressources etc. ) immer mehr Verbreitung und zugleich Akzeptanz bei Studierenden wie Lehrenden finden, so stellt sich die Frage, wie solche Plattformen mit den üblichen Administrations- und IT-Prozessen einer Hochschule sinnvoll verzahnt werden können. keywords sustainable change of the academic scenery in Germany pressure on the market because of service and costs infrastructure of IT and capabilities Massive Open Online Courses (MOOCs) University.de Digital Learning, MOOCs, Social Learning Zur selben Frage hatte vor Jahren bereits die Einführung von Lern-Management-Systemen wie beispielsweise Moodle an Hochschulen geführt. Vielfach blieb dies bis heute unbeantwortet und nach wie vor fristen Lehr- und Lernplattformen oftmals ein Dasein auf irgendwelchen lokalen Hochschul-Servern jenseits der üblichen IT-Infrastrukturen, ohne systematische Einbettung in die Verwaltungs- und Datenmanagementsysteme der Hochschule. Solange die elearning- Nutzergruppen an Hochschulen überschaubar blieben, konnte dieser Mangel mit etwas gutem Willen und Improvisationsgeschick überbrückt werden. Um jedoch mehrere hundert oder gar tausende von Teilnehmern von MOOCs (Massive Open Online Courses), wie sie derzeit an vielen Instituten entwickelt werden, administrativ und didaktisch zu betreuen, braucht es zwingend integrierte Workflows, Datenmanagement- und IT-Systeme. Anderenfalls würden solche Angebote schnell zur Explosion von Kosten führen und die Organisationskapazitäten der Hochschulverwaltungen sprengen.

17 Virtualisierung der Wissenschaft 17 University.de Vor diesem Hintergrund arbeiten auch die Datenlotsen aktuell mit Hochdruck an Lösungen, die die Vorteile cloudbasierter Anwendungen mit den besonderen Service- und Sicherheitsanforderungen von Hochschulen, Lehrenden und Studierenden kombinieren. Auf der neuen Plattform University.de werden erstmals die Campus-Management-Anwendungen von CampusNet als cloudbasierte Services bereitgestellt. Neben den klassischen Campus-Management-Funktionen von der Bewerbung und Zulassung über das Veranstaltungs- und Prüfungsmanagement bis hin zur Exmatrikulation und Alumni-Verwaltung geht es dabei vor allem um die oben genannten virtuellen Studienangebote, um MOOCs oder Videolectures, um virtuelle Lerngruppen und Lernräume, die auf dieser Plattform nahtlos in ein umfassendes Campus-System integriert werden. Stephan Sachse ist geschäftsführender Gesellschafter der Datenlotsen Informationssysteme GmbH, die sich seit über zehn Jahren ausschließlich auf Softwarelösungen und Beratung für Hochschulen konzentrieren. Die education cloud University.de bedeutet also mehr als nur eine weitere Bildungsplattform in der Wolke. Es handelt sich dabei vielmehr um eine integrierte, virtuelle Campus-Management- und Social Learning -Plattform (nichts anderes sind MOOCs), die orts-, zeit- und endgeräteunabhängig nutzbar sein wird und überdies höchsten Anforderungen an Datensicherheit und Datenschutz entspricht. Die Anmeldung für eine traditionelle Präsenz-Lehrveranstaltung ihrer Hochschule oder für einen MOOC eines anderen Anbieters findet beides an einem Ort, ohne neuerliches Identitätsmanagement, Authentifizierungs- und Autorisierungsverfahren statt. Virtuelle und klassische, formelle und informelle, individuelle und institutionelle Studienwelten gehen ineinander über. Das macht es nicht nur für die Studierenden, sondern auch für die Hochschulen interessant, weil zum Beispiel Nutzungsdaten und Berechtigungen zentral synchronisiert werden können. Selbstverständlich wird University.de auch Social Media Ready sein und eine intelligente Verzahnung mit den führende Netzwerken wie Facebook und Google+ vorsehen. Hochschulen und Professoren haben damit nicht zuletzt auch die Möglichkeit, ihre virtuellen Lehrangebote auf einer für Social Learning optimierten und vorkonfigurierten Plattform zu gestalten und zu verwalten. Schließlich kann das Nutzerverhalten auf dieser Plattform nicht nur zusammenhängend organisiert, sondern selbstverständlich auch übergreifend beobachtet, ausgewertet und analysiert werden. Die hierbei entstehenden Informationen, Userprofile und Messdaten sind so umfangreich, dass sie mit herkömmlichen Methoden der Datenbank-basierten Auswertung kaum analysiert werden können. Mithilfe moderner Verfahren zur Analyse derartiger Big Data werden jedoch komplexe Auswertungen und Prognosen von Nutzer- und Lernverhalten möglich, mit denen sich nicht zuletzt auch die Qualität der Lehr- und Lernangebote verbessern lässt. Ob in ein oder zwei Jahren noch von MOOCs die Rede sein wird, oder bereits wieder andere Szenarien und Formate Einzug in die Hochschulen gehalten haben, sei dahin gestellt. Sicher ist, dass virtuelle Lehr- und Lernformen die Zukunft der Hochschulen ebenso verändern und beeinflussen werden, wie das Internet die Musikindustrie. Die Hochschulen in Deutschland werden diese neuen Technologien und Formate mit großem Interesse analysieren und Wege finden, solche Angebote sowohl selbst zu produzieren als auch ihren Studierenden bereit zu stellen. University.de wird eine der Plattformen dafür sein, und wo, wenn nicht in der Cloud, wäre sie am besten aufgeboben? Kontakt: Datenlotsen Informationssysteme GmbH Beim Strohhause Hamburg Telefon: +49 (0) Telefax: +49 (0)

18 18 schwerpunkt Cloud Computing Hans Pongratz Cloud Computing: Universitäre Einsatzszenarien & Erfahrungen Echte Chance oder purer Hype? Der Trend des Cloud Computing wurde die letzten Jahre viel diskutiert und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Die Technische Universität München (TUM) setzt bereits seit vielen Jahren im Rahmen der IT-Strategie Digitale Hochschule verschiedene Cloud-Computing-Dienste ein. Der Begriff steht für die bedarfsgerechte Nutzung von IT-Ressourcen, welche entweder über ein Intranet oder über das Internet angeboten werden. Die Abrechnung erfolgt meist verbrauchsorientiert. Durch die Verlagerung des Betriebs der genutzten Dienste auf externe Stellen sollen eine bessere Skalierbarkeit, eine höhere Flexibilität und in der Gesamtschau auch niedrigere Kosten erreicht werden. Stichwörter Cloud Computing Cloud-Dienste Datenschutz IT-Trend Der sogenannte Cloud-Stack (s. Abb. 1) stellt als pyramidenförmiges Dreischichtenmodell die Architektur und Vielfalt der denkbaren Einsatzszenarien für Cloud Computing dar. Die einzelnen Schichten können aufeinander als Cloud- Dienste aufbauen, müssen es aber nicht. Die Basis der Pyramide bildet die IT-Infrastruktur, welche als Infrastructure-as-a-Service (IaaS) bezeichnet wird. Typische Anwendungsbeispiele sind die Nutzung von virtuellen Servern, Archivierungs- und Backupsystemen oder auch Netzwerkdiensten, welche über das Internet zur Verfügung gestellt und zum Beispiel je nach verbrauchter Rechenzeit oder Speicherplatznutzung bezahlt werden. Die Mitte der Pyramide bildet die sogenannte Plattformschicht für Anwendungsentwicklung, Platform-as-a-Service (PaaS). Diese ermöglicht es, eigene Anwendungen in einer standardisierten, bedarfsorientierten Umgebung zu betreiben. Der PaaS-Anbieter stellt notwendige Updates, Sicherungen und ausreichend Rechen-, Netzwerk- und Speicherkapazität sicher. Die Spitze der Pyramide ist die Anwendungsschicht, Software-as-a-Service (SaaS) genannt. Hier wird eine meist hochverfügbare, performante Anwendung eines Cloud-Anbieters genutzt, der Nutzer muss sich weder um den Betrieb der Infrastruktur noch um die Plattform kümmern. Bei der Organisationsform von Clouds wird hauptsächlich zwischen öffentlichen (Public) und nicht-öffentlichen (Private) Clouds unterschieden. Public Clouds bieten Dienste, welche quasi von jedem weltweit genutzt werden können und bringen somit einige Herausforderungen im Bereich der Datensicherheit und des Datenschutzes mit sich. Private Clouds stehen nur organisationsintern zur Verfügung und sind gegenüber Zugriffen von außerhalb der Organisation abge-

19 Die Sicht des Anwenders 19 Anwendung So5ware- as- a- Service Pla-orm Pla2orm- as- a- Service Infrastruktur Infrastructure- as- a- Service Abb. 1: Cloud-Stack schottet. Eine Mischform von Private und Public Cloud wird Hybrid Cloud genannt. Hier werden bestimmte Dienste innerhalb der eignen Organisation betrieben und andere von Public Cloud- Anbietern über das Internet. Vorarbeiten für die Nutzung von Cloud-Diensten Vor der Nutzung von Cloud-Diensten sollte eine Standardisierung und Vereinheitlichung der Anforderungen erfolgen. Dies gilt unabhängig der gewünschten Cloud-Architektur und Organisationsform. Es muss klar sein, welche Geschäftsprozesse vom Cloud-Service in welchem Umfang, mit welcher Verfügbarkeit und zu welchen Kosten erbracht werden sollen. Im Rahmen eines Service- Level-Agreement (SLA) werden die Anforderungen mit dem jeweiligen Anbieter transparent fixiert und Metriken zur Überwachung der Diensterbringung vereinbart. Häufig verwendete Metriken sind: die Verfügbarkeit des Service, die Zeit zur Wiederherstellung des Betriebs nach einem Ausfall, die durchschnittliche Zeit vom Ausfall bis zur Wiederinbetriebnahme, die Zeit zwischen zwei Ausfällen und deren Durchschnittswert. Im Rahmen des SLA werden auch weitere Leistungsbeschreibungen, wie zum Beispiel die Betriebszeiten des Dienstes (24x7) und die Servicezeiten (Mo - Fr, 8-18 Uhr) festgelegt. Natürlich müssen SLAs regelmäßig, nicht nur bezüglich der Erfüllung, sondern auch zur Passgenauigkeit auf die sich ändernden Bedürfnisse geprüft und bei Bedarf überarbeitet werden. Ebenso sollte das Identity Management geplant werden wie soll der Provisierungs- und der spätere Deprovisionierungsworkflow für Accounts ablaufen? Im Idealfall kann auf einen zentralen Verzeichnisdienst zurückgegriffen und die Authentifikation beim Cloud-Dienst über eine Single-Sign- On-Lösung (SSO), zum Beispiel per Shibboleth, durchgeführt werden. Datenschutz Für öffentliche Landeseinrichtungen, wie zum Beispiel Hochschulen, gilt das jeweilige Landesdatenschutzgesetz, welches sich vom Bundesdatenschutzgesetz und der EU-Datenschutzrichtlinie 95/46/ EG mehr oder weniger ableitet. In diesen Landesgesetzen sind Regeln zum Umgang mit personenbezogenen Daten und zur Auftragsdatenverarbeitung definiert und somit die Pflichten der jeweiligen Einrichtung dargelegt. Auf den Punkt gebracht muss bei einer Auftragsdatenverarbeitung Shibboleth ist ein Verfahren zur verteilten Authentifizierung und Autorisierung für Webanwendungen und Webservices. Das Konzept von Shibboleth sieht vor, dass der Benutzer sich nur einmal bei seiner Heimateinrichtung authentisieren muss, um ortsunabhängig auf Dienste oder lizenzierte Inhalte verschiedener Anbieter zugreifen zu können. Quelle: Wikipedia

20 20 schwerpunkt Cloud Computing Hans Pongratz ist Geschäftsführender Vizepräsident und Chief Information Officer (CIO) der Technischen Universität München. die Auftrag gebende Stelle sicherstellen, dass keine personenbezogenen Daten an unbefugte Dritte gelangen. Die personenbezogenen Daten dürfen vom Auftragnehmer auch nur so weit verarbeitet und gespeichert werden, wie es der Auftraggeber anordnet. Hier besteht ein klares Weisungsverhältnis. Der Auftragnehmer darf die Daten zu keinem anderen Zweck selbst weiterverwenden. Der Auftraggeber muss sich in regelmäßigen Abständen vergewissern, dass der Auftragnehmer korrekt handelt und das Verfahren anhand einer Verfahrensbeschreibung vom Datenschutzbeauftragten der eigenen Organisation freigeben lassen. Bei der Funktionsübertragung findet rechtlich gesehen eine Datenübermittlung statt und der Auftragnehmer ist für die Einhaltung des Datenschutzes und der Datensicherheit selbst verantwortlich. Außerdem muss eine wirksame Einwilligung aller Betroffenen bezüglich der Übermittelung der Daten vorliegen oder eine Übermittlung an Dritte nach Landesdatenschutzgesetz erlaubt sein. Erfolgt die Datenverarbeitung außerhalb der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) ergeben sich daraus noch besondere Anforderungen. Einige internationale Cloud-Anbieter garantieren daher inzwischen die Verarbeitung und Speicherung der personenbezogenen Daten innerhalb des EWR. Die Informationsseite des Bayerischen Datenschutzbeauftragten (http://www.datenschutz-bayern.de/technik/orient/oh_auftragsdatenverarbeitung.html) beinhaltet weitere Informationen und eine Orientierungshilfe zur Abgrenzung zwischen Auftragsdatenverarbeitung und Funktionsübertragung. Eine frühzeitige Konsultation des zuständigen Datenschutzbeauftragten ist auf alle Fälle sehr empfehlenswert. Sofern personenbezogene Daten von Beschäftigten erhoben, verarbeitet oder genutzt werden, kann eine Dienstvereinbarung mit dem zuständigen Personalrat notwendig sein. keywords cloud computing cloud services data protection it trend Sicherheit & Herausforderungen Aufgrund fehlender Standards und Sicherheitsbestimmungen gestaltet sich die Risikoanalyse von Public-Cloud-Anbietern und deren Diensten schwierig. Die Bedrohungsszenarien reichen vom klassischen Datenleck über Denial-of-Sevice-Attacken bis zur Datenmanipulation. Auch die Gefahr einer Insolvenz des Anbieters oder die Beschlagnahmung von Hardware sollten bei den Überlegungen berücksichtigt werden. Insofern muss im Vorfeld bereits sehr kritisch abgewogen werden, welche Geschäftsdaten und -prozesse auf Cloud-Dienste verlagert, welche Schutzmaßnahmen notwendig sind und wie diese vertraglich festgelegt und kontinuierlich überwacht werden können. Teil der notwendigen Schutzmaßnahmen können externe Backups, die redundante Datenhaltung und die Verschlüsselung der Daten sein. Zu den weiteren Herausforderungen gehören die Abhängigkeit von der Stabilität und der zur Verfügung stehenden Bandbreite der Internetverbindung. Auch die Erreichbarkeit des Dienstanbieters und der sogenannt Lock-in-Effekt, also die Abhängigkeit vom jeweiligen Cloud-Anbieter, sollten im Vorfeld bedacht und je nach Bedarf Alternativen beziehungsweise Ausstiegsstrategien geplant werden. Einsatzszenarien & Erfahrungen Die denkbaren Einsatzszenarien von Cloud-Diensten für Hochschulen sind sehr vielfältig und reichen von der Nutzung von Rechenzeit bis zum Einsatz eines Sozialen Netzwerkes. Tabelle 1 gibt einen beispielhaften Überblick. summary Cloud Computing for higher education institutions: hype or sustainable opportunity? Service & deployment models, challenges and experiences. Das Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ist das gemeinsame Rechenzentrum der beiden Münchner Universitäten, der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und TUM, sowie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl an hochverfügbaren, mandantenfähigen Private-Cloud-Diensten im LRZ aufgebaut, von denen im Folgenden eine Auswahl vorgestellt wird. Grundlage für die Arbeiten war das Großprojekt IntegraTUM, welches die Schaffung einer benutzerfreundlichen und nahtlosen Infrastruktur für Information und Kommunikation (IuK) an der TUM zum Ziel hatte und

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