Gerne bin ich heute hierher gekommen, um mit Ihnen die Woche der Brüderlichkeit 2013 zu eröffnen.

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1 1 - Es gilt das gesprochene Wort! - - Sperrfrist: , 16:30 Uhr - Rede des Bayerischen Staatsministers für Unterricht und Kultus, Dr. Ludwig Spaenle, anlässlich der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit 2013 am 3. März 2013 um Uhr im Alten Rathaus in München Sprechkarten (Achtung: wegen Erkrankung nicht gehalten!) I. Erinnerung an Zivilisationsbruch als Koordinatensystem deutscher Identität Anrede Gerne bin ich heute hierher gekommen, um mit Ihnen die Woche der Brüderlichkeit 2013 zu eröffnen.

2 Sachor (Gedenke): Der Zukunft ein Gedächtnis so haben Sie heuer die Woche der Brüderlichkeit überschrieben. Und zweifellos: In einem Jahr wie diesem könnten Sie kein besseres Motto gewählt haben: Am 30. Januar jährte sich zum 80. Mal der Tag der Machtübertragung an Adolf Hitler. Als Tag der Machtergreifung ist er in die Geschichte eingegangen. 2 Dieser Tag markiert nicht nur das Ende der ersten deutschen Demokratie. Dieser Tag symbolisiert den Auftakt zur Kernschmelze unserer Zivilisation:

3 die von Deutschen zu verantwortende, von Deutschen konzipierte und realisierte Auslöschung von sechs Millionen Juden in Europa. 3 Erst vor wenigen Wochen habe ich an einer bewegenden Gedenk- und Benefizveranstaltung zugunsten notleidender Holocaust-Überlebender teilgenommen. [Aktion Würde und Versöhnung am ] Holocaust-Überlebenden zu begegnen, mit ihnen zu sprechen, das hat mich sehr berührt. Diese Menschen haben soviel verloren und soviel gelitten. Diese Menschen haben das Grauen überlebt. Und dennoch sind sie bereit, uns von ihrer Erfahrung mit Willkür und Gewalt zu berichten.

4 Das Schicksal dieser Menschen verpflichtet uns: Die Schoah muss uns und aller Welt Mahnung bleiben. 4 Wir dürfen nicht vergessen. Wir müssen uns erinnern. Das sind wir den Opfern des Nationalsozialismus schuldig. Das ist das Koordinatensystem unserer deutschen Identität. Daran müssen wir heute und in Zukunft unser gesellschaftliches und politisches Handeln, Denken und Fühlen in Deutschland ausrichten gerade weil wir eines Tages ohne Zeitzeugen auskommen müssen.

5 II. Woche der Brüderlichkeit 2013 Gelebte Erinnerungskultur als Quelle der Versöhnung 5 Sehr geehrter Herr Professor Pitum, sehr geehrter Herr Kirchenrat Schübel, sehr geehrter Herr Professor Tagliacarne, umso wertvoller für Deutschland ist die Erinnerungsarbeit, die Sie in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit seit über sechs Jahrzehnten leisten. Sie treten ein für eine gelebte Erinnerungskultur, jenseits einer ritualisierten Betroffenheit.

6 Ihnen geht es um die Ehrfurcht vor den Opfern. Ihnen geht es geht aber auch um die Bewahrung eines Menschenbildes, das uns sagt: Der Andere ist wie du. Er ist dein Bruder. 6 Erinnerung ist die Quelle der Versöhnung. so hat es der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber einmal ausgedrückt. Die alljährlich stattfindende Woche der Brüderlichkeit will uns genau das vermitteln. Sie ist ein unverzichtbarer Pfeiler im interreligiösen Dialog.

7 Sie war und ist unerlässlich für die Annäherung und Versöhnung von Christen und Juden in Deutschland. 7 Ich gratuliere Ihnen und allen Mitgliedern der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sehr herzlich zu dieser großartigen Tradition. Ich darf Ihnen auch die besten Grüße und Wünsche unseres Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer überbringen. Gerne wäre er heute Abend bei Ihnen gewesen.

8 III. Reden Lernen Erinnern: das Triptychon erfolgreicher Versöhnung 8 Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft für christlichjüdische Zusammenarbeit, Reden Lernen Erinnern das ist die Philosophie all Ihrer kulturellen Veranstaltungen. Reden Lernen Erinnern das ist Ihr Triptychon erfolgreicher Versöhnung und zukunftsweisender Erinnerungskultur!

9 Die Woche der Brüderlichkeit ist der Höhepunkt Ihres Engagements für die Versöhnung und Brüderlichkeit, wider das Vergessen und für die Erinnerung. 9 Herzlichen Dank und höchste Anerkennung für Ihren Einsatz! Mit Ihrer segensreichen Arbeit bereichern Sie unser gesellschaftliches Leben, unser Land und unsere Zukunft!

10 IV. Jüdisches Leben in Deutschland 10 Ihr Wille zur Verständigung und zur Versöhnung hat unser Land weit vorangebracht: Jüdisches Leben gehört heute wieder selbstverständlich zu uns. Wachsende jüdische Gemeinden in Deutschland [Drittgrößte jüdische Gemeinschaft in Europa], die Ordinierung der ersten in Deutschland geborenen Rabbinerin nach der Schoa in Bamberg [Antje Yael Deusel, gebürtige Nürnbergerin], viele neu gebaute Synagogen und jüdische Museen,

11 und nicht zuletzt jüdische Schulen und Kindergärten wie hier am Jakobsplatz in München all das sind sichtbare Zeichen wiedererwachten jüdischen Lebens in Deutschland. 11 Nach 1945 hätte sich niemand vorstellen können, dass wir in Deutschland je wieder jüdische Kultur, jüdisches Geistesleben spüren und erleben dürfen. Niemand von uns kann ermessen, wie viel Mut es unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gekostet hat, ihr Vertrauen erneut in Deutschland zu setzen. Ihren Willen zur Versöhnung und ihre Fähigkeit, zu verzeihen, können wir nur bewundern.

12 V. Erinnerung als Auftrag für jede neue Generation 12 Als Nachgeborenen sind mir die Schrecken des Krieges nur noch aus zweiter Hand bekannt. Persönlich miterleben durfte ich hingegen, wie jüdisches Leben bei uns wieder erblüht ist. Das habe ich immer als großes Glück, ja geradezu als Gnade empfunden. Die jungen Menschen von heute können der Vergangenheit noch unbefangener entgegentreten als meine Generation.

13 Und wie der Philosoph Karl Popper einmal bemerkt hat, hat auch jede Generation ein Recht, die Geschichte auf ihre Weise zu betrachten, komplementär zur Deutung vorhergehender Generationen. Er fährt fort: Schließlich studieren wir Geschichte, weil wir ein Interesse an ihr haben, und auch, weil wir etwas über unsere eigenen Probleme lernen möchten. [Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik. München , S. 186f.] 13 Anders ausgedrückt: Sich für die Zukunft an die Vergangenheit erinnern das bleibt Auftrag und Verpflichtung für jede neue Generation, die in Deutschland heranwächst. Sie, sehr geehrte Damen und Herren,

14 helfen seit über sechs Jahrzehnten jeder neuen Generation, einen eigenen Weg zu finden. Sie laden ein zu einer konstruktiven und zukunftsgerichteten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Durch Ihr Vorbild lernen junge Menschen laut Nein zu sagen gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form von Gewalt. Durch Ihr Vorbild ermutigen Sie junge Menschen, für Demokratie und Freiheit, für Toleranz und ein friedliches Miteinander einzustehen. Sie sind unserer Zukunft ein Gedächtnis! 14

15 VI. Schlusswunsch 15 Ich wünsche der Woche der Brüderlichkeit 2013 viele Besucher. Uns allen wünsche ich viele gute Begegnungen und anregende Gespräche. Unsere Zukunft, unsere Freiheit, unsere Demokratie brauchen ein Gedächtnis!

16 16 Rede des Bayerischen Staatsministers für Unterricht und Kultus, Dr. Ludwig Spaenle, anlässlich der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit 2013 am 3. März 2013 um Uhr im Alten Rathaus in München Gliederung I. Erinnerung an Zivilisationsbruch als Koordinatensystem deutscher Identität... 1 II. Woche der Brüderlichkeit 2013 Gelebte Erinnerungskultur als Quelle der Versöhnung... 5 III. Reden Lernen Erinnern: das Triptychon erfolgreicher Versöhnung... 8 IV. Jüdisches Leben in Deutschland...10 V. Erinnerung als Auftrag für jede neue Generation...12

17 VI. Schlusswunsch

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