Bosch weltweit Die Internationalisierung des Unternehmens. Magazin zur Bosch-Geschichte Sonderheft 3

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1 Bosch weltweit Die Internationalisierung des Unternehmens Magazin zur Bosch-Geschichte Sonderheft 3

2 2 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Vorwort Titelbild: Geschafft! Die Mitarbeiter und Umzugshelfer posieren für den Fotografen nach dem Bezug der neuen Räumlichkeiten der englischen Bosch Magneto Company Ltd. in London, Zu den großen Stärken der Bosch-Gruppe gehören neben der Innovationskraft, der Qualität der Produkte, dem Engagement der Mitarbeiter und den Werten besonders die globale Präsenz. Die Internationalität des Unternehmens hat eine lange Tradition. Im Jahr 1898 gründete Robert Bosch eine erste Niederlassung in London. Schon 1905 ließ er eine kleine Fertigung in Frankreich errichten. Seit 1906 war sein Unternehmen in den USA und seit 1909 in China tätig. Im Jahr 1913 erzielte Bosch 88 Prozent des Umsatzes außerhalb Deutschlands und war auf allen Kontinenten vertreten. Die Rückschläge, die beide Weltkriege für das internationale Geschäft brachten, haben Robert Bosch nie entmutigt. Für ihn sollte Wirtschaft keine Grenzen kennen, das brachte er 1932 auf den Punkt: Der Erdball ist nach allen technischen Fortschritten auf allen Gebieten so klein geworden, dass kein Volk daran denken kann, sich von den anderen abzuschließen. Die Verflechtungen sind trotz allem so weit gediehen, dass nur Weltwirtschaft getrieben werden kann. Der technische Fortschritt lässt die Welt heute noch enger zusammenrücken. Bosch hat diese Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten selbst mit vorangetrieben. Längst gehen im Unternehmen viele wichtige Innovationen aus der Zusammenarbeit von Ingenieuren aus allen Teilen der Triade hervor. Der Raum für die Kreativität kann also auch die ganze Welt sein. Dies fordert von uns allerdings auch, die Chancen der kulturellen Unterschiede zu nutzen. Die Wahrung der kulturellen Vielfalt ist nicht umsonst einer der tragenden Werte unserer Unternehmenskultur. Erst im Zusammenspiel der Mitarbeiter aus verschiedenen Regionen dieser Welt können nutzbringende und begeisternde Produkte und Dienstleistungen entstehen, gemäß unserem strategischen Leitmotiv Technik fürs Leben. Volkmar Denner

3 Bosch weltweit 3 Inhalt Über die Grenzen Stuttgarts hinaus 8 Mit Bosch rund um die Welt 10 Treffen in Paris 12 Von leeren Straßen zur Autonation 14 An einem Strang ziehen Stabilität und Aufschwung 21 Das Ende der Durststrecke 25 Dreißig zu eins 27 Elektrowerkzeuge in den Anden 29 Tradition und Moderne 32 Ab 1990 Neuen Herausforderungen entgegen Bosch in aller Welt. Einladung zur Tagung der weltweiten Bosch- Vertreter nach Stuttgart, Bosch made in China 38 Stadt mit Geschichte 40 Bosch den Menschen näher bringen 42 Bosch bohrt auf dem Mars 46 Ausblick 52 Chronologie Erste Vertretungen und Fertigungen außerhalb Deutschlands

4 4 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Über die Grenzen Stuttgarts hinaus Von Christine Siegel Werbebanner in einem Bosch- Service auf den Philippinen, Schon damals war Bosch famous in five continents auf allen fünf Kontinenten erstklassig.

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6 6 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Gruppenbild mit Chef in Frankreich: Robert Bosch inmitten seiner europäischen Vertreter und Mitarbeiter. Anlass war die Einweihung der Fabrik in Paris In den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts herrschte in der deutschen Wirtschaftslandschaft Aufbruchstimmung. Die sogenannten neuen Industrien waren stark im Kommen und sorgten für hohe Exportquoten. Dazu gehörte neben der chemischen Industrie und dem Maschinenbau auch die Elektrotechnik ein Gebiet, für das sich Robert Bosch früh zu interessieren begann. Mit seiner 1886 in Stuttgart gegründeten Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik gehörte er zu den Pionieren der aufstrebenden Wirtschaftszweige. Schon bald nach der Firmengründung dachte Robert Bosch intensiv darüber nach, seine Produkte auch außerhalb Deutschlands zu verkaufen und die Chancen des grenzüberschreitenden Handels zu nutzen. So führte zum Beispiel die weltweite Normierung von Maßeinheiten dazu, dass der Export deutlich erleichtert wurde. Die Festlegung auf eine Weltzeit gehörte ebenso dazu wie die Einführung des Gold- standards. Alle großen Handelsnationen hatten diesen als Maßstab für ihre Währungen genommen, was länderübergreifende Geschäfte enorm vereinfachte. Außerdem verkürzten neue Verkehrsmittel wie Eisenbahnen und Dampfschiffe Reise- und Transportzeiten erheblich. Start ins internationale Geschäft Ein weltoffener Charakter wie Robert Bosch begrüßte diese Entwicklung. Vor der Gründung seiner Firma hatte er für einige Zeit in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien gearbeitet und die beiden großen Industrie- und Handelsnationen dieser Zeit kennengelernt. Die beiden wichtigsten Entscheidungen in der Anfangsphase seines Unternehmens traf er denn auch gemeinsam mit einem britischen Geschäftsmann. Auf Anregung von Frederick R. Simms rüstete Bosch 1897 ein Automobil mit seiner Niederspannungs- Magnetzündung aus mit vielversprechenden Ergebnissen. Und mit ihm startete

7 Bosch weltweit 7 Bosch auch ins internationale Geschäft. Die Zahl der Automobile in Deutschland war zu jenem Zeitpunkt noch relativ gering. Wollte Bosch die Magnetzünder im großen Stil produzieren und vertreiben, musste er über den nationalen Tellerrand hinausschauen. Erste Vertreter und Vertretungen Zunächst gründete Bosch 1898 zusammen mit Simms eine Gesellschaft zum Vertrieb der Bosch-Magnetzündung in Großbritannien. Das Gemeinschaftsunternehmen weitete 1899 seine Geschäftstätigkeit auf Frankreich und Belgien aus. Für den Vertrieb in Österreich-Ungarn schloss Bosch im selben Jahr ein Vertreterabkommen mit der Firma Dénes & Friedmann, die Niederlassungen in Budapest und Wien hatte. Für den weltweiten Durchbruch des Geschäfts von Robert Bosch sorgte im Jahr 1902 die Hochspannungs-Magnetzündung mit Zündkerze. Sie setzte sich gegenüber anderen Zündsystemen durch. Ihr Einsatz bewährte sich vor allem im aufkommenden Motorsport. Die siegreichen Rennwagen waren zum größten Teil mit Bosch-Zündung ausgestattet und das Unternehmen setzte diese Erfolge für erste Werbekampagnen ein. Der belgische Rennfahrer Camille Jenatzy, der mit einer Bosch-Zündung und einem waghalsigen Fahrstil von Sieg zu Sieg fuhr, diente als Vorlage für die Werbefigur des roten Teufels, die vor dem Ersten Weltkrieg international für die Produkte aus Stuttgart warb. Die nach zwei Jahren Bauzeit fertig gestellte Fabrik der US-amerikanische Tochtergesellschaft in Springfield/ Massachusetts, USA, 1912

8 8 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Mit Bosch um die Welt Sicherlich ganz nervös standen die Mitarbeiter der New Yorker Niederlassung am 12. Februar 1908 am Times Square. Sechs Teams starteten um 11:15 Uhr zum ersten Autorennen rund um die Erde viele davon ausgerüstet mit Zündsystemen von Bosch. Würden die Magnetzünder die über km bis Paris und das erwartete halbe Jahr Dauerbelastung gut überstehen? Das taten sie ohne die geringste Störung, wie der Sieger Hans Koeppen nach dem Rennen stolz an Bosch schrieb. Selbst einen Brand des Motors hatte der Magnetzünder unbeschadet überstanden. Koeppen erreichte auf seinem Protos-Auto am 26. Juli als Erster Paris. Allerdings wurde er nachträglich disqualifiziert, weil er seinen Wagen zwischenzeitlich mit der Bahn transportiert hatte. Aber auch der Zweitplatzierte, der Amerikaner George Schuster auf einem Thomas Flyer, war von seinem Bosch-Zündsystem begeistert. Die Leistung unseres Bosch-Magneten war genauso beeindruckend wie unser Thomas-Auto. Als wir Flüsse überqueren mussten und das Wasser über die Motorhaube schwappte, hatte ich schon Zündaussetzer befürchtet. Aber wir hatten während der gesamten Fahrt kein einziges Problem mit der Zündung. Perfekte Zündung auf dem kompletten Weg zwischen New York und Paris. Der Bosch Magnetzünder ist perfekt! Dieses Lob hat die Bosch-Mitarbeiter in New York mit Sicherheit sehr stolz gemacht. Dieter Schmitt Die Mitarbeiterzeitung Bosch-Zünder zeichnete 1950 für ihre Leser die Strecke des Ersten Autorennens um die Welt nach.

9 Bosch weltweit 9 Europa im Visier In den Jahren 1903 und 1904 wurden weitere Vertretungen in Europa vergeben: In den Niederlanden übernahm 1903 die Firma Willem van Rijn in Amsterdam die Vertretung und im folgenden Jahr wurden Dénes & Friedmann mit einer Niederlassung in Mailand auch in Italien für Bosch aktiv. Ebenfalls von 1904 an waren die Produkte in Russland und in der Schweiz zu haben, wie auch in Skandinavien. Dort schloss Bosch mit der Stockholmer Firma Fritz Egnell einen Vertretervertrag für Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland ab. Die lang gehegten Pläne für eine erste Produktion außerhalb Stuttgarts wurden 1905 in Paris realisiert. In einer kleinen Fabrik begann die Compagnie des Magnétos Simms-Bosch Magnetzünder nach Bosch-Bauart zu produzieren. Handelshemmnisse wie Zölle und Transportwege sollten damit umgangen werden. Als es 1906 zur Trennung von Simms kam, konnte Bosch nun eigenständig Kunden in Frankreich und wenig später in Großbritannien beliefern zu dieser Zeit die beiden größten europäischen Automobil-Märkte. Die ständig wachsende Zahl an Aufträgen brachte die Kapazität der Stuttgarter Fabrik an ihre Grenzen. Engpässe wurden mit Hilfe der Fabrik in Paris überbrückt. Über den großen Teich Aber die Kapazitätsengpässe sollten bald noch deutlicher zutage treten. Im Jahr 1906 gründete der Verkaufsleiter Gustav Klein eine Niederlassung in New York und akquirierte Aufträge im Wert von einer Million Dollar. Dies entsprach umgerechnet mehr als dem Jahresumsatz des Unternehmens. Das USA-Geschäft veränderte das Unternehmen grundlegend. Im Jahr 1907 hatte sich der Umsatz der Firma im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt. Die Exportquote schoss in die Höhe. Während sie 1899 noch Es war Winter, wie uns die dicken Mäntel der Damen vermuten lassen, als ein Fotograf die Mitarbeiter der Bosch Magneto Company 1913 in New York/USA aufnahm.

10 10 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Tagung der europäischen Bosch-Vertreter 1910 in der französischen Vertretung in Paris. In ihrer Mitte Robert Bosch, mit Bart und Brille. Treffen in Paris Mehr Einheitlichkeit in Wien, Genf, Brüssel und London war das Stichwort für die Besprechung der kaufmännischen Vertreter von Bosch in Europa am 11. Dezember 1910 in Paris. Neben den Kaufmännern waren auch die Techniker gekommen. Die gut zwei Dutzend Tagungsteilnehmer kamen aus verschiedenen Ecken Europas und sollten in Paris auf den neuesten technischen Stand der Bosch-Produkte gebracht werden. Die Vertreter sollten ihren Kunden in Mailand, Amsterdam oder Stockholm die Funktionsweise und die Vorzüge des Produkts fachmännisch erläutern können. Höhepunkt des Treffens war ein englischer Vortrag von Verkaufsleiter Gustav Klein über Zündkerzen. Der Entwicklungschef Gottlob Honold hatte lieber dem sprachgewandteren Klein den Vortritt gelassen. Er überließ ihm allerdings auch seine Originalzeichnungen von neuen Zündkerzentypen, um den Vortrag anschaulicher zu machen. Das war ein Fehler, wie sich später herausstellte. Zwar waren die Zuhörer des Vortrags begeistert, aber Klein vergaß, Honold die Zeichnungen zurückzugeben und nahm sie mit zur Bosch-Vertretung nach New York und ließ sie prompt dort liegen. Zurück in Stuttgart suchte Honold verzweifelt seine Unterlagen und ersuchte die New Yorker Kollegen, mir dieselben dringend zuzusenden, da diese Zeichnungen Originalexemplare sind und ich dieselben dringend benötige. In Zeiten von Scannern und Internet wäre das heute kein Problem mehr, aber Honold musste wochenlang auf seine Unterlagen warten. Christine Siegel

11 Bosch weltweit 11 bei knapp 16 Prozent lag, betrug sie 1907 schon rund 79 Prozent. Neue Stützpunkte In Europa entstanden 1906 in Rumänien und 1908 in Spanien neue Vertretungen folgten Portugal und Bulgarien, 1913 Griechenland. Stand bis 1906 Europa im Fokus, wurde die Geschäftspolitik der Firma in den Folgejahren internationaler und die räumliche Distanz zwischen den weltweiten Stützpunkten und dem Stuttgarter Mutterunternehmen wuchs. Ab 1906 war Bosch durch die Firma Hoppert in Südafrika vertreten. Im Jahr 1907 konnte Bosch in Australien und Neuseeland eine Vertretung vergeben, Argentinien folgte ein Jahr später und 1909 war Bosch zum ersten Mal durch einen Vertreter auf dem chinesischen Markt präsent die erste Aktivität des Unternehmens in Asien überhaupt. In den Jahren 1910/11, als Bosch in Springfield/Massachusetts mit dem Bau einer Fabrik begann, um auch in den USA zu produzieren, kamen mit Brasilien, der Türkei und Japan weitere internationale Das Rennboot Lürssen- Daimler gewann 1911 die Meisterschaft des Meeres in Monaco mit 35 Knoten und Bosch-Zündung. Die Mitarbeiter der Bosch-Vertretung C. Illies & Co. in Nagoya /Japan, 1933

12 12 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Von leeren Straßen zur Autonation Über seine erste Japan-Reise Ende 1912 schreibt der Bosch- Entsandte Friedrich Reiser rückblickend: Dann sah ich mich auch wohl gleich nach Autos und großen Landstraßen um, die für meine berufliche Zukunft so wichtig waren. Und da war ich etwas enttäuscht, denn die fehlten. Der Mechaniker war von Robert Bosch nach Japan entsandt worden. Nach 16 Tagen Reise auf dem Landweg, großenteils mit der Transsibirischen Eisenbahn, erreichte er etwa um die Jahreswende 1912/13 den Bosch-Vertriebspartner Andrews & George in der Hafenstadt Yokohama. Reiser sollte eine Reparaturwerkstatt einrichten und die japanischen Mechaniker in der Wartung und Reparatur von Bosch-Magnetzündapparaten ausbilden. Bosch wollte sich durch gute Qualität und Verlässlichkeit bei Reparatur und Wartung einen guten Namen machen und das Vertrauen der Kunden gewinnen. Die von Reiser beklagte geringe Motorisierung in Japan war zunächst keine gute Voraussetzung. Aber das änderte sich bald, wie die Mitarbeiterzeitung Bosch-Zünder 1921 meldete: In Japan ist seit 1914 eine stetig anwachsende Zunahme des Kraftwagenverkehrs zu verzeichnen. Den 1066 Automobilen des Jahres 1914 stehen heute nahezu gegenüber. Reiser konnte nicht ahnen, dass gut ein halbes Jahrhundert später Millionen Autos auf japanischen Straßen unterwegs sein würden und Ende der 1970er Jahre ein Viertel aller Neuwagen in Japan produziert werden würde. Gut also, dass Bosch sich so früh in Japan engagierte. Dietrich Kuhlgatz Gespräch unter Fachmännern: Friedrich Reiser und Kiyoji Yagyu im Büro des Bosch- Dienstes im japanischen Kobe, 1923

13 Bosch weltweit 13 Clärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström, die mit einer Weltumfahrung im Automobil berühmt geworden waren, vor der schwedischen Bosch- Vertretung in Stockholm, um Vertretungen hinzu. Ägypten und Chile wurden 1913 als letzte neue Vertretungen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges eingerichtet. Das jähe Ende Das Weltexportvolumen hatte sich in den Jahren zwischen 1895 und 1914 um das Dreifache erhöht, wozu Bosch kräftig beigetragen hatte. Im Jahr 1913 machte der Auslandsanteil etwa 88 Prozent am Gesamtumsatz des Unternehmens aus. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 und der Kriegseintritt der USA 1917 hatten für die weltweite Tätigkeit von Bosch katastrophale Folgen. Das internationale Geschäft kam völlig zum Erliegen. Doch der Bedarf entstand an anderer Stelle. Erstmals wurden in großem Umfang Fahrzeuge für militärische Zwecke eingesetzt. Für Bosch bedeutete dies die Umstellung auf Kriegsproduktion. Auch die Kriegsgegner stellten auf Rüstungsproduktion um und begannen nun selbst mit der Produktion von Zündsystemen. In Paris und London wurden die Bosch-Vertretungen unter Kriegsverwaltung gestellt. Ein internationaler Patentschutz funktionierte unter diesen Bedingungen nicht mehr. Dadurch konnten die neuen Fabriken von der jahrzehntelangen Erfahrung von Bosch im Magnetzünderbau profitieren. Nach vier Kriegsjahren waren diese Firmen etabliert und zu einer starken Konkurrenz herangewachsen. Roter Teufel versus Anker im Kreis Durch den Kriegseintritt der USA 1917 fiel auch der nordamerikanische Besitz unter die Verwaltung des Staates. Er wurde mit Kriegsende 1918 enteignet und mitsamt den Markenrechten an eine US-amerikanische Investorengruppe verkauft. Die daraus hervorgegangene American Bosch Magneto Corporation verkaufte ihre Produkte nun unter dem Namen Bosch und warb weiter

14 14 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte An einem Strang zogen nicht die Mitarbeiter der C.A.V.-Bosch, sondern auch die der beiden Mutterfirmen. An einem Strang ziehen Die Zusammenarbeit bei C.A.V.-Bosch in London lief seit Gründung des Joint Ventures 1931 reibungslos. Die englischen Mitarbeiter und ihre deutschen Kollegen kamen gut klar. Ihr Verhältnis war von gegenseitigem Respekt geprägt, so wie auch das zwischen den Mitarbeitern der beiden Mutterfirmen der Joseph Lucas Ltd. in Birmingham und Bosch Stuttgart. Als sich die Sudetenkrise 1938 zu einem Krieg auszuweiten drohte und die europäischen Staatsmänner Hitler ein letztes Mal nachgaben, schrieben die Lucas-Mitarbeiter einen bemerkenswerten Brief nach Stuttgart: Jedoch möchten wir Sie versichern, dass unsere persönliche Freundschaft für Sie immer bestehen bleiben wird, und dass wir die vielen uns erwiesenen Freundschaftsdienste niemals vergessen werden. Wir möchten Sie bitten, mit uns zusammenzuarbeiten, damit eine Atmosphäre zwischen uns geschaffen wird, die über jeden Argwohn und Zweifel erhaben ist, und damit unsere Völker einander in Freundschaft und gegenseitigem Verstehen entgegenkommen können. Die Antwort folgte prompt: Wir Boschler, die das Glück haben, mit so vielen von Ihnen seit langer Zeit durch anregendes und erfolgreiches Zusammenwirken verbunden zu sein, wissen ganz besonders die Freundesbotschaft zu würdigen, die Sie uns in ernster Zeit sandten. [ ] Möge auch unsere gemeinsame Arbeit für die Zukunft unter dem glücklichen Zeichen dieser verheißungsvollen Kundgebung für Frieden und Verständigung stehen. Den Krieg konnte dies freilich nicht verhindern, aber als Bosch in den 1950er Jahren im Vereinigten Königreich wieder tätig wurde, geschah dies mit Hilfe der alten freundschaftlichen Verbindungen zu Lucas. Christine Siegel

15 Bosch weltweit 15 mit dem roten Teufel. Verwechslungen waren programmiert und Robert Bosch fürchtete um den guten Namen seines Unternehmens. Im Jahr 1921 gründete er daher eine neue Vertretung in New York. Zur Unterscheidung von den American Bosch-Produkten wurden die aus den deutschen Werken importierten Waren mit der 1918 von Gottlob Honold entworfenen neuen Schutzmarke, dem Anker im Kreis, versehen. Diese Schutzmarke ist in modernisierter Form auch heute noch gültig. Langjährige Geschäftspartner wie die Firmen Willem van Rijn in den Niederlanden oder Fritz Egnell in Schweden übernahmen wieder die Vertretung. Ähnlich verhielt es sich mit den Vertretern in Spanien, Rumänien, Polen und der Türkei. Keinerlei Unterbrechung des Geschäfts hatte es bei den Vertretungen in Wien und Budapest gegeben. Hier hatte sich Bosch während des Krieges sogar von Dénes & Friedmann getrennt und eigene Gesellschaften gegründet. Mit langjährigen Partnern am Start Generell entwickelte sich der Aufbau des internationalen Vertriebs in den ersten beiden Nachkriegsjahren eher schleppend. Glücklicherweise waren nicht alle Vertretungen enteignet worden. In Ländern, die neutral geblieben waren, kam das Geschäft zwar während des Krieges zum Erliegen, da es an Nachschub fehlte. Jedoch konnte Bosch an die bereits vor dem Krieg bestehenden Geschäftsbeziehungen anknüpfen. Schwieriger gestaltete sich die Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit in Großbritannien und Frankreich. Die im Krieg entstandenen neuen Unternehmen zur Herstellung von Automobilausrüstung waren auf ihren heimischen Märkten fest etabliert. In den Ländern der ehemaligen Kriegsgegner hatten die Erzeugnisse aus Deutschland aufgrund nationaler Ressentiments das Nachsehen. Gerade deshalb versuchte Bosch früh, wieder in Großbritannien und Bild oben: Verzeichnis der United American Bosch Autowerkstätten, 1930 Bild unten: Die 1921 neu eingerichtete Bosch-Vertretung in Buenos Aires /Argentinien

16 16 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Bild oben links: Messe-Pavillon der Bosch-Vertretung Willem van Rijn in Soerabaia/Batavia (heute Java), 1936 Bild oben rechts: Mitarbeiter der Bosch- Vertretung C. Illies & Co. in Japan hatten eine eigene Baseball-Mannschaft gegründet, die regelmäßig zu Spielen antrat, Frankreich Fuß zu fassen, und vergab 1920 beziehungsweise 1921 Vertretungen nach London und Paris. In aller Welt Auch außerhalb Europas belebte Bosch die alten Geschäftskontakte neu. Mit den Vertretern in Argentinien, Südafrika, Japan und China schloss Bosch bis 1920 neue Verträge. Argentinien war von Bosch als neuer Stützpunkt für das gesamte Südamerika- Geschäft vorgesehen. Deshalb reiste Robert Bosch 1921 selbst dorthin, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Drei Jahre später entstand eine neue Bosch-Gesellschaft in Buenos Aires. Darüber hinaus schloss Bosch bis 1923 nacheinander neue Vertreterverträge in Kuba, Syrien, Palästina, Britisch-Indien (heute Republik Indien) und Niederländisch-Indien (heute Indonesien), in Siam (heute Thailand), Ägypten, den Malaien-Staaten und den Straits Settlements (heute Malaysia) sowie in Chile und Mexiko. Ein enges Netz von Vertretungen und ab 1921 von lizenzierten Reparaturwerkstätten, den Bosch-Diensten, überzog den Globus. Dies half, den Namen Bosch bis in jeden Winkel der Welt zu tragen. Freihandel oder Abschottung Nach dem Krieg begannen fast alle Industrienationen mit dem Aufbau hoher Schutzzölle. Der politische Isolationismus der weltgrößten Handelsmacht USA führte zur wirtschaftlichen Abschottung. Im Zuge der 1929 mit dem Schwarzen Freitag beginnenden Weltwirtschaftskrise, die jegliche zuvor mühevoll aufgebaute internationale

17 Bosch weltweit 17 Wirtschaftskooperation lähmte, verstärkten die Regierungen vieler Staaten ihre Maßnahmen noch weiter, um sich vor Importen zu schützen. Diese Entwicklung lief den Überzeugungen liberaler Wirtschaftsführer wie Robert Bosch völlig zuwider. Die enge internationale Zusammenarbeit nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf politischer Ebene war seiner Ansicht nach entscheidend, um künftig Kriege und Wirtschaftskrisen zu vermeiden. Produktion vor Ort Krisen, Zölle und nationales wirtschaftliches Autarkiestreben bewogen Bosch ab Ende der 1920er Jahre zur Gründung mehrerer Joint Ventures mit Firmen außerhalb Deutschlands, die die gleichen Produkte wie Bosch herstellten. In Frankreich begann 1928 die Zusammenarbeit mit der Firma Lavalette, 1931 gründete Bosch zusammen mit der britischen C.A.Vandervell Co. Ltd. das Gemeinschaftsunternehmen C.A.V.- Bosch. Eine ähnliche Zusammenarbeit gab es 1935 mit der italienischen Firma Magneti Marelli, aus der die MABO in Mailand hervorging. In den USA fusionierte das Unternehmen 1930 mit der American Bosch Magneto Corporation zur United American Bosch Corporation. Darüber hinaus vergab Bosch in den 1930er Jahren Lizenzen für den Nachbau von Produkten nach Argentinien, Japan und Australien. Bis Anfang der 1930er Jahre hatte sich Bosch international wieder etabliert. Der Name und die Qualität der Produkte waren weltweit bekannt. Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht übernahmen und eine Phase wirtschaftlicher Autarkie einläuteten, sanken auch bei Bosch die Exportquoten rapide, von 55,7 Prozent im Jahr 1932 auf 9,3 Prozent im Jahr Und als in jenem Jahr schließlich der Zweite Weltkrieg ausbrach, stellten die Kriegsgegner den Bosch-Besitz erneut unter Kriegsverwaltung. Ein Kapitel erfolgreicher Internationalisierung war zu Ende. Nach Kriegsende stand Bosch international einmal mehr vor dem Nichts. Viel Spaß hatten die Mitarbeiter der italienischen Bosch-Vertretung aus Mailand bei ihrem Betriebsausflug zu Beginn der 1930er Jahre.

18 18 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Stabilität und Aufschwung Von Christine Siegel Bei traditioneller einheimischer Musik rollte der VW Käfer eines Bosch-Dienstes 1970 in Mexiko ein.

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20 20 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Nach dem Zweiten Weltkrieg sah sich Bosch mit sehr viel schwierigeren Startbedingungen für das internationale Geschäft konfrontiert als nach Kriegsende Nicht nur, dass die ehemaligen Kriegsgegner erneut alle Niederlassungen und Gesellschaften in ihren Ländern enteignet hatten. Das Londoner Abkommen vom 27. Juni 1946 hob überdies den Schutz aller deutschen Patente und Warenzeichen in diesen Ländern auf. Große Teile deutscher Produktionsstätten waren zerstört worden, was dazu führte, dass die Produktion nahezu brach lag. Deutschland war in vier Besatzungszonen eingeteilt und wirtschaftliche Fragen unterlagen der jeweiligen alliierten Besatzungsmacht. Außenhandel war in den ersten Monaten nach dem Krieg für deutsche Firmen überhaupt nicht möglich. In der amerikanischen und britischen Zone, wo Bosch mehrheitlich tätig war, verwaltete die Joint Export Import Agency (JEIA) den kompletten Export. Selbst Schriftverkehr in andere Länder war deutschen Firmen zunächst nicht gestattet. Zaghafte Anfänge Trotz aller Schwierigkeiten arbeitete Bosch daran, den Außenhandel der Firma wieder aufzunehmen mit Erfolg. Als erstes deut- sches Unternehmen konnte Bosch sein internationales Geschäft wieder in Gang bringen, wie die Mitarbeiterzeitung Bosch- Zünder 1950 berichtete. Entscheidend war dabei, dass Bosch die in den Jahrzehnten vor dem Krieg aufgebauten Kontakte nutzen und daran teilweise nahtlos anknüpfen konnte. Einige Vertreter waren schon unmittelbar nach dem Krieg an das Unternehmen herangetreten und hatten um die Lieferung von Produkten gebeten. Dies erleichterte den Start, als die Alliierten die Exportbestimmungen Ende der 1940er Jahre schließlich lockerten. Im Jahr 1950 betrug der Anteil des Exports am Gesamtumsatz immerhin schon wieder elf Prozent. Weitblick Mit über 80 Prozent entfiel der größte Anteil der Bosch-Exporte 1951 auf europäische Länder. In Frankreich und Österreich konnten schon 1950 neue Vertretungen vergeben werden. Doch rückten im Laufe der 1950er Jahre auch bald andere Märkte ins Blickfeld. Ab 1952 war es für deutsche Firmen wieder möglich, außerhalb des Landes zu investieren. So gründete das Unternehmen 1953 die Robert Bosch Corporation in New York. Doch hohe Zölle und der erneute Kampf um die enteignete Marke Geschraubt und beraten wurde vor der englischen Bosch-Gesellschaft in Hendon, 1953.

21 Bosch weltweit 21 Teambesprechung bei der indischen Mico, die Bosch zusammen mit mehreren Partnern gegründet hatte, Das Ende der Durststrecke Unsere bisherige Taktik in Indien, uns auf den reinen Import zu beschränken, wird auf Dauer keinerlei Erfolg zeitigen, vielmehr werden wir, wenn wir diese Taktik beibehalten, vollkommen vom indischen Markt verdrängt werden. So drastisch klang das Ergebnis einer Bosch-internen Analyse kurz nach 1950, die sicherlich Wirkung tat. Denn als Autozulieferer war Bosch zwar schon seit 1922 in Indien tätig, aber trotz dreifachen Wechsels des Vertriebspartners vor Ort waren die Umsätze nicht wirklich gestiegen. Zu dominant waren britische und US-Autozulieferer, denn auch gut zehn Jahre nach Ende der Kolonialzeit bestimmten Autos und Lastwagen aus diesen Ländern das Straßenbild jeder indischen Metropole. Wie also konnte Bosch das Blatt wenden? Ein Schlüssel war der Fünfjahresplan der indischen Regierung 1951: Bis 1956 sollten stationäre Dieselmotoren für die Bewässerung der Felder gebaut werden. Und wer hatte in der Welt ein besseres Renommée in der Dieseleinspritzung als Bosch? Also tat sich Bosch mit dem indischen Handelspartner Saran zusammen: Dieser gründete 1951 mit indischen Partnern die Firma Mico, die in Lizenz die Bosch-Technik herstellte. Bosch sicherte sich zunächst das Recht auf Anteile und später dann die Mehrheit des Unternehmens, das heute Bosch India Ltd. heißt. Dietrich Kuhlgatz

22 22 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Bosch erschwerten anfänglich die Bedingungen für den Handel mit den USA. Einfacher war die Situation in Kanada, wo 1954 in Montreal eine neue Vertriebsgesellschaft entstand. Dort konnten die Markenrechte ebenso zurückerworben werden wie in Großbritannien, wo Bosch im gleichen Jahr die nach dem Krieg enteignete Bosch Limited zurückkaufte. Auch in zahlreichen anderen europäischen Staaten konnte das Unternehmen wieder uneingeschränkt unter dem Namen Bosch firmieren. Neustart der internationalen Produktion Neben dem Auf- und Ausbau eines Vertretungs- und Kundendienstnetzes, das 1956 schon weltweit 130 Länder umfasste, setzte Bosch zunehmend auf die Produktion vor Ort. Dadurch umging das Unternehmen hohe Zölle und lange Transportwege. Außerdem schufen manche Länder wie beispielsweise Brasilien entsprechende Steuererleichterungen, um internationale Investoren anzulocken. Als sich deutsche Automobilfirmen auf dem südamerikanischen Kontinent niederließen, war die Gründung eines Standortes in der Nähe von São Paulo doppelt interessant. Bosch belieferte vertraute Kunden und zugleich gelang der Einstieg in einen Markt, dessen Größe ausgezeichnete Perspektiven versprach. Ebenfalls Mitte der 1950er Jahre begann Bosch in Australien und Indien zu produzieren. Mehrere indische Partner gründeten die Motor Industries Company Ltd. (Mico), die in Lizenz Zündkerzen und Dieseleinspritzpumpen herstellte und an der sich Bosch 1952 beteiligte. In Australien beteiligte sich das Unternehmen am Aktienkapital einer einheimischen Firma, der Pyrox Pty. Ltd., der es zuvor die Lizenz zur Fertigung von Kraftfahrzeugausrüstung erteilt hatte. Die Beteiligung konnte in den Jahren 1956 bis 1958 so weit ausgebaut werden, dass das Werk schließlich vollstän-

23 Bosch weltweit 23 dig in Bosch-Besitz überging und daraus die Robert Bosch (Australia) Pty. Ltd. entstand. Auch in Japan, Spanien und Argentinien vergab Bosch Mitte der 1950er Jahre Lizenzen. Zudem übernahm Bosch die Mehrheit an der Schweizer Firma Scintilla. In deren Werken in Solothurn und St. Niklaus produzierte Bosch erstmals auf Schweizer Boden. Konsolidierung und neue Strukturen Das Unternehmen richtete sich auch im zweiten Nachkriegsjahrzehnt kontinuierlich weiter international aus. Während die 1950er Jahre noch vom Aufbau neuer Niederlassungen und Produktionsstätten geprägt waren, begann in den 1960ern die Konsolidierung und Umstrukturierung, um für den internationalen Wettbewerb besser aufgestellt zu sein. Sukzessive wurden die Vertretungen außerhalb Deutschlands umbenannt. Jede Gesellschaft sollte den Namen des Unternehmensgründers tragen und meist auch den Namen des Landes, so beispielsweise die 1961 gegründete Robert Bosch Argentina oder seit 1962 die Robert Bosch (Norge) A/S. In einem weiteren Schritt wurde 1971 die Bezeichnung Regionalgesellschaften eingeführt. Der geplante weitere multinationale Ausbau der Bosch-Gruppe lasse die herkömmliche Unterscheidung zwischen inländischen und ausländischen Gesellschaften in den Hintergrund treten, vermerkte der Geschäftsbericht in jenem Jahr. Der Nachbar im Fokus Mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957 wurden zusätzliche Anreize für Investitionen außerhalb Deutschlands geschaffen. Für Bosch rückte vor allem der westliche Nachbar Frankreich in den Fokus. Die Beziehungen zu Frankreich waren schon dem Unternehmensgründer Robert Bosch eine Herzensangelegenheit gewesen und die Entstehung einer europäischen Gemeinschaft, der Bild links: Werk Campinas der Robert Bosch do Brasil, um 1965 Bild rechts: Messestand der Bosch- Vertretung in Ghana, um 1960

24 24 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Indische Auszubildende bei der Mico in Bangalore, 1986 beide Länder angehörten, war eine späte Verwirklichung seiner europapolitischen Vision. Besonders wirtschaftlich war die Zusammenarbeit mit dem westlichen Nachbarn sehr interessant: An die französischen Kontakte, die in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen entstanden waren, knüpfte Bosch in den 1950er Jahren erfolgreich an und gründete mit mehreren französischen Partnern 1962 das Fertigungsunternehmen Les Constructeurs Associés, das 1964 ganz an Bosch überging mit der Vertriebsgesellschaft Robert Bosch S.A. zusammengefasst, firmierte die neue Gesellschaft als Robert Bosch (France) S.A. Durch Neugründungen und Zukäufe weitete die französische Regionalgesellschaft ihr Geschäft in den kommenden Jahren stark aus. Bis in die 1980er Jahre avancierte Frankreich nach Deutschland zum bedeutendsten Markt der Bosch-Gruppe wurde die Robert Bosch (France) S.A. sogar zum größten deutschen Arbeitgeber in Frankreich. Auch in Spanien und Mexiko entstanden in den späten 1960er Jahren neue Standorte. Durch eine 50-prozentige Beteiligung an der Constructora Eléctrica Española S.A. in Madrid, der späteren Robert Bosch Española S.A., begann Bosch in Spanien Autoelektrik zu produzieren. Im mexikanischen Toluca gründete Bosch 1966 mit einheimischen Partnern die Automagneto S.A. de C.V. (AMEX) zur Herstellung von Kraftfahrzeugausrüstung. Durch den Zukauf weiterer Firmen wurden die Produktionskapazitäten ausgeweitet, so dass zu Beginn der 1970er Jahre der US-amerikanische Markt vom nahe gelegenen Mexiko aus beliefert werden konnte. Aller guten Dinge sind drei In den 1970er Jahren rückte besonders ein Markt ins Zentrum der internationalen Aktivitäten: die USA. Obwohl sich das Unternehmen allen Widrigkeiten zum Trotz schon zweimal erfolgreich in den USA

25 Bosch weltweit 25 Dreißig zu eins Fast 30 Bewerber auf eine Lehrstelle und Nelson Mulato hatte das nötige Glück. Er startete am 1. Februar 1960 seine Lehre im Werk Campinas. Das war eine Premiere, denn er gehörte zu den ersten Bosch-Lehrlingen in Brasilien überhaupt. Meine Gruppe war als erste an den Schraubstöcken. Wir bauten die importierten Maschinen auf und warteten auf die ersten Anweisungen der Ausbilder. Brasilien und dessen schnell wachsende Automobilindustrie bot enorme Chancen. Bereits 1956 hatte Bosch in Campinas eine kleine Fertigung von Diesel-Ausrüstung aufgebaut. Sie war aber bald zu klein und man begann mit einem Neubau am Stadtrand. Aber Bosch investierte nicht nur in den Standort, sondern auch in die Ausbildung. Das geplante Wachstum war nur zu erreichen, wenn man genügend gut ausgebildete Mitarbeiter gewinnen konnte. Deshalb vereinbarte Bosch 1957 eine Zusammenarbeit mit dem staatlichen Ausbildungsprogramm SENAI (Serviço Nacional de Aprendizagem Industrial). Kinder und Verwandte von Bosch-Mitarbeitern konnten sich auf eine Lehrstelle bewerben. Das Auswahlverfahren war hart und nur die Talentiertesten wurden ausgewählt. Nicht nur gute Schulnoten waren wichtig, sondern auch die Motivation für einen technischen Beruf. Die neuen Lehrlinge bekamen eine einmalige Chance. Nelson Mulato war später sehr dankbar dafür: Ich glaube, dass die Ausbildung bei Bosch für meinen Berufsweg das Wichtigste war! Dieter Schmitt Auf den Millimeter genau: Brasilianische Lehrlinge beim Schleifen im Werk Campinas, 1965

26 26 Sonderheft 3 Magazin zur Bosch-Geschichte Das Schild der türkischen Regionalgesellschaft wies auf die neue Fabrik zur Herstellung von Dieseleinspritzpumpen hin, die hier entstehen sollte, etabliert hatte, erwies sich der Neubeginn nach 1945, vor allem in der Produktion, als überaus schwierig. Erst 25 Jahre nach Kriegsende gelang der Durchbruch. In Charleston/South Carolina begann Bosch 1973 mit dem Bau eines Werks zur Herstellung von Dieseleinspritzausrüstung. Weitere Fertigungsstandorte folgten, nicht nur für Kraftfahrzeugtechnik, sondern auch für andere Unternehmensbereiche. Mitte der 1980er Jahre wurden die USA zum wichtigsten Absatzmarkt der Bosch- Gruppe außerhalb Deutschlands und lösten damit Frankreich als Spitzenreiter ab. Deshalb erklärte das Unternehmen Ende des Jahrzehnts Nordamerika zum Schwerpunkt seiner internationalen Investitionen. Innerhalb von zwei Jahrzehnten war es Bosch gelungen, sich wieder erfolgreich am US- Markt zu etablieren. Dieser Erfolg wurde dadurch gekrönt, dass das Unternehmen nach fast 40 Jahren die Markenrechte zurückerwerben konnte. Weltweit aktiv Obwohl die USA den Schwerpunkt des Engagements außerhalb Deutschlands bildeten, vernachlässigte das Unternehmen die anderen Märkte keineswegs. Im Jahr 1972 begann Bosch als eines der ersten europäischen Unternehmen im malaysischen Penang zu produzieren. Ein Jahr später eröffnete Bosch zusammen mit Partnern die erste Fabrik in Japan. Im selben Zeitraum begann im belgischen Tienen, in Bursa in der Türkei und in Ghazwin, im heutigen Iran, die Fertigung. Im Jahr 1974 lag der Auslandsanteil des Umsatzes der Bosch-Gruppe erstmals nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder über 50 Prozent. Der hohe Kurs der D-Mark indes erschwerte den Export. Die Lösung hieß:

27 Bosch weltweit 27 Mit dem Maultier durch die Anden die Bosch- Elektrowerkzeuge erreichten 1960 sicher ihr Ziel. Elektrowerkzeuge in den Anden Mut und Abenteuerlust brauchte Rolf Elsässer, um 1960 Werkstattleiter für Bosch in Chile zu sein. Er war zwei Jahre zuvor nach Santiago zur chilenischen Bosch-Vertretung EMASA entsandt worden und wurde nun beauftragt, eine Kupfermine in den Anden mit Bosch-Elektrowerkzeugen auszurüsten. Die Mine lag etwa 350 km nördlich von Santiago, auf rund Metern in den Anden. Der erste Teil der Reise ging noch zügig mit dem Auto auf der Panamericana bis zum ersten Schlafplatz auf einem Zeltplatz in der Nähe der Stadt Illapel. Die letzten Kilometer kurz vor Mitternacht beeindruckten Rolf Elsässer sehr: Es geht durch reißende Gebirgsbäche, an verschlafenen Hütten vorbei, aus denen hin und wieder matter Kerzenschein dringt. [ ] Die Scheinwerfer geistern an Abhängen vorbei und streifen Berghänge, an denen ganze Kakteenwälder gerade in schönster Blüte stehen. Am nächsten Morgen wurde die Ausrüstung umgeladen. Die letzten 25 Kilometer bis zur Mine konnten nur Maultiere bewältigen, denn eine Straße für Autos und LKWs gab es noch nicht. Da war ich manchmal eine ganze Woche unterwegs, erinnerte sich Rolf Elsässer an seine Reisen zur Kupfermine. Dort angekommen, baute er mit den Arbeitern sofort die Bohranlage auf. Sie hatte elektrische Bohrhämmer und einen Generator. Der Motor sprang wegen der dünnen Luft in der Höhe nur schlecht an. Aber mit einem improvisierten Glührohr klappte auch das. Mit den neuen Elektrowerkzeugen ließen sich die Bohrlöcher für die Sprengung in je etwa 20 Minuten bohren - eine deutliche Zeitersparnis, für die sich die anstrengende Reise doch gelohnt hatte. Dieter Schmitt

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