September 18. Prof. Dr. Michael Jasch
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- Theresa Egger
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1 Prof. Dr. Michael Jasch 1 Beispiel: Autofahrer A schaltet bei einer nächtlichen Fahrt das Fahrlicht nicht ein. Dadurch sieht ihn der Radfahrer R nicht. R fährt deshalb seitlich in A`s PKW und wird schwer verletzt A könnte sich... strafbar gemacht haben, indem er das Licht nicht einschaltete... oder A könnte sich... strafbar gemacht haben, indem er mit dem unbeleuchteten Pkw im Straßenverkehr fuhr
2 Abgrenzung Tun / Unterlassen. Tun = wer ein Geschehen durch Einsatz von Energie in Gang setzt oder lenkt. Unterlassen = wer den Dingen ihren Lauf lässt, nicht eingreift. Kriterium in Zweifelsfällen: Wo liegt der Schwerpunkt des schadensbegründenden Verhaltens auf dem Nichtstun, oder einem aktiven Handeln? Zum Nachlesen: BGHSt 56, 277 (Unterlassen ärztlicher Behandlung). 3 echte Unterlassungsdelikte unechte Unterlassungsdelikte stehen ausdrücklich im StGB z.b.: 323 c kann jedes Erfolgsdelikt sein wenn Pflicht zum Handeln gem. 13 besteht! (Beispiel: 223, 13: Körperverletzung durch Unterlassen) 4 2
3 Wann ist Unterlassen strafbar?. Grundgedanke: Unterlassen ist nur strafbar, wenn man rechtlich zum Handeln verpflichtet ist! Verpflichtung aus speziellem Strafgesetz: Garantenstellung ( 13 StGB): z.b.: 323 c StGB (...) wenn er rechtlich Unterlassene Hilfeleistung; dafür einzustehen 138 (Nichtanzeige) hat (...). 5 Beschützergaranten Überwachungsgaranten aus Gesetz enger Verbundenheit Lebens- / Gefahrgemeinschaft freiwillige Übernahme Amtsträger innerhalb Zuständigkeit Beherrschung Gefahrenquelle - auch: Pflicht zur Überwachung von Personen - Vertrieb gefährlicher Produkte Ingerenz (pflichtwidriges, gefährdendes Vorverhalten) 6 3
4 Garantenstellungen ergeben sich aus... 1) Gesetz z.b.: Ehegatten ( 1353 BGB) Eltern gegenüber Kindern ( 1626, 1631 BGB) - Eltern müssen gegen konkret bevorstehende Straftaten v. Kinder einschreiten. - Nicht strafbar: Unterlassen bestimmter Erziehungsmaßnahmen. Kinder für Rechtsgüter ihrer Eltern: Einzelfallabhängig! (BGH Str 4 169/17) 2) Rechtlich fundierte, enge Verbundenheit Verwandte gerader Linie, Geschwister, Verlobte 3) Andere Lebens- und Gefahrgemeinschaften Eheähnliche Lebensgemeinschaft Zusammenschluss von Bergsteigern, Seglern, usw. Enge, langjährige Geschäftsbeziehung ( BGHSt 46, 196 ) 7 Garantenstellungen Für alle genannten gilt: Nicht automatisch, es kommt auf den Einzelfall an! Garantenstellung ist nur gegeben, wenn sie nach der Art die Gewähr für gegenseitige Hilfe und Fürsorge in sozialtypischen Gefahrenlagen bieten soll! NICHT: Zufallsgruppe Trinkgemeinschaft Gruppe bei illegalem Grenzübertritt Wohngemeinschaft an sich. 4) freiwillige Übernahme von Schutzpflichten Baby-Sitter, Bergführer, Bademeister Übernahme Krankenpflege, Arzt Entscheidend ist: Wird faktisch Schutz übernommen? Sind im berechtigten Vertrauen darauf andere Schutzmaßnahmen unterblieben / durften unterbleiben? 8 4
5 Garantenstellungen 5) Amtsträger innerhalb Zuständigkeit Aufsichtspflichtige Lehrer Polizeibeamte: - Im Dienst, örtlich & sachlich zuständig: Pflicht zur Verhinderung sämtlicher Rechtsgutsverletzungen! - Außerhalb des Dienstes: Nur bei schweren Straftaten! (BGHSt 38, 388; hm) - Freiheitsberaubung durch Unterlassen durch Polizisten, der für Gewahrsam verantwortlich ist: BGH 4 Str 473/13. Sozialarbeiter, Schulleiter 6) Beherrschung von Gefahrenquellen Pflicht zur Sicherung für Grundstückseigentümer, Kfz-Halter, Inhaber gefährlicher Betriebe, Halter gefährlicher Hunde. Vertrieb gefährlicher Produkte (z.b.: Toyota/Gaspedal; Glyphosat) 9 Garantenstellungen 7) Ingerenz = pflichtwidriges, gefährdendes Vorverhalten. Grundgedanke: wer durch Pflichtwidrigkeit für Andere die nahe Gefahr eines Schadens verursacht, ist zu deren Abwendung verpflichtet. Beispiel 1: Autofahrer verursacht schuldhaft Unfall, lässt verletztes Opfer allein zurück. Beispiel 2: Beteiligung an Misshandlungen kann zur Pflicht führen, anschließend Tötung durch einen Beteiligten zu verhindern. Aber nur, wenn die Misshandlungen die nahe Gefahr des Todes geschaffen haben (Beispiel zum Nachlesen: BGH NStZ 2000, 583 ). 10 5
6 1. Objektiver Tatbestand 1.1 Eintritt TB-Erfolg (z.b.: Tod) 1.2 Unterlassen der Handlung, die a) objektiv erforderlich war und b) rechtlich geboten war (Garantenstellung) 1.3 Kausalität Unterlassen => Erfolg 1.4 Objektive Zurechnung des Erfolges 1.5 Gleichwertigkeitsklausel ( 13 I letzter Halbsatz) 2. Subjektiver Tatbestand: Vorsatz II. Rechtswidrigkeit III. Schuld 11 Fall 1 A. Strafbarkeit des Polizeibeamten gem. 212, 13 StGB 1. Eintritt des Tatbestandserfolges => hier Tod (+), weil M verstarb. 2. Nichtvornahme gebotener Handlung a) Objektiv zur Erfolgsabwendung geboten: Rettungsbemühungen! b) Fraglich: War der PK rechtlich zum Handeln verpflichtet? Dies wäre der Fall, wenn er eine Garantenstellung inne gehabt hätte. Eine solche könnte sich hier aus dem PolG-NRW ergeben. Gem. 1, 8 Abs.1 PolG gehört die Abwehr von Gefahren, also die Verhinderung von Rechtsgutsbeeinträchtigungen der Bürger, zu den Aufgaben der Polizeibeamten. Also war der PK zur Verhinderung von Gesundheitsschäden des M rechtlich verpflichtet. Eine Garantenstellung für das Leben des M lag vor. 12 6
7 Fall 1 3. Kausalität des Unterlassens für den Erfolg (+): M hätte gerettet werden können. 4. Objektive Zurechnung des Erfolges 5. Gleichwertigkeitsklausel ( 13 I letzter Halbsatz) = wenn ein Unterlassen vom Unrechtsgehalt her einem aktiven Handeln gleichzusetzen ist. 2. Subjektiver Tatbestand: Vorsatz (SV: Mit der Möglichkeit eines Todes wurde gerechnet). II. Rechtswidrigkeit III. Schuld IV. Ergebnis: P ist strafbar gem. 212, Variante b (der Passant): Aufbau wie oben. Keine Garantenstellung, daher keine Strafbarkeit gem. 212, 13 oder 222, 13. Der Passant ist strafbar gem. 323 c StGB. 13 Fall 2 A. Strafbarkeit des A gem. 212, Eintritt des Tatbestandserfolges (Tod der B) 2. Nichtvornahme gebotener Handlung a) Unterlassen des A gebotener Rettungsbemühungen b) Fraglich, ob A Garant für die Rechtsgüter der B war. aa) Aufgrund der Wohngemeinschaft mit B? ( - ) WG allein ist keine ausreichende Schutzgarantie! bb) aus Beziehung ( Paar ) zu der B? ( - ) nichteheliche Lebensgemeinschaft erst Garantenstellung, wenn gefestigt und auf Dauer angelegt. Hier: Erst eine Woche. 14 7
8 Fall 2 3) aus Ingerenz? ( - ) A war völlig schuldlos an dem Unfall. Ergebnis: 212, 13 ( - ) II. 323 c - Unterlassene Hilfeleistung - ( + ) 15 Fall 3 A. Strafbarkeit der B gem. 29 a Abs.1 Nr.2 BtmG, 27, 13 StGB (Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln durch Unterlassen) Garantenstellung der B als Wohnungsinhaberin zur Verhinderung von Straftaten? Nein! Es gibt keine generelle Pflicht zur Straftatenverhinderung für Inhaber von Wohnungen. Auch Beihilfe durch aktives Handeln wurde hier vom BGH verneint, weil das reine Dulden der Verkäufe durch B noch kein Hilfeleisten gem. 27 ist. 16 8
9 17 1. Objektiver Tatbestand 1.1 Unglücksfall oder gemeine Gefahr, Not Unglücksfall = Gemeine Gefahr = Gemeine Not = 1.2 Unterlassen der Hilfeleistung, die a) erforderlich = b) zumutbar war. 2. Subjektiver Tatbestand: Vorsatz II. Rechtswidrigkeit III. Schuld 18 9
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