Inklusionsbarometer 2014 Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung

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1 Fakten Inklusionsbarometer 2014 Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung 1. Ziel des Inklusionsbarometers Die Teilhabe am Arbeitsleben bildet eine wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben in unserer Gesellschaft. So gilt in Deutschland seit 2009 die UN- Behindertenrechtskonvention, die unter anderem den gleichberechtigten Zugang zu einem inklusiven Arbeitsmarkt gewährleisten soll. Das Inklusionsbarometer der Aktion Mensch und des Handelsblatt Research Institutes gibt zum zweiten Mal, seit 2013, ein umfassendes und transparentes Bild zum Stand der Inklusion in der Arbeitswelt. 2. Datenbasis des Inklusionsbarometers Für eine ganzheitliche Betrachtung der Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt basiert das Barometer auf zwei unterschiedlichen Analysemethoden: Lagebarometer: Auswertung von statistischen Daten der Bundesagentur für Arbeit und der Integrationsämter 1 der letzten fünf Jahre Klimabarometer: Repräsentative Forsa-Umfrage unter 803 Arbeitnehmern mit Behinderung und 402 Unternehmer, die Menschen mit Behinderung beschäftigen. Die Umfrage basiert auf einer Befragung im Zeitraum Juli bis August Lagebarometer Das Lagebarometer besteht aus zehn Teilindikatoren 2, die verschiedene Aspekte des komplexen Prozesses der Inklusion darstellen: Neben der Situation von Menschen mit Behinderung selbst, wird auch ihre relative Position zu Menschen ohne Behinderung auf dem Arbeitsmarkt sowie die Rolle der Arbeitgeber einbezogen. Methodik: Für jeden der Teilindikatoren wird der aktuell verfügbare Wert mit dem Mittel der vorangegangenen fünf Jahre verglichen. Ist der aktuelle Wert besser als das Mittel der letzten fünf Jahre, bedeutet dies für den Teilindikator einen positiven Trend. Alle zehn Teilindikatoren fließen zu gleichen Teilen in das Lagebarometer ein. Der Wert +100 steht für das Mittel der vergangenen fünf Jahre. Liegt der Wert des Lagebarometers darunter, hat sich die Situation im Vergleich zu den vergangenen Jahren verschlechtert, liegt er darüber, hat sich die Situation verbessert. 1 Datenbasis: Amtliche Nachrichten der Bundesagentur für Arbeit, 60. Jg. Sondernummer 2, Arbeitsmarkt 2012 ; Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Arbeitsmarkt in Zahlen- Beschäftigungsstatistik: Schwerbehinderte Menschen in Beschäftigung (Anzeigeverfahren SGB IX) 2012, Nürnberg 2014; BIH Jahresbericht 2013/14. Hilfen für schwerbehinderte Menschen im Beruf, hrsg. von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, Wiesbaden 2014 (und ältere Jahrgänge). [auf Seite 10 des Studienbandes unter 2 Eine Übersicht aller erhobenen Teilindikatoren finden Sie auf Seite 11 des Studienbandes unter 1/7

2 Ergebnis: Der Wert des Inklusionslagebarometers ist im Vergleich zum Vorjahr etwas gestiegen, von 101,4 auf jetzt 101,6. Die Lage schwerbehinderter Arbeitnehmer hat sich demnach sowohl im Vergleich zu den Basisjahren als auch im Vergleich zum Vorjahr objektiv leicht verbessert obwohl es drei negative Indikatoren gibt. Drei Teilindikatoren sind negativ: Die Zahl der Arbeitslosen mit Schwerbehinderung ist mit Menschen aktuell höher als im Vorjahr mit Der Anteil der Langzeitarbeitslosen die also mindestens ein Jahr lang auf Beschäftigungssuche sind an allen arbeitslosen Menschen mit Behinderung ist auf 44,5 Prozent gestiegen (gegenüber 43,5 Prozent im Vorjahr). Auch bei der Dauer der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung ist ein Rückschritt zu verzeichnen: Sie suchen im Jahr 2014 durchschnittlich 95 (Vorjahr: 87) Tage länger nach einer neuen Stelle als ihre Kollegen ohne Behinderung. Werte anderer Teilindikatoren haben sich verbessert: o So nähert sich die Beschäftigtenquote der Menschen mit Behinderung mit 4,64 Prozent weiter dem gesetzlich vorgeschriebenen Wert von fünf Prozent an (106,4 zu 104,6 im Vorjahr). o Die Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten ist etwas gesunken. Sie liegt zwar mit 14,0 Prozent immer noch deutlich über der aller Beschäftigten (6,3 Prozent), es sind aber leichte Fortschritte zu erkennen (106,0 zu 105,4 im Vorjahr). o Und der Anteil der Arbeitgeber, die alle Pflichtarbeitsplätze besetzen und daher keine Ausgleichsabgabe mehr zahlen müssen, liegt nun bei fast 40 Prozent. Der Indikator dafür hat sich von 104,0 auf jetzt 105,9 verbessert. 2/7

3 2.2. Klimabarometer Das Klimabarometer spiegelt im Gegensatz zu den statistischen Daten die persönliche Einschätzung und Wahrnehmung von Arbeitnehmern mit Behinderung und Unternehmern, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, wider. Methodik: Die Befragung von Menschen mit Behinderung umfasst acht Fragen, die Befragung von Unternehmern zehn Fragen 3. Für die Auswertung der beiden Befragungen wurde jeweils der Saldo der positiven und negativen Antworten gebildet. Ihr Mittel ergibt das Klimabarometer. Es kann Werte zwischen -100 und +100 annehmen. Ab einem Wert von +50 kann von einem positiven Inklusionsklima gesprochen werden. Ergebnis: Das Klimabarometer stagniert bei einem eher negativen Klima. Der Wert liegt mit 33,5 knapp unter dem des Vorjahres (33,6). Arbeitnehmer mit Behinderung schätzen ihre Situation etwas besser ein als im vergangenen Jahr (41,9 gegenüber 41,3 in 2013), das Teilbarometer Arbeitgeber/Unternehmen hat sich jedoch leicht verschlechtert (von 25,9 im vergangenen Jahr auf jetzt 25,1). 3 Alle Fragen, die Arbeitnehmern mit Behinderung und Unternehmen gestellt wurden, finden Sie im Anhang des Studienbandes unter 3/7

4 Arbeitnehmer mit Behinderung: Positive Entwicklungen: o Die Zahl der Arbeitnehmer mit Behinderung, die sich in ihrem Kollegenkreis voll akzeptiert fühlen, stieg weiter von 94 Prozent im vergangenen Jahr auf jetzt 95 Prozent und liegt damit auf einem sehr hohen Niveau. o Auch die Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen schätzen die Mitarbeiter positiver ein als noch vor einem Jahr (Steigerung von 21 auf 23 Prozent). o 74 Prozent würden ihren Arbeitgeber an einen Bekannten mit Behinderung weiterempfehlen (gegenüber 72 Prozent in 2013). Negativ zu Buche schlägt zum Beispiel die Entwicklung, dass sich im Vergleich zum Vorjahr weniger Mitarbeiter mit Behinderung ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt fühlen (88 gegenüber 90 Prozent). Insgesamt stellten die Befragten fast keine Verbesserung der Gesamtsituation von Schwerbehinderten auf dem Arbeitsmarkt fest. Wie schon im Vorjahr gaben 55 Prozent an, dass die Situation stagniert. Unternehmen: Negative Entwicklungen: o 23 Prozent der befragten Arbeitgeber sehen in diesem Jahr Leistungsunterschiede zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Im Vorjahr waren es nur 18 Prozent. Der Indikatorwert sinkt von 60 auf 51. o Lediglich 64 Prozent der Unternehmen, denen die staatliche Förderung bei der Integration von Arbeitnehmern mit Behinderung bekannt ist, nehmen diese Unterstützung auch an (2013 waren es noch 71). Der Saldowert geht von 44 auf 30 zurück. Die Zahl derer, denen die staatliche Förderung überhaupt nicht bekannt ist, stieg von 21 auf 24 Prozent. Positiv: o Die Zahl der Unternehmen, die planen, in den nächsten zwei Jahren Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen, steigt von acht auf zehn Prozent. o Auch die Situation hinsichtlich der Barrierefreiheit hat sich verbessert der Anteil der Unternehmen, die nicht barrierefrei sind, sank von 29 auf 24 Prozent. o Schließlich gibt eine größere Zahl von Unternehmen an, dass die Einstellung von Arbeitnehmern mit Behinderung einen positiven Einfluss auf das Arbeitsumfeld hatte (22 Prozent im Vergleich zu 19 Prozent in 2013). 3. Fazit In Deutschland leben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3,27 Millionen Menschen mit Behinderung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Ihre Anzahl wird aufgrund der demografischen Entwicklung, insbesondere der Alterung, bis 2021 auf geschätzt 3,4 Millionen ansteigen. Die Aufgabe, Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu inkludieren, wird also künftig nicht kleiner, sondern noch größer. 4/7

5 Der durch das Inklusionsbarometer Arbeit gemessene Wert von 99,9 zeigt im Jahresvergleich eine fast unveränderte Inklusion von Menschen mit Schwerbehinderung in den ersten Arbeitsmarkt an. Grund dafür ist der Indikator Inklusionsklima, der sich auf 99,7 verschlechterte, während sich die auf harten Zahlen basierende Inklusionslage leicht auf 100,2 verbessert hat. Auf Jahresbasis waren keine gravierenden Veränderungen zu erwarten, dennoch ist die unterschiedliche Entwicklung der beiden Teilindikatoren bemerkenswert. Das Inklusionsklima hat sich im Jahresvergleich lediglich bei den Unternehmen verschlechtert, während die schwerbehinderten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Lage und Perspektiven subjektiv als etwas besser einschätzen als vor einem Jahr. Ursache für die rückläufige Entwicklung des Inklusionsklimabarometers ist neben den von den Unternehmen wahrgenommenen Leistungsunterschieden zwischen Menschen mit und ohne Behinderung vor allem die gesunkene Bekanntheit und Inanspruchnahme der staatlichen Förderung bei der Einstellung von Menschen mit Schwerbehinderung. Im Rahmen der Analyse kristallisiert sich in immer stärkerem Maße heraus, dass die Entwicklung des Inklusionsbarometers entscheidend von der Beschäftigungs- und Einstellungsbereitschaft der Unternehmen abhängt. 4. Erstmals regionalisierte Daten Das Meinungsforschungsinstitut Forsa weist die repräsentativen Umfrageergebnisse zum Inklusionsklima für fünf Regionen gesondert aus: Nord, Nordrhein-Westfalen, Mitte, Süd und Ost. Damit ist ein interregionaler Vergleich möglich. 5/7

6 In der regionalen Betrachtung ist das Inklusionsklima mit einem Wert von 36,3 in Nordrhein-Westfalen am besten. Am schlechtesten ist es im Norden (30,2), wobei ab einem Schwellenwert von 50 ein positives Inklusionsklima erreicht wäre. Der Wert von Bayern und Baden-Württemberg (33,4) ist hingegen enttäuschend. Ökonomischer Erfolg schlägt sich offenbar nicht zwangsläufig in einem guten Inklusionsklima nieder. Bei den Arbeitgebern ist die Stimmung in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland eher schlecht (23,5), Spitzenreiter ist auf diesem Gebiet Nordrhein-Westfalen (30,9). Unter den Arbeitnehmern genießen Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland den besten Ruf (47,9). Auf Basis der amtlichen Zahlen ergeben sich auf für die Inklusionslage Unterschiede in den Bundesländern: Unter den Flächenländern hat Hessen mit 5,3 Prozent die höchste Beschäftigungsquote, gefolgt von NRW mit 5,1 Prozent. Niedersachsen erreicht 4,1 Prozent, Baden- Württemberg 4,4 und Bayern 4,5 Prozent. In Ostdeutschland hat sie sich von 4,5 auf 4,6 Prozent verbessert und liegt damit nicht nur auf dem gleichen Niveau wie in Westdeutschland, sondern sogar höher als in den beiden ökonomisch prosperierenden süddeutschen Bundesländern. Problematisch: In allen Regionen steigt der Anteil der Langzeitarbeitslosen wieder an, am stärksten in NRW. Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit hat sich in vier der sechs Regionen erhöht. In NRW suchen Schwerbehinderte im Durchschnitt nun 429 Tage nach einem neuen Arbeitsplatz, im Vorjahr waren es noch 23 Tage weniger. Bayern (94,0) und Hessen (99,1) konnten sich hier zwar verbessern, liegen aber immer noch unter historischem Basiswert. 5. Warum Arbeitgeber nicht mehr Menschen mit Behinderung einstellen Erstmals wurden auch 400 Personalverantwortliche von Unternehmen befragt, die derzeit keine Menschen mit Behinderung beschäftigen. Diese Umfrage ist nicht Teil des Inklusionsbarometers. 59 Prozent der Personalverantwortlichen geben an, dass aufgrund der betrieblichen Tätigkeiten keine Stellen für Menschen mit Behinderung angeboten werden können. 52 Prozent begründen das Fehlen von Beschäftigten mit Behinderung damit, dass das Unternehmen nicht barrierefrei ist. 50 Prozent sagen, dass es keine passenden Bewerber mit Behinderung gab. Dabei sind die bisherigen Erfahrungen der Betriebe mit Beschäftigten mit Behinderung sehr positiv: 86 Prozent der Personaler sagten das. Und immerhin: Von den Unternehmen, die derzeit keine Menschen mit Behinderung beschäftigen, können sich 57 Prozent vorstellen, innerhalb der nächsten zwei Jahre einen Bewerber mit Behinderung einzustellen. Ein Problem für die Planer: 41 Prozent der befragten Personalverantwortlichen in Unternehmen ohne Beschäftigte mit Behinderung sind nicht über die staatlichen Fördermög- 6/7

7 lichkeiten informiert. Und von denen, die diese Möglichkeiten kennen, sagen wiederum 24 Prozent, sie reichten so nicht aus. Über die Aktion Mensch e.v. Die Aktion Mensch e.v. ist die größte private Förderorganisation im sozialen Bereich in Deutschland. In diesem Jahr feiert sie ihr 50-jähriges Bestehen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 hat sie mehr als 3,5 Milliarden Euro an soziale Projekte weitergegeben. Ziel der Aktion Mensch ist, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung, Kindern und Jugendlichen zu verbessern und das selbstverständliche Miteinander in der Gesellschaft zu fördern. Mit den Einnahmen aus ihrer Lotterie unterstützt die Aktion Mensch jeden Monat bis zu Projekte. Möglich machen dies rund 4,6 Millionen Loskäufer. Zu den Mitgliedern gehören: ZDF, Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie, Paritätischer Gesamtverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Seit Anfang 2014 ist Rudi Cerne ehrenamtlicher Botschafter der Aktion Mensch. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: Sascha Decker, Pressesprecher Telefon: 0228/ /7

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