Julie Wallach. Seite 1
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- Theresa Eberhardt
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1 Julie Wallach Julie Wallach wurde am 2. Juni 1850 in Störmede bei Lippstadt als Julie Zunsheim geboren. Sie war eine von drei Töchtern des Blaufärbers und Händlers Henoch Zunsheim und seiner Frau Caroline Guthrath Jacobs-Mansbacher. Wie Monika Minninger in ihrer Lebensskizze zu Julie Wallach herausstellt, war die hübsche und intelligente Frau in ihrer Jugend eine gefeierte Schönheit, die selbst vom Fürsten in Detmold zum Spaziergang geladen wurde. 1 Auch nach ihrer Hochzeit mit Heinemann Wallach aus Wiedenbrück, der in Bielefeld zusammen mit seinem Bruder Julius einen Getreidehandel betrieb, gehörte sie mit ihrer Schwester zu den führenden Mitgliedern eines literarischen Vereins in Gesecke. In rascher Folge wurde sie Mutter von 10 Kindern, denen sie allesamt wie selbstverständlich eine Erziehung an Töchterschule und Gymnasium angedeihen ließ, nachdem sie selbst erst im Alter von 17 Jahren in Detmold etwas Höhere-Töchter-Bildung hatte genießen können. 2 Wie Julchen mit Haus und Hof und der Schar von Kindern fertig wurde, ist mir heute noch ein Rätsel, schrieb ihr Sohn Julius 1964 in einer ungedruckten Chronik der Familie Wallach. 3 Zusätzlich zum Getreidehandel in Bielefeld war auch noch ein 1874 vom Vater Else Lasker- Schülers übernommenes größeres landwirtschaftliches Anwesen in Gesecke zu verwalten zog sie mit ihrem Mann ganz nach Bielefeld. Mit unendlichem Fleiß (Familienchronik) schaffte sich die Familie in Bielefeld eine gesellschaftliche Stellung. Doch schon am 11. März 1899 starb Heinemann Wallach mit gerade erst 57 Jahren. Julie musste nun drei noch unmündige Kinder versorgen, bis ihre Söhne Moritz und Julius sie durch den Erfolg ihres 1900 in München gegründeten Volkskunsthauses Wallach unterstützen und die anderen erwachsenen Söhne, die den Bielefelder Getreidehandel weiter führten, ihr einen Umzug von der Herforder Straße in eine Villa am Goldbach 49 ermöglichen konnten. In dieser Villa am Goldbach und ihrem geliebten Garten verbrachte sie die letzten Lebensjahre bis zu ihrem Tod am 23. März So blieben ihr Auswanderung oder Deportation erspart schrieb Ida Coblenz, die Witwe des ehemaligen Rabbiners Dr. Felix Coblenz, der von 1890 bis 1917 aus der Bielefelder jüdischen Gemeinde eine der reformfreudigsten gemacht hatte, an Julius Wallach: Ich begrüße Sie als alten Bielefelder, als Sohn einer wunderbaren Mutter, deren Andenken zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehört. Diese schöne, frohe, tüchtige und warmherzige Frau! Dass sie ihre besten Eigenschaften an einige ihrer Kinder vererbt hat, wird ihre größte Genugtuung gewesen sein. 4 Seite 1
2 Familie Wallach mit allen 10 Kindern in Bielefeld um 1890: Von links: Ernst, Karl, Mutter Julie mit dem Nesthäkchen Grete auf dem Schoß, Vater Heinemann Wallach, Hugo, Else, Adolf, Betty, Julius, Moritz und Max. Foto: Catherine Hanf Noren, The Camera of my Family, New York: Alfred A. Knopf 1976, S. 31. Die 1895 nach München übergesiedelten Söhne Moritz und Julius erlangten dort mit ihrem 1900 gegründeten Volkskunsthaus Wallach internationales Renommee. Ihr Ladengeschäft und das angeschlossene Volkskunstmuseum machten die jüdisch-westfälischen Wallach-Brüder zu den prägenden Mitbegründern einer Volkskunst-Mode im gesamten deutschsprachigen Alpenraum brachte Julius Wallach aus dem Brixental in Tirol ein Trachtenkostüm mit, aus dem Moritz Wallach in Zusammenarbeit mit einer Directrice das Dirndl als weibliche Volkstracht entwickelte. Nachdem Prinzessin Joachim von Preußen das erste seidene Dirndl-Kleid geordert hatte und es bei einer Festlichkeit in Paris trug, erregte das Kleid auch bei Pariser Modeschöpfern Aufsehen. 5 Der internationale Siegeszug des Dirndls begann statteten die Wallachs das Jubiläums-Oktoberfest komplett mit Trachten aus der Zeit um 1811 aus. Der Seite 2
3 Name Wallach wurde so in den 1920er Jahren geradezu das Synonym für bayerischen Wohn- und Kleidungsstil. 6 Julie Wallach mit Kindern in bayrischer Tracht bei der Sommerfrische in Bayern. Links hinten Julie Wallach, die Kinder Else, Moritz, Julius (knieend) und Adolf. Aufnahme: Atelier Adolph Schindeler, Hotel Kronprinz, München, 1900/1901 (Wallach-Familien-Archiv) Im Zuge der Begeisterung für die Operette Im Weißen Rössel wurden die Wallachs international immer weiter bekannt: Der Erfolgsgeschichte des Trachtenunternehmens folgten weitere Kapitel: die Ausstattung von Operninszenierungen; die Gründung der Wallach-Werkstätten unter der Leitung von Max in Dachau; die Eröffnung des Volkskunsthauses. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten wirkte sich zunächst nicht aufs Geschäft aus. Auch Adolf Hitler und Hermann Göring sollen die Wallach- Erzeugnisse gefallen haben. 7 Selbst Adolf Hitlers Berghof wurde mit Wallachstoffmuster ausgestattet. Indes mussten die Seite 3
4 Firmengründer Julius und Moritz 1938 Deutschland verlassen; das Volkskunsthaus wurde entjudet. So wurden in der NS-Zeit die zehn Kinder der Julie Wallach in alle Winde zerstreut. Julius und Moritz Wallach konnten in die USA emigrieren. Letzterer baute in den USA wieder einen Betrieb auf, das Handcraft Studio in Lime Rock, Connecticut erhielt er die Wallach Werkstätten AG in Dachau und das Ladengeschäft in München zurück, das er durch einen Geschäftsführer weiter betreiben ließ. Er selbst blieb in den USA. Der jüngere Bruder Max, der technische Leiter der Dachauer Wallach-Werkstätten gewesen war, und seine Frau Melly wurden im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Auch Julie Wallachs Tochter Betty wurden im KZ umgebracht. Tochter Else starb vor ihrer Mutter 1937 in Amsterdam. Sohn Ernst gelang die Emigration nach Johannesburg, wo er 1960 starb. Karl wanderte mit seiner Frau Helene über Shanghai in die USA aus. 8 Hugo, der von 1912 bis 1919 unter Rathenau Mitarbeiter im Reichsernährungsamt in Berlin gewesen war, emigrierte mit seiner Frau Martha und zwei Töchtern nach Buenos Aires. 9 Nesthäkchen Grete hatte den evangelischen Hermann Ohletz geheiratet, der wegen staatsfeindlicher und defätistischer Äußerungen mehrere Jahre in Gefängnissen und Konzentrationslagern (Oppeln, Auschwitz, Mauthausen) verbringen musste. Grete und Hermann Ohletz kehrten 1945/46 nach Bielefeld zurück. Nach dem Tod ihres Mannes zog Grete zu ihrem Sohn Karl, der ebenfalls überlebt hatte, nach Starnberg. 10 Sohn Julius Wallach kehrte in den späten 1950er Jahren wieder nach Deutschland zurück und starb 1965 im Alter von 91 Jahren in Neubeuern. 11 Er war ein beachtlicher Sammler alter Drucke. Seine imposante Sammlung, die den Zeitraum von 1755 bis 1856 umfasst, besteht aus mehreren Tausend Drucken, die in den Millersville University Archives gelagert sind. 12 Über das Volkskunsthaus Wallach informieren u.a. ein Ausstellungskatalog des Jüdischen Museums in München 13, ein Bericht über die Ausstellung 2007 im Jüdischen Museum München 14 und eine Internetseite der Textilhanddruckerei Fromholzer in Ruhmannsfelden, von der das Volkskunsthaus Wallach in beträchtlichem Umfang handbedruckte Stoffe bezog, bevor die Brüder Wallach 1919 in Dachau eine Fabrik aufkauften und mit der Wallach Werkstätten AG eine eigene Handweberei, Färberei und Textildruckerei begründeten. Fromholzer druckt inzwischen wieder Wallach-Motive. 15 Zur großen Familie Wallach gibt es einen anrührenden und liebevoll gestalteten Bildband von Catherine Hanf Noren, der noch in Deutschland geborenen Urenkelin von Julie Wallach. Hunderte von Familienfotos konnten in die Emigration gerettet werden, darunter zahlreiche Fotos der Familie Heinemann und Julie Wallach und ihrer Nachfahren. 16 Der sehr persönliche Kommentar Catherine Hand Norens selbst Fotografin beruht unter anderem auf der Wallachschen Familienchronik von Julius Wallach. Basierend auf Hanf Norens Buch gibt es einen 20-minütigen Film, der die Familienfotos und historisches Bildmaterial zur NS-Zeit zeigt. Catherine Hanf Noren erzählt dazu die Geschichte der Familie Wallach im Kontext der Seite 4
5 Judenverfolgung und des Holocaust. 17 Weitere Familienfotos zu Moritz Wallach finden sich auch in der Datenbank Jüdische Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Westfalen. 18 Dr. Dagmar Buchwald, Juni 2013 Weiterführende Literatur Monika Minninger, Anhang A) Julie Wallach zu: Frau in einer bürgerlichen Minderheit. Bielefelder Jüdinnen ca , in: Ilse Brehmer, Juliane Jacobi-Dittrich (Hg.), Frauen-Alltag in Bielefeld, Bielefeld: AJZ-Verlag 1986, S Julius Wallach, Chronik der Familie Wallach, MS 1964, Archiv des Leo Baeck-Instituts New York; online zu lesen: Ein Auszug aus dieser Chronik ist als Dokument 16 Die Odyssee der Familie Wallach abgedruckt in: Monika Minninger, Joachim Meynert, Friedhelm Schäffer, Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale, Stadtarchiv Bielefeld 1985, S Moritz Wallach, Das Volkskunsthaus Wallach in München, Archiv des Leo Baeck-Instituts New York; online zu lesen: Catherine Hanf Noren, The Camera of my Family, New York: Alfred A. Knopf Marion Pokorra-Brockschmidt, Dirndl, Loden, Edelweiß Ausstellung im Jüdischen Museum München erinnert an die Wallach-Brüder, in: Neue Westfälische für Rheda-Wiedenbrück vom Dirndl, Truhen, Edelweiß: Die Volkskunst der Brüder Wallach. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum München, Bildnachweise Portraitfoto 1922, Stadtarchiv Bielefeld und Catherine Hanf Noren, The Camera of my Family, New York: Alfred A. Knopf 1976, S. 72. Foto Familie Wallach mit allen 10 Kindern in Bielefeld um 1890, Catherine Hanf Noren, The Camera of my Family, New York: Alfred A. Knopf 1976, S. 31. Foto in der Sommerfrische in Bayern 1900/01, Wallach Familien-Archiv, Seite 5
6 1 Monika Minninger, Anhang A) Julie Wallach, zu: Frau in einer bürgerlichen Minderheit. Bielefelder Jüdinnen ca , in: Ilse Brehmer, Juliane Jacobi-Dittrich (Hg.), Frauen-Alltag in Bielefeld, Bielefeld: AJZ-Verlag 1986, S Minninger, Frau in einer bürgerlichen Minderheit, S Julius Wallach, Chronik der Familie Wallach, MS 1964, Archiv des Leo Baeck-Instituts New York, S. 13; online zu lesen: zitiert auch in: Minninger, Frau in einer bürgerlichen Minderheit, S Wallach, Chronik der Familie Wallach, S. 12; zit. auch in: Minninger, Frau in einer bürgerlichen Minderheit, S Moritz Wallach, Das Volkskunsthaus Wallach in München, Archiv des Leo Baeck-Instituts New York, S. 3-4; online zu lesen: 6 Dirndl, Truhen, Edelweiß: Die Volkskunst der Brüder Wallach. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum München, Marion Pokorra-Brockschmidt, Dirndl, Loden, Edelweiß Ausstellung im Jüdischen Museum München erinnert an die Wallach-Brüder, in: Neue Westfälische für Rheda-Wiedenbrück vom zum Lebensweg von Karl Wallach vgl. Monika Minninger: geb in Geseke als jüngster von sieben Brüdern, [ ] Bielefelder Gymnasiast 1894/95; Kaufmannslehre in der Bielefelder Textilagentur Neuberg, dann Mitarbeiter seiner beiden Brüder im Volkskunsthaus Wallach in München; nach dem Tod des Vaters gezwungenermaßen 1899 Teilhaber im väterlichen Getreidehandel, ging 1935 wieder nach München und emigrierte von dort 1936 mit seiner Frau Leni, geb. Stein in Begleitung eines incognito reisenden NS-Diplomaten über Berlin, Moskau und Wladiwostok nach China, wo ihnen ein Vereinsbruder der Bielefelder Schlaraffia das Geld für die Schiffspassage nach USA lieh. In New York arbeitete er zunächst als Butler, dann als Museumswärter am Museum for Modern Art. Karl Wallach verstarb 1970 in New York. Jüdische Schüler des Bielefelder Gymnasiums, die später nach Amerika auswanderten oder emigrierten ( ). 9 zum Lebensweg von Hugo Wallach vgl. Monika Minninger: geb Bielefeld [ ], Schulabgang 1889 mit Mittlerer Reife am Realgymnasium; zunächst Kaufmann im väterlichen Getreidehandel, unter Rathenau Mitarbeiter im Reichsernährungsamt in Berlin. Er verzog im Dezember 1938 wieder von Bielefeld nach Berlin und emigrierte im Februar 1939 von dort mit seiner Frau Martha, geb. Weinberg nach Argentinien, wo auch die beiden Töchter Ilse und Grete zunächst lebten. Hugo Wallach verstarb bereits am in Buenos Aires. Jüdische Schüler des Bielefelder Gymnasiums, die später nach Amerika auswanderten oder emigrierten ( ) Zu den Schicksalen einzelner Kinder vgl. des weiteren Monika Minninger, Joachim Meynert, Friedhelm Schäffer, Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale, Stadtarchiv Bielefeld 1985, S. 224/225 und S zum Lebensweg von Julius Wallach vgl. Monika Minninger: geb Bielefeld [ ], Schulabgang 1889 mit Quarta. Er gründete in München 1895 das weltbekannte Volkskunsthaus Wallach und betrieb es mit seinem Bruder Moritz bis zur Arisierung, danach Kaufmann in Wiedenbrück. Mit einem Visum für Siam begann Julius Wallach im Juli 1939 mit seiner zweiten Ehefrau Johanna geb. Einstein und unter finanzieller Unterstützung von Familienmitgliedern die Flucht zunächst per Schiff über Antwerpen nach Larache/Marokko; hier wie im spanischen Melilla an der marokkanischen Mittelmeerküste wurden sie durch deutsche Stützpunktleiter vertrieben. Schließlich konzedierte man ihnen ein Flug nach Mallorca und von dort die Überfahrt nach Ibiza, wo Sohn Helmut als Pächter eines Bauernhofes lebte. Nach Ausweisung durch den dortigen deutschen Stützpunktleiter erlangten sie in Mallorca vom italienischen Konsul als ehemaligem Kunden des Volkskunsthauses Wallach ein dreimonatiges Visum für Rom. Es folgten vier Jahre in Rom, in denen Julius Wallach als privater Deutschlehrer und seine Frau als Erzieherin beim Schweizer Botschafter ihren Lebensunterhalt bestritten; im Oktober 1942 Privataudienz bei Papst Pius XII. Am 26. August 1943 dem Tag von Mussolinis Sturz erhielten sie endlich einen Flug nach Barcelona. Von dort ging es mit einem Transport des kanadischen Roten Kreuzes im März 1944 per Schiff von Lissabon nach Philadelphia und von dort nach Toronto, wo Julius Wallach anfangs als Gehilfe, dann als Wandergärtner und im Winter als Dreher in einer Metallwarenfabrik arbeitete. Nach Kriegsende holte Stiefsohn und US-Leutnant Henry Nelson die Eltern nach New York. Nach dem Tode seiner Frau (1954) kehrte Julius als einziger der noch überlebenden Wallach-Brüder in die Heimat zurück und wohnte in Neubeuern/Bayern, wo er 1965 im Alter von 91 Jahren starb. Jüdische Schüler des Bielefelder Gymnasiums, die später nach Amerika auswanderten oder emigrierten ( ). Seite 6
7 Monika Ständecke (Hg.), Dirndl, Truhen, Edelweiss Die Volkskunst der Brüder Wallach, Ausstellungskatalog des Jüdischen Museums München, Sammelbilder 03, München: Edition Minerva zur Ausstellung des Jüdischen Museum München vom siehe auch: Catherine Hanf Noren, The Camera of my Family, New York: Alfred A. Knopf The Camera of My Family: Four Generations in Germany, (1991). Zenger Video, Jefferson Boulevard, PO Box 802, Culver City, CA. Online kann der Film hier angeschaut werden: Seite 7
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