Praxis des Bobath-Konzepts

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1 Praxis des Bobath-Konzepts Grundlagen - Handlings - Fallbeispiele Bearbeitet von Michaela Friedhoff, Daniela Schieberle 1. Auflage Buch. 240 S. Hardcover ISBN Format (B x L): 24 x 17 cm Weitere Fachgebiete > Medizin > Physiotherapie, Physikalische Therapie > Rehabilitation Zu Inhaltsverzeichnis schnell und portofrei erhältlich bei Die Online-Fachbuchhandlung beck-shop.de ist spezialisiert auf Fachbücher, insbesondere Recht, Steuern und Wirtschaft. Im Sortiment finden Sie alle Medien (Bücher, Zeitschriften, CDs, ebooks, etc.) aller Verlage. Ergänzt wird das Programm durch Services wie Neuerscheinungsdienst oder Zusammenstellungen von Büchern zu Sonderpreisen. Der Shop führt mehr als 8 Millionen Produkte.

2 Auswirkungen zentraler Schädigungen auf die Hüfte 6 6 Auswirkungen zentraler Schädigungen auf die Hüfte 6.1 Anatomische Zusammenhänge Ursachen einer schmerzhaften Hüfte Pflegetherapeutische Maßnahmen 81 Ein hoher Prozentsatz der Patienten entwickelt im Laufe der Erkrankung eine schmerzhafte Hüfte. Die Schmerzen äußern sich zunächst bei Bewegungen, später auch in Ruhepositionen. Charakteristisch ist die Beinposition bzw. die Hüftgelenksstellung bei betroffenen Patienten mit einer Hemiparese (Abb. 6.2, S. 81). Nicht selten fällt die Interpretation der Schmerzursache auf das ganze Bein, weniger in den Bereich der Hüfte. D Definition M Merke P Praxistipp DVD 79

3 6 Auswirkungen zentraler Schädigungen auf die Hüfte 6.1 Anatomische Zusammenhänge Das Becken ist ein knöcherner Ring und wird von den beiden Hüftbeinen (Ossa coxae) und dem Kreuzbein (Os sacrum) gebildet. Zwei Iliosakralgelenke verbinden das Kreuzbein mit den Hüftbeinen und die Schambeinfuge vereinigt vorne die beiden Hüftbeine. Die drei gelenkigen Verbindungen sind relativ starr und unbeweglich (Abb. 6.1). Der Beckengürtel ist das Bindeglied zwischen dem Rumpf und den Beinen. Besonders beim Gehen übernimmt er die Aufgabe der ständig erforderlichen Körperschwerpunktverlagerung. Während des Laufens wird die gesamte Last des Oberkörpers auf ein Bein verteilt. Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk, indem der Oberschenkelkopf (Femurkopf) 2 /3 einer Kugel darstellt. Die Gelenkpfanne wird durch die Außenseite des Hüftbeins gebildet. Im aufgerichteten Stand wird der Femurkopf nicht vollständig von der Hüftpfanne bedeckt. Gelenkkapsel, Bänder und Muskeln sorgen für eine zusätzliche Stabilität im Hüftgelenk. Aber: Bei der Beugung des Beins sind die Bänder entspannt, was eine instabile Stellung zur Folge hat. Die Hemiparese führt unter anderem zu einer Lähmung des Gesäßmuskels, was zum Absinken der mehr betroffenen Beckenseite führt und eine Beckenasymmetrie zur Folge hat. Zudem hat dieser Muskel eine wichtige Aufgabe bei der Gelenkstabilisierung. Durch das Beingewicht in Kombination mit der Schwerkraft fällt das Bein bei einer schlaffen Lähmung in die Abduktion (Seitwärtsbewegung weg vom Körper), Außenrotation (Außendrehung) und die Beugung im Knie. Der Oberschenkelkopf sinkt durch den Einfluss der Schwerkraft ab. Die Fehlstellung kann soweit gehen, dass das Knie in Rückenlage die Matratze berührt (Abb. 6.3). Eine Position, die bei einer physiologischen Gelenkstellung nur von Artisten erreicht werden kann. Wird diese Fehlstellung beim Handling oder der Lagerung nicht korrigiert, ziehen mit zunehgroßer Rollhügel (Trochanter major) Hüftgelenkspfanne Abb. 6.1 Beckengürtel. Knöcherne Anteile des Hüftgelenkes. 6.2 Ursachen einer schmerzhafte Hüfte mendem Muskeltonus Muskeln das Bein in Beugung, Abduktion und Außenrotation (Außendrehung). Dies hat weitreichende Folgen für die Genesung. Eine nicht korrigierte Fehlstellung im Hüftgelenk und falsches Handling erhöhen die Gefahr von Hüftschmerzen um ein Vielfaches. Die Zahl der Patienten mit Hüftschmerzen ist beinahe ebenso hoch wie die mit Schulterschmerzen. Wird ein sich in Beugung, Abduktion und Außenrotation befindendes Bein über die Außenrotation angebeugt, kommt es zu Verletzungen im Gelenk. Die eng anliegende Gelenkkapsel wird traumatisiert und entzündet sich bei stetigen Wiederholungen. Es kann zu Quetschungen und Verletzungen von Bändern und Muskeln kommen. 80

4 Pflegetherapeutische Maßnahmen 6.3 subluxierter Hüftkopf a Abb. 6.2 Typische Beinposition bei Hemiparese. Der Hüftkopf liegt nicht mehr in der Pfanne, das mehr betroffene Bein dreht nach außen und fällt seitwärts vom Körper weg. Abb. 6.3 Physiologische und pathologisch veränderte Beckenstellung. a Normale Rückenlage (die Handtücher sollen den Gesäßmuskel imitieren). b Subluxation des Oberschenkelkopfes. b 6.3 Pflegetherapeutische Maßnahmen In der Rückenlage Um das Bein in der Spur zu halten, wird zur Stabilisierung ein Handtuch oder kleines Kissen unter den Trochanter (großer Rollhügel des Oberschenkelkopfes) anmodelliert. Die Beckenasymmetrie kann auf diesem Weg korrigiert werden und das Bein bekommt mehr Halt (Abb. 6.4). Abb. 6.4 Stabilisierung des Beckens. Ein kleines Kissen oder ein gefaltetes Handtuch hält das Bein in der Spur. 81

5 6 Auswirkungen zentraler Schädigungen auf die Hüfte Um Hüftschmerzen zu vermeiden, ist es wichtig, vor dem Aufstellen des Beins zunächst eine physiologische Ausgangsstellung herzustellen. Dazu legt die Pflegende eine Hand an das Hüftgelenk, um das Bein in die Spur zu führen. Die zweite Hand liegt am Oberschenkel, nimmt Gewicht ab und unterstützt die Bewegung (Abb. 6.5 a). Wird das Bein durch die Muskulatur in die Außenrotation und Abduktion gezogen, fühlt es sich steif und fest an. Beim Aufstellen ist eine Blockade im Hüftgelenk spürbar. Hier ist nicht Kraft das Mittel der Wahl. Vielmehr wird durch leichten Zug des Beins aus der Hüftgelenkpfanne heraus zunächst Platz zwib Abb. 6.5 Aufstellen des Beins. a Vor dem Aufstellen geht die Pflegende mit beiden Händen an den Oberschenkel und führt das Bein in die Spur, sodass der Oberschenkelkopf in der Pfanne zentriert ist. b Beim Aufstellen hält die Pflegende das Bein am Oberschenkel in der Mitte, die andere Hand stellt das Bein über den Fuß auf. c Die Beine werden nacheinander aufgestellt. Fällt/dreht ein Fuß zu weit nach außen, ist die Ursache in M der Regel die o.g. Fehlstellung im Hüftgelenk! Ein Kissen, das seitlich an den Fuß gelegt wird, ändert nichts an der Problematik in der Hüfte und kann zusätzlich noch zu Knieschmerzen führen! Beim Bewegen des Beins schen den beiden Gelenkanteilen geschaffen. Dann wird das Bein, wie oben beschrieben, in die Spur gebracht. So wird ein Aufeinanderreiben von Gelenkflächen verhindert und Verletzungen vorgebeugt. Liegt das Bein in der Spur, ist die Muskulatur in einer für sie ausgesprochenen ökonomischen und effizienten Anordnung und Aktivität ist eher abrufbar. Das Ziel ist es, dass der Oberschenkelkopf in der Pfanne zentriert wird. Die optimale Voraussetzung für eine leichte Bewegung ist nun geschaffen. Die am Oberschenkel liegende Hand hält das Bein in der Mitte, die andere wechselt zum Fuß und stellt über den Fuß das Bein auf (Abb. 6.5 b). Ein nach außen Fallen des aufgestellten Beins muss unbedingt verhindert werden. Die Beine des Patienten werden nicht gleichzeitig, sondern M nacheinander aufgestellt. Zum einen ist es rücken- und kraftschonender für die Pflegende, zum anderen erhält es notwendige Muskellängen und die Beweglichkeiten beim Patienten (Abb. 6.5 c)! 82

6 Pflegetherapeutische Maßnahmen 6.3 Beim Drehen auf die Seite Zum Drehen auf die mehr oder weniger betroffene Seite werden beide Beine aufgestellt. Dadurch wird das hemiplegische Bein im Hüftgelenk während des Bewegungsübergangs in der Spur gehalten und eine größere Stabilität im Becken sowie in den Beinen gewährleistet. Findet das Drehen auf die Seite über ein gestrecktes hemiplegisches Bein statt (Abb. 6.6), bleibt das Bein durch den fehlenden muskulären Halt nicht in der Gelenkpfanne zentriert. Die Fehlstellung im Gelenk führt während des Bewegungsablaufs zum Aufeinanderreiben von Knochen (Oberschenkelkopf stößt an die Gelenkpfanne). Diese Traumatisierung führt zu Schwellungen und in der Folge zu Entzündungen im Gelenk. Schmerzen entstehen. Auch das Drehen über das gestreckte, weniger betroffene Bein birgt die Gefahr einer Fehlstellung im Gelenk des mehr betroffenen Beins mit den oben beschriebenen Folgen. Abb. 6.6 Zu vermeiden! Werden nicht beide Beine zum Drehen aufgestellt, sondern findet wie hier das Drehen über das gestreckte, mehr betoffene Bein statt, kommt es zu Verletzungen im Hüftgelenk. Der Hüftkopf ist nicht mehr zentriert und Gelenkflächen reiben aufeinander. In Seitenlage mehr betroffene Seite Um ein Herabsinken des Oberschenkelkopfs durch den Einfluss der Schwerkraft zu verhindern, wird ausreichend stabiles Lagerungsmaterial bis an das Hüftgelenk heran modelliert. Nur so kann das Beingewicht abgefangen werden und der Kopf bleibt in der Pfanne zentriert (Abb. 6.7). Das Bein wird immer in der Spur gehalten, also weder in Abduktion noch Adduktion. Wie viele Kissen/Decken unter das Bein gelegt werden, ist von der Beckenposition abhängig (S. 102). Abb. 6.7 Seitenlagerung. Das Lagerungsmaterial muss stabil sein, um das Gewicht des Beins ausreichend abfangen zu können. Beim Sitzen im Stuhl/Rolli Legt die Pflegende ihre Hände rechts und links auf den oberen Beckenkamm, so ist eine evtl. bestehende Beckenasymmetrie feststellbar. Der Beckenkamm der mehr betroffenen Körperseite sinkt in diesem Fall ab, ist niedriger als der Gegenüberliegende (Abb. 6.8 a). Eine Beckenasymmetrie wird durch ein gefaltetes Handtuch unter der mehr betroffenen Gesäßhälfte und dem Oberschenkel ausgeglichen (Abb. 6.8 b). Die Dicke des Handtuchs hängt von der Ausprägung der Beckenasymmetrie ab. Fällt ein Bein im Sitz nach außen, hält ein gerolltes Handtuch seitlich vom Trochanter am Oberschenkel entlang Richtung Knie das Bein in der Spur. Die Basis für einen symmetrischen, aufrechten Sitz ist so gegeben. Auch die Art und Beschaffenheit der Unterstützungsfläche hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Bein- und Beckenposition (s. Sitzen, S. 129). Beim Gehen Für die vollständige Gewichtsübernahme auf dem mehr betroffenen Bein in der Standbeinphase beim Laufen ist die Zentrierung des Oberschenkelkopfes im Hüftgelenk notwendig (s. Bausteine für das Handling, S. 136). Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, können die Patienten ihre Hüfte nicht strecken und damit ihr Gewicht bei einem Schritt nicht über den mehr betroffenen Fuß hinwegbringen. Eine Fehlstellung im Hüftgelenk kann zu einem so genannten Springbein führen. Das heißt, wenn der Patient in Bewegung kommt, zieht das mehr betroffene Bein in die Beugung. Im Gegensatz dazu kann das mehr betroffene Bein durch die Fehlstellung mit einem Strecktonus reagieren. Ein Stehen auf beiden Beinen ist deutlich erschwert. 83

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