Studienseminar Koblenz



Ähnliche Dokumente
Studienseminar Koblenz

Studienseminar Koblenz

Studienseminar Koblenz. Leseverstehen: Lesestrategien - Zum Umgang mit Sachtexten im Unterricht.

Lesestrategien - Studienseminar Koblenz. Leseverstehen: Zum Umgang mit Sachtexten im Unterricht

Studienseminar Koblenz. Leseverstehen: Lesestrategien - Zum Umgang mit Sachtexten im Unterricht.

Zehn Lesestrategien zu einem Text Braunsche Röhre

Leseverstehen Sachtexte im Unterricht einsetzen

Studienseminar Koblenz

Zum Konzept dieses Bandes

Studienseminar Koblenz

Didaktisierungsvorschläge zum Kalender. Jugend in Deutschland UNTERRICHTSENTWURF Juli. Alles, was Spaß macht: HOBBY UND FREIZEIT

Meet the Germans. Lerntipp zur Schulung der Fertigkeit des Sprechens. Lerntipp und Redemittel zur Präsentation oder einen Vortrag halten

Unterrichtsmaterialien in digitaler und in gedruckter Form. Auszug aus: Portfolio: "Die Ratten" von Gerhart Hauptmann

Was sind Soziale Netzwerke? Stelle dazu selbstständig Überlegungen an!

Wärmebildkamera. Aufgabe 1. Lies ab, wie groß die Temperatur der Lippen (am Punkt P) ist. ca. 24 C ca. 28 C ca. 32 C ca. 34 C

Stellen Sie bitte den Cursor in die Spalte B2 und rufen die Funktion Sverweis auf. Es öffnet sich folgendes Dialogfenster

1. Was ihr in dieser Anleitung

Anleitung über den Umgang mit Schildern

Zahlenwinkel: Forscherkarte 1. alleine. Zahlenwinkel: Forschertipp 1

Lineargleichungssysteme: Additions-/ Subtraktionsverfahren

Das sogenannte Beamen ist auch in EEP möglich ohne das Zusatzprogramm Beamer. Zwar etwas umständlicher aber es funktioniert

GLEICH WEIT WEG. Aufgabe. Das ist ein Ausschnitt aus der Tausenderreihe:

Meine Lernplanung Wie lerne ich?

Materialien für den Unterricht zum Film Crazy von Hans-Christian Schmid Deutschland 2000, 93 Minuten

Was ist Sozial-Raum-Orientierung?

Alle gehören dazu. Vorwort

OECD Programme for International Student Assessment PISA Lösungen der Beispielaufgaben aus dem Mathematiktest. Deutschland

Das Leitbild vom Verein WIR

Umgang mit Schaubildern am Beispiel Deutschland surft

Wie halte ich Ordnung auf meiner Festplatte?

e LEARNING Kurz-Anleitung zum Erstellen eines Wikis 1. Wiki erstellen

Überprüfung der Bildungsstandards in den Naturwissenschaften. Chemie Marcus Mössner

Welche Gedanken wir uns für die Erstellung einer Präsentation machen, sollen Ihnen die folgende Folien zeigen.

Copyright Sophie Streit / Filzweiber / Fertigung eines Filzringes mit Perlen!

Unser Bücherkatalog: Worum geht s?

Persönliche Zukunftsplanung mit Menschen, denen nicht zugetraut wird, dass sie für sich selbst sprechen können Von Susanne Göbel und Josef Ströbl

vitamin de DaF Arbeitsblatt - zum Thema Jugend Partnerschaft auf dem Lande

Fotos verkleinern mit Paint

3.2 Spiegelungen an zwei Spiegeln

Professionelle Seminare im Bereich MS-Office

Anleitung Scharbefragung

geben. Die Wahrscheinlichkeit von 100% ist hier demnach nur der Gehen wir einmal davon aus, dass die von uns angenommenen

Unterrichtsmaterialien in digitaler und in gedruckter Form. Auszug aus:

Papierverbrauch im Jahr 2000

Jeopardy and andere Quizformate im bilingualen Sachfachunterricht Tipps zur Erstellung mit Powerpoint

Talentportfolio Tipps für SchülerInnen zum Erstellen des Portfolios

ONLINE-AKADEMIE. "Diplomierter NLP Anwender für Schule und Unterricht" Ziele

2.1 Präsentieren wozu eigentlich?

Spielmaterial. Hallo! Ich bin der kleine AMIGO und zeige euch, wie dieses Spiel funktioniert. Viel Spaß! von Liesbeth Bos

Selbstreflexion für Lehrpersonen Ich als Führungspersönlichkeit

1 Mathematische Grundlagen

Feste feiern in Deutschland ERSTER SCHULTAG

Partitionieren in Vista und Windows 7/8

changenow THE PLAN Die 7 Brillen der Vergangenheit

Im Zeichen des Lotus Pädagogisches Material zum Schwerpunktthema alle welt 1/2010

Deine Meinung ist wichtig. Informationen für Kinder und Jugendliche zur Anhörung

Anspruchsvolle Dreierausdrücke zum selbstständigen Lernen

Diese Anleitung zeigt dir, wie du eine Einladung mit Microsoft Word gestalten kannst.

Fülle das erste Bild "Erforderliche Information für das Google-Konto" vollständig aus und auch das nachfolgende Bild.

Der Tag hat 24 Stunden. Bitte schreibt in die linke Spalte alles auf, was ihr gestern getan habt und euch noch einfällt: War es ein stressiger

Kreativ visualisieren

Oberflächenspannung. Von Centstücken, Wasserläufern und Büroklammern. Oberflächenspannung

9 Auto. Rund um das Auto. Welche Wörter zum Thema Auto kennst du? Welches Wort passt? Lies die Definitionen und ordne zu.

Outlook. sysplus.ch outlook - mail-grundlagen Seite 1/8. Mail-Grundlagen. Posteingang

DOWNLOAD. Ganze Zahlen 7./8. Klasse: Grundrechenarten. Mathetraining in 3 Kompetenzstufen. Brigitte Penzenstadler

Was tust du auf Suchmaschinen im Internet?

Übung 11.1: Deine Kompetenz-Checkliste

Es gilt das gesprochene Wort. Anrede

Wie Sie mit Mastern arbeiten

Herzlich Willkommen beim Webinar: Was verkaufen wir eigentlich?

Kulturelle Evolution 12

Primzahlen und RSA-Verschlüsselung

Reaktionsgleichungen verstehen anhand der Verbrennung von Magnesium

infach Geld FBV Ihr Weg zum finanzellen Erfolg Florian Mock

Modul: Soziale Kompetenz. Vier Ohren. Zeitl. Rahmen: ~ 45 min. Ort: drinnen

Mathematik: Mag. Schmid Wolfgang Arbeitsblatt 3 1. Semester ARBEITSBLATT 3 RECHNEN MIT GANZEN ZAHLEN

Bilder zum Upload verkleinern

Leitbild. für Jedermensch in leicht verständlicher Sprache

Vom kompetenzorientierten Unterricht zur kompetenzorientierten Matura

Fragebogen zur Evaluation der Vorlesung und Übungen Computer Grafik, CS231, SS05

Dokumentation von Ük Modul 302

12 Leseverstehen I. Gliederung

Zahlen auf einen Blick

Danke, dass sie sich für die Infoliste der Moodleveranstaltung eingetragen haben.

Illustrierende Aufgaben zum LehrplanPLUS

Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. 1. Timotheus 2,6

Kartei zum Lesetagebuch Nr. 2. Kartei zum Lesetagebuch Nr. 1. Kartei zum Lesetagebuch Nr. 4. Kartei zum Lesetagebuch Nr. 3.

Materialien für den Unterricht zum Kurzfilm Steffi gefällt das von Philipp Scholz Deutschland 2012, 5 Minuten, Spielfilm

Kurzanleitung für eine erfüllte Partnerschaft

Methodentraining in der Klasse 5 am Erich Kästner-Gymnasium

Der Klassenrat entscheidet

Dies fällt oft deshalb schwerer, da der Angehörige ja von früher gewohnt war, dass der Demenzkranke funktioniert. Was also kann oder soll man tun?

BIA-Wissensreihe Teil 4. Mind Mapping Methode. Bildungsakademie Sigmaringen

Bestandesaufnahme und Bedürfnisanalyse

Erklärung zu den Internet-Seiten von

Fragebogen ISONORM 9241/110-S

Transkript:

Studienseminar Koblenz Stand: 2.6.2006 Ein Sachtext - Zehn Strategien zur Bearbeitung von Sachtexten (erschienen in: Naturwissenschaften im Unterricht Physik, 5(2006), S. 12-23) Josef Leisen Lesestrategien für Sachtexte Der Wunsch nach einer universellen Lesestrategie für alle Texte kann nicht erfüllt werden. Zu verschieden sind die Textsorten, die Funktion des Textes, die Situierung im Unterricht und der Texteinsatz. Darüber hinaus unterscheiden sich Texte hinsichtlich textgestalterischer, sprachlicher und inhaltlicher Merkmale, die maßgeblich die Verständlichkeit des Textes bestimmen. Drei Aspekte bestimmen grundsätzlich die Wahl der Lesestrategie im Unterricht: der Text, die Lesekompetenz des Lesers und die didaktische Absicht der Lehrkraft. Eine Lesestrategie ist ein Handlungsplan, um einen Text gut zu verstehen. Es gibt eine Vielzahl von Lesestrategien für Sachtexte, die sich in Umfang, Anspruchsniveau und Unterstützungsgrad unterscheiden. Wenn Lesestrategien vermittelt werden, dann sollte man folgende Prinzipien berücksichtigen: Man veranlasse die Lernenden über eine geeignete Lesestrategie und gute Arbeitsaufträge in einen Dialog mit dem Text zu treten, d.h. sich eigenständig mit dem Text auseinander zu setzen (Prinzip der eigenständigen Auseinandersetzung). Man lasse den Text wenn möglich in eine andere Darstellungsform bringen (Prinzip vom Wechsel der Darstellungsform). Man starte mit dem, was die Lernenden schon verstehen, und nicht mit dem, was sie nicht verstehen, d.h. eine Texterschließung geht von den Verstehensinseln aus (Prinzip der Verstehensinseln). Man bringe die Lernenden mit immer anderen Aufträgen zur erfolgreichen produktiven Bearbeitung des Textes (Prinzip der zyklischen Bearbeitung). Um die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Lesestrategien abzuschätzen und gleichzeitig aber auch ihre Begrenzungen und Einsatzbedingen kennen zu lernen, ist es reizvoll, verschiedene Strategien an ein und demselben Beispiel zu erproben. Am Beispiel eines Sachtextes aus einem Lehrbuch Physik Klasse 9 werden zehn Lesestrategien vorgestellt, die sich auch bei anderen Texten anwenden lassen. Analoge Texte in Bezug auf die Textsorte, den Zweck, das Anspruchsniveau, die Struktur und den Umfang gibt es auch in anderen Fächern. Man wird selbstredend nicht alle zehn Strategien auf denselben Text anwenden. Das wäre ein didaktischer Overkill. Die Lesekompetenz der Zielgruppe, die didaktische Absicht und der Schwierigkeitsgrad des Textes bestimmen die Auswahl der geeigneten Lesestrategie. Die zehn Strategien zur Texterschließung sind: 1. Fragen geleitet einen Text erschließen 2. Fragen an den Text stellen 3. Textteile kategorisieren und Text sinnvoll strukturieren 4. (Fach)Begriffe farborientiert markieren 5. Gegebene Darstellungsformen nutzen 6. In eine andere Darstellungsform übertragen 7. Expandieren des Textes 8. Texte vergleichen 9. Schlüsselwörter suchen und zusammenfassen 10. Fünf-Phasen-Schema 1

Der Sachtext Versuch 33: In Oszilloskopen und beim Fernsehen benutzt man Braunsche Röhren. In ihren luftleeren Glaskolben ist nach Bild 287.1 eine Kathode K eingeschmolzen. Sie wird durch die Heizbatterie H zum Glühen erhitzt und sendet Elektronen aus. Die Anodenquelle U lädt die Anode A positiv, die Kathode K negativ auf. Die aus K abgedampften Elektronen werden zu A hin beschleunigt. Sie sollen aber nicht vom Anodenblech aufgefangen werden, sondern als Strahl durch ein Loch in der Mitte von A hindurchtreten. Hierzu lädt man den gestrichelt gezeichneten Metallzylinder W negativ auf. Dann stößt er die von K nach allen Seiten wegfliegenden Elektronen so zu seiner Mittelachse hin, dass sie die Anodenöffnung durchsetzen und anschließend geradlinig zum Leuchtschirm L weiterfliegen. Dieser Schirm trägt eine dünne Leuchtschicht. Sie sendet dort Licht aus, wo sie von den unsichtbaren Elektronen getroffen wird. Damit die Elektronen vom Schirm zur Anode zurückfließen können, ist der Glaskolben innen mit einem schwach leitenden Überzug versehen. 287.1 Braunsche Röhre Dorn-Bader: Physik - Mittelstufe. Hannover: Hermann Schroedel 1980, S. 286-287. Die Situierung dieses Sachtextes Es handelt hier um einen für die Sachfächer typischen Lehrbuchtext, nämlich der Beschreibung des Aufbaus und der Funktionsweise eines Gerätes (hier: Braunsche Röhre) bzw. eines Prozesses sowie deren Erklärung. Jeder im Unterricht eingesetzte Text bedarf eines unterrichtlichen Kontextes und muss die Kompetenzentwicklung der Lernenden fördern. Im Kompetenzbereich Fachwissen soll hier das gelernte Wissen über Kräfte auf elektrische Ladungen angewandt werden. Im Kompetenzbereich Kommunikation werden die Textrezeption und die Textproduktion geschult. Beim Einsatz derartiger Texte werden üblicherweise textrezeptive und textproduktive Ziele verfolgt: das Verstehen des Aufbaus und der Funktionsweise des Gerätes bzw. Prozesses (Textrezeption) die eigene Beschreibung anhand einer Skizze (Textproduktion). Der Einsatz dieses Textes gestaltet sich in der Regel derart, dass er zur Lektüre im Unterricht oder als Hausaufgabe aufgegeben wird. Strategie 1: Fragen geleitet einen Text erschließen Bei dieser Strategie wird der Leser durch Fragen geleitet zur Auseinandersetzung mit dem Text gezwungen. Es handelt sich um eine herkömmliche und oft eingesetzte Strategie. 2

Aufgabe: Die folgenden Fragen leiten dich durch den Text und helfen dir, ihn besser zu verstehen. Gleichzeitig kannst du feststellen, was du verstanden hast. 1. Wo benutzt man braunsche Röhren? 2. Wo und wie werden die Elektronen erzeugt? 3. Wie wird der Elektronenstrahl erzeugt? 4. Warum prallen die Elektronen nicht auf die Anode? 5. Wie werden die unsichtbaren Elektronen sichtbar gemacht? 6. Warum sollen die Elektronen zur Anode zurückfließen? Beispiele für Antworten: 1. Wo benutzt man Braunsche Röhren? Braunsche Röhren benutzt man bei Oszilloskopen und bei Fernsehgeräten (Röhrengeräte, keine Flachbildschirme) (Lesekompetenz: ausdrücklich angegebene Information lokalisieren, Zusatzwissen nutzen) 4. Warum prallen die Elektronen nicht auf die Anode? Die Elektronen werden von der Anode angezogen und würden auf das Anodenblech prallen. Das wird verhindert, indem sie vom negativ geladenen Metallzylinder abgestoßen und gebündelt werden und dann aufgrund der Trägheit durch das Anodenloch fliegen. (Lesekompetenz: Text detailliert verstehen, Erklärungen geben und spezielles Wissen nutzen) 6. Warum sollen die Elektronen zur Anode zurückfließen? Würden die Elektronen nicht über den schwach leitenden Überzug zurückfließen, würde eine Wolke von Elektronen auf dem Schirm entstehen, die alle später ankommenden Elektronen abstoßen würde und damit den Leuchtfleck massiv stören würde. (Lesekompetenz: Hypothesen formulieren, Erklärungen geben und spezielles Wissen nutzen) Bemerkungen zur Strategie 1: Fragen geleitet einen Text erschließen Am vorliegenden Beispiel ist ersichtlich, dass sich die Frage 1 auf eine explizit im Text angegebene Information bezieht und ein geringes Anspruchniveau hat. Dem hingegen beziehen sich die Fragen 2,3, und 5 auf tiefer eingebettete oder implizit angegebene Informationen. Die Fragen 4 und 6 liegen auf einer wesentlich höheren Kompetenzstufe, da der Text detailliert zur Beantwortung verstanden werden muss. Es muss selbstständig erklärt werden und dabei muss spezielles Wissen genutzt werden. Mit der Lesekompetenzmatrix nach PISA kann eine Analyse der Frageaufträge vorgenommen werden. Die Kompetenzbereiche (Informationen ermitteln, textbezogenes Interpretieren, Reflektieren und Bewerten) werden gegen die drei Kompetenzstufen (= Anspruchsniveau) aufgetragen. (Die nachfolgende Kompetenzmatrix umfasst aus Gründen der Handhabbarkeit gegenüber der Originalmatrix aus der PISA-Studie [1], S. 89 nur drei statt fünf Kompetenzstufen.) Kompetenzstufen I II III Informationen ermitteln unabhängige aber ausdrücklich angegebene Informationen lokalisieren Frage 1 Einzelinformationen heraussuchen und Beziehungen beachten Frage 2, 3, 5 tief eingebettete Informationen lokalisieren und geordnet wiedergeben Kompetenzbereiche textbezogenes Interpretieren den Hauptgedanken des Textes oder die Intention des Autors erkennen, wenn das Thema bekannt ist Aussagen in verschiedenen Textteilen berücksichtigen und integrieren unbekannten Text in seinen Details verstehen Frage 4 Reflektieren und Bewerten eine einfache Verbindung zwischen Textinformation und Alltagswissen herstellen Vergleiche und Verbindungen ziehen, Erklärungen geben und Merkmale bewerten Text kritisch bewerten und Hypothesen formulieren unter Nutzung von Wissen Frage 6 3

Die durch Fragen geleitete Texterschließung ist eine herkömmliche und wirkungsvolle Strategie. Man sollte mit leichten Fragen beginnen und die schweren Fragen ans Ende setzen. Durch den Umfang und das Anspruchsniveau der Fragen kann die Lehrkraft gut die Intensität der Textrezeption und der Auseinandersetzung mit dem Text steuern. Strategie 2: Fragen an den Text stellen Bei dieser Strategie werden dem Leser nicht die Fragen gestellt, sondern er stellt selbst Fragen an den Text und beantwortet sie auch selbst. Aufgabe: Der Text soll den Aufbau und die Funktion der braunschen Röhre erklären. Um den Text zu verstehen, sollst du Fragen an den Text stellen. Gute Fragen helfen dir nämlich, den Text zu verstehen. Stelle keine Fragen, auf die mit ja/nein geantwortet werden kann. Formuliere mindestens fünf Fragen, auf die der Text eine Antwort gibt. Stelle eine anspruchsvolle Frage. Beispiele für Fragen, auf die der Text eine Antwort gibt: 1. Wo benutzt man Braunsche Röhren? 2. Wie ist die Braunsche Röhre aufgebaut? 3. Wo und wie werden die Elektronen erzeugt? 4. Wie entsteht der Elektronenstrahl? 5. Wie werden die unsichtbaren Elektronen nachgewiesen? 6. Warum ist der Glaskolben mit einem schwach leitenden Überzug versehen? (eine ausdrücklich angegebene Information in eine Frage umsetzen) 7. Warum ist die Leuchtschicht dünn? (detailliertes Textverständnis in eine weiterführende Frage umsetzen) 8. Warum prallen die Elektronen nicht auf die Anode? (einen mehrgliedrigen Gedankengang in eine Frage umsetzen) 9. Warum sollen die Elektronen zur Anode zurückfließen? (eigenständig weitergedachte Überlegungen in eine Frage umsetzen) Bemerkungen zur Strategie 2: Fragen an den Text stellen Bei dieser Strategie muss vorab geklärt werden, welche Fragen gestellt werden sollen, nämlich solche, a. auf die der Text eine Antwort gibt und wo Frage und Antwort im Verstehenshorizont des Lesers liegen, wo die Fragen und Antworten auf niedrigem Anspruchsniveau liegen b. auf die der Text eine Antwort gibt, wo aber der Leser noch keine Antwort hat, weil er den Text noch nicht vollständig verstanden hat, wo die Antwort im Text als tief eingebettete Information liegt, wo die Antwort durch schwierige Verbindungen zwischen Textteilen oder durch kritische Bewertungen hergestellt werden muss c. auf die der Text keine Antwort gibt, die den Leser aber interessieren oder Fragen, die über den Text hinausgehen und Bezüge zu anderem Wissen herstellen. d. die der Leser an den Text stellt, um den eigenen Verstehensprozess zu befördern. Bei der Aufgabenstellung empfiehlt es sich anzugeben, wie viele Fragen gestellt werden sollen, welches Anspruchsniveau sie haben sollen und wie sie beantwortet werden sollen. Mit der Methode kann man das Anspruchsniveau differenzieren, indem man Fragen zu Einzelinformationen verlangt, aber auch Fragen stellen lässt, die auf die Tiefenstruktur des Textes abzielen. Kompetenzbereiche Informationen ermitteln textbezogenes Reflektieren und Bewerten 4

Kompetenzstufen I II III unabhängige aber ausdrücklich angegebene Informationen lokalisieren Frage 1, 2, 3, 4, 5, 6 Einzelinformationen heraussuchen und Beziehungen beachten tief eingebettete Informationen lokalisieren und geordnet wiedergeben Interpretieren den Hauptgedanken des Textes oder die Intention des Autors erkennen, wenn das Thema bekannt ist Aussagen in verschiedenen Textteilen berücksichtigen und integrieren unbekannten Text vollständig und detailliert verstehen Frage 7 eine einfache Verbindung zwischen Textinformation und Alltagswissen herstellen Vergleiche und Verbindungen ziehen, Erklärungen geben und Merkmale bewerten Frage 8 Text kritisch bewerten und Hypothesen formulieren unter Nutzung von Wissen Frage 9 Die Beantwortung der Fragen kann u. a. durch Partneraustausch erfolgen. Besonders geeignete Fragen bzw. Antworten können im Plenum aufgegriffen werden. Die Fragen können ggf. kategorisiert und zum Weiterlernen genutzt werden. Strategie 3: Textteile kategorisieren und Text sinnvoll strukturieren Der vorliegende Text ist gestalterisch nicht besonders Verständnis fördernd gehalten. Die Strategie besteht nun darin, dass der Leser den Text in Sinnabschnitte einteilt und diese durch Überschriften benennt. Aufgabe: Text ist leider ohne Absätze geschrieben. Mache ihn leserfreundlicher. Das hilft dir selbst, den Text besser zu verstehen. Teile den Text in physikalisch sinnvolle Abschnitte ein. Notiere zu jedem Abschnitt eine Überschrift. Beispiel für die Sinneinteilung und Überschriften: Wie ein Oszilloskop aufgebaut ist und wie es funktioniert Verwendung: In Oszilloskopen und beim Fernsehen benutzt man Braunsche Röhren. Aufbau: In ihren luftleeren Glaskolben ist nach Bild 287.1 eine Kathode K eingeschmolzen. Strahlerzeugung: Sie wird durch die Heizbatterie H zum Glühen erhitzt und sendet Elektronen aus. Die Anodenquelle U lädt die Anode A positiv, die Kathode K negativ auf. Strahlbündelung: Die aus K abgedampften Elektronen werden zu A hin beschleunigt. Sie sollen aber nicht vom Anodenblech aufgefangen werden, sondern als Strahl durch ein Loch in der Mitte von A hindurchtreten. Hierzu lädt man den gestrichelt gezeichneten Metallzylinder W negativ auf. Dann stößt er die von K nach allen Seiten wegfliegenden Elektronen so zu seiner Mittelachse hin, dass sie die Anodenöffnung durchsetzen und anschließend geradlinig zum Leuchtschirm L weiterfliegen. Strahlnachweis: Dieser Schirm trägt eine dünne Leuchtschicht. Sie sendet dort Licht aus, wo sie von den unsichtbaren Elektronen getroffen wird. Damit die Elektronen vom Schirm zur Anode zurückfließen können, ist der Glaskolben innen mit einem schwach leitenden Überzug versehen. Bemerkungen zur Strategie 3: Textteile kategorisieren und Text sinnvoll strukturieren Diese Strategie bietet sich bei schlecht gestalteten Texten an und bei solchen, deren Textteile unterschiedlichen Kategorien angehören (z.b. Informationen, Phänomene, Beschreibungen, Erklärungen, Interpretationen, Bewertungen, Beispiele, Erläuterungen, Kommentare, Zusätze, Exkurse, ), die gestalterisch nicht deutlich voneinander abgehoben sind. 5

Diese Strategie verlangt vom Leser eine Abstraktionsleistung, denn der Lernende muss kategorisieren und Oberbegriffe finden. Verschiedene Lösungen geben Anlass zur Kommunikation im Plenum und können zum Weiterlernen genutzt werden. Die Textstruktur lässt sich auch am Rand durch Randmarken ggf. unter Verwendung von Kürzeln kennzeichnen: Thema, Beobachtung, Erklärung, Definition, Bedingung, Merkmal, Beispiel, Zusammenfassung Strategie 4: (Fach)Begriffe farborientiert markieren Sachtexte sind gekennzeichnet durch Fachbegriffe, Objekte, Personen, Gegenstände an verschiedenen Orten und Zeiten, die in vielfältigen Relationen zueinander stehen. Um Ordnung und Übersicht zu erhalten, kann eine effiziente Strategie darin bestehen, die verschiedenen Kategorien farborientiert zu markieren. Dadurch entsteht ein übersichtliches Beziehungsgefüge im Text, das zur weiteren Arbeit einlädt. Aufgaben: Die Aufgaben helfen Dir, den Text zu verstehen und schließlich einen eigenen Text zu schreiben. 1. Markiere alle Fachnomen (Hauptwörter) im Text blau. 2. Markiere alle Fachverben (Tuwörter) in rot. 3. Markiere alle Adjektive (Eigenschaftswörter) und Adverbien in grün. 4. Vergleiche das Bild und das Begriffsnetz und entdecke den Aufbau. 5. Übertrage die Fachverben, Adjektive und Adverbien in das Begriffsnetz. 6. Erstelle einen eigenen Text über die Braunsche Röhre. Versuch 33: In Oszilloskopen und beim Fernsehen benutzt man Braunsche Röhren. In ihren luftleeren Glaskolben ist nach Bild 287.1 eine Kathode K eingeschmolzen. Sie wird durch die Heizbatterie H zum Glühen erhitzt und sendet Elektronen aus. Die Anodenquelle U lädt die Anode A positiv, die Kathode K negativ auf. Die aus K abgedampften Elektronen werden zu A hin beschleunigt. Sie sollen aber nicht vom Anodenblech aufgefangen werden, sondern als Strahl durch ein Loch in der Mitte von A hindurchtreten. Hierzu lädt man den gestrichelt gezeichneten Metallzylinder W negativ auf. Dann stößt er die von K nach allen Seiten wegfliegenden Elektronen so zu seiner Mittelachse hin, dass sie die Anodenöffnung durchsetzen und anschließend geradlinig zum Leuchtschirm L weiterfliegen. Dieser Schirm trägt eine dünne Leuchtschicht. Sie sendet dort Licht aus, wo sie von den unsichtbaren Elektronen getroffen wird. Damit die Elektronen vom Schirm zur Anode zurückfließen können, ist der Glaskolben innen mit einem schwach leitenden Überzug versehen. Bemerkungen zur Strategie 4: (Fach)Begriffe farborientiert markieren Diese Strategie wirkt zunächst sehr formal und ohne Bezug zum Inhalt. Der Zweck liegt darin, dass sie auf nachfolgende Strategien vorbereitet (hier die Aufgabenteile 4-6). Die Fachbegriffe sind Anker, um daran die inhaltliche Arbeit fortzusetzen. Diese Strategie darf kein Selbstzweck sein. Die Idee der Strategie liegt darin, dass sich die Leser immer wieder und mehrfach in neuen Bearbeitungsaufträgen mit dem Text auseinandersetzen (Prinzip der zyklischen Bearbeitung). Durch das schrittweise und gestufte Vorgehen entwickeln sich allmählich Textbezüge und Sinnstrukturen. Die Idee der Vorgehensweise sollte den Lernenden vorab verdeutlicht werden. Von den markierten Begriffen sind viele bekannt und fungieren als Verstehensinseln (Prinzip der Verstehensinseln) von denen die weitere Erschließung ausgehen kann. Strategie 5: Gegebene Darstellungsformen nutzen Eine sehr effektive und oft einsetzbare Strategie besteht darin, den Text in eine andere Darstellungsform (Skizze, Bild, Tabelle, Strukturdiagramm, Prozessdiagramm, Mindmap, Graph,...) zu übersetzen. Dieser Auftrag fördert die aktive eigenständige Auseinandersetzung des Lesers mit dem Text und fördert die (Re)Konstruktion des Textverständnisses. Bei der Überführung in andere 6

vorgegebene Darstellungsformen findet das eigentliche Textverständnis statt. Das zwingt die Lernenden dazu, von einer anderen Seite an den Text heranzugehen. Die Schüler sollen den Text mit Hilfe des Bildes in ein vorgegebenes Begriffsnetz überführen und anschließend aus dem Begriffsnetz einen eigenen Text erstellen. Die Schüler müssen mit Begriffsnetzen bereits vertraut sein. Das beigefügte Begriffsnetz ist so aufgebaut, dass eine 1:1- Zuordnung zwischen Abbildung und Begriffsnetz möglich ist. Aufgaben: Die Aufgaben helfen Dir, den Text zu verstehen und schließlich einen eigenen Text zu schreiben. 1. Markiere alle Fachnomen im Text blau. 2. Markiere alle Fachverben in rot. 3. Markiere alle Adjektive und Adverbien in grün. 4. Vergleiche das Bild und das Begriffsnetz und entdecke den Aufbau. 5. Übertrage die Fachverben, Adjektive und Adverbien in das Begriffsnetz. 6. Erstelle einen eigenen Text über die Braunsche Röhre. Überzug Metallzylinder Glaskolben Mittelachse Heizbatterie Kathode Elektronen Anodenöffnung Loch Leuchtschirm Leuchtschicht Licht Anodenstromquelle Anode Lösung: 7

Überzug (schwach leitend) tragen Glaskolben Metallzylinder (negativ aufgeladen) Mittelachse aufladen Heizbatterie (luftleer) durchsetzen erhitzen Kathode erhitzen Elektronen (abgedampft) (negativ) Anodenstromquelle Anodenöffnung hindurchtreten Loch beschleunigen Anode Leuchtschirm Leuchtschicht weiterfliegen aussenden (dünn) Licht (positiv) Bemerkungen zur Strategie 5: Darstellungsformen nutzen Der Leser wechselt die Darstellungsform, indem er hier ein vorgegebenes Begriffsnetz nutzt. Der Begriffsapparat wird dabei erneut umgewälzt. Der Wechsel ist meistens mit einer Abstraktionsleistung verbunden. Die Übersetzung in eine andere Darstellungsform ist ein kreativer Akt, der hier das visuelle Gedächtnis trainiert und die Lösung vom Ursprungstext einleitet (Prinzip vom Wechsel der Darstellungsform). Der jeweilige Text bestimmt, welche Darstellungsform angemessen ist. Für Prozesse sind Begriffsnetze, Struktur- und Flussdiagramme geeignet. Mindmaps bieten sich an, wenn der Vernetzungsgrad nicht zu groß ist. Strategie 6: In eine andere Darstellungsform übertragen Der Leser wechselt selbstständig die Darstellungsform, indem er hier ein eigenes Begriffsnetz herstellt. Der Unterschied zur Strategie 5 besteht darin, dass hier die Darstellungsform nicht vorgegeben, sondern lediglich angegeben oder gar offen gelassen wird. Dadurch sind verschiedene Lösungen sowohl der Form nach als auch der Ausführung nach möglich. Die Schüler sollen mit Begriffsnetzen vertraut sein. Aufgaben: Die Aufgaben helfen Euch, den Text zu verstehen und am Ende könnt ihr einen eigenen Text schreiben. Arbeitet in Aufgabe 1-3 einzeln und in 4-5 zusammen. Ein Begriffsnetz habt ihr beim elektrischen Widerstand kennen gelernt. 1. Markiere alle Fachnomen im Text blau. 2. Markiere alle Fachverben in rot. 3. Markiere alle Adjektive und Adverbien in grün. 4. Erstellt in Partnerarbeit mit den folgenden Begriffskärtchen ein Begriffsnetz zur Braunschen Röhre 5. Erstelle an Hand eures Begriffsnetzes einen eigenen Text über die Braunsche Röhre. 8

Metallzylinder Loch Anodenöffnung Glaskolben Anodenstromquelle Heizbatterie Leuchtschirm Licht Kathode Elektronen Mittelachse Anode Leuchtschicht Bemerkungen zur Strategie 6: In eine andere Darstellungsform übertragen Der Leser wechselt die Darstellungsform, indem er hier ein eigenes Begriffsnetz herstellt (Prinzip vom Wechsel der Darstellungsform). Das Anspruchsniveau kann variiert werden, indem nicht alle Begriffe gegeben werden, oder indem eine Überzahl gegeben wird. Durch Aushandeln mit dem Partner wird der Begriffsapparat in hohem Maße erneut umgewälzt und kommunikativ verwendet. Erfahrungsgemäß ist diese Methode durch eine intensive Kommunikation in den Gruppen gekennzeichnet. Verschiedene Lösungen geben Anlass zur Kommunikation im Plenum und können zum Weiterlernen genutzt werden. Eine Lehrerlösung bietet sich ggf. als Ergänzung an. Diese Strategie ist anspruchsvoll. Die Vorgabe von Teilnetzen kann sinnvoll sein. Strategie 7: Expandieren des Textes Lest den Text und fasst ihn in Kernaussagen zusammen! Ein solcher Arbeitsauftrag beinhaltet eine Überforderung aller, der Schüler wie der Experten. Die meisten Fachtexte sind nämlich derart verdichtet, dass man sie nicht weiter verdichten und zusammenfassen kann. Nicht das Eindampfen ist die adäquate Strategie, sondern das Expandieren des Textes durch Beispiele und Erläuterungen. Aufgabe: Der Text ist mit der Fülle unkommentierter Fachbegriffe für Experten geschrieben. Mache ihn für Laien leserfreundlicher, indem du ihn zunächst in physikalisch sinnvolle Abschnitte mit Überschrift einteilst. Mache ihn verständlicher, indem du dann die einzelnen Sätze durch Erläuterungen und Informationen anreicherst. Beispiel eines expandierten Lehrbuchtextes (Karlsruher Physikkurs: Band 2, S. 77-78) 9

19.7 Die Elektronenstrahlröhre Wir wollen den Aufbau der Elektronenstrahlröhre genauer betrachten. Abb. 19.22 zeigt schematisch den Aufbau der Elektronenkanone. Die Glühkathode: Aus einem Draht, den man bis zur Rotglut erhitzt, treten Elektronen aus. Allerdings bewegen sich diese Elektronen normalerweise vom Draht nicht weit weg, denn dadurch daß sie austreten, lädt sich der Draht positiv auf, und die negativen Elektronen werden zum Draht zurückgezogen. So ist der Glühdraht jeder Glühlampe von einer dünnen Haut aus Elektronen umgeben. Man nützt diesen Effekt aus, um die Elektronen für den Strahl in der Fernsehröhre zu produzieren. In der Elektronenstrahlröhre befindet sich die sogenannte Glühkathode, ein feiner elektrisch geheizter Draht. Die Anode: Die aus der Kathode austretenden Elektronen sollen einen Strahl bilden. Dazu müssen sie zunächst die Umgebung der Kathode verlassen. Man erreicht das mit Hilfe der Anode, einer kleinen Metallplatte, die sich auf hohem, positivem Potential befindet und daher elektrisch positiv geladen ist. Das elektrische Feld zieht die Elektronen von der Kathode weg und beschleunigt sie in Richtung Anode. Sie erreichen die Anode mit sehr hoher Geschwindigkeit: mit etwa 100 000 km/s. Nun sollen aber die Elektronen nicht auf die Anode, sondern auf den Leuchtschirm treffen. Daher hat die Anode ein kleines Loch, durch das die Elektronen hindurchfliegen können. Der Sammelzylinder: Ohne ihn würden die Elektronen keinen dünnen Strahl bilden, sondern sie würden aus der Kathode austreten etwa wie das Wasser aus einer Dusche oder das Licht aus einer Bürolampe. Das Potential des Sammelzylinders ist niedriger als das der Kathode. Er ist daher negativ geladen und drückt die Elektronen zur Mitte hin, der Elektronenstrahl wird gebündelt. Die Ablenkplatten: Um den Strahl über den Bildschirm zu bewegen, kann man sogenannte Ablenkplatten benutzen. Sie befinden sich hinter der Anode, aber noch im engen Hals der Röhre. Ein Plattenpaar bewirkt die Ablenkung in waagrechter, das andere in senkrechter Richtung. Eine Ablenkung erreicht man dadurch, daß man zwischen die Platten eine Spannung legt. Die Platten laden sich entgegengesetzt auf, und es entsteht ein elektrisches Feld, das die Elektronen zur Seite, nach oben oder nach unten zieht. Bemerkungen zur Strategie 7: Expandieren des Textes Der Leser expandiert den Text durch Anreicherung mit Zusätzen, Erläuterungen, Beispielen, Erklärungen, Skizzen oder weiteren Informationen. Diese Strategie ist dann geboten, wenn der Text hoch verdichtet ist und Zusätze die Verständlichkeit erhöhen. Meist ist ein Adressatenbezug (z.b. für deinen jüngeren Bruder) sinnvoll. Die Strategie ist sehr anspruchsvoll und erfordert hohe Kompetenzen im Bereich des Wissens und der Darstellung. Ggf. sind weitere Hinweise und Hilfen sinnvoll. Strategie 8: Texte vergleichen Zu den gängigen Themen finden sich entsprechende Texte in verschiedenen Lehrbüchern, die sich hinsichtlich des inhaltlichen Schwierigkeitsgrades, des Sprachniveaus, des Umfangs, der Gestaltung, der Textverständlichkeit und der Zielrichtung unterscheiden. Folglich kann es ausgesprochen lernfördernd sein, verschiedene Texte vergleichend zu bearbeiten. Textvergleich: Drei Texte ein Thema 10

Du findest nachfolgend drei Texte zur Braunschen Röhre aus drei Büchern. Was du in dem einen Text besser verstehst, nützt dir bei der Lektüre des anderen. Überfliege die drei Texte. Beurteile die drei Texte ganz kurz mit (++ + o - --) oder Worten: Text viele Infos ist verständlich ist präzise Bild ist hat Niveau 1 2 3 Text 1 Physik für Gymnasien. Band 2. Berlin: Cornelsen 1995, S. 346 Text 2 11

Impulse Physik - Mittelstufe. Stuttgart: Klett 2002, S. 100 Text 3 Versuch 33: In Oszilloskopen und beim Fernsehen benutzt man Braunsche Röhren. In ihren luftleeren Glaskolben ist nach Bild 287.1 eine Kathode K eingeschmolzen. Sie wird durch die Heizbatterie H zum Glühen erhitzt und sendet Elektronen aus. Die Anodenquelle U lädt die Anode A positiv, die Kathode K negativ auf. Die aus K abgedampften Elektronen werden zu A hin beschleunigt. Sie sollen aber nicht vom Anodenblech aufgefangen werden, sondern als Strahl durch ein Loch in der Mitte von A hindurchtreten. Hierzu lädt man den gestrichelt gezeichneten Metallzylinder W negativ auf. Dann stößt er die von K nach allen Seiten wegfliegenden Elektronen so zu seiner Mittelachse hin, dass sie die Anodenöffnung durchsetzen und anschließend geradlinig zum Leuchtschirm L weiterfliegen. Dieser Schirm trägt eine dünne Leuchtschicht. Sie sendet dort Licht aus, wo sie von den unsichtbaren Elektronen getroffen wird. Damit die Elektronen vom Schirm zur Anode zurückfließen können, ist der Glaskolben innen mit einem schwach leitenden Überzug versehen. 287.1 Braunsche Röhre Dorn-Bader: Physik - Mittelstufe. Hannover: Hermann Schroedel 1980, S. 286-287. Bemerkungen zur Strategie 8: Texte vergleichen 12

Die vergleichende Lektüre mehrerer Texte zu demselben Thema erhöht das Verstehen. Verständlichkeitsmängel des einen Textes werden durch Qualitäten des anderen Textes u.u. ausgeglichen und umgekehrt. Durch den Vergleich von Texten werden die Wirkung, der Adressatenbezug und die Textart thematisiert. Es bietet sich als weitere Aufgabe eine adressatenorientierte Textproduktion an. Schreibe einen Text für: deine Schwester im x. Schuljahr deinen Mitschüler, der krank ist und den Stoff nachholen will für deinen Opa, der ein kluger Mann ist, aber aus seiner Schulzeit viel vergessen hat. Strategie 9: Schlüsselwörter suchen und den Text zusammenfassen Die nachfolgende Strategie ist zwar fester Bestandteil im Repertoire vieler Lehrkräfte, ist aber in einigen Punkten bedenklich und mit Bedacht anzugehen. Aufgaben: 1. Unterstreiche mit Bleistift die Begriffe, die du nicht verstehst. 2. Unterstreiche die Schlüsselwörter rot. 3. Fasse den Text zusammen. 4. Erläutere die Braunsche Röhre in eigenen Worten. Bemerkungen zur Strategie 9: Schlüsselwörter suchen und den Text zusammenfassen Das Zusammenfassen (Paraphrasieren) des Textes wird hier über drei Voraufgaben angesteuert: a. Nichtverstandenes markieren b. Schlüsselwörter suchen c. Zusammenfassen. Hier kommen schwierige Aufträge gehäuft zusammen, die den Lernenden in der Regel überfordern. Deshalb ist bei dieser Strategie aus mehreren Gründen äußerste Vorsicht geboten. (Im vorliegenden Fall ist die Strategie ungeeignet!) Schlüsselwörter sollen den Text aufschließen. Wie kann der Leser deren Schlüsselbedeutung erkennen, wenn er den Text nicht oder nur teilweise versteht? Er kann allenfalls interessante oder verdächtige Wörter als vermeintliche Schlüsselwörter markieren. Erst wenn man verstanden hat, ist man fähig, Schlüsselwörter zu entdecken und zu nutzen. Lehrbuchtexte sind in der Regel durch mühevolle Redaktionsarbeit des Autors hoch verdichtet. Einen hoch komprimierten Text kann man nicht weiter komprimieren. Eine weitere Verdichtung erfordert eine hohe Expertise oder sie verändert die Zielrichtung des Textes gravierend. Der natürliche Leseprozess geht von dem Verstandenen aus, um das das Nichtverstandene zu erschließen und geht nicht umgekehrt vor. Dieses Vorgehen wird durch die Theorie des Textverstehens gestützt (konstruktivistisches Verständnis). Das Zusammenfassen (Paraphrasieren) von Sachtexten ist in der Regel eine Überforderung. Der hohe Verdichtungsgrad verhindert eine eigenständige vom Text losgelöste Paraphrase. Eine Textproduktion ist eine besonders anspruchsvolle Aufgabenstellung und ohne begleitende und vorbereitende Unterstützung eine Überforderung. Eine häufig praktizierte Alternative zu dem Arbeitsauftrag lautet: "Unterstreicht alle Wörter, die damit oder damit zu tun haben." Die Schüler können nun erfolgreicher am Text arbeiten, allerdings ist das Entscheidende vom Lehrer vorgegeben. Die eigentliche Aufgabe, das eigenständige Suchen der Schlüsselwörter wird ihnen abgenommen. Die Schüler müssen schrittweise an ein mehrstufiges Herantasten an die Schlüsselwörter gebracht werden. In einem ersten globalen Lesen wird ein Globalverständnis angestrebt, das noch nicht auf ein detailliertes fachliches Verstehen ausgerichtet ist. Den Schülern sollte Mut gemacht werden, sich folgende Fragen zu stellen: Worum geht es überhaupt? Wie wirkt der Text auf mich? Womit bringe ich den Text in Verbindung? Woran erinnert er mich? Was könnte wichtig sein? 13

Wo verstehe ich schon etwas? Mit folgenden Aufträgen kann die Lehrkraft Hilfestellungen geben: a. Drei-Stufen-Verfahren: Markiere mit dem Bleistift erst Wörter, die Du als Schüsselwörter vermutest. Vergleiche anschließend deine Schlüsselwort-Kandidaten mit deinem Nachbarn. Zum Schluss werden sie gemeinsam in der Klasse verhandelt. b. Vorschläge sammeln und gemeinsam kategorisieren: Macht Vorschläge. Welche Wörter sollen wir unterstreichen? c. Anzahl der Schlüsselwörter eingrenzen: Unterstreiche im Text maximal x Schlüsselwörter. d. Merkzettel entwickeln: Stelle Dir zu dem Text einen Merkzettel her, der maximal 10 Wörter enthalten darf. Strategie 10: Das Fünf-Phasen-Schema Das Fünf-Phasen-Schema ist ein bewährtes Texterschließungsverfahren und nutzt viele der vorangehenden Strategien als Teilstrategien. Es ist ein umfangreiches Erschließungsverfahren, das komplett auf die eigenständige Erschließung abzielt. Dazu werden den Lernenden Lesehilfen in Form einer Anleitung bereitgestellt. Das Fünf-Phasen-Schema leitet mit einer vorbereitenden Orientierung (orientierendes Lesen Scanning) im Text und dem Aufsuchen von Verstehensinseln ein (extensives Lesen und selektives Lesen). Im zentralen dritten Schritt folgt die genaue Detailerschließung (intensives Lesen). Es folgt im vierten Schritt eine Reflexion und Einbindung in das Wissensnetz und im fünften Schritt wird das Verstandene überprüft. Das Fünf-Phasen-Schema ist somit die Standardform des zyklischen Lesens (vgl. Basisartikel, S. XX) So liest Du diesen Physiktext 1. Orientiere Dich im Text a. Suche das Thema b. Suche die zugehörigen Abbildungen c. Überfliege den Text d. Trenne alle Sätze mit einem Strich /. 2. Suche Verstehensinseln im Text a. Der Text enthält vier Abschnitte, die man erst finden muss. Markiere am Rand jeden Abschnitt mit einer eckigen Klammer und notiere jeweils die passende Überschrift daneben: Verwendung, Aufbau, Strahlerzeugung, Strahlbündelung, Strahlnachweis b. Markiere alle Fachnomen im Text blau. c. Markiere alle Fachverben in rot. d. Markiere alle Adjektive und Adverbien in grün. 3. Erschließe den Text abschnittsweise Satz für Satz a. Vergleiche das Bild und das Strukturdiagramm und entdecke den Aufbau. b. Übertrage die Fachverben, Adjektive und Adverbien in das Strukturdiagramm. alternativ a. Erstellt in Partnerarbeit mit den folgenden Begriffskärtchen ein Begriffsnetz zur Braunschen Röhre 4. Suche den Roten Faden a. Lies den Text noch einmal und schreibe einen Satz hinter jeden Punkt. Verwendung: Aufbau: Strahlbündelung: Strahlablenkung: Strahlnachweis: 5. Überprüfe, was Du verstanden hast a. Beantworte folgende Fragen: Wo benutzt man Braunsche Röhren? 14

Wo und wie werden die Elektronen erzeugt? Wie wird der Elektronenstrahl erzeugt? Warum prallen die Elektronen nicht auf die Anode? Wie werden die unsichtbaren Elektronen sichtbar gemacht? Warum sollen die Elektronen zur Anode zurückfließen? Warum ist der Glaskolben mit einem schwach leitenden Überzug versehen? Warum ist die Leuchtschicht dünn? b. Erstelle an Hand des Begriffsnetzes einen eigenen Text über die Braunsche Röhre. Bemerkungen zur Strategie 10: Fünf-Phasen-Schema Das Fünf-Phasen-Schema ist ein bewährtes Texterschließungsverfahren und nutzt viele der vorangehenden Strategien. Dem Fünf-Phasen-Schema liegen folgende Prinzipien zu Grunde: a. Das verstehende Lesen wird durch ein orientierendes Lesen vorbereitet (Vom orientierenden zum verstehenden Lesen) b. Der Schüler wird zum mehrfachen zyklischen Bearbeiten des Textes unter immer neuen und anderen Gesichtspunkten geführt und verführt. (Prinzip der zyklischen Bearbeitung) c. Es wird niemals gefragt Was verstehst du nicht?, sondern es wird immer von dem ausgegangen, was der Schüler schon versteht (Verstehensinseln suchen und davon ausgehen) d. Der Schüler übersetzt den Text in eine andere Darstellungsform (Wechsel der Darstellungsform) e. Der Schüler reflektiert den Text und sucht den Roten-Faden (Textreflexion) Der Schüler sollte am Ende eine Gliederung, ein Strukturdiagramm, eine Tabelle, ein Flussdiagramm, eine kommentierte Bildfolge oder eine andere Darstellungsformen an der Hand haben, womit er eine eigene Textproduktion erstellen kann. Die Textproduktion gehört zum Anspruchsvollsten des Fachunterrichts und ist ohne Zwischenstufe selten erfolgreich. Bei der Erstellung der Leseanleitung nach dem Fünf-Phasen-Schema muss zunächst der dritte Schritt festgelegt werden: Mit welcher Strategie kann der Text detailliert gelesen werden? Diese Strategie muss in den ersten beiden Schritten vorbereitet und in den letzten beiden Schritten fortgeführt werden. Andernfalls behindern sich die Strategien unter Umständen gegenseitig. Die nachfolgende Folie zeigt in übersichtlicher Form den Ablauf des Fünf-Phasen-Schemas und kann den Schülern den Ablauf erläutern und begründen. Sie ist so gehalten, dass sie sich nicht auf einen speziellen Sachtext bezieht. Literatur [1] Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske +Budrich 2001 15

Das Fünf-Phasen-Schema zur Texterschließung 1. Orientiere dich im Text Thema Hier beginnt der Text. / Dies ist der zweite Abschnitt in diesem Text. / Ende./? Überfliege den Text.? Suche das Thema.? Suche zugehörige Bilder, Skizzen, Tabellen, etc.? Registriere Abschnitte.? Registriere Besonderheiten. 2. Suche Verstehensinseln 3. Erschließe abschnittsweise Text Text Text 4. Suchen den roten Faden Thema 5. Reflektiere abschließend Thema Wort bekannter Begriff Beispiel Inhalt Inhalt Bild bekannte Formel Fachwort Inhalt Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text Text? Starte von dem, was du verstehst, nämlich den Verstehensinseln.? Verstehensinseln sind die Teile, die du schon verstehst und von denen die Erschließung ausgeht.? Setze die Verstehensinseln zueinander in Beziehung und integriere sie mit dem, was du schon weißt.? Hier gehst du detailliert und gründlich vor. Ein genaues Lesen und Mitdenken ist wichtig.? Nutze Hilfsmittel, mache Dir Schemata, schreibe dir Dinge anders auf, etc.? Nun hast du vielleicht den roten Faden verloren. Suche ihn und lies den Text noch mal und verbinde die Abschnitte geistig miteinander.? Erstelle dir eine kleine Gliederung als roten Faden.? Fasse den Text in wenigen Sätzen zusammen.? Suche den Sinn des Textes und ordne ihn für dich neu.? Überprüfe, was Du verstanden hast.? Schreibe einen eigenen Text. 16

17