PSYCHISCHE GESUNDHEIT

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PSYCHISCHE GESUNDHEIT Unterstützung gewaltbetroffener Frauen mit psychischen Auffälligkeiten bzw. Beeinträchtigungen Dr. phil., Dipl.-Psych. Silke Schwarz, Frauenhaus Cocon, Berlin 10.12.2015

Gliederung 1. Psychische Gesundheit 1.1. Klinische Perspektive 1.2. Gewaltschutzperspektive 2. Gelungene Unterstützung aus Betroffenenperspektive

1.1. Klinische Perspektive Störungsbegriff des ICD 10: o Fokus auf Dauer, o auf selbst sowie fremd eingeschätzte Beeinträchtigung, o auf aktuelle Symptomlage. Tendenz: Entstehungskontext wird vernachlässigt - Individualisierung struktureller Benachteiligung

1.1. Klinische Perspektive Lebenszeitprävalenz o Jede 2. Frau o Jeder 3. Mann 12-Monats-Prävalenz o Knapp 28 % der Bevölkerung Tendenzen o ICD 10 (1990) ICD 11 (vorauss. 2017) o mehr Betroffene? mehr Sichtbarkeit?

1.2. Gewaltschutzperspektive Zusammenhänge zwischen Gewalterfahrung und psychischer Gesundheit Was sind Schutzfaktoren / Resilienz? Personenbezogene Faktoren: positives Sozialverhalten, positives Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, aktives Bewältigungsverhalten, Kontrollüberzeugungen, Optimismus, Humor Kontextbezogene Faktoren: stabile emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson in Kindheit, unterstützendes soziales Umfeld, gesellschaftliche Schutzfaktoren (Frieden, Demokratie, Aufenthaltsstatus, Existenzsicherung...)

1.2. Gewaltschutzperspektive Traumafolgestörungen nach ICD 10: akute Belastungsreaktion (F 43.0) Anpassungsstörung (F 43.2) Posttraumatische Belastungsstörung (F 43.1) andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F 62.0) dissoziative Störungsbilder (F 44) somatoforme Schmerzstörungen (F45.4) emotional instabile Persönlichkeitsstörungen (Borderline) (F 60.3) Dissoziale Persönlichkeitsstörung (F 60.2) Essstörungen (F 50) affektive Störungen (F 32, 33, 34) Substanzabhängigkeit (F 1)

1.2. Gewaltschutzperspektive Prävalenzraten nach ICD 10 bei häuslicher Gewalt: 37-46 % Niedergeschlagenheit/Depression 46 % Angst und Panikattacken 45 % posttraumatische Belastungsstörungen 27-33% Schlafstörungen/Albträume 11-26% Antriebslosigkeit/Konzentrationsschwäche Weitere gesundheitsgefährdende Bewältigungsstrategien: Substanzmittelmissbrauch, Abhängigkeiten, Essstörungen, Selbstverletzungen, riskantes Sexualverhalten

2. Gelungene Unterstützung aus Betroffenenperspektive Klarheit und Transparenz Kontrolle Trigger antizipieren und vorbeugen Keine Diskussion in emotional aufgeladenen Stimmung Balance zwischen Verstehen und Empathie & Verändern, Fordern und Konfrontation

2. Gelungene Unterstützung aus Betroffenenperspektive Wege aufzeigen oder Wege begleiten Jeder Weg muss selbst gefunden und gegangen werden Mitgehen, ohne voraus zu gehen Erfahrung zur Verfügung stellen, aber selber machen lassen Dem anderen seinen Wünschen entsprechend helfen, auch entgegen eigener Überzeugung Keine Abhängigkeiten erzeugen Unterstützen, aber nichts abnehmen Grenzen und Verbindlichkeit Mitwissend statt allwissend Selbstkompetenz stärken

Kontakt: silke.schwarz@fu-berlin.de leitung@frauenhaus-cocon.de

Wie ergeht es uns mit dem Benennen (müssen)?

Mitarbeiterinnen: Klarheit über weiteres Vorgehen, Sicherheit im Umgang mit Betroffenen, passende Hilfen werden klarer Bringt Entlastung, erleichtert Los-Lassen-Können, gibt Erklärung für Verhalten Bewusstheit über eigene Grenzen bzw. die des FH führt dazu, dass Beraterin Sicherheit und Orientierungsrahmen ausstrahlen kann Bringt zugleich auch Unsicherheit bei Krankheits-Uneinsichtigen : Wie erkläre ich das? Meiden von Konfrontation Stigmatisierungsgefahr In Fallbesprechungen: gleiche Sprache wird gesprochen, gemeinsame Strategie kann entwickelt werden Betroffene: Erleichterung, da passende Hilfen gesucht werden können Transparenz, Sich-Öffnen-Können Kann Halt und Hoffnung geben Sich-Aufgehoben-Fühlen, da Beraterin merkt, dass etwas nicht stimmt Eskalation (eher bei Frauen in akuter Psychose / mit Borderlinezügen, immer von Person abhängig) Kinder: Ausschluss / Stigma-Gefahr Aufklärung und Verständnis erhöhen Informiert-Sein bringt Entlastung Bewohnerinnen: Klare Atmosphäre im Team und für Bewohnerinnen: informiert sein und dadurch erleichtert sein Es können auch kontraproduktive Dynamiken entstehen, zu viel Schutz Senat/Öffentlichkeit: Transparenz über Mehraufwand Versorgungslücken sichtbar machen

Grenzen Belastung der anderen Bewohnerinnen Wenn andere sich ängstigen? Erneute Eskalation bei bereits stabilen Bewohnerinnen Bei wiederholten Einschränkungen der Anderen im Alltag Wenn Gewaltdynamiken entstehen! Kinderschutz! Belastung der Betroffenen Keine Alltagsbewältigung mehr möglich, bspw. in akuter Psychose, keine Steuerungsmöglichkeiten Bei Selbst- & Fremdgefährdung (s. Leitfaden Suizidalität) Belastung der Mitarbeiterinnen Wenn zeitliche Ressourcen nicht ausreichen Begrenzte Handlungsmöglichkeiten (Dolmetscherin, Organisation, Intervision)

Gefühl verfolgt zu werden Zunächst ist der Wahrheitsgehalt des Verfolgungsgefühls gründlich abzuklären. Ein beruhigendes, verständnisvolles Auftreten, eine Akzeptanz des Verfolgungsgefühls ohne die Verfolgung zu bestätigen falls diese sich als unrealistisch herausgestellt hat, ist wichtig. Mögliche Strategien der Beraterin: Zweifel säen unterschiedliche Wahrnehmungen verdeutlichen ohne zu versuchen, die Inhalte ausreden zu wollen. Konfrontatives Verhalten ist wenig sinnvoll. Gemeinsam einen Umgang mit der Angst und Unsicherheit erarbeiten Generell gilt: Normalisieren statt Pathologisieren Abklärung ob weiterführende Hilfen gewünscht sind und wenn ja welche

Eigensinn Haltung der Beraterin: Respektvolles arbeiten mit statt gegen Widerstände im Sinne einer motivierenden Gesprächsführung Toleranz für Andersartigkeit und Eigensinn solange Beratung bzw. das Zusammenleben im Frauenhaus möglich sind und keine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen und Kinderschutz gewährleistet ist Verständnis für eine ablehnende Haltung gegenüber dem bestehenden psychiatrischen Hilfesystem und gemeinsame Suche nach möglicherweise niedrigschwelligen nichtmedikamentösen Unterstützungsmöglichkeiten. Hinweise auf Kontakt- und Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen im psychiatrischen Bereich als alternative Angebote formulieren IMMER WICHTIG DABEI: Formulieren klarer Regeln und Grenzen einer Gewaltschutzberatung & konsequentes Handeln danach

Lähmende Hilflosigkeit und zerreibende Ambivalenzen Von vorneherein mehr Zeit einplanen für die Beratung von langjährig gewaltbetroffenen Frauen mit enorm traumatisierenden Erlebnissen und Gefühlen der Ohnmacht Wertschätzung gegenüber der Funktionalität eigener Bewältigungsversuche, die auf Dauer aber nicht sinnvoll sind, wie beispielsweise Essstörungen, starke Unruhe, Wegdriften (Dissoziation) etc. Gemeinsames Suchen nach weniger schädlichen Bewältigungsalternativen Verdeutlichen der eigenen Rolle, des eigenen Auftrages und bei Bedarf Weitervermittlung in weiterführende Unterstützungseinrichtungen wie bspw. Selbsthilfegruppen Einsatz von klärungsorientierten Techniken bei Ambivalenzen und behutsame Stärkung der eigenen Verantwortlichkeit ohne zu überfordern