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Transkript:

DER DEUTSCHE SOZIALSTAAT Immer mehr Menschen in Deutschland haben keine Arbeit und sind abhängig von staatlicher Hilfe. Das ist teuer: Über die Hälfte der Staatsausgaben in Deutschland sind für Soziales. Wissenschaft und Praxis diskutieren sehr intensiv darüber, wie der Sozialstaat auch in Zukunft funktionieren kann. In einem Punkt sind sich alle einig: Vor allem Kinder müssen unterstützt werden, damit das Land wieder stärker wird. MANUSKRIPT ZUM VIDEO Für sie ist er da, der Sozialstaat. Menschen, die arm sind, ohne Arbeit. Menschen, die sich selbst nicht helfen können. Hier beim Hilfswerk "Arche" in Berlin können sie sich satt essen. Die, die kommen, sind oft ganz unten. Sie leben vom Staat, von Sozialleistungen wie Hartz IV. FRAU 1: "Wenn ich es so sage, wie es ist, is' dat eigentlich beschissen. Weil eigentlich möchte man nicht unbedingt immer auf diese Almosen angewiesen sein. Aber man kriegt ja keinen Arbeitsplatz." FRAU 2: "Auf eine Art kein schönes Gefühl, also ich war ja vorher immer arbeiten gewesen. Und ja, aber irgendwo muss ja die Stütze herkommen. Zumal mein Mann nicht mich unterstützt, mein Ex-Mann, und demnach bin ich eigentlich froh, dass der Staat mich auffängt." FRAU 3: "Ich würde lieber von meinem eigenen Geld leben, was ich mir selber verdiene. Und sage, ich muss nicht auf den Kosten von dem Staat leben. Also, ich fühle mich nicht so pudelwohl dabei." Die Hilfe für Bedürftige verschlingt Milliardenbeträge. Und es wird immer mehr. Im Bundeshaushalt sind die Sozialausgaben schon lange der größte Posten: 177 Milliarden Euro, das sind 54 Prozent des Staatshaushaltes. Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sagt dennoch, wir können und müssen uns diesen Sozialstaat weiterhin leisten ihn sogar ausbauen. Seite 1 von 6

ULRICH SCHNEIDER (Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes): "Den Sozialstaat in Deutschland macht vor allen Dingen die Tatsache aus, dass jeder, egal wie er in Not geraten ist, und egal, was für Ursachen eine Rolle gespielt haben können, ein Anrecht darauf hat, einen Rechtsanspruch darauf hat, dass man ihm hilft und dass die Solidargemeinschaft für ihn einsteht. Das ist ziemlich einmalig auf der Welt. Das macht den deutschen Sozialstaat aus." Ganz anderer Meinung ist da Sozialwissenschaftler Professor Heinsohn: Mit mehr für die Bedürftigen schafft man nur noch mehr Abhängigkeit. GUNNAR HEINSOHN (Soziologe): "Der Sozialstaat muss ja gegen die Wand fahren, weil wir eine Bevölkerung sind, die weniger wird, die älter wird und die dümmer wird. Und die Teile der Bevölkerung, also die überhaupt Netto-Steuerzahler sind oder einzahlen können, die nimmt dramatisch ab. Und während sie dramatisch abnimmt, bemerken diese Leistungsträger, so heißen sie ja, dass ihr Anteil dramatisch abnimmt. Und dann werden sie versuchen, in andere Länder zu entkommen." Der Sozialstaat typisch deutsch. Entstanden ist er im Zeitalter der Industrialisierung vor 130 Jahren. Lange, anstrengende Arbeitstage, erbärmliche Lebensumstände, Krankheiten. Reichskanzler Otto von Bismarck wollte das Proletariat ruhig stellen, die Arbeiter mit dem Staat versöhnen. Er erfindet die Krankenversicherung, die Rente; ist Architekt des Sozialstaates. Damals gab es aber wirklich nur das Nötigste, gerade zum Überleben. Heute ist jede deutsche Regierung durch das Grundgesetz auf den sozialen Staat verpflichtet. Artikel eins stellt die Würde heraus, das menschenwürdige Dasein, die Teilhabe. Und im Artikel 20 ist der Sozialstaat festgeschrieben. Der sei aber längst viel zu teuer geworden, sagt der Kritiker und hat da eine Idee. GUNNAR HEINSOHN: "Das Fünfjahresmodell sagt nichts anderes, als dass wie das heutige Modell ich ein Recht auf Sozialhilfe in unverschuldeter Notlage habe. Und jetzt aber nicht mich einrichte, wenn die Notlage eintritt, dass ich das ein Leben lang bekomme. Sondern weiß, ich habe es fünf Jahre, und vielleicht versuche mit diesen fünf Jahren so sparsam wie möglich umzugehen." ULRICH SCHNEIDER: "Sie sind in der Sache völlig inakzeptabel. Sie sind aber vor allen Dingen gegen die Verfassung. Und ich denke, wir können von allen Professoren die gleiche Verfassungstreue verlangen, wie wir sie von Beamten verlangen können, wie wir sie von Immigranten ver- Seite 2 von 6

langen können. Also, die Vorschläge sollten schon ein bisschen etwas mit Umsetzbarkeit zu tun haben." Damit die Zukunft des Sozialstaats kein Glücksspiel wird, muss man bei den Kindern anfangen, weiß man beim Projekt "Arche". Sie sind von Armut besonders betroffen, werden kaum von ihren Eltern gefördert. Für Arche-Mitarbeiter Büscher ist das die größte Herausforderung. WOLFGANG BÜSCHER (Sprecher "Arche"): "Wir haben ausgerechnet, hier in der Arche, mit wissenschaftlicher Unterstützung, dass wir im Jahre 2020 einen sozialpolitischen Gau erleben werden. Dann werden mehr als die Hälfte aller Kinder in Hartz IV-Familien aufgewachsen sein, die nicht einmal gelernt haben, dass man morgens aufstehen muss, um zu arbeiten." Kinder brauchen eine Perspektive. Und der deutsche Sozialstaat braucht sie sonst hat er keine Zukunft. Seite 3 von 6

GLOSSAR Sozialstaat, der das Land, das so organisiert ist, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben Hilfswerk, das die Organisation, die Menschen mit Problemen hilft ganz unten sein in einer sehr schlechten Lebenssituation sein Sozialleistung, die das Geld vom Staat für arme Menschen Hartz IV (sprich: "Hartz vier") Arbeitslosengeld beschissen umgangssprachlich: extrem schlecht auf etwas angewiesen sein etwas dringend brauchen Almosen, die das Geld, das Arme geschenkt bekommen ich war ja vorher immer arbeiten gewesen umgangssprachlich: ich habe früher immer gearbeitet Stütze, die hier: die Hilfe Ex-Mann, der der Mann, mit dem man früher verheiratet war jemanden auffangen hier: jemandem helfen sich pudelwohl fühlen sich sehr gut fühlen Bedürftige/r, der/die eine Person, die sehr arm ist und die Hilfe von anderen braucht etwas verschlingen hier: etwas sehr schnell verbrauchen Bundeshaushalt, der das Geld, das der deutsche Staat in einem Jahr ausgibt Sozialausgaben, die (meist im Plural) das Geld, das Deutschland für soziale Dinge ausgibt Posten, der hier: die Sache, für die Geld ausgegeben wird Seite 4 von 6

Paritätische Wohlfahrtsverband, der der zentrale deutsche Verband, der kleinere Organisationen aus dem sozialen Bereich vertritt etwas ausbauen etwas größer machen etwas macht etwas aus etwas ist ein besonderes Merkmal von etwas in Not geraten Probleme bekommen eine Rolle spielen wichtig sein ein Anrecht auf etwas haben ein Recht auf etwas haben einen Rechtsanspruch auf etwas haben ein Recht auf etwas haben Solidargemeinschaft, die die Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft für jemanden einstehen jemandem helfen Abhängigkeit, die die Tatsache, dass man ohne etwas nicht sein kann etwas gegen die Wand fahren etwas zerstören Netto-Steuerzahler/in, der/die der Bürger/die Bürgerin, der/die Steuern zahlt etwas nimmt dramatisch ab etwas wird sehr schnell weniger Leistungsträger, der hier: jemand, der Steuern zahlt Industrialisierung, die die Zeit, in der die schnelle industrielle Entwicklung die Gesellschaft und das Arbeitsleben stark verändert hat erbärmlich sehr schlecht, sehr arm Lebensumstände, die (meist im Plural) die Lebenssituation Reichskanzler, der der regierende Chef des Deutschen Kaiserreiches (1871 1918) Proletariat, das altes Wort aus der Industrialisierung: die Gruppe der Arbeiter jemanden mit etwas versöhnen jemanden einer Sache (positiv) näher bringen Seite 5 von 6

Grundgesetz, das die rechtliche und politische Grundordnung Deutschlands einer Sache verpflichtet sein die Pflicht haben, eine Sache zu beachten Würde, die der Wert, den man als Mensch hat und der durch die Grundrechte gesichert werden soll menschenwürdige Dasein, das das Leben, in dem die grundlegenden Bedürfnisse gesichert sind festgeschrieben sein hier: in der Verfassung stehen und damit gültig sein Sozialhilfe, die das Geld, das arme Menschen vom Staat zum Überleben bekommen unverschuldet so, dass es nicht die eigene Schuld ist Notlage, die die schlechte Situation eintreten hier: beginnen inakzeptabel so, dass man etwas nicht akzeptieren darf Verfassung, die die rechtliche und politische Grundordnung eines Staates Verfassungstreue, die die Tatsache, dass man sich an die rechtliche und politische Grundordnung eines Staates hält Immigrant/in, der/die der/die Einwanderer/Einwanderin Umsetzbarkeit, die die Tatsache, dass etwas machbar ist von etwas betroffen sein hier: in einer Situation sein Herausforderung, die die schwierige Aufgabe etwas ausrechnen etwas in Zahlen ausdrücken Gau, der Abkürzung für: größter anzunehmender Unfall; der schlimmste Fall Perspektive, die hier: die Chancen auf eine gute Zukunft Seite 6 von 6