Rudolf Steiner PÄDAGOGIK UND KUNST

Ähnliche Dokumente
Rudolf Steiner PÄDAGOGIK UND MORAL

Rudolf Steiner DAS GOETHEANUM UND DIE STIMME DER GEGENWART

Rudolf Steiner DAS GOETHEANUM IN DORNACH UND SEINE ARBEIT

Rudolf Steiner EINLEITENDE WORTE ZU EINER EURYTHMIE- VORSTELLUNG

Rudolf Steiner DAS GEISTIGE IST DEM GEWÖHNLICHEN BEWUSSTSEIN ENTFALLEN UND KANN WIEDER ERINNERT WERDEN

Rudolf Steiner OST-WEST-APHORISMEN

Meine lieben Freunde! Es ist mir eine große Befriedigung,

"INTELLEKT": Aus: xikon/db.php?id=241

Rudolf Steiner IST ANTHROPOSOPHIE PHANTASTIK?

es, die uns aus der Zukunft entgegen kommen. Sie sind es eigentlich, die die Welt voranbringen. Man kann sich fragen, was man als Lehrer in diesem

Vorlesung Der Begriff der Person : WS 2008/09 PD Dr. Dirk Solies Begleitendes Thesenpapier nur für Studierende gedacht!

Literatur - Empfehlungen

Rudolf Steiner GEISTESPFLEGE UND WIRTSCHAFTSLEBEN

Uwe Schulz SELBSTBESTIMMUNG UND SELBSTERZIEHUNG DES MENSCHEN

-&-/3S. Johann Friedrich Herbart SYSTEMATISCHE PÄDAGOGIK. eingeleitet, ausgewählt und interpretiert von Dietrich Benner. iig.

IST DAS WORT THEOSOPHIE NICHT IRREFÜHREND?

Rudolf Steiner WARUM MAN EINE 100 JAHRE ALTE ANTHROPOLOGIE WIEDER VERÖFFENTLICHT

Die Haltung und Aufgabe des Lehrers, AUT University, 2015

DIETER HORNEMANN MIT DER ERDE ATMEN LERNEN

Rudolf Steiner DIE WIRKLICHEN KRÄFTE IN DEM SOZIALEN LEBEN DER GEGENWART

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE VORTRÄGE VORTRÄGE ÜBER ERZIEHUNG

Nervosität, innere Unruhe, Erschöpfung und Depression

Inhaltsverzeichnis. Zehn Vorträge, gehalten in Wien vom 1. bis 11. Juni 1922

Ein Blick in die Konzeption

Was ist Waldorfpädagogik

Kritik der Urteilskraft

Immanuel Kant. *22. April 1724 in Königsberg +12. Februar 1804 in Königsberg

Rudolf Steiner DAS GEISTIGE ERBE UND DIE GEGENWARTSFORDERUNGEN

ARBEITSFÄHIGKEIT, ARBEITSWILLE UND DREIGLIEDRIGER SOZIALER ORGANISMUS

Teil 2 Kapitel 1 Materialien Was ist guter Unterricht?

Buddha und Christus beide leben seit langer Zeit im Osten

Rudolf Steiner EIN VORTRAG ÜBER PÄDAGOGIK

Rudolf Steiner PSYCHOLOGISCHE APHORISMEN

Ruprecht- Karls- Universität Institut für Bildungswissenschaft Die Bildung des Bürgers Sommersemester Kant Über Pädagogik

1. Übung: Gefühle positiv gestalten und wahrnehmen

Kritik der Urteilskraft

Rudolf Steiner WIRTSCHAFTLICHER PROFIT UND ZEITGEIST

Rudolf Steiner DIE PÄDAGOGISCHE ZIELSETZUNG DER WALDORFSCHULE IN STUTTGART

Willkommen im Kindergarten!

Von Rudolf Steiner zu Jean Gebser

Bedeutung des Schweigens

Rudolf Steiner DIE WELTFRAGE

Aus der künstlerischen Werkstatt

Rudolf Steiner EINE VIELLEICHT ZEITGEMÄßE PERSÖNLICHE ERINNERUNG

Kunsterziehungsbewegung

DELTA PÄDAGOGIK DER GEIST UND DIE VIER LEITSÄTZE. Eine Zusammenfassung und entsprechende Erlebnisse

Zur Bedeutung von Kunst in der Stationären Jugendhilfe. Prof. Dr. Daniela Braun

Unser Bild vom Menschen

Geschlossene Unterbringung: Punitive Pädagogik, heilsame Notbremse oder hilflose Praxis? (Michael Lindenberg, )

Psychologische Grundfragen der Erziehung

Empfindung. Es gibt nur einen Schöpfer, einen Gott und deshalb auch nur eine Kraft, die alles Seiende durchströmt und fördert.

Die Grundbedürfnisse des Kindes

Das Künstlerische in der Waldorfpädagogik der Johannes-Schule

Delta Pädagogik. Der Geist UND die vier Leitsätze. Eine Zusammenfassung auf 13 Seiten

Musik: Bettina Wegner(1979), Berliner Liedermacherin, geb. 1947

Rudolf Steiner ERWIDERUNG AUF DEN ARTIKEL: MEINE «EINGEBILDETE» REVOLUTION, VON ARNO HOLZ

Orientierungsfragen und -aufgaben für die Klausur zur Vorlesung über das. Dritte und letzte Lieferung. Zum Thema: Ist Gott das Glück?

Fünf öffentliche Vorträge, gehalten in Köln, Bern und München vom 23. Januar bis 18. Mai 1922

Auf dem Weg vom Bewusstsein zum Geist (Nachwort von Pietro Archiati)

Taschenbücher aus dem Gesamtwerk

Arbeitsblatt 5: Gut von innen und außen? zum 20. Textabschnitt

Rudolf Steiner DIE FLUCHT AUS DEM DENKEN

HERMAN NOHLS THEORIE" DES PÄDAGOGISCHEN BEZUGS

Text: Epheser 5,8-9 Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

David Hume zur Kausalität

Wir wurden als Tätigkeitswörter und nicht als Hauptwörter geboren.

Rudolf Steiner EIN WIRKLICHER JÜNGER ZARATHUSTRAS

Sprachwissenschaft und Literatur

Propädeutik der Unterrichtsmethoden in der Waldorfpädagogik

Zugang zu literaturtheoretischen Texten. Friedrich Schlegel: 116. "Athenäum"-Fragment (1798)

Sicherer, nicht sinnvoll bezweifelbarer Ausgangspunkt des Denkens: Ich existiere.

Spielend lernen. lernend spielen

In die Tiefe wachsen. Epheser 3,14-21

Rudolf Steiner ALBERT STEFFEN ALS LYRIKER

Ansprache zum 25. Geburtstag der Freien Waldorfschule am Bodensee in Überlingen-Rengoldshausen Seite 1

Das Kind steht im Mittelpunkt

Hanspeter Diboky DELTA PÄDAGOGIK DER MENSCH AUS GEIST, SEELE UND LEIB EINE ZUSAMMENFASSUNG UND ENTSPRECHENDE ERLEBNISSE

GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL WERKE 8

Das anthroposophische Menschenbild Rudolf Steiners als Grundlage der Waldorfpädagogik

Die Philosophie der Freiheit

WaldorFlehrer* werden

Gott redet direkt zu mir (PP Start mit F5) > Folie 1: Gott redet direkt zu mir

Eine Waldorfschule für das Mühlenbecker Land. Die Elterninitiative Schulfreude e.v. stellt sich vor.

Über die Gründe, moralisch zu handeln. Eine Reflexion im Ausgang von Kant Peter Schaber (Universität Zürich)

Jakob Weder am Bahnhof in Herzogenbuchsee ca. 1980

J. F. Herbarts 'Allgemeine Pädagogik' als praktische Überlegung

INHALT. (Alain Patrick Olivier / Annemarie Gethmann-Siefert)... XIII. Ästhetik

Drei Märchenseminare

Die Weimarer Klassik Eine überbewertete Epoche?

Die Erziehungs- und Unterrichtslehre von Johann Friedrich Herbart in seinem Werk Allgemeine Pädagogik aus dem Zwecke der Erziehung abgeleitet

WOZU DIENT PROJEKTIVE GEOMETRÍE? WELCHE DENKKRÄFTE WERDEN DURCH SIE ENTWICKELT? Ana Ayllón Cesteros Escuela Libre Micael Las Rozas, España

In der Jugend beschenkt die Natur den Menschen mit einer

Transkript:

Rudolf Steiner PÄDGOGIK UND KUNST Erstveröffentlichung in: Das Goetheanum, II. Jahrgang, Nr. 34, 1. pril 1923 (G 36, S. 288-292) Die pädagogische Kunst kann nur auf echter Menschenerkenntnis beruhen. Und diese wird nicht eine vollendete sein können, wenn sie sich in einer bloßen Betrachtung erschöpft. Man lernt das menschliche Wesen nicht in einem passiven Wissen kennen. Was man über den Menschen weiß, muss man wenigstens bis zu einem gewissen Grade als das Schöpferische des eigenen Wesens empfindend erleben; man muss es im eigenen Wollen als wissende Tätigkeit erfühlen. Ein passives Wissen vom Menschen kann nur zu einer lahmen Erziehungs- und Unterrichtspraxis führen. Denn der Übergang von einem solchen Wissen zur Praxis muss in äußerlichen nweisungen zur Betätigung bestehen. uch wenn man sich diese nweisungen selbst gibt, bleiben sie äußerlich. Wissen vom Menschen als Grundlage der Pädagogik muss anfangen zu leben, indem man es aufnimmt. Man muss jeden Gedanken über den Menschen als das eigene Wesen sogleich erleben, wie man die richtige tmung, den richtigen Blutumlauf als die eigene Gesundheit erlebt. Steht man vor der ufgabe, das Kind zu erziehen, zu unterrichten, so muss die Menschenerkenntnis in die Tat wie selbstverständlich überfließen. Und leben muss in dieser Selbstverständlichkeit die Liebe. Da gibt es nicht zuerst passive Menschenerkenntnis, - - - * Skizze eines Vortrages für die «Künstlerisch-pädagogische Tagung der Waldorfschule», 25.-29. März 1923.

[289] und dann die äußerliche Überlegung: weil dies oder jenes am Kinde so oder so ist, deshalb musst du dieses so oder so machen. Da gibt es nur unmittelbar erlebte Erkenntnis, die im eigenen Dasein das ist, als was sie sich erkennt. Und dann wird die erzieherische Menschenbehandlung die in Liebe erstehende Tätigkeit, die ihren notwendigen Charakter an-nimmt, weil sie das Kind erlebt. Ein im Leben webendes Wissen vom Menschen nimmt das Wesen des Kindes auf wie das uge die Farbe aufnimmt. Naturerkenntnis kann Theorie bleiben; Menschenwissen als Theorie ist für den gesund Fühlenden so, als wenn er sich als Skelett erleben müsste. Es hat keinen Sinn, bei der Menschen-Erkenntnis von einem Unterschiede von Theorie und Praxis zu sprechen. Denn eine Menschen-Erkenntnis, die nicht in der Lebenspraxis tätig wesenhaft werden kann, ist eine Summe von Vorstellungen, die im Verstande schattenhaft schweben, aber nicht an den Menschen herankommen. Eine Lebenspraxis, die nicht vom Menschenerkennen durchleuchtet ist, tappt unsicher im Dunkeln. Wird, was hier gemeint ist, Gesinnung des Pädagogen, dann hat er die Vorbedingung, um lebensvoll und belebend Menschensein vor den Zöglingen zu entfalten, und werdendes Menschenwesen zur Selbstoffenbarung anzuregen. Und rechte Erziehergesinnung ist das Wesentliche in allem pädagogischen Wirken. Solche Gesinnung lenkt den Blick auf die Lebensäußerungen des Kindes, die als Keimzustände des sich entwickelnden Vollmenschen erscheinen. - Der Vollmensch muss in der rbeit sich betätigen, ohne sich selbst in einem Mechanismus des rbeitens zu verlieren. Die kindliche Natur fordert die Vorbereitung zum rbeiten aus der Offenbarung des Menschenwesens heraus. Das Kind will sich betätigen, weil Tätigkeit in der menschlichen Natur liegt. Vom Erwachsenen fordert die harte Welt die fertige rbeit. Beim Kinde fordert die werdende Menschenwesenheit die Tätigkeit, die, richtig geleitet, den Keim der rbeit erbildet.

[290] Wer in echter Menschen-Erkenntnis die kindliche Wesenheit auf dem Wege von dem Spiel zur Lebensarbeit belauschen kann, der erlauscht auf der Zwischenstation die Natur des Lehrens und Lernens. Denn beim Kinde ist das Spiel die ernste Offenbarung des inneren Dranges zur Tätigkeit, in welcher der Mensch sein wahres Dasein hat. Es ist eine leichtsinnige Redensart, zu sagen: die Kinder sollen «spielend lernen». Ein Pädagoge, der seine Tätigkeit danach einrichtete, würde doch nur Menschen erziehen, denen das Leben mehr oder weniger ein Spiel ist. - Es ist aber das Ideal der Erziehungs- und Unterrichtspraxis, in dem Kinde den Sinn dafür zu wecken, dass es mit demselben Ernste lernt, mit dem es spielt, so lange das Spielen der einzige seelische Inhalt des Lebens ist. Eine Erziehungs- und Unterrichtspraxis, welche dies durchschaut, wird der Kunst die rechte Stelle anweisen und ihrer Pflege die rechte usdehnung geben. Das Leben ist ein oft strenger Lehrmeister auch für den Pädagogen. Es stellt für die Verstandesausbildung seine Forderungen. Deshalb wird man in bezug auf diese usbildung eher zu viel als zu wenig tun. Das Moralische macht den Menschen erst wirklich zum Menschen. Ein unmoralischer Mensch offenbart nicht den vollen Menschen in sich. Deshalb wäre es Sünde gegen die Menschennatur, die moralische Entwickelung des Kindes nicht im vollsten usmaße zu pflegen. Die Kunst ist die Frucht der freien Menschennatur. Man muss die Kunst lieben, wenn man ihre Notwendigkeit für das volle Menschenwesen einsehen will. Zur Liebe zwingt das Leben nicht. Es gedeiht aber nur in der Liebe. Es will sein Dasein in dem zwanglosen Element. Das hat in einziger rt Schiller empfunden; und diese Empfindung hat ihm den nlass gegeben, seine «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen» zu schreiben. In der Durchdringung des Menschen mit der ästhetischen Seelenverfassung sieht Schiller das wichtigste Element aller Erziehungskunst. Der Mensch soll den Erkenntnistrieb so von Erkenntnisliebe durchdringen, dass er sich in seiner Betätigung wie der

[291] schaffende Künstler oder der ästhetisch Empfangende verhält. Und er soll die Pflicht so als die Äußerung seines innersten Menschenwesens erleben, wie er sich im ästhetischen Erleben empfindet. (Es darf bei dieser Gelegenheit auf die vorzügliche Darstellung von Schillers Wollen in der Schrift Heinrich Deinhardts «Beiträge zur Würdigung Schillers» hingewiesen werden, die vor kurzem im Kommenden Tag Verlag in Stuttgart erschienen ist.) Es ist schade, dass von Schiller's «Ästhetischen Briefen» eine so geringe Wirkung auf die Pädagogik ausgeübt worden ist. Für die Stellung der Kunst in der Erziehungs- und Unterrichtspraxis hätte sich durch eine stärkere Wirkung manches Wichtige ergeben. Die Kunst, sowohl als bildende, wie als dichterisch-musikalische wird von der kindlichen Natur verlangt. Und es gibt eine Beschäftigung mit der Kunst, die auch schon dem Kinde angemessen ist, wenn es in das schulmäßige lter eintritt. Man sollte als Pädagoge nicht zu viel davon reden, dass diese oder jene Kunst zur usbildung dieser oder jener menschlichen Fähigkeit «nützlich» ist. Die Kunst ist ja doch um der Kunst willen da. ber man sollte als Pädagoge die Kunst so lieben, dass man ihr Erleben den werdenden Menschen nicht entbehren lassen will. Und man wird dann sehen, was dieser werdende Mensch - das Kind - an dem Erleben der Kunst wird. Der Verstand wird an der Kunst erst zum wahren Leben erweckt. Das Pflichtgefühl reift, wenn der Tätigkeitsdrang künstlerisch in Freiheit die Materie bezwingt. Künstlerischer Sinn des Erziehenden und Lehrenden trägt Seele in die Schule hinein. Er lässt im Ernste froh sein, und in der Freude charaktervoll. Durch den Verstand wird die Natur nur begriffen; durch die künstlerische Empfindung wird sie erst erlebt. Das Kind, das zum Begreifen angeleitet wird, reift zum «Können», wenn das Begreifen lebensvoll getrieben wird; aber das Kind, das an die Kunst herangeführt wird, reift zum «Schaffen». Im «Können» gibt der Mensch sich aus; im «Schaffen» wächst er an seinem Können. Das Kind, das noch so ungeschickt modelliert, oder

[292] malt, erweckt in sich durch seine Tätigkeit den Seelenmenschen Das Kind, das in das Musikalische und Dichterische eingeführt wird, erfühlt das Ergriffensein der Menschennatur durch ein idealisch Seelisches. Es empfängt zu seiner Menschlichkeit eine zweite. lles dies wird nicht erreicht, wenn das Künstlerische nur neben der andern Erziehung und dem andern Unterricht her-geht, wenn es diesem nicht organisch eingegliedert ist. Denn aller Unterricht und alle Erziehung sollten ein Ganzes sein. Erkenntnis, Lebensbildung, Übung in praktischer Geschicklichkeit sollten in das Bedürfnis nach Kunst einmünden; das künstlerische Erleben sollte nach dem Lernen, dem Beobachten, dem neignen von Geschicklichkeit Verlangen tragen.